• Startseite
  • Kultur
  • Interview Architekturbiennale: „Ein Problem sind die kurzen Zeitspannen, in denen heute gedacht wird“

Interview Architekturbiennale: „Ein Problem sind die kurzen Zeitspannen, in denen heute gedacht wird“

  • Der deutsche Pavillon der diesjährigen Architekturbiennale ist komplett leer, aber hinter QR-Codes verstecken sich spannende Filme.
  • In ihnen blicken Expertinnen und Experten aus der Zukunft auf die heutige Gegenwart und entwickeln Ideen, was wir heute verändern müssen.
  • Olaf Grawert aus dem deutschen Kuratorenquartett sagt im Interview, was hinter der Idee des leeren Pavillons steht, wie Krisen unsere Gegenwart prägen – und was wir jetzt ändern müssen.
|
Anzeige
Anzeige

Das Motto der diesjährigen Architekturbiennale heißt „Wie werden wir miteinander leben?“. Und nicht etwa „Wie werden wir miteinander bauen?“. Geht die Architektur quasi als Gesellschaftswissen voran?

Das Verständnis von Architektur, welches sich in der Frage des Biennale-Hauptkurators Hashim Sarkis widerspiegelt, ist unglaublich breit. Es umfasst viele gesellschaftliche Themen die unser Zusammenleben heute und in Zukunft bestimmen: Umwelt, Politik, Wirtschaft, Technologie und vieles mehr. Seine Frage war auch für viele gar nicht so einfach oder eindeutig zu interpretieren. Aber eigentlich ist das der entscheidende Punkt: dass Bauen nicht mehr als einzige Aufgabe der Architektur angesehen wird. Sondern es geht um das Kernproblem: Wie beantwortet man die Frage nach neuen Lebensmodellen? Hashim Sarkis hat mit seinem Motto da noch vor der Pandemie tatsächlich einen Nerv getroffen. Und jetzt, nach der Krise, ist die Frage umso präsenter, weil sehr viele Dinge, die bis dahin als gesetzt galten oder vielleicht sogar alternativlos beschrieben oder verstanden wurden, infrage gestellt werden. Es ist das Bewusstsein in unser aller Alltag angekommen, dass sich Dinge ganz schnell ändern können. Dementsprechend würde ich sagen: Ja, in diesem Fall war die Architekturbiennale einen Schritt voraus.

Sie – also das Kuratorenteam des deutschen Pavillons – erzählen eine Geschichte aus dem Jahr 2038. Nach einer nicht näher skizzierten Krise, so der Plot, musste die Welt komplett neu entworfen, neu gedacht werden. Sie ist dadurch auch eine bessere Welt geworden. Leben wir im Moment schon in dieser Krisenzeit?

Anzeige

Wir haben diese Geschichte im April 2019 geschrieben, ein knappes Jahr vor Corona. Damals sind wir von einer unvorhersehbaren Krise ausgegangen, einem sogenannten Black Swan, die sich aufschaukelt und auch zu einer globalen wirtschaftlichen Krise führt. Dabei kommt es dann zu dem Moment, in dem wir alle sagen: Okay, jetzt haben wir alle verstanden, dass wir gewisse Rahmenbedingungen unseres Zusammenlebens neu verhandeln müssen. Wir haben aber nicht von einer gesundheitlichen Krise gesprochen. Wer hätte das denn auch wissen können? Aber wir wussten, dass es irgendeine Art von Krisen geben wird.

Mit-Kurator des deutschen Pavillons: Olaf Grawert. © Quelle: Matylda Krzykowski.

Krisen sollen als Chance verstanden werden

Welche Rolle spielen Krisen in unserem Umgang mit Veränderungen?

Anzeige

Es gab diesen Moment schon öfter in der Geschichte, auch in der Architektur, dass Krisen als Chance verstanden wurden, neue Modelle zu entwickeln. Das ist der entscheidende Teil dieser Erzählung.

Was muss jetzt konkret passieren, wenn man tatsächlich auf eine veränderte Welt im Jahr 2038 oder meinetwegen auch 2040 oder 2050 blicken will? Welche Lösungsansätze auch in der Architektur muss es jetzt geben?

Das ist natürlich die spannendste Frage. Wir sprechen in dem Projekt 2038 von globalen Verhandlungen, in denen sich verschiedene Menschen treffen, um über genau diese Fragen zu sprechen. Die Verhandlungen waren nicht einfach und dauerten mehrere Jahre, weil wir uns zuerst auf Fragen einigen mussten. Verstehen mussten, was die Fragen und Themen sind und bedeuten. Das klingt abstrakt, aber man muss sich jetzt Expertinnen und Experten an den Tisch holen. Man darf nicht ständig immer wieder in einen Wahlkampfmodus schalten, man muss auch mal länger als bis zur nächsten Wahlperiode denken und darf nicht immer Dinge versprechen, die man angesichts der nächsten Wahlen nicht halten kann. Man muss was riskieren. An diesem Verhandlungstisch haben Architektinnen und Architekten einen Platz, weil die gebaute Umwelt mitunter die für unser Zusammenleben ist. Man muss sich auch mal vergegenwärtigen: 51 Prozent des globalen Kapitals stecken in der gebauten Umwelt, in Land und Immobilien. Das heißt, in einer Marktwirtschaft ist Architektur per se politisch, weil sie so eine Kapitalkraft und spekulative Wirkung hat. Nach jeder Krise investieren die Menschen in Grund, Boden und Immobilien.

Aus dem Kuratorenteam: Arno Brandlhuber (links) und Olaf Grawert, Mit-Kurator, stehen vor einem QR-Code. © Quelle: bureau-n /dpa

Was heißt das konkret für Ihren Berufsstand?

Das heißt, wir haben eine Verantwortung für das, was wir bauen und wie wir bauen. Von Baumaterialien, über Grundrisse bis hin zu Eigentumsmodellen. Diese Debatten müssen möglichst schnell beginnen. Wir hätten uns Zeit für eine Denkpause schon im ersten Lockdown nehmen müssen. Das ist nicht geschehen. Auch während der Krise wurde weitergebaut und gerade erleben wir einen regelrechten Boom, der zur Verknappung von Material und Arbeitskraft führt. Wir müssen uns da schon fragen: Haben wir die Dringlichkeit der gesamten Lage denn überhaupt verstanden? Oder sitzen wir es quasi einfach aus?

Anzeige

Man hatte während der ersten Phase der Corona-Pandemie das Gefühl, dass viele Menschen – erzwungenermaßen natürlich – ein bisschen zur Ruhe und zu sich selbst kommen und auch bereit sind, wieder utopische Gedanken zuzulassen. Das machen Sie ja in Ihren Filmen, die auf der Biennale im deutschen Pavillon zu sehen sind, auch. Etwa, indem Sie den Privatbesitz von Boden infrage stellen. Sind solche groß gedachten Entwürfe jetzt notwendig?

Auf jeden Fall. Ich glaube ein Problem sind die kurzen Zeitspannen, in denen heute gedacht wird. Ein Beispiel: Wenn ich heute über die Finanzierung eines Gebäudes spreche und argumentiere, was möglich ist und was nicht, dann denken wir in kurzen Finanzierungs- und Renditezeiträumen, weil der gewinnorientierte Markt das fordert. Vieles ist unmöglich, weil es in dieser Geschwindigkeit, in der gedacht und gerechnet wird, vor dem Hintergrund von schnellem Ertrag nicht konkurrenzfähig ist. Dabei ist es doch absurd, wenn wir heute ganz selbstverständlich Grundrisse weiterbauen, die auf einem Familienbild oder auf einem Gesellschaftsmodell von gestern gründen, das es morgen schon nicht mehr wirklich geben wird.

„Viele Gebäude, die zurzeit in Berlin eingerüstet sind, fallen in 20 Jahren aus der Nutzung“

Das heißt, wir bauen nicht für die Zukunft, sondern für den schnellen Gewinn in der Gegenwart?

Wir wissen, dass viele Gebäude, die zurzeit in Berlin eingerüstet sind, in 20 Jahren aus der Nutzung fallen. Dazu kommt, dass das verbaute Material nicht wie früher rein ist, sondern es sind häufig verklebte Komponenten, die man nicht recyceln kann. Die Gebäude werden schnell aus der Zeit fallen und ihr Umbau oder Abbruch produziert nichts anderes als Sondermüll. Da sind andere Länder schon weiter.

Anzeige

Welches zum Beispiel?

Zum Beispiel in Japan, unsere Nachbarn auf der Biennale in Venedig. Dort gibt es einen permanenten Wechsel der Architektur, aber dadurch, dass vieles sehr „einfach“ mit Holz konstruiert ist, stellt das kein Problem dar. Was abgerissen wird, geht in den nächsten Zyklus. Solche zirkulären Modelle sind skalierbar und lassen sich auf andere Materialien übertragen. Dafür müssen wir langfristiger denken.

Der deutsche Pavillon sorgt für viele Debatten. Denn er ist komplett leer, nur acht großflächige QR-Codes sind zu sehen. Was steckt hinter dieser Idee?

Hinter der Idee stand von Anfang an, also seit 2019 und damit noch vor der Pandemie, der Umgang mit einem inneren Konflikt. So sehr wir die Biennale als Format schätzen, würden wir sie dafür kritisieren, dass sie sich immer nur an ein sehr ausgewähltes Publikum richtet. Ein Publikum dem es möglich ist und dass es sich leisten kann, nach Venedig zu reisen. Wichtige Debatten bleiben damit in einer Blase, in der wir unter uns Architekten und Architektinnen diskutieren. Wir wollten aber gerne viele andere Menschen auch außerhalb unserer Blase erreichen, damit sich diese in den Diskurs einbringen. Die Frage ist ja auch, wie werden wir zusammenleben. Wir wollten hören, was die Menschen über unsere Geschichte aus der Zukunft denken und dementsprechend handeln. Deswegen sind alle Inhalte digital zugänglich. Das ist ein niederschwelliges Angebot. Genauso wie unsere offizielle Publikation zur Ausstellung, eine mehrsprachige Straßenzeitung. Kein Buch, das teuer ist, sondern eine Zeitung, die 2,50 Euro kostet, auf der Straße verkauft wird und deren Erlös zu 100 % den Verkäufern und Verkäuferinnen gehört.

„Lasst uns das in der Radikalität durchziehen!“

Und dann kam Corona noch dazu.

Ja. Plötzlich kam die Pandemie, und wir haben Zoom-Konferenzen mit den Kuratoren und Kuratorinnen aus allen teilnehmenden Ländern geführt. Dort haben viele westliche Länder von ihren Schwierigkeiten mit Corona berichtet und von ihren Problemen mit der Verschiebung der Biennale. Aber plötzlich erzählten dann andere Länder: Ja, Corona ist auch ein Thema, aber wir haben hier auch einen bewaffneten Konflikt, wir haben Erdbeben, wir haben eine Explosion im Hafen. Und andere Ländern berichteten, dass nie Menschen aus ihrer Heimat nach Venedig fahren, weil sie sich das einfach nicht leisten können. Da wird man bescheidener. Und in dem Moment waren wir dann eigentlich überzeugt: Lasst uns das in der Radikalität durchziehen und die Inhalte, egal, von welchem Ort man darauf zugreift, gleich zugänglich machen.

Kann man die absolute Leere des Pavillons auch so interpretieren, dass unsere Krisensituation so gewaltig groß ist, dass wir wirklich bei null anfangen müssen und dass wir gar keine Kontinuität herstellen, sondern einen leeren Raum haben, von dem aus wir ganz neu starten müssen.

Das finde ich eine spannende Interpretation, die wir seit der Eröffnung auch schon von unterschiedlichen Personen gehört haben. Erst gestern beim Abendessen. Da drehte sich ein österreichisches Paar, das unser Gespräch hörte, zu uns und meinte: Sie haben die Leere des Pavillons auch als Zeichen verstanden, dass wir einen Resonanzraum für die unterschiedlichen Stimmen schaffen und uns für die Zukunft öffnen. Genau darum geht es uns. Genau das müssen wir jetzt machen.

Olaf Grawert ist Architekt und Architekturtheoretiker. Er bildet mit Arno Brandlhuber und Nikolaus Hirsch sowie dem Regisseur und Künstler Christopher Roth das Kuratorenteam des deutschen Pavillons auf der Architekturbiennale in Venedig. Die ist noch bis zum 21. November zu sehen.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen