• Startseite
  • Kultur
  • Krimiautorin Donna Leon: „Beschämend, dass Europa nichts gegen Frauenhandel unternimmt“

Krimiautorin Donna Leon: „Beschämend, dass Europa nichts gegen Frauenhandel unternimmt“

  • Die Bestsellerautorin hat ihren 30. Krimi geschrieben – eine spannende, düstere Geschichte.
  • Seit einem Jahr ist sie Schweizer Staatsbürgerin.
  • In den USA möchte die Amerikanerin nicht mehr leben.
|
Anzeige
Anzeige

Hannover. Donna Leon, herzlichen Glückwunsch! Sie haben den 30. Krimi um Commissario Brunetti geschrieben. Fühlt sich das manchmal an, als seien Sie beide ein altes Ehepaar?

(lacht) Ja, manchmal tatsächlich schon.

In jeder langjährigen Beziehung gibt es Höhen und Tiefen. Was waren Ihre besonders guten Momente mit Guido Brunetti?

Anzeige

Einer dieser Momente war vor vielen Jahren, als ich erkannt habe: Ich kann Brunetti all das lesen lassen, was ich gerade gelesen habe. Das bereitet mir richtig viel Vergnügen. Wenn er also im Roman mit seiner Familie am Tisch sitzt und über Literatur spricht, geht es dabei meist um Bücher, die ich kurz vorher gelesen habe.

Brunetti ist ein Büchernarr

Das heißt, Sie haben den altrömischen Historiker Tacitus gelesen? In Ihrem aktuellen Buch „Flüchtiges Begehren“ vertieft sich Brunetti immer mal wieder in einer Neuübersetzung von dessen „Annalen“.

Ja, allerdings habe ich Tacitus auf Englisch gelesen, nicht auf Italienisch wie der Commissario. In den vergangenen 20, 30 Jahren lese ich hauptsächlich die Klassiker, besonders die griechischen Tragödien. Ich schätze sie sehr, denn ich finde sie sehr modern darin, wie sie die Gesellschaft und die Rolle der Frau schildern und wie sie die grundsätzliche Frage behandeln, was richtig und was falsch ist. Die Historiker wie Tacitus haben oft klug und scharfsinnig über die Regierung und Politik geschrieben. Viele dieser Überlegungen haben noch heute Bestand.

Anzeige

Was kann uns denn ein 2000 Jahre alter Tacitus-Text über unsere moderne Gesellschaft erklären?

Tacitus predigte und urteilte nicht, sondern beschrieb das Verhalten unterschiedlicher Herrscher und wie sich deren Politik auf Rom auswirkte. Das ist durchaus allgemeingültig. Brunetti interessiert zum Beispiel eine Textstelle, in der Tacitus schrieb, dass man Gerüchten – auch über Herrscher – stets mit besonderer Vorsicht begegnen sollte.

Anzeige

Ein ungewöhnlicher Ermittler

Und welche Tiefen haben Sie mit Brunetti erlebt?

Die gab es nicht.

Das kann ich mir, ehrlich gesagt, kaum vorstellen.

Nun, er ist ein angenehmer, lockerer Typ. Für mich ist er ein idealer Freund.

Gerade das macht ihn zu einem ungewöhnlichen Charakter in einem Gegenwartskrimi: Er trinkt nicht, hat keine großen familiären Probleme, ist nicht depressiv.

Dass er sich dadurch von vielen Ermittlern unterscheidet, war mir allerdings nicht bewusst, als ich vor drei Jahrzehnten das erste Brunetti-Buch geschrieben habe. Ich hatte ja überhaupt nicht geplant, noch einen zweiten, geschweige denn mehrere Venedig-Krimis zu veröffentlichen. Ich dachte damals einfach: Ich möchte auf jeden Fall über jemanden schreiben, den ich sympathisch finde, den ich gern zum Abendessen einladen würde und mit dem ich Lust hätte, mich zu unterhalten oder einen langen Spaziergang zu unternehmen. Ich habe ihm die Eigenschaften gegeben, die ich an Menschen schätze. Zum Glück! Hätte ich ihn mit anderen Charakterzügen ausgestattet, hätte ich niemals 30 Jahre mit ihm verbracht. Ich glaube, dass auch viele Leser ihn mögen, weil er ein netter, angenehmer Mann ist.

Ist er nicht etwas zu gut, um wahr zu sein?

Teils, teils. In „Flüchtiges Begehren“ wird zum Beispiel deutlich, was schon in früheren Romanen angedeutet ist: wie viele Vorurteile er gegenüber Süditalienern hat. Er lebt in einer Gesellschaft, die starke Vorurteile gegenüber den anderen hat, wer auch immer diese sein mögen – und das allein aufgrund von Vorstellungen, nicht von irgendwelchen Erfahrungen. Das gilt auch für Brunetti. In diesem Buch wollte ich ihn darauf stoßen, um zu sagen: „Guido, wach auf, du kannst nicht alle Leute aus Sizilien, aus Apulien oder aus Kalabrien als Schurken abtun.“ Diese Erklärung übernimmt im Buch seine Kollegin Claudia Griffoni, die aus Neapel stammt. Ihm ist das sehr peinlich, er schämt sich – denn er erkennt, dass sie recht hat.

Der neue Krimi schildert einen düsteren Fall

Anzeige

Brunetti und Griffoni haben es in „Flüchtiges Begehren“ mit einem düsteren Fall zu tun. Es geht um Frauenhandel, und es tauchen sehr brutale Gestalten auf. Was gab den Anstoß zu der Geschichte?

In einem meiner früheren Bücher, „Vendetta“, hatte Brunetti schon einmal mit einem Fall von Frauenhandel zu tun. Damals waren es junge Osteuropäerinnen und Südamerikanerinnen, die mit dem Versprechen nach Italien gelockt wurden, dort als Au-pair-Mädchen oder Altenbetreuerin zu arbeiten und die als Zwangsprostituierte endeten. Seit diesem Buch ist rund ein Vierteljahrhundert vergangen, aber an dem Verbrechen hat sich nicht viel geändert – bis auf die Tatsache, dass die Frauen, die heute nach Italien gelockt werden, hauptsächlich aus Nigeria und anderen afrikanischen Ländern und aus dem Nahen Osten stammen. Das gesamte Geschäft ist noch viel größer und noch viel gewalttätiger geworden. Aber politisch hat man nichts dagegen unternommen. Das ist einfach beschämend für die europäische Gemeinschaft.

Leon kritisiert die Flüchtlingspolitik

Europa wird ja in mancherlei Hinsicht Untätigkeit vorgeworfen.

Es ist furchtbar, dass auch in anderen Bereichen nichts passiert – wenn man etwa an die armen Teufel denkt, die versuchen, per Boot nach Europa zu gelangen. Jetzt, während wir beide miteinander sprechen, schippern viele, viele Flüchtlinge auf irgendwelchen Booten im Mittelmeer herum, oft dem Tod nahe – und keiner in Europa will sie in sein jeweiliges Land hereinlassen.

Sie leben seit 2007 in Graubünden, fahren seitdem regelmäßig zu Besuchen nach Venedig. Ist die Schweiz ein sichereres Land als Italien?

Ich lebe hier, weil ich irgendwann wusste: Auch wenn ich Amerikanerin bin, möchte ich in Europa leben. Für mich war dabei klar, dass ich mich zwischen Venedig, wo ich lange gewohnt habe, und der Schweiz, wo ich schon seit vielen Jahren ein Haus in den Bergen besitze, entscheiden wollte. Und Venedig war nicht mehr lebenswert. Ich flüchtete in gewisser Weise vor den Massen an Touristen, die tagtäglich in die Stadt gekommen sind. Von März bis November ist die Stadt für die Venezianer und Venezianerinnen kaum auszuhalten.

Die Politiker in Venedig warten nur darauf, dass die Touristen zurückkehren

Zuletzt kamen jährlich an die 30 Millionen Touristen, doch durch die Corona-Pandemie sind die Besucherzahlen drastisch gesunken. Glauben Sie, dass die Pandemie ein neues, verträglicheres Tourismuskonzept nach sich ziehen wird?

Nein, das denke ich nicht. Die Menschen, die in der Stadt die Entscheidungen treffen, sind Kapitalisten. In Venedig herrscht ein Hardcore-Kapitalismus. Der vorrangige Zweck menschlicher Anstrengungen ist in den Augen der meisten venezianischen Politiker, Geld zu machen – egal ob Covid oder nicht, ob Post-Covid oder Prä-Covid. Sie warten darauf, dass die Touristen zurückkehren, denn sie können sich einzig den Tourismus als Geldquelle vorstellen. Dass Venedig eine Stadt sein könnte, in der zum Beispiel viele weltweit tätige Organisationen und Stiftungen ihren Sitz haben könnten, ist außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Ebenso wie die Tatsache, dass man die Stadt lebenswert für die Einwohner gestalten sollte.

Sie sind in New Jersey geboren und leben seit einem halben Jahrhundert außerhalb der USA. Können Sie sich vorstellen, wieder in Ihre alte Heimat zurückzukehren?

Auf keinen Fall. Für eine Weile fühle ich mich dort immer wohl, die Menschen sind sehr nett, sehr freundlich. Aber wenn ich länger dort bin, fällt mir zunehmend auf, dass außerhalb der großen Städte der Grad an Bildung und das Wissen über die Welt meist recht provinziell sind. Ich habe nichts gegen die USA – ich möchte einfach nur nicht dort leben.

Welche Rolle spielt dabei die politische Situation der vergangenen Jahre?

Das hat damit nichts zu tun. Die Dinge scheinen sich unter Präsident Joe Biden auch etwas zu verändern, zumindest, wenn man die Klimapolitik betrachtet und den Umgang mit Afroamerikanern. Wie Schwarze in den USA behandelt werden, ist ein nationaler Skandal.

Sind Sie zur Europäerin geworden?

In manchen Bereichen ja, in anderen wiederum gar nicht. Ich bin – zumindest, was mein eigenes Leben betrifft – eine ausgeprägte Optimistin. Das ist sehr amerikanisch. Und wenn ich Menschen kennenlerne, stelle ich viele Fragen zu ihrem Leben. Auch das ist sehr amerikanisch, das machen Europäer eher selten. Europäerin bin ich in anderer Hinsicht geworden: Ich denke stärker in sozialen Zusammenhängen. Amerikaner machen sich eher Gedanken über ihr persönliches Leben, ihre Familie, ihre nächste Umgebung. Ich glaube, dass viele Europäer ein anderes Bewusstsein haben und sich grundsätzliche Fragen über das Leben stellen. Das führt dazu, dass sie sich Gedanken machen, wie Menschen ein angemessenes Leben führen können – dazu gehört auch soziales Wohlergehen.

Seit einem Jahr ist die Autorin Schweizer Staatsbürgerin

Sie haben vergangenes Jahr den Einbürgerungstest gemacht und sind seitdem Schweizer Staatsbürgerin. Warum war Ihnen das wichtig?

In den USA gibt es eine Redewendung: „Put your money where your mouth is“, also ungefähr: Rede nicht nur über eine Sache herum, sondern mach es. Ich habe so oft darüber nachgedacht und darüber geredet, Europäerin zu werden. Irgendwann habe ich zu mir selbst gesagt: Genug jetzt, dann werde jetzt auch Europäerin!

Haben Sie Ihren US-Pass noch?

Ja, den würde ich auch nicht aufgeben.

Einer Ihrer Großväter stammt aus Heidelberg. Hat er Ihnen einiges vom Leben in Deutschland, von Europa erzählt?

Das Seltsame, was ich nicht als Kind, sondern erst viel später erkannt habe: Viele Menschen, die früher in die Vereinigten Staaten gekommen sind, wollten vom ersten Moment an, wenn sie das Land betreten haben, Amerikaner sein. Sie ließen ihr früheres Leben und ihre Herkunftssprache hinter sich und lernten Englisch. Meine Großeltern kamen aus Deutschland, Spanien und Irland – und ich habe keinen von ihnen jemals über ihre Heimatländer sprechen hören. Das war nicht nur in unserer Familie so, sondern betraf die gesamte Generation von Einwanderern. Unsere Großeltern wollten Amerikaner sein, und sie wurden es.

Zum Schluss noch mal nach Italien: Wird Commissario Brunetti auch einen 31. Fall zu lösen haben?

Selbstverständlich! Ich arbeite immer und höre mit dem Schreiben erst auf, wenn ich keinen Spaß mehr daran habe. Und bislang habe ich noch Spaß.

Eine Amerikanerin in der Schweiz

Ihre Krimis spielen nach wie vor in Venedig, doch seit 2007 lebt Donna Leon im Münstertal im Schweizer Kanton Graubünden. Seit 1992 ihr erster Roman um Commissario Brunetti, „Venezianisches Finale“, erschienen ist (und ein Jahr später auf Deutsch herauskam), ist die US-Amerikanerin als Spezialistin für die italienische Lagunenstadt bekannt. Neben Krimis hat sie mehrere Bücher über Venedig geschrieben, wo sie viele Jahre lebte. Außerdem verfasst sie Texte über den von ihr besonders geschätzten Komponisten Georg Friedrich Händel und unterstützt finanziell Aktivitäten zu Händel, etwa CD-Einspielungen des Barockorchesters Il pomo d’oro.

Der neue Krimi von Donna Leon. © Quelle: --/Diogenes Verlag/dpa

Geboren wurde Donna Leon 1942 im US-Bundesstaat New Jersey. Nach ihrem Studium unterrichtete sie englische Literatur, unter anderem im Iran, in China und Saudi-Arabien. Seit 2020 hat sie neben der US- auch die Schweizer Staatsbürgerschaft.

Ihre Brunetti-Romane sind weltweit erfolgreich und werden in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Besonders beliebt sind die Krimis in Deutschland; zwischen dem Jahr 2000 und 2019 zeigte die ARD 26 Verfilmungen der Romane. Vor wenigen Tagen ist Leons 30. Brunetti-Roman „Flüchtiges Begehren“ (Deutsch von Werner Schmitz, Diogenes-Verlag, 315 Seiten, 24 Euro) erschienen.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen