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“Tenet” kommt ins Kino – Höchste Zeit, die Welt zu retten

Zeit ist nicht zu begreifen: Elizabeth Debicki und John David Washington in einer Szene des Films “Tenet”, in dem Gegenwart und Zukunft quasi gleichzeitig stattfinden.

Große Blockbusterproduktionen werden normalerweise weltweit am gleichen Tag in die Multiplexe eingespeist. Aber auch die großen Studios müssen im Zuge der Pandemie improvisieren. Ein gleichzeitiger Zugriff auf Lichtspielhäuser in den USA, Südamerika, Europa und Asien wird auf absehbare Zeit nicht möglich sein. Nun wagt Warner den kommerziell riskanten Move und startet Christopher Nolans “Tenet” in Europa und zahlreichen anderen Ländern. In den USA hingegen wird der Film erst ab dem 3. September zunächst nur in einzelnen Regionen zu sehen sein.

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Der erste Blockbuster seit Lockdown-Beginn

Dass “Tenet” sich als erste große Hollywoodproduktion in der Corona-Krise auf den Weltmarkt traut, darf auch als Bekenntnis eines der wichtigsten Regisseure unserer Zeit verstanden werden, dessen neues Werk für die angeschlagenen Kinobranche das notwendige Überlebenselexier sein könnte.

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Da passt es nur zu gut, dass Kinoretter Nolan einen echten Weltenretter ins Zentrum seines philosophisch-physikalisch aufgeladenen Spionagethrillers stellt. Einfach nur “der Protagonist” wird der Mann genannt. Der wunderbare John David Washington (“BlacKkKlansman” – Sohn von Denzel Washington) spielt diesen Agenten als zugänglichen Menschen, der seinem eigenen Wertekanon folgt. Nach dem Einsatz bei einer Geiselnahme in der Kiewer Philharmonie wird der Protagonist von einer Organisation namens Tenet angeheuert.

Gegenstände aus der Zukunft landen in der Gegenwart

Dort ist man einem besorgniserregendem Phänomen auf der Spur: Gegenstände, die sich vor und zurück durch Raum und Zeit bewegen können, landen aus der Zukunft in unserer Gegenwart. Inversion nennt sich das physikalische Verfahren, das eine Kugel auf die Zielscheibe und wieder zurück in die Pistole fliegen lässt. Die Wissenschaftler sind sich sicher: Bei all den inversierten Gegenständen, die in einem riesige Magazin bis zur Decke hoch lagern, handelt es sich um die Trümmer unserer zerstörten Gegenwart. Die geheime Organisation hat sich nun zum Ziel gesetzt, diese Zukunft zu verhindern. Die Spur führt zu dem russischen Oligarchen und Waffenhändler Sator (Kenneth Branagh), der neben dem Plutoniumhandel auch im Inversionsgeschäft Fuß gefasst hat. Es fehlt ihm nicht viel und er hat den Schlüssel zur totalen Zerstörung in der Hand.

“Tenet” ist zuallererst ein äußerst spannender, komplex konstruierter Agentenfilm, der eine große Liebe für das Genre und ein hohes Maß an kinetischer Energie ausstrahlt. Schon die Eröffnungssequenz, in der Terroristen eine ausverkaufte Philharmonie stürmen, ist ein atemberaubendes Actiongemälde. Die rasante Choreografie und der messerscharfe Schnitt greifen perfekt ineinander und fordern die Wahrnehmungsfähigkeiten des Publikums heraus. Danach sitzt man hellwach im Kinosessel und ist eingestimmt auf ein Kinoerlebnis, das den Zuschauer herausfordert. Für Nolan waren Popcornkino und intellektueller Diskurs nie ein Widerspruch. Das Phänomen Zeit gehört dabei zu den Kernthemen seines Werks. Schon in “Memento” (2000) arbeitete er mit einer vor- und rückwärts laufenden Chronologie.

In “Inception” (2010) tauchte er tief in die Traumwelten ein, in denen die Zeit im Vergleich zur Realität rasant beschleunigt wurde. In “Interstellar” (2014) katapultierte er seinen Helden durch ein Wurmloch in eine Galaxie, in der die Zeit wie ein Blatt Papier gefaltet wurde und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft direkt nebeneinanderlagen. In “Tenet” dreht Nolan die Schraube noch ein Stück weiter. Allen Gerüchten zum Trotz ist “Tenet” kein Zeitreisefilm. Vielmehr finden hier Gegenwart und Zukunft gleichzeitig statt und versuchen einander zu manipulieren. Das reicht bis zu einer finalen Schlacht, in der sich verschiedene Truppenverbände gleichzeitig vorwärts und rückwärts durch Zeit und Raum bewegen, um den Moment der totalen Zerstörung auszutricksen. “Es ist ein Paradox”, sagt der Wissenschaftler Neil (Robert Pattinson) einmal lächelnd, “man muss es nicht verstehen”.

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Wer im Zeitstrahlgeschehen von “Terminator” schon ausgestiegen ist, sollte vor “Tenet” besser einen doppelten Espresso trinken. Aber hier wie dort geht es letztlich um den Kampf gegen eine vorherbestimmte Zukunft. Und damit bringt Nolan, genauso wie er in “The Dark Knight” das Lebensgefühl nach 9/11 in Film fasste, nun den Seelenzustand der Generation Klimakatastrophe auf den Punkt.

Christopher Nolan ist mehr Seismograf als Prediger

Das Gefühl der Unausweichlichkeit, mit der die Menschheit in den eigenen Untergang hineintreibt, ist prägend für diese Ära. Auch wenn das Wort Klimawandel im Film nur einmal beiläufig fällt, wird der Kampf gegen eine determinierte Zukunft zur treibenden Kraft für den Protagonisten und seine Gefährten. Aber auch hier wird Nolan nicht zum Prediger, sondern bleibt ein Seismograf, der die Zeichen der Zeit genau erkennt und im Entertainmentformat eines Blockbusters emotional zugänglich macht – und das kann immer noch keiner so gut wie er.

“Tenet”, Regie: Christopher Nolan, mit John David Washington, Robert Pattinson, Kenneth Branagh, Michael Caine, 150 Minuten FSK 12 (Kinostart am 26. August)

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