Kinofilm “Irresistible”: Politkampf im Kuhdorf

  • Die Politsatire “Irresistible” von Regisseur Jon Stewart ist witzig.
  • Dieser Kinospaß ist ernst gemeint – aber kein bisschen zynisch.
  • Hauptdarsteller Steve Carell als Politstratege ist umwerfend.
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Mit breiten Hosenträgern steht der Bürgermeisterkandidat aus dem Mittleren Westen im schicken New Yorker Loft. Man sieht ihm an, dass er nicht recht weiß, was ihn an diesen Ort verschlagen hat. Das Büfett mit all den delikaten Häppchen ist nicht nach seinem Geschmack, moderne Kunst steht im Weg herum, und die Gäste laufen aufgebrezelt durch den Salon.

Er sei das einzige “authentische Ding” hier, hat zur Begrüßung eben noch der Gastgeber scherzhaft zum Milchbauern und pensionierten Marineoberst Jack (Chris Cooper) gesagt. Das war als Kompliment gemeint für den angehenden Lokalpolitiker, auch wenn es anders klang.

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Gary (Steve Carell), der oberste Wahlkampfmanager der Demokraten, hatte Jack wie eine kostbare Spezies im Privatjet in New York eingeflogen. Gary will Spenden in großem Stil für den Wahlkampf Jacks im Kaff Deerlaken irgendwo im ländlichen Nirgendwo einwerben. Deshalb führt er ihn nun als Vertreter einer beinahe ausgestorbenen Art vor.

Jetzt soll Jack (Chris Cooper) auch noch eine Rede darüber halten, was in Amerika alles schiefläuft. Er braucht gar nichts zu sagen. Jack muss nur die erwartungsvoll dreinschauenden Gäste mit ihren Cocktailgläsern in der Hand ansehen, um zu wissen, dass jede Menge schiefläuft. Die Kluft zwischen ihm und den anderen, zwischen Provinzler und Großstädter, zwischen konservativem Durchschnitt und liberaler Elite, ist schier unüberbrückbar.

Viele treffsichere Szenen

Das ist nur eine von vielen trefflichen Szenen in der Politsatire “Irresistible”. Man hätte es beinahe nicht mehr für möglich gehalten, dass das US-Kino noch zu treffsicheren Späßen mit Substanz in der Lage ist. Lange ist es her, dass man sich in gut gelaunten Filmen wie “Wag the Dog” (1997) köstlich amüsiert hat – da verfiel ein Wahlkampfmanager auf die Idee, einen Krieg in einem fernen Land zu erfinden, um seinem angeschlagenen Präsidentschaftskandidaten zum Sieg zu verhelfen.

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In “Irresistible” von dem auf satirische Medienkritik spezialisierten US-Regisseur Jon Stewart hat Parteistratege Gary ein Video im Netz entdeckt. Darauf zu sehen: Landwirt Jack, der im Rathaus von Deerlaken in Wisconsin Partei für Immigranten ergreift.

Noch ist Gary von Hillary Clintons Niederlage gegen Donald Trump 2016 schwer getroffen, aber bei diesem Anblick schöpft er neuen Mut: Vielleicht ist der Mittlere Westen doch noch nicht an die Republikaner verloren. Vielleicht lässt sich das Herzland Amerikas zurückerobern. Könnte es sein, dass Jack tief im Innern ein Demokrat ist, auch wenn er selbst noch nichts davon ahnt? Gary will mit ihm einen symbolischen Sieg auf scheinbar verlorenem Terrain erringen.

Gegenschlag der Republikaner

Deshalb hat er sich ein Holzfällerhemd angezogen, ist nach Deerlaken geflogen (natürlich im Privatjet), hat sich wild entschlossen Pommes mit Burger und Budweiser bestellt, Milcheimer und Heuballen über Jacks Hof getragen und versucht, diesen zur Kandidatur für die Demokraten zu überreden. Erstaunlich leicht ist ihm dieses Kunststück gelungen.

Was er aber nicht erwartet hat: Die Republikaner holen zum Gegenschlag aus. Sie schicken ihrerseits ihre Chefstrategin Faith (Rose Byrne) aufs Land, Garys Lieblingsfeindin. Was als lokaler Coup begann, gerät zum nationalen Schlagabtausch zwischen den beiden großen Parteien. Sie erklären die Wahl in Deerlaken zum Kampf um die Seele Amerikas.

Allerdings: Regisseur und Drehbuchautor Stewart lässt keinen Zweifel daran, dass beide Seiten diese Seele schon längst verloren haben.

Die Stimmen von acht Nonnen

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Irgendwann stehen Garys smarte Wahlkampfanalytiker im Hinterzimmer der Dorfbar hinter ihren Hochleistungsrechnern und kämpfen um die Stimmen von acht Nonnen im Städtchen. Draußen drängeln sich derweil die hohlsprechenden Medienleute. Deerlaken ist plötzlich gar nicht mehr so viel anders als Washington, D. C. Nur dass das Wi-Fi nicht funktioniert und Kühe gern mal in Liveübertragungen hineinblöken.

In keinem Moment driftet “Irresistible” in Richtung Zynismus ab. Der Spaß ist ernst gemeint: Eingangs haben wir Präsidentschaftskandidaten wie Hillary Clinton oder Barack Obama gesehen. Irgendwo im Mittleren Westen schauten sie zum Pflichtbesuch vorbei und wurden mit Kuchen und Gegrilltem vollgestopft, bis sie wieder verschwanden. Sie dürften sich dort nicht fremder gefühlt haben als Jack in New York.

Umwerfender Steve Carell

Chris Cooper spielt den Farmer mit der nötigen Erdung. Dreh- und Angelpunkt aber ist der wieder einmal umwerfende Steve Carell, so wie er es kürzlich in der Netflix-Serie “Space Force” war. Kaum ein anderer Schauspieler versteht es derzeit so gut, eine Figur auf die Schippe zu nehmen und sie doch nicht der Lächerlichkeit preiszugeben.

Am Ende wartet eine echte Überraschung auf Gary. Der Mann, der es gewohnt ist, andere vorzuführen, steht plötzlich selbst als der Blamierte da.

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“Irresistible”, Regie: Jon Stewart, mit Steve Carell, Chris Cooper, 101 Minuten, FSK 6

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