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Langsam wird’s gruselig: die Stephen-King-Serie „Chapelwaite“ startet bei Magenta TV

  • Ein Walfangkapitän tritt das Erbe eines alten Hauses an, wo er seine drei Kinder großziehen will.
  • Hass der Dorfbewohner schlägt ihm entgegen, dann ereignet sich Unheimliches – kein Wunder, basiert die Serie „Chapelwaite“ (ab 11. November bei Magenta TV) doch auf einer Novelle von Stephen King.
  • Das Böse zieht diesmal allerdings extrem langsam herauf.
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Die Kurzgeschichte „Briefe aus Jerusalem“ beginnt mit dem Brief eines Mannes namens Charles Boone, der seinem Freund Bones im Jahr 1850 erzählt, wie er in der „kalten, zugigen Halle von Chapelwaite“ angekommen sei, gequält von einer langen Kutschreise, mit strapazierter Blase, aber sonst durchaus guter Dinge. Ein pracht­volles Haus habe er von seinem verstorbenen Cousin geerbt, das neun Meilen nördlich von Portland spektakulär auf einer Landspitze liege, umgeben von verwildertem Land. Prächtig! Prächtig! Seine Begeisterung wird indes schon bald getrübt.

Denn Chapelwaite ist ein geradezu perfekter Ort für die Angst – ein Ort, aufzuzeigen, „wie die solide Struktur der Wirklichkeit mit schockierender Plötzlichkeit einen Riss bekommen kann“ (so formulierte Stephen King es im Vorwort seines ersten Kurz­geschichten­bandes „Nachtschicht“, der in Deutschland 1984 erschien). Was für ein gutes Gruseln ebenso wichtig ist wie das Unheimliche selbst, ist freilich „eine Geschichte, die den Leser oder Hörer (oder Zuschauer) für eine Weile in ihrem Bann hält“.

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Zehn Episoden – ganz schön viel Zeit für eine Kurz­geschichte

Zehn Stunden Serie für eine Geschichte von gut 40 Seiten – da hat’s so ein Bann nicht leicht. Peter und Jason Filardi haben für den amerikanischen Pay-TV-Sender Epix (deutscher Streamingort ist Magenta TV) weidlich neu gedichtet, alles geweitet und bannig bevölkert. Der Vorspann ist spukig geraten – Zink­bade­wannen mit schwarzem Wasser und den Andeutungen eines Leichnams darin, uralte Grabsteine, raben­um­flatterte Kirchen, lebendige Bilder, Nebel, eine Nosferatu-artige Fratze, die sich aus der Finsternis materialisiert.

Zunächst wird ein Prolog aus der Kindheit von Charles Boone erzählt, in dem der Protagonist nur durch das Eingreifen seiner Mutter überlebt, als der wahnsinnig gewordene Vater ihn lebendig zu begraben versucht. Als wir den solchermaßen traumatisierten Boone wiedersehen, verabschiedet sich der Vater dreier Kinder auf seinem Walfänger gerade von seiner verstorbenen indianischen Frau. Eine See­bestattung, die Sterbende hat den Kapitän zuvor verpflichtet, Honor (Jennifer Ens), Loa (Sirena Gulamgaus) und Tane (Ian Ho) an Land eine ordentliche Erziehung zu ermöglichen. Das Erbe Chapelwaite kommt da gerade recht. Eigentlich …

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Die jüngsten King-Serien „The Stand“ und „Lisey’s Story“ waren nicht sonder­lich unterhaltsam

Wieder mal King im Fernsehen. Zuletzt war das nicht so erquicklich. Die Miniserie „The Stand“ (2020) war – obzwar die Vorlage eines von Kings Meister­werken ist – ein von Erzählfehlern arg spannungsgebremster End­zeit­brocken. Und wie barbiturierend war jüngst doch wohl – trotz Julianne Moore in der Titelrolle – „Lisey’s Story“ (2021) über die Witwe eines Schrift­stellers, einen irren Fan und ein Monster in einer Welt des Todes.

Die gern erhobene Behauptung, dass Kings Werk auf Bildschirm und Leinwand notorisch schlappmacht, wird natürlich durch Gegen­beispiele relativiert. Die Jagd auf einen Gestalt­wandler in der HBO-Serie „The Outsider“ (2020) war ein exquisiter Thrill, und Film­klassiker wie „Shining“ (1980), „Stand by Me“ (1986), „Die Verurteilten“ (1994) und „The Green Mile“ (1999) zeigen, dass über der Verwandlung von Kings Erzählungen in ein anderes Medium kein Fluch liegt.

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Im Gegensatz zu Haus Chapelwaite. Cousin Stephen sei vor Gram in den Tod gegangen, als seine Tochter die steilen Keller­stiegen hinab­stürzte und sich das Genick brach. Die Kinder mögen sich vor der steilen Stiege hüten, mahnt die obligatorische ältliche Haus­hälterin, die zu einer Spuk­haus­geschichte gehört wie die Schaufel zum Besen. „Dies ist ein trauriges Haus. Niemals war ein Boone hier glücklich“, raunt die gestrenge Miss Cloris (Gabrielle Rose).

Seltsame Dinge mache den Boones das Wohlfühlen schwer

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Die Boone-Kinder, noch trauernd, beschließen immerhin, sich im neuen Heim wohlfühlen zu wollen. Eine Gouvernante namens Rebecca (Emily Hampshire aus „Schitt’s Creek“) zieht ein. Gouvernanten und Grusel gehen gut zusammen, das weiß man seit Henry James’ „Bly Manor“. Und bald wird auch schon gegen das Heimisch­werden gearbeitet. Anfangs wird nur eine Kerze von einem plötzlichen Windstoß ausgepustet, etwas raschelt am Fenster – der ganz normale paranormale Auftakt­kokolores. Dann treten mordende nächtliche Schatten auf den Plan, die auf Blut aus sind. Eine seltsame Seuche im Städtchen Preacher’s Corner macht die Erkrankten lichtscheu. Eine bleiche junge Frau in Weiß (Genevieve DeGraves) gibt dem durch den Wald reitenden Charles Mysteriöses mit auf den Weg: „Der Wurm ruft!“

Wirkungsvolles Spiel auf der Klaviatur der Gänse­haut­erzeugung

Die Filmemacher spielen also auf der altvertrauten Klaviatur der Gänse­haut­erzeugung, und das zuweilen überaus wirkungsvoll. Und doch bleibt die Stimmung der Vorlage unerreicht, jener Hommage Kings an H. P. Lovecraft mit ihrer eigentümlichen, bleischweren, fremd­welt­lichen Atmosphäre. King beschrieb in seiner kargen, kurzen Briefnovelle, die an den Auftakt von Bram Stokers „Dracula“ erinnert, die Einsamkeit eines Landstrichs, wo kein Vogel singt, und wo in einem scheinbar in Eile verlassenen Dorf namens Jerusalem’s Lot der Briefe­schreiber mit seinem Diener auf die Wohnstatt einer gottesfernen Kreatur stößt. Ziemlich furchteinflößend. Die Serie? Punktueller Schrecken in der ersten Serienhälfte, deutlich mehr in der zweiten.

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Oscarpreisträger Brody („Der Pianist“) legt seinen bekümmerten Gesichts­aus­druck über die komplette Strecke nicht ab, auch die zweite Hauptfigur Rebecca bleibt monomimisch einem silbrigen Lächeln verhaftet. Und die indianische Herkunft der Kinder wird kaum fruchtbar gemacht – lediglich benutzt, um die alt­her­gebrachten Aversionen der Bewohner von Preacher’s Corner gegenüber der Familie Boone um einen rassistischen Aspekt zu erweitern. Auch dass Boone mit dem Bau von Wal­fang­schiffen Wohlstand zum Landvolk bringen will, wird zurückgewiesen.

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Geheimnisse drängen ans Licht – in Zeitlupe allerdings und gefühlt auch mal in der Zeitlupe von Zeitlupe. Sodass selbst diejenigen Zuschauerinnen und Zuschauer, die es bevorzugen, wenn das Grauen nicht mit Getöse hereinbricht, sondern leise heraufzieht, mit den Füßen scharren. Es ist hier wie bei so einigen der oft dickleibigen Romane Kings – weniger Episoden wäre mehr gewesen. Doch es könnte sogar noch weitergehen: Wie Kings Geschichte eine Art Prequel zu seinem Vampirroman „Brennen muss Salem“ (1975) darstellt, lassen die Filardis am Ende alles offen für eine zweite Staffel.

„Chapelwaite“, zehn Episoden, von Peter und Jason Filardi, mit Adrien Brody, Sirena Gulamgaus, Emily Hampshire (ab 11. November bei Magenta TV)

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