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Kinoverbandsvorsitzende: „2G-plus-Regel ist ein Lockdown durch die Hintertür“

  • Die hohen Corona-Infektionszahlen wirken sich auch wieder auf die Kinobranche aus.
  • Sie steht erneut vor massiven Einschränkungen und sogar Schließungen, wie bereits in Sachsen geschehen.
  • Warum die 2G-plus-Regel der falsche Weg sei und was die Branche nun von der Politik fordere, erklärt Christine Berg, Vorsitzende des Kinoverbands HDF, im RND-Interview.
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Viele Bereiche des öffentlichen Lebens sind von der Corona-Pandemie in den vergangenen anderthalb Jahren betroffen gewesen. Einen Bereich hat es aber besonders hart getroffen: die Kulturbranche. Kinos und Theater durften erst im Sommer nach monatelangen Schließungen wieder öffnen. Angesichts der erneut hohen Corona-Infektionszahlen drohen nun wieder starke Einbußen, wie die Vorstandsvorsitzende des HDF Kino (Hauptverband Deutscher Filmtheater), Christine Berg, gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erklärt. Die 2G-plus-Regel bezeichnet sie als „Lockdown durch die Hintertür“. Im Interview erläutert sie außerdem die Forderungen des Verbandes an die Politik und betont aber auch, wie stark die Überbrückungsgelder der Regierung bislang durch die Pandemie geholfen haben.

Frau Berg, die Kinos durften für einen langen Zeitraum gar nicht öffnen, seit vier Monaten ist das wieder möglich. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück? Sind Sie zufrieden mit den Besucherzahlen?

Die Monate waren gut. Wir konnten uns aber von dem rund anderthalbjährigen Lockdown nicht erholen, das geht schlichtweg nicht. Eines ist aber nicht eingetroffen, was viele vorher gesagt haben: „Das Kino ist tot.“ Das ist nicht so. Wir haben seit dem 1. Juli bis heute 34,1 Millionen Tickets verkauft. Das ist gut und liegt natürlich an Filmen wie „James Bond“. Das liegt aber auch an Kinderfilmen wie „Paw Patrol“ oder „Die Schule der magischen Tiere“, und besonders an unserem Publikum, das Lust auf Kino hat und das weiß, dass Kino etwas Besonderes ist.

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Das ist erfreulich für Ihre Branche. Ist diese Kino-Euphorie aber immer noch so stark wie kurz nach den Öffnungen?

Die Zahlen gehen eindeutig zurück. Wir hatten noch vor zwei Wochen am Wochenende etwa 1,4 Millionen Besucherinnen und Besucher. Die Zahl ist am vorletzten Wochenende schon auf unter eine Million gesunken, jetzt liegt sie bei rund 800.000. Die neuen Regelungen, das merken wir ganz stark, greifen jetzt – und zwar im Negativen.

Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des Kinoverbands HDF. © Quelle: picture alliance / Flashpic

In Sachsen müssen Kinos ab sofort wieder schließen. In Bayern gelten scharfe Regeln für Lichtspielhäuser. Wirkt sich das auf Filmstarts aus?

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Wir gehen jetzt in Gespräche mit den Verleihern, weil wir natürlich die große Hoffnung haben, dass es keine Verschiebungen der Filme geben wird. Dafür werden wir auch werben. Im Moment steht kein Lockdown an. Wir werden zwar weniger Menschen empfangen können, weil wir auch ahnen, dass der eine oder andere sich nicht dafür entscheiden wird, aus dem Haus zu gehen. Die Angst der Menschen muss man verstehen und akzeptieren. Trotzdem sind die Filme, die in den kommenden Wochen in die Kinos kommen, bereits beworben worden. Wir wollen offen bleiben und brauchen deswegen einfach auch neue Filme.

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In einer aktuellen Mitteilung Ihres Verbands beklagen Sie, dass die Kinobranche im Vergleich mit beispielsweise der Gastronomie ungerecht behandelt wird.

Ich erkläre das am Beispiel Sachsen: Dort müssen die Kinos jetzt schließen. Die Gastronomie darf bis 20 Uhr geöffnet haben. Das ist für uns unverständlich. Ich habe am Montag mit einem Kinobetreiber aus Freiberg gesprochen, der meinte, dass er jetzt ganz viele Schulveranstaltungen absagen muss, obwohl er sich selbst sehr hohe Hygieneauflagen gegeben und gute Lüftungsanlagen eingebaut hat. Er hat große Säle und könnte somit genug Platz lassen. Kinder, die sich darauf gefreut haben, muss er jetzt enttäuschen. Sein Nachbar, der Gastronom ist, darf geöffnet haben. Das ist unvernünftig, das versteht man nicht mehr! Und das schürt auch Ärger in der Region, weil sich der eine fragt, warum er schließen muss und der andere weitermachen darf. Gerade die Kinder hatten in den vergangenen zwei Jahren fast keine kulturelle Teilhabe. Jetzt wollen wir sie wieder heranführen, aber dürfen es nicht mehr. Wie schon beschrieben, herrscht in Bayern das gleiche Problem mit der Ungerechtigkeit. Dort wird am Dienstag ein Gesetzentwurf vorgelegt, in dem steht, dass die Gastronomie mit 2G bis 22 Uhr öffnen darf. Für alle kulturellen Veranstaltungen gilt aber die 2G-plus-Regel mit einer Kapazität von nur 25 Prozent. Das verstehe ich nicht und kann ich nicht nachvollziehen. Es gibt keine Begründung dafür.

Sie üben auch heftige Kritik an der 2G-plus-Regel. Warum?

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Ich finde das ganz eindeutig: Die 2G-plus-Regel ist aus unserer Sicht ein Lockdown durch die Hintertür. Wir dürfen so wenige Leute hereinlassen, das ist ja fast wie ein Lockdown. Genau so ist die 2G-Regel eigentlich eine versteckte Impfpflicht. Wir sind dann so stark eingeschränkt, dass es sich fast gar nicht mehr lohnt, aufzumachen. Die Erfahrungen aus den letzten Monaten haben gezeigt, dass die Testpflicht ein großes Hemmnis für die Besucherinnen und Besucher ist. Ein erneuter Lockdown wäre für viele Kinos das endgültige Aus.

Ist es bei den verschärften Regelungen überhaupt noch wirtschaftlich sinnvoll, bei einem so kleinen Publikum geöffnet zu bleiben?

Diese Frage muss sich jeder Kinobetreiber stellen. Fest steht: Wir wollen geöffnet bleiben, wir wollen Filme zeigen, und wir wollen Menschen in eine andere Welt verzaubern. Wir wollen nicht schließen! Ein großes Begehren ist dabei, dass wir aufeinander achtgeben. Seitdem wir wieder aufgemacht haben, haben wir Konzepte umgesetzt, die über die Auflagen der jeweiligen Landesregierung hinausgehen. Wir haben Wohlfühlabstand eingeführt, weil wir festgestellt haben, dass die Leute nicht so dicht beieinandersitzen möchten, obwohl sie das dürften. Ein weiteres Beispiel ist, dass ein Mund-Nasen-Schutz bis zum Platz getragen werden musste, obwohl das keine Vorgabe war. Es wurden hervorragende Belüftungsanlagen installiert, die regelmäßig geprüft werden. Wir tun ganz viel, um nicht wieder schließen zu müssen.

Sie fordern, wie schon seit Längerem, erneut bundesweit einheitliche Regeln für die Kinos. Welche wären das?

Bundesweit 2G in den Kinos. Kinder und Jugendliche von zwölf bis 18 Jahren sind davon ausgenommen und müssen negativ getestet sein. Punkt.

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Wie stehen Sie als Verband zum Thema Impfen?

Wir sagen unseren Kinobetreibern, dass sie für das Impfen werben sollen. Das ist im Moment das einzige Mittel, um dieser Pandemie Herr zu werden. Da kann man nur appellieren: Impft euch. Impft euch, damit wir weiter aufmachen können.

Sie sagten, dass das Kino nicht tot sei. Wie viele Kinos mussten dennoch während der Pandemie endgültig schließen?

Das waren nur sieben Kinos. In Deutschland gibt es insgesamt knapp 1800 Kinos. Wir sind bislang gut durch die Pandemie gesegelt.

Ist das auch den Hilfen aus der Politik zu verdanken?

Absolut, aber das hat auch noch andere Faktoren. Wir hatten vor der Pandemie einen ganz klaren Investitionsstau. Die Kinos hatten sich gerade gerüstet und Geld zur Seite gelegt, um zu investieren. Dazu gab es auch noch ein Investitionsprogramm der Regierung. Aber dann kam der erste Lockdown. Es haben vor allem drei Dinge gegriffen. Erstens hatten viele Kinos Rücklagen für Investitionen gebildet, die sie sofort nehmen konnten. Zweitens waren die Hilfen in Deutschland gut angelegt. Das fängt beim Kurzarbeitergeld an, was enorm geholfen hat. Ebenso die Überbrückungshilfen, auch wenn das Prozedere etwas schleppend lief, aber es hat geholfen. Drittens sind die Kinobetreiber Unternehmer, die geben nicht einfach auf. Unsere Kinos sind zu rund 80 Prozent Familienbetriebe in mindestens dritter Generation. So was gibt man nicht auf, darum kämpft man bis zum Schluss.

Was wird mit Blick auf die kommenden Monate und über die Krise hinaus an Hilfen benötigt?

Die Überbrückungshilfe III muss bis Mitte nächsten Jahres verlängert werden. Dadurch dass die Politik es versäumt hat, uns rechtzeitig Regeln zu geben, ist der Winter für uns durch. Selbst wenn es eine flächendeckende Impfpflicht geben sollte, greift diese ja im Winter nicht mehr. Als Zweites benötigen wir ein gutes Förderprogramm, was uns hilft, wenn wir geöffnet haben, aber nicht genügend Tickets verkaufen können, damit wir unsere Kosten irgendwie abfedern können.

Streaminganbieter sind auch in Deutschland immer weiter auf dem Vormarsch. Gehen Filmemacher dazu über, für diese zu produzieren und nicht mehr für die Kinosäle?

Ich kann keine Rückschlüsse ziehen, ob das tatsächlich pandemiebedingt geschieht. Aber in der Tat boomt die Produktionsbranche in Deutschland – vor allen Dingen bei den Streaminganbietern wie Amazon Prime Video oder Netflix.

Sehen Sie in der Konkurrenz eine Gefahr für Ihre Branche?

Solange weiter gute Kinofilme produziert werden, bin ich da ganz entspannt. (lacht) Und solange sich die Kinofilme abheben von dem, was man bei den Streamingdiensten sehen kann, und das Kino etwas Besonderes bleibt, habe ich keine Angst. Man könnte auch ketzerisch sagen, dass es gut ist, wenn manche Filme, die keine hohe Kinoqualität haben, aber absolut ihre Berechtigung haben, bei den Streamingdiensten laufen. Denn da gehören sie auch hin. Das sind Filme, die vielleicht gar nicht die große Leinwand brauchen. Wir haben wahnsinnig viele Filmstarts in Deutschland. Wenn die Zahl damit etwas reduziert wird und ein Film, der im Kino vielleicht etwas untergehen würde, dadurch mehr Platz bekommt, kann das sogar etwas Positives für die Zukunft sein.

Der HDF Kino (Hauptverband Deutscher Filmtheater) ist nach eigenen Angaben die zentrale Interessensgemeinschaft der Kinobetreiber in Deutschland und vertritt deren Belange gegenüber Politik und Wirtschaft. Mit circa 600 Mitgliedsunternehmen, die etwa 75 Prozent der deutschen Leinwände bespielen, repräsentiere der Verband ein breites Spektrum an Betriebstypen – von kleinen Lichtspielhäusern auf dem Land über Filmkunsttheater und mittelständischen Kinos bis hin zu Multiplexen. Ziel des HDF sei es, die Vielfalt und Qualität der deutschen Kinolandschaft zu stärken und Filmen eine optimale Auswertung auf der großen Leinwand zu ermöglichen.

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