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Die Serie „We Are Who We Are“: So wahrhaftig wird selten von Teenagern erzählt

  • Kaum ein Regisseur fühlt sich so überzeugend in Jugendliche hinein wie Luca Guadagnino.
  • Das Offene, Flirrende, Unbeständige gehört zu den Hauptingredienzien der Serie „We Are Who We Are”.
  • Der Zuschauer muss ein wenig Geduld mitbringen, aber dann wird er belohnt.
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Ach, diese komplizierte Jugendzeit. Kaum ein Regisseur kann sich so überzeugend in sie hineinfühlen wie der Italiener Luca Guadagnino, kaum einer bringt so prächtige Filmteenager hervor wie dieser Regisseur. Was nicht unbedingt heißt, dass man diese Exemplare in jedem Moment knuddeln möchte. Zwischendurch würde man sie noch viel lieber heftig schütteln und wieder auf einen sozialverträglichen Kurs bringen.

Nehmen wir zum Beispiel Fraser (Jack Dylan Grazer). Provokativ schmollend hängt der 14-Jährige am Lost-and-Found-Schalter des Flughafens bei der Ankunft in Italien herum – offenbar ist der Koffer des modeverliebten Teenagers verloren gegangen, weshalb er seiner Mutter beim Warten erst einmal einen Schluck Wodka aus einem praktischen Reisefläschchen abluchst. Das kann nicht seine erste Alkoholerfahrung sein und bleibt auch nicht seine letzte.

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Endlich am Ziel eingetroffen, bricht der gejetlagte Fraser auch schon gähnend auf, um sein neues Zuhause zu erkunden: einen US-Stützpunkt irgendwo nahe Venedig, eine Welt für sich hinter hohen Zäunen in der italienischen Pampa. Seine Mutter ist hier die neue Kommandeurin.

Bei seiner Runde legt Fraser eine Verachtung für seine Umwelt an den Tag, die ihresgleichen sucht. Kopfhörer wie angewachsen im Ohr, Handy in der Hand, für niemanden ansprechbar. Der dünne Flaum über der Oberlippe im blassen Gesicht – bei späterer Gelegenheit wird er liebevoll rasiert werden – ist ein einziger abweisender Strich. Sobald ihm jemand zu nahe kommt, geht er in Deckung wie aufgescheuchtes Wild.

Allerdings kann man Frasers Unmut halbwegs nachvollziehen: Der Junge kommt direkt aus New York und hat sich diesen Ortswechsel in die italienische Provinz bestimmt nicht ausgesucht. Seine Mutter Sarah (Chloë Sevigny) ist zusammen mit ihrer Frau Maggie (Alice Braga), ebenfalls eine Soldatin, nach Italien auf die Airbase versetzt worden.

Der Neue als Maskottchen

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Nur gut, dass Fraser auf Gleichaltrige offenbar gar nicht so abschreckend wirkt. Die zupackende Britney (Francesca Scorsese, Tochter des Regisseurs Martin Scorsese) nimmt sich seiner mit recht brachialen Methoden an und führt ihn ihrer Clique wie ein Maskottchen vor.

Den lieben langen Sommer werden wir nun mit Fraser und Co. in diesem amerikanischen Mikrokosmos mit gehisster US-Flagge, Soldaten im Trainingsgalopp und auch dem krakeelenden Wahlkämpfer Donald Trump auf einer Großleinwand („Make America Great Again”) verbringen. Zwischendurch geht es mit dem Bus zum Badevergnügen an den Strand oder mit dem Fahrrad ins nächste Dorf – so sieht es jedenfalls nach vier von acht Episoden der Serie „We Are Who We Are” aus, die vorab zur Sichtung bereitstanden.

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Umwerfende Liebesgeschichte

Bei diesen Bildern werden Erinnerungen an Guadagninos Kinofilm „Call Me By Your Name” wach: Das war eine umwerfende Liebesgeschichte, die ebenfalls einen in träger Hitze gehüllten Sommer währte und in der ein junger Wissenschaftler (Armie Hammer als Sunnyboy) zu Gast bei seinem italienischen Professor eine Affäre mit dessen Sohn (Beginn einer großen Karriere: Timothée Chalamet) einging. Oder war es genau andersherum?

Von glücklichem Begehren und auch schon vom drängenden Trennungsschmerz erzählte Guadagnino in seiner Kinogeschichte vom Erwachsenwerden – so selbstverständlich, wie es gerade queere deutsche Filmschaffende in ihrem Manifest gefordert haben. Auch an dieser Serie dürften sie ihre helle Freude haben.

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Die Überraschung ist bald verflogen, dass ein lesbisches Paar die US-Truppen anführt und eine Frau die mit Waffen verteidigte Freiheit zum höchsten Gut Amerikas erklärt. Und Fraser stellt bald schon fest, dass er sich seiner sexuellen Orientierung gar nicht so gewiss ist.

Die Zuschauer müssen allerdings einige Geduld aufbringen, wenn sie dem jungen Mann folgen wollen. Ziellosigkeit bestimmt seinen Sommer. Und doch muss sich das alles für ihn hoch dramatisch anfühlen. In seinem Innern tobt ein Aufruhr. Besonders deutlich wird das, wenn er sich zwischendurch wie ein Baby in die Arme seiner Mutter wirft und an deren Finger nuckelt – ein Jugendlicher zwischen Präpotenz und Regression.

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Erst einmal aber verguckt sich Fraser in die stolze Caitlin, die Harper genannt werden will (Jordan Kristine Seamon). In der zweiten Episode folgt ein erzählerischer Coup: Wir erleben Frasers geradezu verschämte Annäherung noch einmal gespiegelt durch Harpers Wahrnehmung.

Das Offene, Flirrende, Unbeständige gehört zu den Hauptingredienzien dieser Serie – und auch der Kummer und die Enttäuschung. Wie lautete doch der Rat des verständigen Professorenvaters im Kinofilm „Call My By Your Name” an seinen kreuzunglücklichen Sohn? „Halte es aus. Töte den Schmerz und die Trauer nicht, sonst bist du mit 30 innerlich bankrott.” Das wünscht man auch Fraser auf seinem Stützpunkt.

„We Are Who We Are”, acht Episoden bei Starzplay, von Luca Guadagnino, mit Jack Dylan Grazer, Chloë Sevigny

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