Kinokritik „Mein Leben mit Amanda“: Wege aus dem Trauma

  • Der Film „Mein Leben mit Amanda“ erzählt vom Verlust eines nahen Menschen.
  • Regisseur Mikhaël Hers behandelt seine Figuren mit sanftem Respekt.
  • Gut, dass nicht Hollywood diesen sensiblen Stoff überdramatisiert hat.
Martin Schwickert
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Es ist Sommer in Paris, das Leben auf den Straßen unbeschwert. Mit dem Fahrrad fährt David (Vincent Lacoste) durch die Stadt – ein schlaksiger 24-Jähriger, aus dessen Gesicht die Jugendlichkeit noch nicht verschwunden ist. Mit Gelegenheitsjobs hält er sich über Wasser.

Wenn er seine siebenjährige Nichte Amanda (Isaure Multrier) mal wieder zu spät von der Schule abholt, wäscht die alleinerziehende Sandrine (Ophélia Kolb) dem Bruder den Kopf. Zum Picknick im Park kommt David wie immer zu spät. Auf dem Weg überholen ihn Polizei- und Krankenwagen. Ein Terrorist hat wahllos in die Menge geschossen. Sandrine hat den Anschlag nicht überlebt.

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Sekundenkurz zeigt Mikhaël Hers in „Mein Leben mit Amanda“ diese stummen Bilder des Schreckens und widmet sich dann den Überlebenden, die mit den traumatischen Folgen der Gewalttat umgehen müssen. Als nächster Verwandter ist es David, der sich um Sandrines Tochter kümmern muss. Er liebt seine kleine, kluge Nichte, aber er ist von der Aufgabe überfordert.

Was hätte wohl Hollywood aus der Geschichte gemacht?

Mit Respekt für die Figuren erzählt „Mein Leben mit Amanda“ von dieser Annäherung unter traumatischen Bedingungen. Daraus ist ein sanfter Film über die Flexibilität der menschlichen Seele entstanden.

Der Regisseur schreibt seinen Figuren keine Katharsis vor, er begleitet sie beim Suchen nach Wegen aus dem Schmerz. Mit einer fast schon magischen Umsicht verhandelt Hers dieses Thema und kommt ohne aufdringliche Geschmacksverstärker aus. Nicht auszudenken, was Hollywood daraus gemacht hätte.

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„Mein Leben mit Amanda“, Regie: Mikhaël Hers, mit Vincent Lacoste, Ophélia Kolb, Isaure Multrier, 107 Minuten, FSK 6