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„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“: Wie sexy darf ein Herointrip sein?

  • Die Serie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ergibt sich allzu leicht dem Drogenschick.
  • Kurz nach dem Horrortrip sind die Protagonisten schon wieder stylish und sexy unterwegs.
  • Der Hang zur Ästhetisierung hinterlässt einen schalen Beigeschmack.
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Der Sohn des kolumbianischen Drogenbarons Pablo Escobar hat sich mal bitterlich über Filmproduzenten beschwert: In deren Werken würde sein Vater zu gut wegkommen. „Ich bin dagegen, Verbrecher zu verherrlichen und den Drogenhandel als glamourös darzustellen. Das verwirrt Jugendliche“, hat Juan Pablo Escobar gesagt, der sich heute Sebastián Marroquín nennt.

Den Produzenten der Netflix-Erfolgsserie „Narcos“ hatte er demnach sogar angeboten, sein Familienarchiv zu nutzen und unveröffentlichte Briefe einzusehen. Doch niemand habe sich ein wahrhaftiges Bild seines Verbrechervaters machen wollen, der 1993 durch Kugeln einer kolumbianischen Eliteeinheit starb.

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Zu viel Recherche hätte Netflix und Co. nur die Arbeit erschwert: Dann hätten die Filmemacher das Drogengeschäft womöglich als so dreckig zeigen müssen, wie es ist. Daran aber haben wohl nur Gesundheitsministerien bei ihrer Aufklärungsarbeit Interesse. Die buhlen nicht um Quoten oder Klicks, sondern haben Abschreckung zum Ziel: Keine Macht den Drogen!

Aber auch jeder auf Unterhaltung abzielende Film muss letztlich Stellung beziehen: Wie realistisch soll man die Opfer krepieren lassen, ohne dass Zuschauer nach dem Ausschaltknopf suchen? Kotzende, kranke, elendige Gestalten machen sich nicht so gut als Identifikationsfiguren.

Zwischen Drogenlust und Drogentod

Schon mancher Filmemacher hat sich beim Spagat zwischen Drogenlust und Drogentod weit vorgewagt: Als Filmheld Renton in „Trainspotting“ (1995) in die „dreckigste Toilette Schottlands“ hinabtauchte, um ein rektal eingenommenes Opiumzäpfchen herauszufischen, schwamm er in seiner Fantasie plötzlich in einem azurblauen Ozean. Auch „Breaking Bad“ (ab 2008), von manchem gefeiert als die beste Serie aller Zeiten, musste sich den Vorwurf gefallen lassen, die Modedroge Crystal Meth zu verharmlosen.

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Im Kinofilm „Die Kinder vom Bahnhof Zoo“ war es 1981 ein Schock, als sich jugendliche Fixer in öffentlichen Toiletten eine Überdosis setzten und mit der Kanüle im Arm zusammenbrachen. So etwas kannte man bis dahin nicht aus Mainstream-Filmen. Aber schon damals mischten sich Erschrecken und Voyeurismus.

„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ist kein Erziehungsfernsehen

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Die nun von Amazon aufgelegte Serie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ bietet durchaus ähnliche Szenen. Nadeln werden in Unterarme versenkt, zitternde Gestalten gieren nach dem nächsten Schuss und bieten ihren Körper für ein paar Mark auf dem Kinderstrich feil. Also genug Distanz gewahrt zwischen Serienjunkies und Heroinjunkies? Zumal schon noch ein paar andere Dinge im Leben eines Teenagers schieflaufen müssten, bevor er wegen einer Serie zu Drogen greift.

Doch kurz nach dem Horrortrip sind die Protagonisten schon wieder so stylish und sexy unterwegs, als hätten sie sich gerade nur den Magen verdorben, seien nun aber bereit, die eigene Zukunft zu wuppen. Der körperliche und soziale Niedergang wird konterkariert durch coole und cleane Frische, unterlegt mit einem eingängigen Soundtrack. Die Gang um Christiane F. wirbelt geradezu glamourös durch die Stadt.

Chef-Drehbuchautorin Annette Hess hat betont, dass „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ kein Erziehungsfernsehen für den Unterricht sei. Die Abhängigkeit vom Heroin sollte genauso verlockend wie abstoßend gezeigt werden.

Nach acht Episoden Serienkonsum bleibt unterm Strich allerdings der Eindruck: Das 25-Millionen-Euro-Produkt hat dem Drogenschick ein wenig zu bereitwillig nachgegeben. Das hilft gewiss der internationalen Vermarktung der Hochglanzserie, der Hang zur Ästhetisierung hinterlässt aber einen schalen Beigeschmack.

Der Sohn des Drogenbosses Pablo Escobar wäre vermutlich wenig angetan.

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