„Peer Gynt” an der Berliner Schaubühne: Die große Lars-Eidinger-Show

  • Nach fünf Jahren steht Starschauspieler Lars Eidinger mal wieder in einer Premiere auf der Bühne.
  • Gemeinsam mit dem Konzeptionskünstler John Bock hat er „Peer Gynt“ an der Berliner Schaubühne als bilderstarke Ich-Show inszeniert.
  • Aber der Abend beginnt mit einem Schock.
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Berlin hat viele Sehenswürdigkeiten. Das Brandenburger Tor ist so ein Must-see, der Fernsehturm am Alex, der Reichstag, das Charlottenburger Schloss und - Lars Eidinger. Seit zehn Jahren läuft sein „Hamlet“ an der Schaubühne, seit fünf Jahren der „Richard III.“. Jetzt hat sich der spielverrückte Theater- und Filmschauspieler Henrik Ibsens Sinnsucherdrama „Peer Gynt“ vorgenommen. Und ja, man sollte es unbedingt sehen.

Zu Beginn aber erst einmal ein Schock: Eine Theatermitarbeiterin kommt auf die Bühne, mit einer schlechten und einer guten Nachricht. Die schlechte: „Lars Eidinger hat sich heute bei den Proben einen Finger angeschnitten und musste sich in der Charité operieren lassen.“ Die gute: Der Abend kann stattfinden, Eidinger spielt, „allerdings unter dem Einfluss von Schmerzmitteln“. Zuzutrauen wäre es ihm, vielleicht ist das alles aber auch nur Teil der Inszenierung. Erst nach einiger Zeit, Lars Eidinger trägt erst einmal Handschuhe, wird klar: Daumen hoch, alle Finger sind dran. Der Abend über den Lügenbold Peer Gynt hat mit einer Lüge begonnen.

Peer Gynt und das Schälen der Zwiebel

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„Peer Gynt“, das ist die Geschichte eines Bauernjungen, der sich oft und gerne ausmalt, was er alles sein könnte. Vor allem aber will er Kaiser werden. Er zieht durch die Welt, erlebt Abenteuer und sucht vor allem - sich selbst. In einer berühmten Szene vergleicht sich Peer mit einer Zwiebel, die gehäutet wird, Schicht um Schicht (um Nachtschicht, wie Eidinger witzelt), um festzustellen, dass der Zwiebel und ihm selbst der Kern fehlt. Nach dem Schälen der Zwiebel findet sich ein großes Nichts.

Um die Szene noch ein bisschen schärfer werden zu lassen, beißt Lars Eidinger während des Zwiebelmonologs in eine Peperoni. Er kämpft mit dem Schlucken, die Worte werden ihm immer mehr zur Qual. Eidinger erzählt von den Nachschichten seiner Mutter, in denen sie Playmobilfiguren wie Zebras und Tigern die dazugehörigen Streifen aufmalt. Als er beichtet, dass er er sich geweigert hatte, mit diesen Figuren zu spielen, weil seine Mutter über den Strich gemalt hat, laufen ihm Tränen übers Gesicht. Auch der Schauspieler Lars Eidinger, so kann man diesen intensiven Moment verstehen, fürchtet sich trotz aller Vielschichtigkeit vor dem leeren Kern.

Peer Gynt und Lars Eidinger sind grandiose Ich-Sager

Dieses Stück ist Eidinger wie auf den Leib geschrieben. Peer Gynt ist ein gigantischer Ich-Sager, ein Mann mit Überzeugung: mit Von-sich-selbst-Überzeugung. Und wie Peer ist auch Eidinger ein wahrer Ego-Shooter. Schon „Hamlet“ und „Richard III.“ verwandelt Eidinger in große Ich-Shows, in denen ein paar Schauspieler auch mit auf der Bühne stehen dürfen. Konsequenterweise spielt der „Larsch“, wie er sich an einer Stelle selbst nennt, in „Peer Gynt“ alle Rollen selbst (auch wenn Kamerafrau Hannah Rumstedt ab und an die Bühne betritt und einmal mit ihm tanzt). Der 44-Jährige hat zudem gemeinsam mit dem Konzeptkünstler John Bock das „Taten-Drang-Drama“ auch gleich noch inszeniert. Und so sieht das Bühnenbild auch aus wie eine riesige John-Bock-Installation. Im Mittelpunkt steht ein riesiges, patchworkartig zusammengenähtes Riesenkuscheltier, in das Peer sogar hineinkrabbeln kann. Schließlich ist die Kindheit der Fluchtraum der Schwindler. Kinder verstehen ihre Lügen ja selten als Lügen, sondern viel mehr als andere Wahrheit. So ist das frühe Früher ein Paradies für Faktenverdreher wie Peer Gynt. Aber die Kindheit ist auch nichts anderes als eine Utopie, ein Nicht-Ort für Erwachsene. Es gibt keinen Weg zurück. Und so bleibt Peer wieder nur die Suche nach dem eigenen Ich, nach des Zwiebels Kern.

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Kuscheltier mit Schauspieler: Das Bühnenbild hat der Konzeptkünstler John Bock entworfen.

Die Inszenierung ist mehr eine Bilder-Show als eine stringent erzählte Geschichte. Es sind grandiose Einfälle, die sich aneinanderreihen. Lars Eidinger wechselt ständig die wunderbar verrückten Kostüme und steht - fast schon traditionell bei ihm - auch splitterfasernackt auf der Bühne. Er schminkt sich als "Joker", singt a-ha-Songs wie „Hunting high and low“, ein Bügelbrett wird ihm zur Orgel, der Dialog zwischen Peer und dem Knopfgießer kommt als Quasi-Kasperletheater daher, der fast 80-jährige Eugen Drewermann präsentiert auf der Leinwand seine Deutung. Und dann ist da noch die Green-Screen-Technik. Die funktioniert kurz gesagt so: Wer vor einer grünen Leinwand steht und grün angemalt ist, verschwindet im (in diesem Fall zeitgleich) gedrehten Video. Andererseits kann man sich dank der Technik auch in Filme projizieren lassen, so dass Peer Gynt Teil eines Softpornos wird. Ein Moment voll vordergründiger Komik und hintergründiger Traurigkeit, ein Ausdruck verzweifelter Einsamkeit.

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Nach dem Schlussapplaus will Lars Eidinger nicht von der Bühne. Er singt Kanye Wests „Ghost Town“, gibt einer Zuschauerin ein Autogramm, und all die Fans dieser Berliner Theatersehenswürdigkeit wollen einfach nicht gehen. Bis Eidinger sie bittet: Die grüne Farbe lasse sich irgendwann nur noch schwer abwaschen. Zum Abschied winkt er. Mit allen Fingern.

Nächste Vorstellungen am 15., 16. und 17. Februar sowie am 6., 7. und 8. März. Die Vorstellungen sind ausverkauft, Restkarten gibt es gegebenenfalls an der Abendkasse.

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