Lilienthal fliegt nicht – eine Erzählung

  • Der Berliner Hauptstadtflughafen öffnet, dafür schließt der Flughafen Tegel.
  • Allerdings geschieht dies acht Jahre später als geplant.
  • Unser Korrespondent Markus Decker hat sich überlegt, was in der Zwischenzeit passiert sein könnte – eine Erzählung.
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Berlin. Der Flughafen Schönefeld wird am Wochenende eröffnet. Dabei hätte er schon 2012 eröffnet werden sollen. Unser Berliner Korrespondent Markus Decker hat die unendliche Geschichte des BER anders als sonst üblich nicht journalistisch verarbeitet, sondern literarisch. Hier folgt seine Erzählung „Lilienthal fliegt nicht“.

Kapitel I

Als sich die Zellentür schloss, war Lilienthal endlich allein. Die Wärter hatten ihre Blicke nicht von ihm lassen können. Lilienthal war der erste ausgewachsene Ministerialbeamte, der jemals in Tegel als Untersuchungshäftling gesehen worden war. Sie bestaunten ihn, wie Städter beim Wochenendausflug ein Wildschwein bestaunen.

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„Sie gehören nicht hierher“, sagte einer der Wärter mit warmem Timbre in der Stimme. „Und wenn Sie Hilfe brauchen …“ Lilienthals Mithäftlinge klopften mit ihren Löffeln rhythmisch an die Wände. Auch dieser dumpfe Klang war ein Zeichen der Achtung und der Solidarität. Denn hätte es je ein größeres Ärgernis für Insassen einer Haftanstalt geben können, als unentwegt auf Flugzeuge zu starren?

Und dann dieser Mut, aus Prinzipientreue zu handeln statt aus Habgier oder Dummheit! Doch als Lilienthal seine Häftlingskleidung bekommen und sie gegen seinen Dreiteiler eingetauscht hatte, um endlich die zwei Stockwerke emporzusteigen, da riefen ihm die Wärter nur noch das ortsübliche „Auf Wiedersehen“ hinterher und drehten zweimal den großen Schlüssel rum. Lilienthal hörte die sich entfernenden Schritte. Dann herrschte Stille.

Sein neues Heim war genauso, wie er es sich vorgestellt hatte. Zweieinhalb Meter lang und ebenso breit. Das Bett war an der Wand befestigt, sodass man es hochklappen konnte. Dazu gab es einen Spind mit Resten von Klebestreifen an den Innenseiten, die in langen Häftlingsnächten seine erotische Fantasie anregen sollten (weil er sich vorstellte, was die Klebestreifen befestigt hatten), einen viereckigen Tisch mit abgewetzter Tischplatte und hinten rechts unter dem Fenster eine Kloschüssel, daneben ein Waschbecken.

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Durch das vergitterte Fenster konnte Lilienthal jene Flugzeuge starten und landen sehen, die seine Schicksalsgefährten zur Verzweiflung brachten. Ihm hätte die Perspektive wie Hohn erscheinen können. Stattdessen breitete sich die Zufriedenheit eines Mannes in ihm aus, der überzeugt war, alles richtig gemacht zu haben. Er saß zwar im Gefängnis einer Stadt ein, in der er nie hatte leben wollen. Dafür wurde er zu einer Figur, die nahezu jeder in dieser Stadt kannte und die nicht wenige verehrten. Wenn das kein guter Witz war!

Kapitel II

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Als damals die Entscheidung für Berlin fiel, da hatte es Lilienthal nicht fassen können. Hatte es einen schöneren Regierungssitz geben können als dieses Bonn? Er war in der Nähe aufgewachsen – dort, wo der Rhein sich durchs Siebengebirge schlängelt. Der Rhein, das war noch ein richtiger Fluss, anders als die Spree, die in all den Jahren ihrer Existenz nicht ein einziges Hochwasser zustande brachte. Hier hatte er Karneval gefeiert, war wie selbstverständlich der Jungen Union beigetreten und mit seinem linken Geschichtslehrer aneinandergeraten. Schon Lilienthals Vater war Mitglied der CDU gewesen.

Nach dem Abi hatte der Sohn natürlich Jura studiert, in Bonn. Wo sonst? Und es bestand nie der geringste Zweifel, wo er einmal hatte arbeiten wollen – in einem dieser geordneten Ministerien, die eine geregelte Karriere verhießen. Lilienthal hatte sogar eine Frau gefunden. Anders als sie hatte er aber keine Kinder gewollt. Kinder waren wie der Rhein; sie traten manchmal über die Ufer. Anders als er kam sie nicht aus dem beschaulichen Rheinland, sondern aus dem lauten Frankfurt. Ihre Eltern hatten sich früh getrennt, während seine Eltern bis zum Schluss zusammengeblieben waren.

Sie hatte nach dem Abitur dieses und jenes probiert, hatte in Paris gelebt und geliebt, wahllos studiert und damit wieder aufgehört – bis sie nicht minder zufällig in Bonn landete und an diesen Mann geriet. Einen Mann, der ihr auf seine Weise Halt gab, sie zu einer kirchlichen Hochzeit überredete, und der doch all das nicht mochte, was sie mochte (schrille Kleider, auffälligen Schmuck, große Menschenmengen, Unvorhergesehenes aller Art). Sie hatte Sehnsucht nach dem Leben. Er suchte eine Frau, die nichts erleben wollte.

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"Hoffentlich klappt alles" - BER soll Ende Oktober öffnen
1:14 min
Nach jahrelangen Verzögerungen soll der Hauptstadt-Flughafen in Berlin den Betrieb aufnehmen.  © Reuters

Lilienthal mochte sein Leben, wie es war. Er mochte es, Teil eines großen Apparats zu sein, der dann und wann neue Gesetze schrieb, nach denen sich anschließend das ganze Land richten musste. Er mochte die schönen Lokale, in denen sie an den Wochenenden bei einem Glas Pfälzer Wein zu Abend aßen. Dazu die Urlaube, abwechselnd an der See oder in den Bergen. Nach langem Drängen seiner Frau waren die Lilienthals einem Tanzklub beigetreten. Er konnte ihr das nicht abschlagen. Wäre da nicht diese verdammte Parlamentsentscheidung für Berlin als Regierungssitz gewesen – Lilienthal hätte sein Leben bis zur Pensionierung überblicken können.

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Schon ein paar Wochen nach dem Beschluss aber bat ihn sein Abteilungsleiter zu sich. Lilienthal schwitzte. „Nehmen Sie Platz“, sagte Tietz. „Ich will nicht lange um den heißen Brei herumreden. Sie ahnen sicher schon, worum es geht. Also: Kann ich auf Sie zählen?“

Lilienthal schwieg.

„Kommen Sie“, sagte Tietz. „Ich weiß, Sie sind Bonner wie ich. Aus der schönsten Hauptstadt der Welt geht keiner gerne weg. Aber ich brauche Sie. Und vergessen Sie nicht: Wir sind nicht irgendein Ministerium, sondern das Innenministerium, mit anderen Worten: das Verfassungsministerium. Wir sind die tragende Wand. Ohne uns stürzt die Regierung ein wie ein windschiefes Fertighaus.“

Lilienthal schwieg weiter.

„Sie haben außerdem noch 20 Jahre vor sich. Die Musik spielt bald in Berlin. Und Sie werden sehen, Lilienthal, früher oder später werden nur noch die Blinden und die Lahmen in Bonn sein. Unser jetzt noch blühendes Ministerium wird zur Siechenanstalt verkommen.“

„Gut“, erwiderte Lilienthal. „Aber ...“

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„Was aber?“

„Irgendwer muss doch hier noch die Stellung halten. Und unser Haus ...“

„Ja“, sagte Tietz nun mit festerer Stimme. „Aber irgendwer muss auch dafür sorgen, dass die Republik im Falle eines Regierungswechsels nicht ganz nach links abdriftet. Sie sehen doch, was diese Pfaffen da im Osten anrichten. Wer sollte das sein, wenn nicht Leute wie Sie und ich?! Und für das Haus wird sich schon eine Verwendung finden. Vermieten Sie es doch einfach. Nach der Pensionierung kommen Sie zurück.“

Tietz machte eine Pause und musterte seinen Untergebenen. Dann sagte er: „Geben Sie mir in der nächsten Woche Bescheid. Und: Enttäuschen Sie mich nicht, Lilienthal!“

Die beiden gaben sich die Hand. Danach ging Lilienthal wie betäubt in sein Büro zurück, ließ sich in den Stuhl hinter dem Schreibtisch fallen, auf dem Papiere und Stifte parallel zueinander ausgerichtet waren, und lockerte die Krawatte. Von ferne konnte er die Gebäude mit den Büros der Abgeordneten sehen, die das alles verbockt hatten. Lilienthal wusste: Es gab kein Entrinnen! Er machte pünktlich Schluss, fuhr an den Rhein, stellte das Auto am Ufer ab und starrte auf die Wasseroberfläche.

Bei Einbruch der Dämmerung lenkte er den Golf in Richtung heimischer Garage und parkte auf der leicht ansteigenden Einfahrt mit den akkurat gesetzten Pflastersteinen. Lilienthals Frau, die mit der Fernbedienung in der Hand und den leuchtend rot lackierten Fingernägeln auf dem Sofa saß, war begeistert. Schon im Vorfeld dieses verheerenden Votums der Abgeordneten erschien sie ihm nervöser als sonst – nervöser im positiven Sinne. An diesem Abend kannte ihre Begeisterung keine Grenzen. Lilienthal konnte die Begeisterung seiner Frau für Berlin bloß als erneutes Misstrauensvotum verstehen. Als Misstrauensvotum gegen sich und sein Leben.

Kapitel III

Abgesehen davon, dass Lilienthal Bonn gefiel und Berlin nicht, war das Hauptproblem tatsächlich das Haus. Lilienthals Entscheidung stand deshalb beizeiten fest: Er war entschlossen, für sich und seine Frau zunächst eine Wohnung in einem der westlichen Berliner Stadtteile zu suchen, um dann alles Weitere sorgsam zu planen. Vielleicht war Berlin doch eine Nummer zu groß für ihn, und er käme vor der Pensionierung zurück. Lilienthals Frau ahnte das. Was er nicht ahnte: Wie sehr sie seinen Kleinmut verachtete.

In Wahrheit jagte ihm dieses Berlin gehörige Angst ein. Es handelte sich, das musste Lilienthal zugeben, um eine richtige Großstadt, mit der es selbst Köln nicht aufnehmen konnte. Doch auf Herbst und Winter folgten Frühling und Sommer. Lilienthal umgab sich in Berlin mit Menschen, denen es ging wie ihm. Nach Dienstschluss ertränkten sie ihren kitschigen Bonn-Kummer in Kölsch-Gläsern, die in der Ständigen Vertretung stets aufs Neue gefüllt wurden.

Unterdessen merkte Lilienthal, dass es sich mit Berlin verhielt wie mit einem Kuchen. Man konnte unmöglich den ganzen Kuchen essen. Man musste sich ein passendes Stück raussuchen. Bald war sein Berliner Radius kaum größer als der Radius in Bonn. Und nach zwei Jahren war es so weit: Lilienthal fasste den Entschluss, das Provisorium in Wilmersdorf, wo sie eine Drei-Zimmer-Wohnung gemietet hatten, zu beenden. Und das bedeutete: das alte Haus zu verkaufen – zum Preis eines neuen Hauses in Berlin.

Nur: Wo sollte dieses Haus stehen?

„Wie viel wollen Sie denn anlegen?“, fragte der Makler in der Luisenstraße unweit des Ministeriums, nachdem er Lilienthal einen Espresso angeboten und auf der Grundlage des einen vorherigen Telefonats behauptet hatte: „Wir kennen uns ja schon eine ganze Weile.“

„400.000 Euro – das ist die obere Grenze“, erwiderte Lilienthal.

„Dafür werden Sie nichts kriegen“, sagte der Makler. „Aber in Pankow entsteht gerade eine Siedlung, in der ich Ihnen ein Haus für 500.000 Euro anbieten könnte. Voll unterkellert und mit Veranda. Da ist es ruhig und beschaulich. Mit der S-Bahn sind Sie in 25 Minuten im Büro. Vor allem ist die Wertsteigerung garantiert.“

„Keine Nachteile?“, fragte Lilienthal skeptisch.

„Das Grundstück liegt in der Einflugschneise des Flughafens“, räumte der Makler ein. „Doch wenn der neue Flughafen in Schönefeld fertig ist, macht Tegel dicht. Das ist beschlossene Sache. Und dann leben Sie in Pankow wie auf dem Land und sind doch weiter mitten in der Stadt. Ich verspreche Ihnen: Wenn in Tegel erst mal kein Flieger mehr abhebt, ist Ihr Haus locker 750.000 Euro wert – mindestens!“

Vier Wochen später saß Lilienthal erneut in dem Büro des Maklers, in dessen Fenster eine beleuchtete Vitrine „Große Träume zu kleinen Preisen“ verhieß. Nach weiteren vier Wochen nahm er mit seiner Frau in der vollverglasten Kanzlei eines Anwalts mit Blick auf den Tiergarten Platz und unterschrieb. Lilienthal schwitzte wieder – wie damals im Büro seines Abteilungsleiters. Denn das war nach seiner Hochzeit die weitreichendste Entscheidung seines Lebens. Er schwitzte um 600.000 Euro. So viel sollten am Ende wirklich fällig werden. Abends in der Ständigen Vertretung wurden es nicht wie üblich drei Kölsch, sondern fünf. Und ein Schnaps.

Kapitel IV

Nach ein paar Jahren hatte Lilienthal in Berlin Tritt gefasst. Das Ministerium tickte nun wieder so wie in Bonn. Wie eine gut geölte Uhr. Jene Wochenendpendler, die sich zum Spagat zwischen Berufs- und Privatleben entschlossen hatten, bezahlten dafür regelmäßig mit dem Scheitern ihrer schlecht geölten Ehen. Lilienthal indes fuhr an den Wochenenden nicht einen halben Tag lang durch die Republik, sondern eine halbe Stunde lang zur Baustelle nach Pankow und sah, wie die Siedlung langsam Gestalt annahm.

Ihre Freizeit verbrachten die Lilienthals mit anderen Bonnern. Unter sich spotteten sie über das Niveau der Berliner Senatsverwaltung und das Unvermögen manch heimischer Bäckereifachverkäuferin, ihre Kunden mit „Sie“ anzureden. Der Satz: „Möchte er noch eine Schrippe?“ war auf jeder Party der Brüller.

Was Lilienthal nicht merkte: Wie seine Frau ihm zunehmend entglitt. Da an die Stelle des Bonner Tanzklubs wegen Lilienthals Trägheit kein neuer Tanzklub getreten war, meldete sie sich allein in einem Tangokurs an. Die sexuelle Orientierung war dort etwas sehr Relatives. Das Ganze war eine einzige Versuchung. Sie kam immer später nach Hause – meist provozierend heiter – und verzweifelte an seinem grundlosen Geiz. Denn die Mehrkosten, die der Hausbau verursachte, wollte Lilienthal bei der Innenausstattung wieder reinholen.

Er geizte bei Laminat und Fliesen, Türklinken und Fensterrahmen, Wasserhähnen und Herdplatten, Heizkörpern und Couchgarnituren. Der Mangel an Risikobereitschaft – und was sonst als Risikobereitschaft war das Leben? – machte sie wahnsinnig. Eines Abends rief Lilienthals Frau ihm zu: „Ich halt es nicht mehr aus mit dir.“ Ja, vielleicht konnte man Lilienthals Ehe auf die Formel bringen: Er war Bonn, sie war Berlin. Es war eine Ehe über seine Verhältnisse – und unter ihren Möglichkeiten.

Das Schicksal der Lilienthals war besiegelt, als sie beim Tango in Clärchens Ballhaus jenen Journalisten kennenlernte, den das ganze Regierungsviertel kannte. Lilienthal konnte sich lediglich rühmen, einer von 20.000 Ministerialbeamten zu sein. Der Neue seiner Frau hingegen hatte nicht allein die Handynummer seines Ministers, sondern die des halben Kabinetts.

Und wenn er in der Redaktion nicht seine Kollegen belehrte oder auf Pressekonferenzen scheinbar freche Fragen stellte, dann begleitete er die Kabinettsmitglieder bei Auslandsreisen und platzierte sich bei Statements vor Fernsehkameras so geschickt hinter ihnen, dass er zuverlässig in der „Tagesschau“ zu sehen war. Für Frau Lilienthal war der Mann ein Sprungbrett aus einer abgestandenen Existenz. Herr Lilienthal, der die Preise aller Berliner Türklinken mittlerweile auswendig kannte, war chancenlos.

Kapitel V

Die Trennung veränderte Lilienthal nachhaltig. Hinzu trat der Lärm der startenden und landenden Flugzeuge, die Herzbeschwerden und anderes verursachen konnten. Nachdem Lilienthal umgezogen war, merkte er erst, wie dieser Lärm ihn am Schlafen hinderte. Anfangs hatte er es noch mit Ohropax versucht. Das gelang zumindest in all jenen Moment recht leidlich, als er nicht an seine gescheiterte Ehe dachte. Doch dann zog Lilienthal in den Keller. Es ging nicht anders.

Das wiederum half so lange, bis sich zeigte, dass der neue Flughafen im Süden der Stadt nicht planmäßig fertig werden würde und auch niemand sagen konnte, wann dies der Fall sein werde. Lilienthal hatte jetzt keine Frau mehr. Lilienthal hatte keinen Schlaf mehr; der Zorn auf Gott und die Welt machte ihn zunichte. Und Lilienthal hatte ein Haus, das nicht mehr annähernd das Geld wert war, das er dafür bezahlt hatte. Zunächst zwangen sie ihn grundlos in eine fremde Stadt. Später ruinierten sie seinen Versuch, sich in der neuen Stadt häuslich einzurichten. Je mehr diese Wahrnehmung von Lilienthal Besitz ergriff, desto weniger war er fortan er selbst.

„Was ist los, Mann?“, fragte sein Abteilungsleiter. „Ich erkenne Sie ja nicht wieder.“

Lilienthal blieb nichts anderes übrig, als vor seinem Chef die Hosen herunterzulassen. Der begriff sofort, dass er es hier mit einem Problem zu tun hatte, das sich mit einem Cognac nicht würde lösen lassen. Dass Lilienthals Frau mit einem bekannten Journalisten durchgebrannt war, hatte sich ohnehin längst herum gesprochen.

„Ich sehe zwei Möglichkeiten“, sagte er. „Entweder Sie gehen in Kur. Den Kollegen in der Abteilung werde ich sagen, Sie hätten Herzprobleme. Oder ich versetze Sie im Ministerium an einen Platz, an dem Sie zu sich kommen können.“ Lilienthal wählte Degradierung Nummer zwei.

Kapitel VI

Der Saal im Berliner Landgericht war voll. In den ersten drei Reihen hatten die Reporter Platz genommen; die vom Boulevard erkannte man an den prachtvoll tätowierten Unterarmen, die unter den absichtsvoll nach oben geschobenen Ärmeln der preiswerten Jacketts hervorlugten. Dahinter saß das gemeine Publikum, überwiegend Ruheständler und ein paar junge Leute mit langen Haaren, die Lilienthal als einen der ihren betrachteten: einen Widerständler. Der Richter mahnte das Publikum, während des Verfahrens Ruhe zu bewahren, und wies Lilienthal auf seine Rechte hin. Dann verlas der Staatsanwalt die Anklageschrift, woraufhin wieder der Richter sprach.

„Wollen Sie sich in der Sache einlassen?“, fragte er.

Lilienthal hielt einen Moment inne. Dann erwiderte er knapp: „Ja.“

Wie aus der Anklageschrift hervorging, war der bis dahin devote Staatsdiener Lilienthal nach dem Scheitern seiner Ehe und dem Flughafendesaster vom passiven in den aktiven Widerstand übergegangen. Nicht nur war er im Ministerium nicht mehr zu gebrauchen. Er demonstrierte seit einiger Zeit stellvertretend für die, für die zu demonstrieren er sich verpflichtet sah. Gedanken an eine Pankow Liberation Army schossen durch seinen Kopf und Gedanken an eine Entführung derer, die ihm das alles eingebrockt hatten. Lilienthal trat in einen Hungerstreik.

Er kettete sich am Roten Rathaus, an Brandenburgs Staatskanzlei und am Verkehrsministerium an. Er fuhr am ersten Tag der Berliner Sommerferien mit der Ringbahn zum S-Bahnhof Beusselstraße und von dort mit dem Bus nach Tegel. Da zog er sich in der Eingangshalle aus und entrollte ein Transparent mit der Aufschrift „Nieder mit Otto Lilienthal!“. Otto Lilienthal – so hieß zufälligerweise der Flughafen.

Herbeizitierte Psychiater waren zu dem Ergebnis gelangt, dass Lilienthal keineswegs verrückt geworden sei, sondern sich „situationsadäquat“ verhalte. Sie hatten teilweise selbst Immobilien in Pankow erworben und standen vor dem Bankrott. Nie hatten sie einen derart gesunden Patienten erlebt.

Der Innenminister höchstpersönlich sah sich erst zum Handeln gezwungen, als bei einer Hausdurchsuchung tatsächlich Entführungspläne in Lilienthals Keller gefunden worden waren. Dieser dachte nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft daran, einen politisch Verantwortlichen so lange in einer Gartenlaube unweit des Flughafens Tegel festzuhalten, bis der Flughafen zugunsten des neuen Flughafens geschlossen sein würde.

„Was hatten Sie vor?“, fragte der Richter also ohne Umschweife.

„Ich wollte ein Exempel statuieren“, antwortete Lilienthal.

„Und an wem?“

„An Platzhirsch.“ Platzhirsch – so hieß einer der Verantwortlichen.

„Und warum Platzhirsch?“

„Vor dem im Roten Rathaus hatte ich ein bisschen Angst. Der galt als cholerisch. Und im Fernsehen habe ich ihn immer als sehr hochnäsig erlebt. Dabei hätte ich in der Laube ja vielleicht jahrelang mit ihm Kontakt gehabt. Das wollte ich nicht. Der Mautknecht von der CSU …“

„Sie meinen den Verkehrsminister.“

„Ja, der kam noch weniger in Betracht. Ich hatte Zweifel, ob seine Partei sich überhaupt für seine Freilassung starkmachen oder nicht einfach gleich einen Nachfolger benennen würde.“

„Sie wollen sagen: Es blieb nur Platzhirsch übrig.“

„Genau.“

„Und warum wollten Sie Platzhirsch entführen?“

Lilienthal holte nun tief Luft. Dann legte er los.

„Ich habe das mal gegoogelt; ist ja kinderleicht. Weltweit gibt es demnach 1650 funktionierende Flughäfen. In Chicago, einem der größten, genauso wie in Kinshasa, wo die Flugzeuge nachts bei funzeligem Licht kreuz und quer auf dem Rollfeld stehen wie Spielzeugautos im Zimmer eines Kleinkindes. Die Verantwortlichen hätten sich also 1650 Beispiele nehmen können. An anderer Stelle werden neue Flughäfen gebaut. Da wären architektonische Anleihen noch einfacher gewesen. Und was ist ein Flughafen mehr als eine Start- und eine Landebahn – verbunden mit einem Abfertigungsgebäude? Zur Not hätten sie in Berlin den Flughafen von Frankfurt nachbauen können. Oder den von Sydney. Oder den von Buenos Aires. Stattdessen wurden in der deutschen Hauptstadt, die sich um so vieles besser dünkt als dieses angeblich so piefige Bonn, Milliarden um Milliarden in den Sand gesetzt. Und ich – Otto Lilienthal aus Bonn – muss mit meinen 600.000 Euro dafür bluten.“

Allgemeines Nicken auf den Zuschauerbänken.

„Aber das ist doch noch kein Grund, einen Menschen zu entführen“, widersprach der Richter.

„Das meinen Sie“, sagte Lilienthal. „Dabei war das eine reine Notwehrmaßnahme. Ab und zu muss man der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhelfen.“

„Inwiefern? Sie als Jurist sollten wissen, dass im Grundgesetz von Selbstjustiz keine Rede ist.“

„Von einem Freifahrtschein für Schlamperei ist in unserer Verfassung aber auch keine Rede. Es ist ja nicht ein politisch Verantwortlicher zurückgetreten. Dabei haben in Deutschland schon Minister wegen viel geringerer Vergehen ihren Hut genommen. In Thüringen ist mal einer gegangen, weil er ein Pornomagazin und Hundeshampoo geklaut hatte. Für 10 Euro.“

Lilienthal wiederholte: „Hundeshampoo!“ Dann lachte er. „Dieser Platzhirsch und dieser Dingsdereit vom Alexanderplatz sagen, der Flughafen werde ein Jahrhundertprojekt und die ganze Region wirtschaftlich voranbringen. Stattdessen ist dieser Flughafen 2017 – nach 21 Jahren! – immer noch nicht fertig.“

„Sie hätten öffentlich protestieren können“, merkte der Richter an. „Nicht allein, wie Sie es getan haben, sondern mit anderen. Das hätte unter Umständen Wirkung gehabt.“

Lilienthal lachte erneut. „Aber das ist es doch. Mit wem denn? In Berlin wurde ja nicht ein einziges Mal gegen dieses Chaos demonstriert. Zumindest ist mir keine Demonstration bekannt. Und das obwohl in Berlin täglich gegen alles Mögliche demonstriert wird: für veganes Essen und gegen Überwachung, für mehr Ausländer und für weniger Ausländer, für die Unabhängigkeit des Südsudan und gegen Atomkraftwerke in Belgien, für Freihandel und für Protektionismus, für freien Hundeauslauf am Schlachtensee und gegen Hundekot auf dem Kollwitzspielplatz.

Polizeiautos eskortieren wahlweise 20.000 Protestierende oder fünf. Doch niemand kommt auf die Idee, eine Demonstration gegen diesen Flughafenirrsinn anzumelden. Niemand, verstehen Sie?! In einer Stadt mit dem Slogan ‚Arm, aber sexy’ kommt es auf 10 Millionen Euro mehr oder weniger eben nicht an. Aber bei mir, bei Otto Lilienthal, da kommt es auf tausend Euro an. Tausend Euro betrug die Differenz zwischen dem Preis jener Fliesen, die meine Frau wollte, und denen, die ich gekauft habe. Mit einem Bruchteil der Summe, die jeden Tag für diesen verfluchten neuen Flughafen draufgeht, hätte ich meine Ehe retten können. Und da sagen Sie, ich hätte demonstrieren können?!“

Der Richter war spürbar beeindruckt. Denn als Lilienthal mit seiner zornigen Suada fertig war, schwieg er. Er schwieg wie einer, den die Aussage des Angeklagten von vorn bis hinten überzeugt hatte. Schließlich hatte hier ein Staatsdiener gesagt, was er als Staatsdiener seit Jahren ebenfalls dachte. Eine Fortsetzung der Verhandlung war daher gar nicht mehr erforderlich. Lilienthal räumte ja ein, dass er alle Vorbereitungen für die Entführung getroffen hatte.

Er hatte die Gartenlaube hergerichtet und freundlicherweise gegen den Fluglärm gedämmt, kistenweise Ohropax besorgt, Lebensmittel gekauft und ausgekundschaftet, dass die Uckermark ein guter Ort war, um zuzuschlagen. Dort hatte Platzhirsch eine Datsche und wurde nicht so streng bewacht wie in der Staatskanzlei. Zehn Tage nach der Durchsuchung in Lilienthals Keller hatte er seinen Gedanken in die Tat umsetzen wollen. Der Zeitpunkt ergab sich aus Lilienthals Notizbuch. Das Delikt stand damit fest (besser gesagt: der Versuch dazu), das Motiv ebenso. Offen war allein das Strafmaß. Und auch das stand bald fest.

„Ich verurteile Sie, Otto Lilienthal, geboren in Bonn und derzeit wohnhaft am Majakowski-Ring 15 im Bezirk Pankow, wegen versuchter Freiheitsberaubung zu zwei Jahren Haft“, sagte der hoch aufgeschossene Mann hinter dem erhöhten und mit Holz ausgeschlagenen Pult. „Aufgrund Ihrer persönlichen Lebenssituation und der geschilderten Probleme erkenne ich allerdings mildernde Umstände an und setze die Strafe zur Bewährung aus.“

Im Saal brach Jubel los. Das Urteil wirkte auf alle Beteiligten wie ein Freispruch. Noch am selben Tag wurde der Aufruf zu einer ersten Demonstration publik. Die Initiatoren planten einen Marsch vom Roten Rathaus bis zur Abfertigungshalle des neuen Airports. Sie stand im märkischen Sand wie eine Pyramide im alten Ägypten.

Kapitel VII

Nach der Verhandlung stand Lilienthal noch eine Weile wie betäubt im Gerichtssaal. Dann trat er vor das Gebäude, in dem brutale Gewalttaten zur Sprache kamen und lebenslange Haftstrafen verhängt wurden. Selten gab es hier etwas zu lachen. Noch seltener gab es etwas zu feiern. An diesem Tag war das anders. An diesem Tag brandete Applaus auf, als der Verurteilte erschien. Die Kameraleute balgten sich um die besten Plätze. Zu Lilienthals Füßen saßen die Tontechniker mit ihren langen Mikrofonen und führten vor seiner Nase einen kleinen Tanz auf. Anschließend wurde Lilienthal von der Polizei zum Gefängnis gebracht, diesmal ohne Handschellen.

So, wie er sich bei Beginn der Untersuchungshaft hatte registrieren lassen müssen, so galt es, diesen Vorgang rückgängig zu machen. Wie beim Ein- und Auschecken im Hotel. Als es so weit war, klopften die Mithäftlinge ein zweites Mal mit ihren Löffeln an die Wände. Manche hielten ihre Unterarme aus den Fenstern, damit jene verblassten, aber altehrwürdigen Knacki-Tätowierungen sichtbar würden, die mit den Tattoos der Boulevard-Reporter nicht mal den Namen gemein hatten. Schließlich stimmten sie die Hymne der Fußball-Fans an: „You’ll Never Walk Alone.“

Lilienthal verharrte zwischen seiner Pritsche und der Kloschüssel und weinte. Schließlich gab er den Wärtern die Hand, ging die zwei Stockwerke hinunter ins Erdgeschoss und trat durch das große Tor endgültig ins Freie. Ein paar Hundert Meter weiter wartete die Haltestelle des TXL. Stadteinwärts fuhr der Bus bis zum Alexanderplatz, stadtauswärts bis zum Flughafen Tegel. Von dort waren es bis Bonn nur noch 50 Minuten.

“Staat, Sex, Amen”
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