Kinos in der Krise: Wie geht es nach Corona weiter?

  • Abgesagte Festivals, verschobene Filmstarts, geschlossene Häuser ...
  • Die Kinos stecken in ihrer vermutlich größten Krise.
  • Aber große Krisen hat die Filmkunst schon viele überstanden.
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Der neue James-Bond-Film müsste dringend noch einmal überarbeitet werden, bevor er endlich in die Kinos kommt. Nach allem, was wir wissen, missachtet 007 in “Keine Zeit zu sterben” konsequent die Regeln der sozialen Distanzierung. Er soll sich Frauen, die nicht seinem Hausstand angehören, auf weniger als 1,50 Meter nähern (oder diese sich ihm). Er trägt keine Schutzmaske vorm Gesicht. Und wie jettet der Mann rastlos um die Erde? Zumindest noch stehen ganze Fluglinien eingemottet am Boden.

Dem neuen Bond haftet plötzlich die Anmutung eines Historienfilms aus einer untergegangenen Ära an. Können Geheimagenten ihren Job eigentlich auch per Videokonferenz erledigen?

Berlin hatte für Daniel Craig den roten Teppich schon ausgerollt

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Ursprünglich sollte das heiß ersehnte 25. Bond-Abenteuer im April in die Kinos kommen. Die weltumspannende Premierentournee war bereits gebucht. Wir erinnern uns: So eine globale Werbeveranstaltung war in der Vor-Corona-Zeit obligatorisch für einen Blockbuster, der auf sich hielt. Berlin hatte für Daniel Craigs Kurzstopp den roten Teppich schon ausgerollt.

Früher als viele andere erkannten die Bond-Produzenten jedoch die Bedrohung durch die heraufziehende Pandemie. Sie verlegten den Start in einer Hauruckaktion auf Mitte November. Mancher rieb sich angesichts dieser Entschlossenheit verwundert die Augen.

Ein Blockbuster ist eine teure Investition

Die Konsequenzen so einer Entscheidung sind enorm. Ein Blockbuster ist eine teure Investition. Für Produktion und Vermarktung muss man sich viele Millionen Dollar von den Banken leihen, und diese müssen so schnell wie möglich wieder eingespielt werden – nicht nur in den USA, sondern auch auf immer wichtiger werdenden Märkten wie dem in China. Ob es mit dem globalen Novemberstart nun wirklich klappt?

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Mitte März mussten 1734 deutsche Kinos schließen. Der Hauptverband Deutscher Filmtheater geht seitdem von Verlusten von rund 17 Millionen Euro aus. Pro Woche. Kinos haben keine durchsetzungsstarke Lobby im Rücken wie Auto- oder Tourismuskonzerne. Auch auf Rettungsschirme dürfen sie, anders als staatlich subventionierte Kultureinrichtungen, kaum hoffen. Und Kredite helfen nur bedingt: Plätze lassen sich auch in einer glücklicheren Zukunft nicht doppelt besetzen.

Maske ist Pflicht, bis man auf seinem Platz sitzt

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Die Kinos stehen ganz hinten in der Warteschlange bei der Rückkehr zur sogenannten neuen Normalität, in etwa gleichauf mit Theatern und Konzertveranstaltungen. Immerhin: Nun geht es nach und nach wieder los – in China genauso wie auch hierzulande in den meisten Bundesländern.

Gerade kleinere Arthouse-Kinos sind froh über das Ende der Hängepartie. Die inzwischen allgegenwärtigen Plexiglaswände lassen sich auch hier hochziehen, Ein- und Ausgänge trennen, Tickets online verkaufen. Die Maske ist Pflicht, bis man auf seinem Platz sitzt. Und Popcorn soll auch künftig im Angebot sein.

Filme gibt es reichlich – darunter allerdings vornehmlich solche, die schon kurzfristig ins Kino gehüpft waren wie etwa die “Känguru-Chroniken”, die zwischendurch online zu sehen waren und nun auf die Leinwand zurückkehren sollen. Der große Renner dürften sie kaum mehr werden. Viele potenzielle Publikumsmagneten sind erst einmal in die Zukunft verschoben worden, Tom Cruise mit seiner “Top Gun”-Fortsetzung beispielsweise in den Dezember.

Wie sollen Filme künftig Gewinne einspielen?

Wie aber sollen Filme künftig überhaupt Gewinne einspielen, wenn bei jeder Vorstellung nur ein Drittel der Zuschauer zugelassen sind, weil zwischen ihnen Plätze frei bleiben müssen? Und wie soll ein Film sinnvoll beworben werden, wenn jedes Bundesland seinen eigenen Öffnungsfahrplan festlegt?

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Den Kinostart etwa der schon bei der Berlinale gefeierten Neuversion von “Berlin Alexanderplatz” schiebt der ratlose Verleih seit Wochen hin und her, um den richtigen Aufbruchmoment zu erwischen. Und eines ist gewiss: Später im Jahr werden sich die Filme drängeln.

Wagen sich Menschen künftig überhaupt noch in einen dunklen Saal?

Und dann ist da noch die alles entscheidende Unsicherheit: Wagen sich Menschen künftig überhaupt noch in einen dunklen Saal, in dem eine Klimaanlage Viren durch die Luft schleudern könnte? Oder haben sie sich inzwischen daran gewöhnt, Filme vereinzelt auf dem Sofa zu genießen und nicht mehr als Gemeinschaftserlebnis vor der Leinwand?

Schon vor Corona nervte es die großen Studios, dass die Kinos ein erstes Zugriffsrecht auf Filme haben. Sie arbeiteten daran, dieses Zeitfenster zu verkleinern, das in Deutschland bei mindestens vier Monaten liegt. In der Corona-Krise machen sie nun die Probe aufs Exempel. “Berlin, Berlin” um die aufgekratzte Hauptstadtbewohnerin Lolle landete direkt bei Netflix. Disney nutzt Synergieeffekte: Das Fantasyabenteuer “Artemis Fowl” präsentiert der Konzern auf der eigenen, neuen Plattform Disney+ – allerdings wohl noch nicht in Deutschland, weil der Film nicht mehr rechtzeitig vor Corona synchronisiert werden konnte.

Ärger gab es um den Animationsfilm “Trolls World Tour”

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Richtig Ärger gab es um den Animationsfilm “Trolls World Tour”. Die Fortsetzung aus dem Hause Universal ging schnurstracks in den sogenannten Premium-Onlineverleih (Kosten pro Film: knapp 20 Dollar in den USA, rund 15 Euro in Europa). Universal machte offenbar ein gutes Geschäft. Auf allen beteiligten Streamingplattformen habe der Film den ersten Platz der Downloads erreicht. Angeblich spielte der Animationsfilm allein in den USA in den ersten drei Wochen knapp 100 Millionen Dollar ein.

Universal-Boss Jeff Shell kündigte begeistert an, dass das Studio Filme künftig auf der Leinwand und im Netz zeitgleich herausbringen werde. Der internationale Filmtheaterbetreiber AMC – in Deutschland gehört die UCI-Kette dazu – reagierte prompt: “Ab sofort wird AMC keinen Film von Universal in einem seiner Kinos in den USA, Europa oder dem Mittleren Osten vorführen”, so AMC-Chef Adam Aron.

Es geht ums Überleben

Die heftige Replik zeigt: Es geht ans Eingemachte. Es geht ums Überleben. Das Geschäftsmodell zerbröselt. Inzwischen wird schon darüber spekuliert, ob AMC ein Übernahmekandidat für Amazon und dessen hauseigenen Streamingdienst sein könnte.

Und dann tat auch noch die Oscar Academy etwas, was einem Sakrileg gleichkam: Sie kündigte an, Filme ausnahmsweise auch ohne jegliche Kinoauswertung ins Preisrennen aufzunehmen. Bislang beugte sich sogar der nach Oscar-Lorbeeren lechzende Streaminggigant Netflix zähneknirschend dem Reglement: Filme wie “Roma” oder “The Irishman” mussten einen Kinostart haben. Nun aber sind die Kinos dicht.

Ausnahme könnte ein weiterer Sargnagel fürs Kino sein

Am 28. Februar 2021 könnte also ein Film im Dolby Theatre zu Los Angeles den populärsten Kinopreis der Welt gewinnen, der nie auf einer Leinwand zu sehen war. Kann es noch viel schlimmer kommen für die schon vor Corona kriselnde Kinoindustrie? Kann es: Angeblich sinniert die Academy sogar darüber, den Termin um Monate zu verschieben. “Wir erkennen an, wie wichtig es ist, dass die Arbeit unserer Kollegen gefeiert wird”, ließ sich Academy-Präsident David Rubin vernehmen. Dann fügte er sicherheitshalber hinzu: “Die Academy ist der festen Überzeugung, dass es keine bessere Möglichkeit gibt, die Magie des Films zu erleben, als ihn in einem Kino zu sehen.”

Manche Kritiker meinen, dass diese Ausnahme ein weiterer Sargnagel fürs Kino sein könnte. Hollywood hole sich den Feind ins eigene Bett. Streamingdienste profitieren schon jetzt: Ihre Abonnementzahlen übertreffen die eigenen Prognosen. In Deutschland werden Kundenkreise erschlossen, die bislang damit zufrieden waren, am Sonntag um 20.15 Uhr den “Tatort” einzuschalten.

Lange sah es so aus, als würde zumindest das weltweit wichtigste Schaufenster der Kinokunst heldenhaften Widerstand gegen das Virus leisten: Das Filmfestival Cannes hielt unbeirrt an einem vom Mai in den Sommer verlegten Termin fest. Man weiß am südfranzösischen Mittelmeer um die eigene Verantwortung: Das Festival ist der Garant großer Kinomomente. Im Vorjahr begann der koreanische Indiefilm “Parasite” dort seinen Siegeszug, der schließlich mit Oscars gekrönt wurde. Sir Elton John verdrückte im Musical “Rocketman” über sein eigenes Leben ein paar Tränen. Leonardo DiCaprio, Brad Pitt und Quentin Tarantino sorgten mit “Once Upon a Time in Hollywood” für Aufruhr.

Inzwischen hat auch Cannes kapituliert

Inzwischen aber hat auch Cannes kapituliert. “Ich habe mich immer auf das Schlimmste vorbereitet ... und das Schlimmste ist eingetreten”, hat Cannes-Chef Thierry Frémaux gesagt. “Das Festival hätte nur so stattfinden können wie sonst auch. Wenn es aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich ist, dann ist es gar nicht möglich.”

Filme von Wes Anderson, Christopher Nolan, Aaron Sorkin, Nanni Moretti und Paul Verhoeven, allesamt hoch gehandelt für den Wettbewerb, verschwinden erst einmal wieder in der Schublade. Sie brauchen nun eine ganz neue Marketingstrategie. Das Label “Cannes” als Qualitätsnachweis dürfen sie aber wohl trotzdem tragen.

Es geht um große Deals

In Cannes geht es aber auch um große Deals. Auf der angeschlossenen Messe werden Werke vom Horrorfilm bis zur Klamotte in die ganze Welt verkauft. Die Branche versucht es nun mit einer digitalen Ausgabe: Ende Juni sollen die Marktbeschicker online um die Ware feilschen.

Cannes-Chef Frémaux aber will mit seinem geliebten Kino nicht ins Digitale abwandern – so wie es andere Festivals in ihrer Not tun. Das Argument der Veranstalter: Man könne online wenigstens ein bisschen Aufmerksamkeit für die Filmemacher wecken. Daniel Sponsel, Leiter das Dokumentarfilmfestivals München, hat mit seiner Onlineausgabe im Mai sogar neues Publikum hinzugewonnen. Einen der wichtigsten Jobs erfüllen Festivals online genauso wie analog: Sie kuratieren Werke und bahnen Zuschauern den Weg durch den Bilderdschungel.

Aus der Not ist eine überraschende Kooperation geboren

Was mit dem bedeutenden Venedig-Festival im September geschieht, steht noch in den Sternen. Die Planungen laufen einstweilen auf Hochtouren. Gut möglich aber, dass die winterliche Berlinale das einzige international bedeutende Festival in diesem Jahr bleibt, das dem Virus noch gerade so entkommen ist.

Immerhin ist aus der Not eine überraschende Kooperation geboren: Mehr als 20 Festivals, darunter die in Berlin, Venedig und Cannes, haben sich zu einer zehntägigen virtuellen Veranstaltung zusammengeschlossen, die seit gestern frei im Netz verfügbar ist. “We Are One – A Global Film Festival” heißt das Youtube-Projekt.

Es handelt sich um ein trotziges Lebenszeichen – und nicht viel mehr. Pessimisten unken bereits, das Arthouse-Filme in Arthouse-Kinos künftig nur noch eine Chance haben, wenn sie subventioniert werden. Das Kino wäre dann eine Art Museum.

Kein Anlass für Optimismus?

Gibt es also gar keinen Anlass für Optimismus? Vielleicht doch. Ein Indiz dafür ist die unverhoffte Wiederauferstehung der Autokinos – in den vergangenen Monaten die einzig mögliche Form, Filme auf der großen Leinwand zu erleben. “Wir haben einen Riesenzulauf. Die Autokinos schießen aus dem Boden wie Pilze”, sagte etwa Heiko Desch vom ältesten Autokino Deutschlands in Gravenbruch.

Die Regeln im isolierten Wagen sind streng: Verpflegung muss mitgebracht werden. Maximal zwei Personen plus die eigenen Kinder dürfen im Auto sitzen. Und die online erstandenen Tickets werden durch die geschlossene Fensterscheibe gescannt.

Zudem gibt es eine Studie, wonach sich eine übergroße Mehrzahl der Menschen zurück ins Kino sehnt. Demnach ist ihnen ein Kinobesuch wichtiger als der eines Fitnessstudios oder einer Diskothek. Nur Restaurants wurden ähnlich stark vermisst.

Kino ist immer wieder totgesagt worden

Bleibt zu hoffen, dass die Marktforscher von S&L Research bei ihrer optimistischen Prognose richtig liegen. Richtig ist: Das Kino ist in seiner gut hundertjährigen Geschichte immer wieder mal totgesagt worden. Es lebt immer noch.

Wer ein unverbesserlicher Cineast ist wie Cannes-Chef Frémaux, der sieht die Sache aus einer ganz anderen Perspektive: “Stellen wir uns für eine Sekunde die gegenteilige Situation vor: Ein Computervirus legt alle Bildschirme lahm. Dann würden die Leute sofort in die Kinos eilen.”

Falls das nicht passieren sollte, sind immerhin schon wieder spektakuläre Kinoprojekte in der Pipeline. Tom Cruise hat bereits angekündigt, einen Film im Weltraum drehen zu wollen. Den richtigen Partner hat er sich bei dieser Mission impossible schon an die Seite geholt: Tesla-Chef Elon Musk. In dessen Space-X-Rakete will sich Cruise in den Weltraum schießen lassen. Gedreht werden soll auch in der Internationalen Raumstation (ISS). Die US-Raumfahrtbehörde Nasa freut sich schon auf die Zusammenarbeit.

Die Idee klingt verlockend: Bis ins All dürfte das Coronavirus noch nicht vorgedrungen sein.

“Staat, Sex, Amen”
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