Kulturgut: Warum singen Schauspieler?

„Lachen, weinen, tanzen“ – dazu lud der Schauspieler und Sänger Matthias Schweighöfer am Wochenende in Kiels Sparkassen-Arena ein. Der Funke mochte nicht überspringen. Mit 1200 Fans blieb die Halle unangenehm licht. Es drängt sich die Frage auf: Was soll das mit den singenden Schauspielern?

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Kiel. Man mag es Geltungsdrang nennen, Arroganz oder pure Neugier. Generell ist die Sache mit den singenden Mimen aber kein neues Phänomen. „Wonderful“ und „marvellous“ ging es schon bei Audrey Hepburn und Fred Astaire („Ein süßer Fratz“) zu. Später bewiesen Nicole Kidman und Ewan McGregor („Moulin Rouge“), jüngst Ryan Gosling und Emma Stone („LaLaLand)“ ihr Talent. In Hollywood gehört es wohl zum guten Ton, dass jeder, der auch einen trifft, eine Gesangsrolle bekommt.

Schuld ist die Marktwirtschaft

Ganz so musikalisch geht es in deutschen Filmen nicht zu. Doch das hält die sendungsbewussten heimischen Schauspieler keineswegs davon ab, zum Mikrofon zu greifen. Jürgen Vogel, Jan-Josef Liefers, Nora Tschirner: Das Who’s who der Schweiger- und Tatort-Produktionen singt und tanzt sich über die Bühnen der Republik. Nur, wen wollen die Fans eigentlich im Konzert sehen? Jan-Josef Liefers oder den singenden Professor Karl-Friedrich Boerne? Die bassspielende Nora Tschirner oder Anna Gotzlowski? Lassen wir hier Axel Prahl mal außen vor – wenn man ehrlich ist, kann die Musikwelt auf den Großteil dieser Beiträge verzichten. Der Grund dafür, dass sie es trotzdem zum Album bringen, ist schlicht und ergreifend die Marktwirtschaft.

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Verkauft wird, was sich verkaufen lässt

Jeder hat schon einmal eine Ballade in die Haarbürste geschmettert oder Luftgitarre gespielt. Das ist grundsätzlich nicht verwerflich. Solange es ungehört in den eigenen vier Wänden verhallt, tut’s keinem weh. Schwierig wird es, wenn sich eine Plattenfirma der Sache annimmt. Da wird schnell mal aus einem GZSZ-Sternchen der nächste große Popstar. Mit anderen Worten: Das P. bei Oli. P stand sicher nicht für Pavarotti, aber ab einem gewissen Bekanntheitsgrad verkauft sich eben alles. Siehe auch: „Großer Bruder“ mit Jürgen und Zlatko aus übersetzt gleichnamigem Trash-TV-Format.

Ein Konzert ist kein perpetuum mobile

Und so kommt es, dass gefühlt jeder Schauspieler, der jemals mit dem Gedanken gespielt hat, ein Album aufzunehmen, eben das tut. Ob er nun Talent hat oder nicht. Im Tonstudio lassen sich schiefe Töne glätten, Texte und Melodien können vorgegeben werden. Das wahre Gesicht eines Künstlers oder einer Band zeigt sich immer auf der Bühne. Ein Konzert ist kein perpetuum mobile. Da reicht es nicht, ein Promi zu sein. Nichts für ungut, Herr Schweighöfer, aber schauen Sie sich mal unseren musikalischen Schauspieler Marko Gebbert an. Oder schweifen noch weiter, zu unseren Indie-Rockern Leoniden. Die wissen, wie das geht. Das sind echte Feierschweine.

Von RND/Kerstin Tietgen

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