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Literaturtipps: Diese neuen Bücher sollten Sie im Frühjahr lesen

  • Die Leipziger Buchmesse fällt auch in diesem Jahr wegen der Pandemie aus.
  • Neue Bücher gibt es im Frühjahr aber natürlich trotzdem.
  • Eine Auswahl schöner, spannender, interessanter, lesenswerter Romane, Sachbücher und Kindergeschichten finden Sie hier.
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„Im Untergrund“

Die Welt unter der Erde bleibt für uns zumeist verschlossen. Nicht nur, weil wir keine Regenwürmer oder Maulwürfe sind. Selbst von und für Menschen ausgehobene Gänge und Orte wie Kanalisationen oder Schächte bleiben für die meisten Menschen verborgen und unentdeckt.

Bei Will Hunt ist das anders. Als er 16 Jahre alt war, entdeckte er in der Nähe seines Elternhauses einen verlassenen Eisenbahntunnel. Seitdem ist der US-Amerikaner fasziniert von Unterwelten. In seinem Buch „Im Untergrund“ nimmt er Leserinnen und Leser mit auf seine Reisen ins Dunkel und in die Stille. Er erkundet New York genauso von unten wie Paris, sucht kilometertief unter der Erde nach mikrobiologischen Lebensformen und erforscht Höhlen der Maya. Ein unterirdisch gutes Buch!

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Will Hunt: „Im Untergrund. Expeditionen ins Reich der Erde“. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. Liebeskind. 320 Seiten, 24 Euro.

„Die Straßen von Rom“

Es muss geklungen haben wie auf dem Hamburger Fischmarkt: „Mala! Mulieres, mulieres meae!“ – „Äpfel, Ihr Damen, meine Damen!“, ruft der fliegende Händler einer Darstellung zufolge auf den Straßen des antiken Rom. Der Althistoriker Karl-Wilhelm Weeber, der in den vergangenen Jahren die Geschichte Roms bereits über Themen wie Graffiti oder das Nachtleben nähergebracht hat, widmet sich in seinem neuen Buch dem Treiben auf den Straßen der Ewigen Stadt.

Dabei schreibt er über die Wasserversorgung genauso wie über Läden, über Bettler und Prostituierte genauso wie über den Müll, Künstler und den Verkehr. Das Chaos auf den Straßen muss dem des heutigen Rom sehr ähnlich gewesen sein. Wobei es heute ja wenigstens Verkehrsregeln und eine diese Regeln bewachende Polizei gibt. Im Gegensatz zu damals. Mit diesem Buch führt Weeber den Lesern das alte Rom einmal mehr wunderbar lebhaft vors Auge.

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Karl-Wilhelm Weeber: „Die Straßen von Rom. Lebensadern einer antiken Großstadt“. WBG Theiss. 256 Seiten, 25 Euro.

„Abschied – Gedicht aus der Zeit des Virus“

Der große niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom hat während der Pandemie Verse geschrieben. Es sind melancholische Zeilen wie: „Blind lauf ich weiter, ein fahler Hund / in der Kälte. Hier muss es sein, / hier nehme ich Abschied von mir selbst / und werde dann langsam / niemand.“ Der 87-Jährige beginnt „Abschied“, sein „Gedicht aus der Zeit des Virus“, mit Erinnerungen an den Krieg, an eine nicht endende Vergangenheit. „Der Krieg, der immer wiederkam“, heißt es. Und: „Ein Gast, den jeder kannte, der Kuss eines Mundes / ohne Zähne, die Sprache intimen Verrats, jetzt / wieder vernehmbar, ein sofort erkanntes Früher, / das er mit niemandem teilen konnte.“ Doch dann nehmen die Verse eine ganz neue Wendung, hin zu einem Virus, das die Welt und unser Leben verändert. Und immer mittendrin ein Mann, der irgendwann verschwunden sein wird.

Cees Nooteboom: „Abschied – Gedicht aus der Zeit des Virus“. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Niederländischen von Ard Posthuma. Mit Bildern von Max Neumann. Suhrkamp. 87 Seiten, 22 Euro.

„Schwester“

Erst mal scheint sie nicht viel zu verändern in Iulias Leben, diese Nachricht vom Autounfall ihrer Schwester Lone, die seither im Koma liegt. Sie geht weiter zur Arbeit in die Bank, hört dem Pastorengatten beim Predigen zu, weckt den halbwüchsigen Sohn. Aber sie besucht auch die Frauen, die Lone als Hebamme betreut hat. Es sind Begegnungen, in denen Iulia von der Botschafterin zur Kundschafterin wird – und das eigene Lebensmodell am Leben der anderen abgleicht.

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Es gibt in „Schwester“ kein Beben, welches das gängige Rollenbild zerstört. Lieber lässt Mareike Krügel die Geschichte in eine Auflösung driften, die die Möglichkeiten des Neuanfangs in sich trägt. Dabei sind es durchschnittliche Frauenleben, von denen die Autorin erzählt, denen sie aber zwischen Geburts- und Nachwehen die jeweilige Einzigartigkeit entlockt. So entsteht ein Kaleidoskop des Weiblichen – und in der zupackenden, ironisch grundierten Sprache wird die Metamorphose physisch spürbar.

Mareike Krügel: „Schwester“. Piper-Verlag. 336 Seiten, 22 Euro.

„Why We Matter“

Emilia Roig fordert das „Ende der Unterdrückung“. So lautet der Untertitel ihres Buches „Why We Matter“. Die 38-jährige gebürtige Französin, die in Berlin das Center for Intersectional Justice gegründet hat und leitet, engagiert sich seit Jahren gegen Rassismus und Diskriminierung. In dem Sachbuch beschreibt die Politologin vielfältige Mechanismen der Ausgrenzung in unterschiedlichen Bereichen wie Schule und Universität, aber auch im Berufsleben.

Besonders eindringlich ist das Buch, wenn Roig aus ihrer Familiengeschichte erzählt: Die Mutter stammt aus Martinique, trägt den Nachnamen der Sklavenhalter ihrer Vorfahren. Der Vater hat jüdisch-algerische Wurzeln. Ihr Großvater väterlicherseits war Anhänger des rechten französischen Front National – und trotz seiner rassistischen Ansichten ein liebevoller Opa.

Emilia Roig: „Why We Matter. Das Ende der Unterdrückung“. Aufbau. 397 Seiten, 22 Euro.

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„Wie wir die Welt verändern“

Alles beginnt mit dem Feuer – und das ist faszinierend genug. Denn irgendwie muss der Mensch ja auf die Idee gekommen sein, wie man es entfachen kann. Der Sachbuchautor Stefan Klein beschreibt in seinem klugen wie gut zu lesenden Buch, wie man dazu nicht nur einen Feuerstein, sondern auch ein weicheres Mineral wie Katzengold sowie leicht entflammbaren Zunder braucht, den frühere Menschen aus einem Baumpilz gewannen. Wie kommt man auf so etwas?

Genau um diese Frage geht es Klein, der seine Geschichte des Geistes in vier Revolutionen einteilt: die Erfindung von Waffen, die Anfänge des symbolischen Denkens, die Erfindung des Buchdrucks und heute die Revolution durch KI und Digitalisierung. Eine herrlich spannende Reise vom Neandertaler über Leonardo da Vinci bis hin zu Richard Feynman und Steve Jobs.

Stefan Klein: „Wie wir die Welt verändern. Eine kurze Geschichte des menschlichen Geistes“. S. Fischer. 270 Seiten, 21 Euro.

„Das Baby ist meins“

Eine Frau wirft ihren Freund raus, sie hat für sie unschöne Nachrichten auf seinem Handy entdeckt. Der Lebemann Bambi landet erst auf der Straße und dann bei seiner Tante. Was ihn da erwartet, haut ihn um: Denn dort findet er nicht nur seine Tante vor, sondern auch die Geliebte seines kürzlich verstorbenen Onkels und ein Baby. Beide Frauen behaupten nun, es sei ihr Kind, ein Gentest kann wegen des Corona-Lockdowns erst einmal nicht helfen. Und weil die beiden Frauen vor allem miteinander beschäftigt sind und sich bis aufs Messer streiten, kümmert sich Bambi um das Baby.

Die nigerianisch-britische Schriftstellerin Oyinkan Braithwaite dreht nach ihrem fulminanten Debüt „Meine Schwester, die Serienmörderin“ in ihrem zweiten Roman nun die Geschlechterverhältnisse kurzerhand um. Ein Mann muss sich ums Kind kümmern. Corona – und eine kammerspielartige Versuchsanordnung – machen es zumindest in diesem Roman möglich.

Oyinkan Braithwaite: „Das Baby ist meins“. Aus dem Englischen von Yasemin Dinçer. Blumenbar. 125 Seiten, 15 Euro.

„New York Ghost“

Bereits Monate vor dem Ausbruch der weltweiten Corona-Pandemie schrieb die chinesisch-amerikanische Schriftstellerin Ling Ma diesen Roman über das (fiktive) „Shen-Fieber“. Diese tödliche Krankheit wird durch Pilzsporen übertragen, die durch billig produzierte Konsumgüter aus China in die USA kommen. Will man so etwas momentan lesen? Wenn es so beschrieben ist wie in diesem Buch: eindeutig ja!

„Nach dem ENDE kam der ANFANG.“ Mit diesem Endzeitsatz beginnt dieser Endzeitroman. Acht Menschen sind nach der großen Katastrophe gemeinsam unterwegs, die Ich-Erzählerin Candace Chen wird die neunte. Sie hat ebenso wie die Autorin selbst die Erfahrung gemacht, weder in China noch in den USA dazuzugehören. Überall ist sie „die Andere“. Ling Ma vereint in ihrem Roman originell und schlüssig Themen wie Rassismus und Integration, Kapitalismuskritik und Globalisierungsanalyse. Dabei wird diese beißende Satire niemals fad.

Ling Ma: „New York Ghost“, Aus dem Englischen von Zoë Beck, Cultur-Books, 356 Seiten, 23 Euro.

„Metamorphosen – Das Leben hat viele Formen“

Das Individuum ist wortwörtlich gesehen das „Unteilbare“. In seinem Buch „Metamorphosen“ entfernt sich der Philosoph Emanuele Coccia nun vom Denkkonzept des „Wir sind alle Individuen“. Damit jeder und jede Einzelne existieren kann, fließt verwandeltes, geteiltes Leben aus früheren Zeiten in uns. Unser Leben, schreibt er, „wurde uns von anderen weitergegeben, hat schon andere Körper belebt, andere Quäntchen der Materie als jene, die uns beherbergen“. Die Abkehr von der Denkart des Individuellen hat Folgen – für unser Verständnis von Vergangenheit, aber auch der Zukunft. „So, wie unser Leben lange vor unserer Geburt begonnen hat, endet es erst lange nach unserem Tod.“ Coccias Buch krempelt das Verständnis von uns als Menschen komplett um.

Emanuele Coccia: „Metamorphosen – Das Leben hat viele Formen. Eine Philosophie der Verwandlung“. Übersetzt von Caroline Gutberlet. Hanser. 207 Seiten, 23 Euro.

„Frühling“

Jetzt also der Frühling: Ali Smith ist beim dritten Buch ihrer gefeierten Jahreszeitenreihe angelangt. Wie vielstimmig und komplex es in diesem Band wieder zugeht, wird schon vor Beginn der eigentlichen Handlung deutlich. Da zitiert Smith den linken Philosophen Alain Badiou („Wir müssen anfangen, darauf kommt es an. Nach Trump müssen wir anfangen.“) ebenso wie die 1923 gestorbene Autorin Katherine Mansfield („Ich halte schon Ausschau nach Frühlingsboten.“).

Dann aber erzählt die schottische Schriftstellerin erst mal von Verlusten und Abschottung: Der Regisseur Richard hat seine beste Freundin verloren und trauert unendlich; die junge Brittany arbeitet für eine private Sicherheitsfirma in einem Abschiebezentrum für Geflüchtete, die England verlassen müssen. Und dann gibt es da noch das Mädchen Florence, das wie eine fast übernatürliche Erscheinung immer wieder auftaucht und Menschen dazu bringt, ihren Zynismus zu überwinden und Gutes zu tun.

Gibt es nach harten, kalten Zeiten, in denen Freunde viel zu früh an Krebs sterben und Flüchtlinge in die Mühlen einer rigorosen Abschottungspolitik geraten, vielleicht doch so etwas wie Hoffnung?

Ali Smith: „Frühling“. Übersetzt von Silvia Morawetz. Luchterhand. 320 Seiten, 22 Euro.

„Das Geheimnis von Zimmer 622“

Im Roman „Das Geheimnis von Zimmer 622″ wird getrickst, getäuscht und gemordet. Der Erzähler heißt Joël Dicker, ist wie sein Alter Ego ein erfolgreicher Schweizer Schriftsteller, der in ein Luxushotel nach Verbier in die Schweizer Berge reist. Schon bevor er sein Zimmer 623 bezieht, stellt er fest, dass es keines mit der Nummer 622 gibt. Zusammen mit seiner neuen Bekanntschaft Scarlett findet er heraus, dass sich in der besagten 622 einst ein unaufgeklärter Mord ereignet hat – Stoff für ein neues Buch.

Das bereits in Dickers früheren Romanen erprobte Erzählkonzept besteht darin, eine Geschichte in der Geschichte zu arrangieren. Zwischen Handlungssträngen und Zeit geht es munter hin und her – allerdings ohne zu verwirren.

Zur Kerngeschichte: Es geht um den Erben Macaire Ebenzer, dem nach dem Tod des Vaters die Nachfolge der gleichnamigen Bank zugestanden hätte. Doch der Vater hat entschieden, dass der Bankrat den Präsidenten ernennen soll. Favorit ist Lew Lewowitsch, jener perfekte Mann, der mit Macaires Ehefrau Anastasia eine ungewöhnliche Liebesbeziehung unterhält. Und mittendrin eine Leiche.

Jede Geschichte in sich ist unterhaltsam, geschickt mit den anderen verwoben, wären da nur nicht einige überzeichnete Figuren, denen es teilweise an Glaubwürdigkeit fehlt.

Joël Dicker: „Das Geheimnis von Zimmer 622″. Übersetzt von Michaela Meßner und Amelie Thoma. Piper. 624 Seiten, 25 Euro.

„Hard Land“

Der erste Satz schließt die Welt auf. „In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb“, beginnt Bestsellerautor Benedict Wells seinen Roman „Hard Land“. Das ist eine Hommage an Charles Simmons‘ „Salzwasser“, seinerseits von Turgenjews Novelle „Erste Liebe“ inspiriert. Literatur, Film und Musik pulsieren in der Coming-of-Age-Geschichte, die im Sommer 1985 im Kaff Grady (Missouri) beginnt. Sam, fast 16, jobbt im Kino. Zu Hause dröhnt das Schweigen des arbeitslosen Vaters, seine Mom betreibt ihren Buchladen, solange sie kann. Im Kino lernt der haltlose Sam Kirstie, Cameron und Hightower kennen. Es erwacht ein Glück auf Zeit, denn im Winter werden die Älteren aufs College gehen, das Kino wird schließen. Mom wird nicht mehr da sein.

Ich-Erzähler Sam berührt mit Aufrichtigkeit und überwältigt mit Gefühlen, die Kirstie „Euphancholie“ nennt: Euphorie und Melancholie. Er empfindet sich als Schwindler, weil 16-Jährige ihm früher wie Erwachsene vorgekommen waren – doch dieser Sommer beglaubigt alles. Mit Tönen von Angst und Schmerz vertraut, erfährt Sam, wie Aufmerksamkeit, Vertrauen und Achtung klingen. Und wie man diesen Klang erzeugen kann.

Benedict Wells: „Hard Land“. Diogenes. 352 Seiten, 24 Euro.

„Die Himmelskugel“

Tagsüber sitzt Angus in einem Baum und zählt akribisch Vögel. Nachts hockt er wieder dort oben. Nun beobachtet er die Sterne, den Kopf justiert durch eine Lederschlinge und den Blick immer auf denselben Himmelsausschnitt gerichtet. So hat es ihm der Mann beigebracht, der vor Jahren seine abgeschiedene Insel im Südatlantik besuchte. Seitdem hat Angus einfach weitergezählt. Er möchte Wissenschaftler werden wie der Besucher – der britische Astronom Edmond Halley (nach dem der Komet benannt ist).

Dem längst nach London Zurückgekehrten will der wissbegierige Angus seine Aufzeichnungen über Vögel und Sterne bringen – und das im 17. Jahrhundert, in dem der Inselpastor nach irdischen Spuren des biblischen Paradieses sucht und die Insulaner sich vor Geisterfrauen fürchten. Eine abenteuerliche Reise als blinder Passagier auf einem morschen Segelschiff steht Angus bevor.

Der Finne Olli Jalonen erzählt davon im Roman „Die Himmelskugel“ mit viel Sinn fürs Poetische und beseelt vom heraufziehenden Geist der Aufklärung. Allein mit Angus‘ Augen nehmen wir die Welt wahr, die sich für den anfangs naiven Helden zu unermesslicher Weite öffnet. Für Angus wird es eine Reise zu den geliebten Sternen, für alle anderen ein Lesevergnügen.

Olli Jalonen: „Die Himmelskugel“. Übersetzt von Stefan Moster. Mare. 544 Seiten, 26 Euro.

„Das Patriarchat der Dinge“

Männer haben die Welt für Männer konzipiert. Diese Ausgangsthese bildet das Grundgerüst für Rebekka Endlers Buch „Das Patriarchat der Dinge“. Die Journalistin gibt zahlreiche Beispiele für Gegenstände und Einrichtungen, die weniger für Frauen als für Männer geeignet sind. Das mag bei einer Saftpresse nur ärgerlich sein, in medizinischen Fragen wird es lebenswichtig. Die westliche Medizin, schreibt die Autorin, ist – mit Ausnahme der Gynäkologie – auf Männer ausgerichtet. So würden autistische Mädchen und Frauen viel seltener diagnostiziert, „weil sich die klassische Autismusdiagnose als männliches Modell herausgestellt hat“. Auch der Herzinfarkt gilt als typisch männliche Krankheit. Doch die Wahrscheinlichkeit, an einem Infarkt zu sterben, ist nach Endler in der Altersgruppe unter 50 Jahren für eine Frau mehr als doppelt so hoch wie für einen Mann.

Fußballschuhe, Crashtest-Dummys, Videospiele und vieles mehr sind, das zeigt dieses Buch eindrucksvoll, für Männer und nicht für Frauen konzipiert. Bohrmaschinen gelten als männlich, als „powerful“, Haushaltsgeräte hingegen als weiblich und lediglich unterstützend. Endler hat ein wichtiges Plädoyer für ein Umdenken im Design, in der Medizin und in der Konzeption unseres Alltags geschrieben.

Rebekka Endler: „Das Patriarchat der Dinge. Warum die Welt Frauen nicht passt“. Dumont. 334 Seiten, 22 Euro.

„Identitti“

Für Nivedita bricht eine Welt zusammen: Die 26-Jährige aus Essen-Frillendorf – der Vater ist Inder, die Mutter Deutsche – hat ihre Universitätsprofessorin bewundert, fast schon vergöttert. Dank Saraswati hat die Studentin und Bloggerin, die sich als Kind nirgendwo zugehörig fühlte, ein Gefühl für ihre Identität entwickelt: „Saraswati schenkte Nivedita ein Vokabular und eine Sprache für ihr Leben.“ Jetzt aber stellt sich heraus, dass die Wissenschaftlerin (Forschungsgebiet: Postkolonialismus) weder aus Indien stammt, noch eine Woman of Colour ist – sondern Sarah Vera Thielmann aus Karlsruhe.

Die Düsseldorfer Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Mithu Sanyal, deren weithin beachtetes Sachbuch „Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens“ 2016 erschienen war, schafft das nahezu Unmögliche: In ihrem ersten Roman erzählt sie unterhaltsam von komplexen Themen wie „critical race theory“ und Genderdebatten. Nivedita, die in einen veritablen Shitstorm gerät, mag eine weiße Professorin als Expertin für Postkolonialismus nicht akzeptieren. Und die junge Frau, die imaginäre Gespräche mit der hinduistischen Göttin Kali führt, muss sich fragen: Ist ihr Verständnis von Identität überholt?

Mithu Sanyal: „Identitti“. Hanser. 432 Seiten, 22 Euro.

„River Clyde“

In St. Pauli geht ein Wohnblock in Flammen auf, Kommissar Stepanovic observiert mit dem Kollegen Calabretta zwei Immobilientypen und pflegt daneben vor allem seinen Liebeskummer. Die Dinge haben sich verschoben im Polizeikosmos um Staatsanwältin Chastity Riley. In „River Clyde“ treibt es die Ermittlerin von Hamburg nach Glasgow, wo sie das Erbe ihrer unbekannten Tante antreten soll. Klar, dass sie erst mal im Pub landet.

Simone Buchholz schreibt Krimis, die weit mehr sind als bloß Verbrechen und Aufklärung, Kommissarsschablone und etwas Lokalkolorit. Hier geht es ums Ganze der menschlichen Verlorenheit. Und ihr Ermittler treibt ein Gemisch aus Melancholie und Verzweiflung, das in schnoddrig abgerissenen Sätzen das Unsagbare zu fassen kriegt und in schön schrägen Bildern Stadtlandschaften wie Seelenlagen auf die Spur kommt.

Simone Buchholz: „River Clyde“. Suhrkamp Nova. 230 Seiten, 15,95 Euro.

„Philosophinnen“

Nennen Sie fünf Philosophen der Weltgeschichte! Und jetzt fünf Philosophinnen! Viele, so schreiben die Herausgeberinnen dieses Buchs, hätten Probleme, auch nur eine weibliche Denkerin zu nennen. Das verwundert zwar ein wenig, sind doch zumindest Hannah Arendt und Simone de Beauvoir heute viel zitierte Philosophinnen. Aber es lässt sich nicht leugnen, dass die Bekanntheit männlicher Denker die von weiblichen deutlich übersteigt. Dass es genügend Beispiele für Philosophinnen gibt, zeigen die beiden Britinnen Rebecca Buxton und Lisa Whiting in diesem Sammelband. Porträts von Frauen aus ganz unterschiedlichen Epochen wie Diotima, Mary Wollstonecraft, Harriet Taylor Mill und Anita L. Allen erweitern den Bildungskanon kolossal.

Rebecca Buxton und Lisa Whiting (Hg.): „Philosophinnen. Von Hypatia bis Angela Davis: Herausragende Frauen der Philosophiegeschichte“. Übersetzung aus dem Englischen: Roberta Schneider, Daniel Beskos und Nefeli Kavouras. Mairisch. 208 Seiten, 22 Euro.

„Deutschlands schrägste Orte“

Niemand weiß, wie es mit dem Reisen weitergeht. Und wenn man in Zukunft doch öfter in Deutschland bleiben muss, wird das nicht schnell langweilig?

Nein. Denn selbst wenn man die meisten Ecken hierzulande schon kennt, hält Pia Volk garantiert noch ein paar Reiseziele bereit, die unbekannt sind. Oder wussten Sie, dass es in der Kölner Kanalisation einen Kronleuchtersaal gibt? Dass eine Eiche mit eigener Adresse existiert? Und was es mit den fünf Steingräbern in der Lüneburger Heide auf sich hat, die seltsamerweise Sieben Steinhäuser heißen? Volk hat diese Orte besucht. Sie hat sich die Schießwarnungen des Truppen­übungsplatzes Bergen aus dem Internet heruntergeladen, um die 5000 Jahre alten Gräber zu finden, und sie ist in die Kölner Kanalisation hinabgestiegen. Und das alles hat sie in ihrem abenteuerlichen Buch aufgeschrieben. Der nächste Inlandsurlaub kann kommen.

Pia Volk: „Deutschlands schrägste Orte“, C. H. Beck. 256 Seiten, 20 Euro.

„Erinnere dich ewig“

Aleksandar Tisma hat in seinen Romanen die Tiefen der menschlichen Seelen ausgelotet. In „Kapo“ etwa ging es um einen KZ-Häftling, der selbst zum Täter wird und sich später auf die Suche nach seinem Opfer macht – es ist ein Buch, das einen zeit seines Lebens nicht mehr loslässt.

Als Jude musste Tisma vor den Nationalsozialisten fliehen, er lebte in Titos kommunistischem Jugoslawien, ging während der Balkankriege nach Frankreich, um schließlich in sein geliebtes Novi Sad zurückzukehren. Die Persönlichkeit sei das Gedächtnis, schreibt Tisma. „Solange wir noch wissen, was wir vor einer halben Stunde, vor einem halben Jahr, vor einem halben Jahrhundert getan und gedacht haben, können wir das Ganze, die Person, die wir sind, zusammenhalten.“ Es lohnt sich, sich mit auf diese Erinnerungsreise zu begeben.

Aleksandar Tisma: „Erinnere dich ewig. Autobiographie“. Aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann. Schöffling & Co. 311 Seiten, 24 Euro.

„The Street – Die Straße“

Es ist erstaunlich, wie viele hervorragende Autorinnen und Autoren immer noch wiederzuentdecken sind. Vor ein paar Jahren tauchte ein völlig vergessener Autor namens John Williams wieder auf und begeisterte mit seinem Roman „Stoner“. Auch Ann Petrys Roman „The Street – Die Straße“ ist solch ein Buch, das nun nach langer Zeit wieder ans Tageslicht gefördert wurde.

In dem erstmals 1946 veröffentlichen Buch erzählt Petry die Geschichte einer Frau, die zunächst als Kindermädchen von Weißen den amerikanischen Traum kennenlernt. Später verlässt jene Lutie Johnson ihren Mann und zieht ihren Sohn Bubb allein inmitten von Gewalt und Armut auf. Sie versucht, ihr Kind trotz allem zu einem vernünftigen und guten Menschen zu erziehen. Aber da ist ja noch die Straße. Auch nach 75 Jahren hat dieser Roman über Rassismus und Sexismus nichts an Aktualität verloren.

Ann Petry: „The Street – Die Straße“. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Uda Strätling. Nagel & Kimche. 384 Seiten, 24 Euro.

„Die Macht der Mehrsprachigkeit“

Bis zum Alter von elf Jahren hat die in Aserbaidschan geborene Schriftstellerin Olga Grjasnowa nur Russisch gesprochen. Dann kam der Bruch. Die Familie kam 1996 nach Deutschland, die Schülerin Olga besuchte nun eine einsprachige Schule, auf der Deutsch gesprochen wurde. Heute schreibt sie: „Ich kann meine Texte ausschließlich auf Deutsch schreiben. Deutsch ist die einzige Sprache, in der ich mir über alle Konnotationen eines einzelnen Wortes bewusst bin, in der ich weiß, ob es sich um eine politische oder popkulturelle Anspielung handelt.“ Ihr Russisch sei hingegen eingerostet.

Warum das bedauerlich ist, schreibt Grjasnowa in ihrem kleinen Buch über Mehrsprachigkeit. Für sie ist das Beherrschen mehrerer Sprachen nicht nur eine persönliche Bereicherung, sondern beeinflusst auch eine Gesellschaft positiv. Deshalb müsse Multilingualität viel mehr gefördert werden. Bonne idée!

Olga Grjasnowa: „Die Macht der Mehrsprachigkeit – Über Herkunft und Vielfalt“. Duden. 128 Seiten, 12 Euro.

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