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  • Kinostart von "Berlin Alexanderplatz": Jella Haase im Interview

Schauspielerin Jella Haase: “Wir leben in einer roughen Gesellschaft”

  • Jella Haase spielt in der Neuverfilmung Alfred Döblins “Berlin Alexanderplatz“ die Mieze.
  • Um ihre Filmfigur zu verstehen, hat sie sich mit einer ehemaligen Escort-Dame getroffen.
  • Ihr Film ist für sie eine Aufforderung, sich genauer umzuschauen in Deutschland.
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Frau Haase, wie würden Sie Alfred Döblins Roman jungen Lesern anpreisen?

Ich bin da ganz ehrlich: Ich fand den Roman nicht unschwer. Man muss sich an dieses literarische Jahrhundertwerk vorsichtig rantasten.

Wie haben Sie sich denn an den Roman rangetastet?

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Bei der Vorbereitung auf die Dreharbeiten. Ich habe auch viel drumrum gelesen, Milieustudien zum Beispiel. Ich habe alles regelrecht aufgesogen, um dann mit unserem Regisseur Burhan Qurbani eine ganz neue, zeitgemäße Perspektive auf die Figur Mieze zu entwickeln.

Sie haben doch ein paar Semester Literatur studiert: Sind Sie an der Uni nicht auf den Roman gestoßen?

Na ja, an der Uni bin ich übers Einschreiben nicht wesentlich hinausgekommen. Ich hatte einfach nie genug Zeit. Das Studium steht deshalb immer noch auf meiner Agenda. Der Uni dürfen Sie also nicht den Vorwurf machen, mir Alfred Döblins Roman “Berlin Alexanderplatz” vorenthalten zu haben.

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Haben Sie für Ihre Filmfigur Mieze auch im Prostituiertenmilieu recherchiert?

Ich habe mich mit einer ehemaligen Escort-Dame getroffen, die über ihre Erlebnisse ein aufschlussreiches Buch geschrieben hat. Für sie war es wichtig, den Männern mit ihrer Arbeit ein Gefühl des Ankommens zu geben, sie zu empfangen. Das war weit weg vom Straßenstrich am Kurfürstendamm.

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Was hat diese Berufsauffassung für Ihre Film-Mieze bedeutet?

Unsere Mieze arbeitet selbstbestimmt, auch wenn sie dann feststellen muss, wie viel Zwang mit dem Geschäft verbunden ist. Aber wir wollten ein Klischee knacken. Mieze sagt: Ich will zum Leben hingehen und es ansehen. Sie schaut auch ihrem Franz in die Augen.

Berlinale-Premiere von "Berlin Alexanderplatz": Jella Haase Arm in Arm mit Hauptdarsteller Welket Bungue. © Quelle: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/

Wann wussten Sie, dass es funktionieren würde, Döblins Roman in die Gegenwart zu holen?

Ich war geradezu erleichtert, als ich das Drehbuch las. Momentan werden so viele literarische Klassiker quasi als Remake verfilmt. Ich frage mich dann immer: Wo bleibt eine moderne Sicht auf die Dinge? Nur dann kann der Stoff doch relevant für uns sein. Wir leben nicht mehr in den 1920er-Jahren. Außerdem haben wir ja schon die perfekte Serie über diese Zeit: Sie heißt “Babylon Berlin”.

Was musste sich für die Aktualisierung ändern?

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Nehmen Sie das Frauenbild: Meine Mieze kommentiert das Geschehen aus dem Off – und zwar aus einer liebenden, wissenden, selbstbestimmten Sicht. Und dann natürlich Franz Biberkopf selbst, diese urdeutsche Figur, die wir in den afrikanischen Zufluchtsuchenden Francis verwandeln. Es geht hier um das Ankommen eines Menschen, der sich nach einem guten Leben sehnt – ein universelles Thema in einer globalisierten Welt.

Was kann der Zuschauer aus dem Film mitnehmen?

Er nimmt Menschen wahr, die er sonst leicht übersieht. Wer schert sich sonst wirklich um einen schwarzen Drogendealer in der Hasenheide? Wir leben in einer roughen Gesellschaft, in der Populismus, Verrohung und Nichtbeachtung immer mehr zunehmen. Dieser Film ist eine Aufforderung zum genauen Hinschauen.

Hat das Coronavirus jetzt noch einmal den Umgang zwischen Menschen verändert?

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Ich habe das Gefühl, dass in den vergangenen Monaten Mauern zwischen Ländern hochgezogen wurden: Die Medien klassifizierten und zählten jeden Tag, wie viele Italiener, Deutsche oder Franzosen aktuell von dem Virus betroffen waren. Da wurden Ängste geschürt, Abgrenzungsgefühle provoziert und die Furcht vor dem Fremden noch einmal verstärkt – mehr als das in unserer Gesellschaft sowieso schon der Fall ist. Denn die Lehre aus dem Virus ist doch, dass wir global agieren müssen.

Szene aus "Berlin Alexanderplatz": Mieze (Jella Haase) und Francis (Welket Bungué).

Können Sie Francis’ Sehnsucht nachvollziehen, an einem Ort ankommen zu wollen?

Ich bin viel unterwegs für meine Arbeit. Deshalb verspüre ich oft eine riesige Sehnsucht, wieder zu Hause in Berlin einzutreffen und mich in meinen eigenen vier Wänden niederzulassen. Ich bin glücklich, dass ich in dieser Stadt so ein Gefühl der Verwurzelung spüre.

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