“Le Mans 66”- Tollkühne Kinomänner in rasenden Kisten

  • Auf den Pisten der Sechzigerjahre bekämpften die Amerikaner von Ford die italienische Edelmarke Ferrari - aus persönlichen Gründen.
  • Matt Damon und Christian Bale beschleunigen in „Le Mans 66“ (Kinostart am 14. November) auf ordentliche Unterhaltung.
  • Handfestes Erzählkino, wie es sich Hollywood nur noch selten zutraut.
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So mancher dürfte inzwischen sein umweltverpestendes Automobil ein bisschen weniger lieben, als er es früher getan hat. Vor allem SUV-Besitzer müssen jederzeit mit vorwurfsvollen Blicken im Straßenverkehr rechnen. Wer sich dagegen mal ganz ohne Schuldgefühle an kraftvollen Motorensounds und sattem PS-Geblubber delektieren möchte, der ist in dem Film „Le Mans 66“ gut aufgehoben. Wagemutige Rennfahrer drücken das Gaspedal bis zum Bodenblech durch und lassen die Tachonadel im roten Drehzahlbereich zittern, bis die Bremsen glühen.

Zwei Männer haben ein Ziel vor Augen: Sie wollen die Schnellsten beim legendären 24-Stunden-Rennen von La Mans sein. Weil es im Hintergrund von James Mangolds Film aber um viel mehr geht, nämlich um Männerfreundschaft, übergroße Egos, Autodynastien und nicht zuletzt auch um fiese Tricks im Boxenbereich, lohnt das Rennfahrerdrama „Le Mans 66“ auch für jene, die dem Herumrasen im Kreis sonst nicht so viel abgewinnen können.

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Im Original heißt Mangolds Film „Ford v Ferrari“, und das trifft die Ausgangslage besser: Der kriselnde Weltkonzern Ford war in den Sechzigern drauf und dran, Ferrari zu übernehmen, um sein Portfolio im Sportsegment aufzupolieren. Auch jüngere Käufer sollten für das eher biedere Fordangebot begeistert werden.

Enzo Ferrari ließ den sicher geglaubten Deal platzen

Dann aber ließ Enzo Ferrari den schon sicher geglaubten Deal platzen, und der in seiner Ehre tief verletzte Henry Ford II. (Tracy Letts) setzte fortan alles daran, den italienischen Platzhirsch im Motorsport bis zur Erschöpfung über die Piste zu hetzen. „Wir ziehen wieder in den Krieg“, verkündete er seinen Leuten vor dem Aufbruch nach Europa.

Der Einsatz von Mensch und Material war beträchtlich, und doch schien die Aufgabe kaum lösbar: Ferrari dominierte damals Le Mans nach Belieben – und produzierte Autos in Handarbeit, Ford dagegen die seinen am Fließband. Das neue Auto, das alles verändern sollte, musste auf der Grundlage von Serienteilen entstehen.

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Ford baute auf das Konstruktionsgenie Carroll Shelby

Zumindest konnte Ford auf den genialen Autokonstrukteur Carroll Shelby (Matt Damon) und den nicht minder brillanten britischen Rennfahrer Ken Miles (Christian Bale) bauen, zwei Brüder im Geiste. Auch Shelby war ein ehemaliger Rennfahrer (und Le-Mans-Sieger 1959 in einem britischen Aston Martin!). Ein schweres Herzleiden hatte ihn gezwungen, das Cockpit vorzeitig zu verlassen. Bloß waren die beiden Männer nicht so leicht zu lenken, wie es die Anzugträger in den Chefetagen von Ford gern gehabt hätten.

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Denen ging es ums ganz große Geschäft, um die Marke Ford, Shelby dagegen ums perfekte Rennauto und Miles um die perfekte Streckenrunde. Während Shelby mit den Mächtigen im Konzern darum feilschte, seine Ideen und auch seinen ungestümen Fahrer Miles durchzusetzen, horchte dieser in seine Rennmaschine GT40 hinein wie ein Arzt ins Herz seines Patienten.

Die PS-Cowboys lassen auch die Fäuste fliegen

Die komische Interaktion zwischen den beiden Tüftler-Freunden hebt „Le Mans 66“ aus dem üblichen Rennfilmzirkus hinaus. Hier gehen zwei PS-Cowboys daran, ihre eigenen Grenzen auszutesten. Sie wissen, dass sie einander vertrauen können – aber sie wissen nicht, ob die Firmeninteressen ihnen genug Spielraum lassen. Da fliegen in einem wirklich witzigen Kampf zwischen Vanilleeis und Weißbrot schon mal die Fäuste, bis die beiden Freunde erschöpft im Gras liegen. Für Miles` Frau Mollie (Caitriona Balfe) bleibt da nur die Rolle der liebenden, unterstützenden und ziemlich sexy aussehenden Gattin. „Le Mans 66“ ist ein Buddy-Film mit nostalgischem Anstrich. Hier machen die Männer die Sache unter sich aus.

Mit gut zweieinhalb Stunden ist der Film gewiss zu lang geraten, aber er bietet etwas Besonderes: handfestes Erzählkino, wie es sich Hollywood immer seltener zutraut. „Le Mans 66“ gehört zu den letzten Werken, die Twentieth Century Fox produzierte, bevor Disney sich das Studio in diesem Frühjahr einverleibte.

Man meint, das Motoröl zu riechen

Die Schauwerte sind gute, alte Wertarbeit: Hier wird nicht der allmächtige Computer in die Pole-Position gerückt. Man meint, das Motoröl und das abgefahrene Gummi der Reifen zu riechen.

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Dass Mangold („Copland“, „Walk the Line“) schlussendlich ins allzu Gefühlvolle abgleitet, hat vielleicht auch mit dem Schicksal von Miles zu tun: Die Geschichte hielt für den Herzblutfahrer kein gutes Ende parat. Wenige Monate nach dem legendären Le-Mans-Rennen 1966 kam er bei einem Unfall mit einem Testwagen ums Leben. Shelby starb trotz seiner zunehmenden Herzprobleme erst 2012 im seligen Alter von 89 Jahren.

Stefan Stosch/RND