“Il Traditore”: Allein gegen die Mafia

  • Das Kinodrama “Il Traditore” zeichnet das Leben eines Kronzeugen gegen die Mafia nach.
  • Der abtrünnige Mafioso hat nur einen Wunsch: “Ich will in meinem Bett sterben.”
  • Ärgerlich: Der Kronzeuge wird zum beinahe ungebrochenen Sympathieträger aufgebaut.
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Einen Wunsch hat der aussagewillige Gefangene noch, bevor der Mammutprozess beginnt: “Ich will in meinem Bett sterben. Das wäre für mich ein großer Sieg.” Tommaso Buscetta weiß in diesem Moment so gut wie der ihm gegenübersitzende Untersuchungsrichter Giovanni Falcone, dass die Wahrscheinlichkeit nicht sonderlich groß ist, dass diese Hoffnung in Erfüllung geht.

Bei jedem Espresso, der den beiden bei den Vernehmungen im zusätzlich gesicherten Gefangenentrakt serviert wird, sinnieren sie darüber, ob dieser wohl vergiftet ist. Bei jeder Fahrt in den Gerichtssaal scheint Buscetta (Pierfrancesco Favino) nur darauf zu warten, dass sich ein Attentäter mit quietschenden Reifen nähert und ein Maschinengewehr auf ihn abfeuert. Sogar viele Jahre später in den USA, als er im Zeugenschutzprogramm eine neue Identität angenommen hat, ist die Anspannung in Buscettas Gesicht abzulesen, wenn ihm im Supermarkt versehentlich ein Einkaufswagen in die Quere kommt.

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Bei einem der letzten, geradezu intimen Gespräche mit Falcone (Fausto Russo Alesi) bemerkt Buscetta süffisant: “Eine Frage müssen wir noch klären: Wer von uns beiden muss als Erster dran glauben: Sie oder ich?”

Die Geschichte weiß: Am 23. Mai 1992 starb der Anti-Mafia-Richter Falcone nahe Palermo durch eine per Fernzündung ausgelöste 500-Kilo-Bombe, die die Autobahn unter seinem Konvoi in eine Kraterlandschaft verwandelte.

Er wurde zum “Pentito”

Auch den Mafiaboss Tommaso Buscetta hat es wirklich gegeben. Er hat getan, was niemand tut, dem in diesen Kreisen seine angebliche Ehre und viel mehr noch sein Leben lieb ist: Er hat die Cosa Nostra verraten. Er wurde zum “Pentito”, er brach das Schweigegelübde der sizilianischen Mafia und brachte Hunderte von Mafiosi im sogenannten Maxiprozess ins Gefängnis. Manche starben dort.

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Der italienische Regisseur Marco Bellocchio schildert in “Il Traditore” die Geschichte des wichtigsten Kronzeugen in den großen Mafiaprozessen der Achtzigerjahre. Er tut das mit Lust an der Opulenz, bleibt aber nahe dran an der Historie.

Bellocchio zeigt ebenso Gespür fürs Theatralische – besonders vor Gericht, wenn die Prozesse wegen allerlei Eskapaden der Angeklagten zur Farce zu geraten drohen. Dies sind die vielleicht originellsten Szenen im ganzen Film – und sie sind wunderbar der Wirklichkeit abgeschaut.

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Wie Raubtiere hinter Gittern

Der Staat hatte eigens einen Bunker aus Stahlbeton hochziehen lassen, um die Verhandlungen zu schützen. Wie Raubtiere sitzen die Angeklagten hinter Gittern – eine Metaphorik, die der Regisseur etwas gezwungen immer wieder bemüht – und ziehen ihre Show ab. Der eine will unbedingt Zigarre rauchen (“aus Gesundheitsgründen”), der andere hat sich den Mund zugenäht, der Dritte erleidet einen vermeintlichen oder auch tatsächlichen epileptischen Anfall.

Es dauert, bis die versammelte ehrlose Gesellschaft ahnt, dass es ihnen dieses Mal wirklich an den Kragen gehen könnte. Bloß versteht man innerhalb der Filmhandlung nicht, wie es unter diesen skurrilen Umständen überhaupt zu einem Urteil kam.

Der Regisseur hat sich vom abtrünnigen Buscetta faszinieren lassen. Dieser Versuchung sind ganz ähnlich auch große Filmemacher wie Martin Scorsese (“Good Fellas”, “The Irishman”) oder Francis Ford Coppola (“Der Pate”) erlegen: Sie pinselten ihre Gemälde der mordenden Verbrechersyndikate so verführerisch aus, dass umgekehrt die Mafiosi so werden wollten wie ihre coolen fiktiven Abbilder auf der Leinwand.

Beinahe ungebrochener Sympathieträger

In diesem Fall ist die stilisierte Einseitigkeit aber doch ärgerlich. Buscetta wird zum beinahe ungebrochenen Sympathieträger aufgebaut. Sein Darsteller Favino darf mit so viel überlegener Grandezza den lauteren Kronzeugen spielen, dass man versucht ist, ihn tatsächlich für einen Unschuldigen zu halten.

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Hochmütig unterscheidet der Kronzeuge zwischen der Mafia vor und nach dem aufblühenden Kokainhandel. Bis dahin mordete Buscetta an verantwortlicher Stelle oder ließ morden, später setzte er sich nach Brasilien ab.

Nur ein einziges Mal platzt Falcone der Kragen: Ob die Cosa Nostra zu seiner Zeit denn nur aus Hühnerdieben bestanden habe, will er wissen. Gewiss, in einer Rückblende sehen wir Buscetta, wie er einen Mann erschießt – aber seine Tat wirkt wie eine lange und großzügig hinausgeschobene, gerechte Strafe für das Opfer.

Der echte Buscetta war verwickelt mindestens in den ersten Mafiakrieg auf Sizilien. Als er später in Brasilien weilte und damit zum “Boss der zwei Welten” aufstieg, schlachtete sein Erzfeind Salvatore Riina seine in Italien zurückgebliebenen Familienmitglieder in einem solchen Tempo ab, dass der Regisseur eine Art Todesticker auf der Leinwand einblendet und die Opfer mitzählt. Schließlich verhaftete die brasilianische Polizei Buscetta und lieferte ihn an Italien aus.

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Tommaso Buscetta starb im Jahr 2000 an Krebs – in seinem Bett in Florida.

“Il Traditore”, Regie: Marco Bellocchio, mit Pierfrancesco Favino, Fausto Russo Alesi, 153 Minuten, FSK 12

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