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Künstlerprotest wird lauter: „Die Kulturbranche wird zugrunde gehen“

  • Acht Monate lang haben sich Künstlerinnen und Künstler vergleichsweise still zu den Corona-Maßnahmen geäußert. Doch jetzt wird der Protest lauter.
  • Nach Musiker Till Brönner mahnt auch Kabarettist Serdar Somuncu: In der Kulturbranche gehe es um die „nackte Existenz“.
  • Zahlreiche Comedians haben derweil einen offenen Brief unterzeichnet.
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Berlin. Mehr als acht Monate nach Ausbruch der Corona-Pandemie regt sich immer lauterer Protest unter deutschen Kulturschaffenden. Am Dienstagabend hatte der Musiker und Fotograf Till Brönner ein langes Instagram-Video veröffentlicht und deutliche Kritik an der Politik geäußert. Zugleich appellierte er an Kolleginnen und Kollegen, die Stimme zu erheben. Am Mittwochmorgen legte nun der Kabarettist Serdar Somuncu nach. Zahlreiche weitere Comedians unterzeichneten einen offenen Brief unter dem Motto #alarmstuferot.

Auf seiner Facebook-Seite postete Somuncu das Foto eines Grabsteins. Auf diesem steht in großen Buchstaben „RIP Kultur“. „Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Die Lage ist mehr als dramatisch!", so Somuncu. „Wenn heute neue Beschlüsse getroffen werden, die als Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus dienen sollen, wird die ohnehin schon angeschlagene Kulturbranche auf Dauer zugrunde gehen.“ Damit spielt Somuncu auf den von der Bundesregierung inzwischen beschlossenen zweiten „Lockdown“ an, der ab November gelten soll.

Schon jetzt könnten sich Künstler, Dienstleister und Selbstständige ihren Lebensunterhalt nicht mehr leisten, so Somuncu. Es gehe um die „nackte Existenz“ – und man brauche jetzt „dringend eine Lösung im Zusammenhalt“.

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Somuncu fordert Kulturabgabe

Somuncus Vorschlag: „Das bedeutet, dass die Gruppen der Gesellschaft, die nicht unmittelbar und so stark von der Krise betroffen sind, jetzt gegenseitig Unterstützung leisten müssen, nicht nur moralisch, sondern auch finanziell. Wo bleiben jetzt die großen Firmen, die von der Krise profitieren? Warum spricht die Politik nicht mit uns und bestimmt über unsere Köpfe hinweg?“

So wie „unsere Steuern dafür genutzt werden, das Gemeinwohl zu finanzieren“, so brauche es jetzt auch eine Abgabe für den Erhalt der Kultur, findet Somuncu. Die sei nämlich nicht nur „ein Teil unserer Freizeit“, sondern auch „ein elementarer Pfeiler unserer Verfassung“. „Wer jetzt noch davon spricht, dass wir Künstler Träumer sind, der ist nicht nur ignorant, sondern der trägt auch dazu bei, dass die Dinge, von denen viele profitieren, weil sie selbstverständlich erscheinen, irgendwann nicht mehr da sein werden.“

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Zum Abschluss des Textes übt Somuncu Kritik an den Corona-Regelungen: „Man kann den Virus nicht wegsperren. Spanien war bis Mitte Juli im Lockdown und die Zahlen sind heute höher als zuvor. Was ist die Logik an dieser Strategie? Jetzt dicht machen, um Weihnachten zu retten? Dann zieht es durch bis zum Frühjahr. Und dann fangen wir bei null an. So ist das nur halbgar und panisch. Ich sehe düstere Zeiten auf uns zukommen.“

Maffay und Pastewka veröffentlichen Appell

Am Mittag war in Berlin bereits zum zweiten Mal das Aktionsbündnis „Alarmstufe Rot“ auf die Straßen gegangen. Auf dem Alexanderplatz protestierte die Eventbranche mit Hunderten Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Zeitgleich veröffentlichten auch verschiedene Künstlerinnen und Künstler auf ihren Social-Media-Kanälen einen Appell, darunter etwa der Comedian Bastian Pastewka und der Musiker Peter Maffay.

Der offene Brief ist an Verantwortliche der Bundesregierung gerichtet, darunter etwa Peter Altmaier, Jens Spahn, Olaf Scholz, Hubertus Heil und die Beauftragte für Kultur und Medien Monika Grütters. Darin heißt es: „Hiermit fordern wir, die freischaffenden Humorist*innen und Musiker*innen, Sie dazu auf, endlich für die coronabedingten Schäden, beispielsweise durch die Stilllegung bzw. die drastischen Einschränkungen des Livebetriebs, aufzukommen. Diese Forderung bezieht sich dabei ganz explizit nicht auf uns wenige Topverdiener der Branche, sondern auf die vielen finanziell angeschlagenen privatwirtschaftlichen Kulturstätten, denen die Schließung droht oder die bereits schließen mussten, was fast zwei Millionen Menschen auf, vor und hinter den Kulissen die berufliche Perspektive genommen hat.“

Die Situation sei vielerorts so ernst, dass manche Unternehmer und Selbstständige sich bereits aus purer Verzweiflung das Leben genommen hätten – es werde endlich Zeit, zu handeln. „Sie haben Maßnahmen beschlossen, die für uns faktisch einem Berufsverbot gleichkommen. (…) In den letzten Monaten gaben Sie uns das Gefühl, weniger wert zu sein als Autos, Flugzeuge und Fußballspieler. Dabei gehören wir in der derzeitigen Pandemie zu den Wirtschaftszweigen, die ohnehin schon finanziell wesentlich schlechter gestellt sind als andere.“

Unterzeichnet wird der Appell unter anderem von vielen Comedians wie Carolin Kebekus, Hazel Brugger, Atze Schröder, Dieter Nuhr, Felix Lobrecht, Luke Mockridge, Torsten Sträter und Chris Tall, aber auch von Musikerinnen und Musikern wie The BossHoss, Tobias Künzel (Die Prinzen) und Peter Maffay.

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Video
Veranstaltungsbranche protestiert in Berlin - Campino fordert mehr Unterstützung vom Staat
0:59 min
Die Eventbranche fordert mehr Coronahilfen von der Politik.  © Reuters

Musikern brechen die Tantiemen weg

Dass die Lage für Künstlerinnen und Künstler tatsächlich mehr als dramatisch ist, zeigen aktuelle Zahlen. Denn neben Auftritten brechen vielen Musikerinnen und Musikern auch die Tantiemen weg. Gemeint sind damit Vergütungen, die durch aufgeführte Musik entstehen, etwa bei Konzerten. Der internationale Dachverband der Verwertungsgesellschaften CISAC gab am Mittwoch bekannt, dass für das laufende Jahr von einem Einbruch um 20 bis 35 Prozent auszugehen sei. Das entspreche dem Wegfall von 2 bis 3,5 Milliarden Euro.

„Millionen von Urhebern verlieren gerade ihre Lebensgrundlage“, beklagt Ex-Abba-Star und CISAC-Präsident Björn Ulvaeus die Situation. Die Unsicherheit sei heute noch größer als vor der Krise. Der Chef der deutschen Verwertungsgesellschaft Gema, Harald Heker, spricht derweil von „dramatischen“ Zahlen. Am stärksten betroffen sei dabei der Livebereich mit Einbußen von bis zu 80 Prozent in manchen Ländern.

Das Problem: Die Krise für Musikerinnen und Musiker ist damit noch lange nicht vorbei. Da die Abrechnungen der Verwertungsgesellschaften erst verspätet eintrudeln, werden sich die gesunkenen Einnahmen wohl erst im kommenden Jahr voll bemerkbar machen. Sowohl Heker als auch Ulvaeus fordern daher Hilfen der Politik.

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Ein Desaster für die Kinos

Auch die Kinobranche schlägt Alarm. Filmtheater hatten bereits im Frühjahr wochenlang schließen müssen. Viele Filmstarts wurden verschoben – etwa vom neuen „James Bond“-Film. Den Kinos fehlten damit Blockbuster, die verlässlich Publikum bringen.

„Die Politik muss aufhören, alles über einen Kamm zu scheren und aus den bisherigen Erfahrungen lernen!“, forderte der Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF Kino). Die AG Kino, die eher kleinere Programmkinos vertritt, mahnt: Kinos hätten sich „mit konsequent umgesetzten Hygienekonzepten als besonders sichere Orte bewiesen“.

Gleicher Meinung ist die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO): „Ein flächendeckendes Kulturverbot hätte dramatische Folgen für die Kinolandschaft und die Filmwirtschaft in Deutschland“, teilte der Verband am Mittwoch mit. Seit Monaten hätten Kinobetreiber dafür gearbeitet, den Menschen ein sicheres Kinoerlebnis zu ermöglichen. „Die eingeführten Regeln wurden strikt umgesetzt – bis hin zu Hausverboten“, teilte Verbandspräsident Thomas Negele mit. Kinobesuche seien sicher.

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Finanzielle Kompensationen gefordert

Die SPIO spricht von einer „undifferenzierten Maßnahme“: Sie würde „nicht wesentlich zur Eindämmung beitragen“, den Menschen aber die Gelegenheit für eine Auszeit aus dem Alltag nehmen. „Derartige Einschränkungen gefährden die Akzeptanz und damit die effektive Wirksamkeit der wichtigen Corona-Schutzmaßnahmen.“ Auch Filmverleiher werde eine Schließung treffen.

Der Deutsche Kulturrat fordert im Fall weiterer Einschränkungen finanzielle Kompensationen für Künstler. „Wir erwarten, dass die Bundesregierung und die Ministerpräsidenten der Länder den Kulturbereich nicht im Regen stehen lassen“, so der Geschäftsführer Olaf Zimmermann laut einer Mitteilung.

Die Pandemie bedrohe alle und natürlich sei auch der Kulturbereich bereit, Einschränkungen hinzunehmen, „wenn sie notwendig und verhältnismäßig sind“. „Sollte es wirklich unumgänglich sein, dem Kulturbereich einen nochmaligen Lockdown zu verordnen, kann das nur funktionieren, wenn die dadurch entstehenden Einnahmeausfälle kompensiert werden“, forderte Zimmermann. Der Kulturrat ist der Spitzenverband der Bundeskulturverbände.

„Lauter werden“: Brönner kritisiert Kollegen

Doch trotz der teils dramatischen Lage waren viele Künstlerinnen und Künstler in den vergangenen Monaten vergleichsweise leise – große Proteste blieben aus. Ein Umstand, den auch der Musiker und Fotograf Till Brönner kritisiert. Er veröffentlichte am Dienstagabend einen dringenden Appell auf seiner Instagram-Seite. Dieser wurde inzwischen über 400.000 Mal angeklickt.

Brönner appelliert an seine Kolleginnen und Kollegen, lauter für die eigenen Rechte einzustehen – notfalls mit der Gründung einer Gewerkschaft, auch wenn das „uncool“ sei. „Ich erlebe, wie auffällig verhalten und geradezu übervorsichtig Bühnenkünstler sich auch nach acht Monaten zu dieser Misere äußern, obwohl ihre Existenz gerade fundamental auf dem Spiel steht“, so Brönner.

Er halte diese Zurückhaltung für fatal. „Weil sie ein völlig falsches Bild der dramatischen Lage zeichnet, in der sich unser Berufszweig aktuell befindet.“ Der Musiker macht klar: „Hier geht es nicht um Selbstverwirklicher, die in ihrer Eitelkeit gekränkt sind. Es geht um uns alle. Und es geht um Geld, viel Geld.“

Brönner hält den Umgang mit der Branche für „skandalös. „Wenn ein gesamter Berufszweig gezwungen wird, seine Arbeit zum Schutze der Allgemeinheit ruhen zu lassen, dann muss doch die Allgemeinheit auch dafür sorgen, dass diese Menschen nach Corona noch da sind“, findet er.

Prominente Unterstützung für Appell

Hier gehe es nicht im Selbstverwirklicher, meint der Musiker – sondern um einen enorm wichtigen Wirtschaftszweig mit einem Gesamtumsatz von 130 Milliarden Euro. „Wie kann man einzelnen Konzernen Milliarden in den Vorgarten werfen und der Veranstaltungsbranche Arbeitslosengeld II anbieten? Wir Musikkünstler sind weder arbeitslos noch hatten wir vor Corona ein Nachfrageproblem. Wie so einige andere Branchen, die in Wahrheit nicht an Corona, sondern durch Schläfrigkeit oder Gier in Schieflage geraten sind“, so Brönner weiter.

Der Appell des Musikers wird unter anderem von der Sängerin Sarah Connor unterstützt. Sie schrieb auf ihrer Facebook-Seite: „Danke Till Brönner, dass du aussprichst, was ich denke!“ Der Rapper Curse kommentierte das Video mit einem Herzchen, Produzent Mousse T. fragt: „Danke Till, wo darf ich unterzeichnen?“

Inzwischen haben sich auch weitere Künstlerinnen und Künstler zu Wort gemeldet. Alec Völkel von „The Boss Hoss“ schrieb etwa: „100% auf den Punkt! Wir brauchen Aufmerksamkeit für unsere Situation!“ Der Comedian Till Hoheneder schrieb: „100% richtig! Laut werden, sachlich bleiben. 👍👍👍 Top, Till!“ Und Koch Frank Rosin kommentierte: „Lieber Till, sehr beeindruckend!“

Mit dpa

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