“La Vérité” - Seelenpieksen mit Deneuve und Binoche

  • Eine Filmdiva stößt ihre Familie mit Vorliebe vor den Kopf.
  • Catherine Deneuve ist in dem Familiendrama “La Vérité” (Kinostart am 5. März) eine Exzentrikerin, die es in ihren Memoiren mit der Wahrheit nicht so genau nimmt.
  • Juliette Binoche spielt ihre Tochter, die die heikle Mama trotzdem liebt.
Margret Köhler
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„Was macht eine Familie zur Familie, und wie entscheidet man sich zwischen einer grausamen Wahrheit und einer sanften Lüge?“ Um diese diffizile Frage geht es bei der Mutter-Tochter-Konfrontation im sommerlichen Paris. Fabienne (Catherine Deneuve), eine Filmdiva mit ausgeprägtem Ego, zieht hier die Fäden in ihrem Machtspiel, benutzt andere wie Schachfiguren und stößt Freunde und Familie vor den Kopf.

Zur Premiere ihrer Autobiografie reist Tochter und Drehbuchautorin Lumir (Juliette Binoche) samt Gatte (Ethan Hawke) und Kind aus New York an. Nicht nur, um das Ereignis zu feiern, sondern um endlich Klartext zu reden, sich von seelischem Ballast zu befreien. Denn nichts ist so, wie die Mama in ihren Memoiren schreibt. Weder war sie nette Kollegin noch treue Gattin und schon mal gar nicht ein Paradebeispiel an Mutterliebe und Aufopferung.

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Psychologisches Aufräumen ohne Türenknallen

Im Gegenteil, Lumir erinnert sich an lange Abwesenheit und Desinteresse, fühlte sich als Kind nicht akzeptiert. Während sie Fabienne bei den Dreharbeiten zu ihrem wohl letzten Film unterstützt, gibt es immer wieder lange Gespräche über die Vergangenheit, ein intensives psychologisches Aufräumen, ganz ohne Türenknallen oder laute Vorwürfe. Wollen beide in dieser doppelbödigen Reflexion über Familie und ganz nebenbei auch über das Kino wirklich die ultimative Wahrheit oder doch lieber „Leben und Lügen lassen“?

Wenn sich Deneuve und Binoche piesacken und wieder annähern, die Tochter die Mutter trotz aller zugefügten Verletzungen liebt, fragt man sich, warum sie hier erstmals gemeinsam vor der Kamera stehen? Ein außergewöhnliches Schauspielerinnenduo, das dieser Tragikomödie ihren Stempel aufdrückt und das man öfter zusammen auf der Leinwand sehen möchte.

Männer bleiben in “La Vérité” Randfiguren

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Männer wie Fabiennes persönlicher Assistent und guter Geist Luc (Alain Libolt) bleiben Randfiguren. Bei der Deneuve kann man nur mal wieder staunen, wie sie den alternden, aber immer noch eitlen und köstlich boshaften Star mit kaum zu übertreffender Selbstironie verkörpert, wie ein Schlot raucht und gerne dem Whisky zuspricht. Da passt es, dass sie sich einfach vom Set schleicht, um in Ruhe Crêpes zu speisen.

Regisseur Hirokazu Kore-eda dreht zum ersten Mal außerhalb seiner Heimat, aber in seiner Muttersprache. Da er sich nur durch einen Übersetzer verständlich machen konnte, fehlte wohl der direkte Draht zu Team und Darstellern. Berühmt für seine analytische Betrachtung der urbanen japanischen Gesellschaft wie im Palmen-Gewinner „Shoplifters“, liefert er handwerklich gutes Kino und trotz des schweren Themas Leichtigkeit.

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Regisseur Hirokazu Kore-eda lässt seine Poesie vermissen

Es mangelt aber an der für ihn typischen Poesie, was an dem vielleicht fehlenden Wissen über die Codici der französischen Bourgeoisie liegt. Aber wenn die zwei Schauspielikonen, die am Set sicherlich ein Wörtchen mitgeredet haben, souverän zwischen Sein und Schein oszillieren und jede ihre Wahrheit verteidigt, setzt dieser Film zum Höhenflug an.

„La Vérité – Leben und Lügen lassen“, Regie: Hirokazu Kore-eda, mit Catherine Deneuve und Juliette Binoche, 107 Minuten, FSK 0

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