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Kinokritik: So überzeugt Corinna Harfouch im Drama “Lara”

  • Der “Oh, Boy!”-Regisseur Jan-Ole Gerster legt nach sieben Jahren Pause seinen zweiten Kinostreich vor.
  • Im Mutter-Sohn-Drama “Lara” (Kinostart am 7. November) legt Corinna Harfouch eine Glanzleistung hin
  • Das Publikum fühlt mit der besitzergreifenden Heldin, die zu allerhand Gemeinheiten und Grausamkeiten fähig ist.
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Sieben Jahre sind eine lange Zeit, sogar im zähen Kinogeschäft, wo es lange dauern kann vom ersten Drehbuchentwurf bis zum fertigen Produkt. Wer vor sieben Jahren einen Film gedreht hat, muss damit rechnen, schon wieder vergessen zu sein.

Keiner, der seinen Erstling gesehen hat, dürfte jedoch Jan-Ole Gerster vergessen haben. Sein „Oh Boy“ war 2012 der Knüller der Saison: mehr als 300 000 Besucher, sechs Deutsche Filmpreise – und das alles mit einem Regiedebüt in Schwarz-Weiß, das beinahe ohne Handlung auskommt. Ein junger Mann, Typ Studienabbrecher, lässt sich zu Jazzklängen einen Tag lang durch Berlin treiben, trifft ein paar Leute und sehnt sich nach einer Tasse Kaffee, die er irgendwie nie bekommt. Für Hauptdarsteller Tom Schilling („Werk ohne Autor“) begann damals die Karriere.

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Nach diesem hochgelobten Auftakt standen für Gerster viele Wege offen. Vielleicht hat es genau deshalb so lange gedauert. Der Druck muss riesig gewesen sein. Gerster arbeite an einer Verfilmung von Christian Krachts Kokosnuss-Roman „Imperium“, verlautete es aus der Gerüchteküche, vielleicht aber auch an einem Stück über die Berliner Clubszene nach 1989.

Jetzt ist der Regisseur mit „Lara“ wieder aufgetaucht – und auf den ersten Blick scheint es, als habe er einfach da weitergemacht, wo er einst aufgehört hatte: Dieses Mal driftet eine Frau einen Tag lang durch Berlin.

Und doch ist vieles anders. Die Bilder sind farbig. Gerster hat das Drehbuch nicht selbst geschrieben, sondern der slowenische Autor und Filmemacher Blaz Kutin. In „Lara“ spielt klassische Musik eine Hauptrolle, und das hat seinen Grund: Lara (Corinna Harfouch) ist eine verhinderte Pianistin, die ihren gesamten Ehrgeiz auf Sohn Viktor (wiederum Tom Schilling) projiziert.

Der unfassliche Moment - Lara will aus dem Fenster springen

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Viktor will an diesem Abend bei einem Konzert seine erste eigene Komposition präsentieren. Es ist zugleich Laras 60. Geburtstag. Auf der Konzertbühne könnte sich ein Kreis schließen, mehr noch für die Mutter als für ihren Sohn. Bloß hat sich Viktor seit Tagen nicht mehr bei Lara gemeldet. Seine Mailbox muss voll von ihren Anrufen sein.

Wir lernen Lara am Morgen in ihrer Hochhauswohnung kennen. Langsam wird es hell, wir nehmen die Umgebung mit der Erwachenden wahr: das Foto mit dem Sohn auf dem Schrank, den Klavierhocker vor der Wand, wo bis vor Kurzem Viktors Instrument gestanden haben muss und jetzt eine Lücke klafft.

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Lara steht auf, stellt einen Stuhl vors geöffnete Fenster und klettert hinauf. Lara will springen. Dass sie es nicht tut, ist einem Zufall geschuldet: Es klingelt an der Tür.

In anderthalb Kinostunden spaziert man durch Laras Leben

So zieht sie wenig später eben ihren weinroten Mantel an, hebt ihr gesamtes Geld von der Bank ab und kauft sogleich die restlichen 22 Konzertkarten auf, die noch zu haben sind. Bis zum Abend wird sie diese an die Menschen verschenken, die für sie von Bedeutung sind – und an einige andere auch, die ihr zufällig über den Weg laufen, zum Beispiel auf einer Damentoilette.

In wenig mehr als eineinhalb konzentrierten Kinostunden spazieren wir durch Laras Leben. Wie bei einem Puzzle fügen sich die Teile präzise ineinander. Und doch bleiben Narben, verursacht durch tiefe Verletzungen in Laras Familie.

Lara sucht ihren alten Klavierlehrer auf, der ihr einst mit einer einzigen Bemerkung den Mut zum Spielen nahm – und verfährt dann genauso brutal mit einem zufällig anwesenden 13-jährigen Schüler. Sie geht zur Stadtverwaltung, die ehemalige Arbeitsstätte der Frühpensionierten – und die Kolleginnen scheinen immer noch vor der früheren Chefin zu erstarren. Sie begegnet der Musikerfreundin ihres Sohnes – und zerbricht in einem unbeobachteten Moment deren Geigenbogen. Ihrem Sohn Viktor kommt sie erst einmal nicht näher. Ihr Ex-Mann Paul (Rainer Bock) schirmt ihn vor ihr ab. Wir beginnen allmählich zu verstehen, warum.

Jan-Ole Gerster ist Fan der Filme von Michael Haneke

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Der Regisseur Gerster hat bekundet, dass die Filme des Österreichers Michael Haneke für ihn bedeutsam sind. Sofort kommt einem dessen „Klavierspielerin“ (2001) nach einem Roman von Elfriede Jelinek und mit Isabelle Huppert in der Titelrolle in den Sinn.

Die seelischen Abgründe sind auch in diesem Mutter-Sohn-Drama tief. Doch atmet „Lara“ nicht die Eiseskälte, für die Hanekes Filme berüchtigt sind. Hier bekommt man ebenso Angst vor der Hauptfigur wie um sie.

Gerster verliert auch nicht seinen trockenen Humor, den wir schon in „Oh Boy“ schätzen lernten. Sein Timing ist schlafwandlerisch sicher: Er weiß genau, wann er aus einer Szene aussteigen muss, damit der Zuschauer sie selbst zu Ende denkt.

Für Corinna Harfouch ist „Lara“ ein Fest. Kaum eine Szene, in der sie nicht präsent ist. Kaum eine Begegnung, in der diese verhärtete Frau nicht die Falten der Verachtung um ihre Mundwinkel schärft. Und doch fühlen wir mit der besitzergreifenden Protagonistin, die nicht nur anderen, sondern auch sich selbst mit jedem bösen Satz wehzutun scheint.

Es hat sich gelohnt, sieben Jahre lang auf „Lara“ zu warten.

„Lara“, Regie: Jan-Ole Gerster, mit Corinna Harfouch, Tom Schilling, 98 Minuten, FSK 0

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