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Kinofilm “Enfant Terrible” über Fassbinder: Vom Ruhm und vom Verglühen

  • Oskar Roehler würdigt Rainer Werner Fassbinder mit dem Kinofilm “Enfant Terrible”.
  • Der Regisseur liefert eine mit dem Wissen des Nachgeborenen gespickte Erinnerung.
  • Fassbinder ist ein Ekelpaket – und doch ist das hier zuallererst eine Hommage.
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Bald vier Jahrzehnte ist dieser Filmemacher nun schon tot, aber wir sind immer noch nicht fertig mit ihm. Von Rainer Werner Fassbinder lassen wir uns bis heute faszinieren, von seiner Arbeits- und Lebenswut, seiner Hassliebe zu Deutschland, seinen Menschenmanipulationen, seiner Brutalität und auch seiner Zärtlichkeit.

Wer all das noch mal wie unter einem Brennglas gebündelt sehen will, der ist bei Oskar Roehler richtig – bei jenem Regisseur, der sich in seinen Filmen mit ähnlichem Furor wie Fassbinder an diesem Land reibt (“Die Unberührbare”, “Jud Süß – Film ohne Gewissen”). Vielleicht zählt Roehler zu den wenigen Nachfolgern, die der unbändige Fassbinder im deutschen Kino gefunden hat. Noch immer steht er da als Ausnahmeerscheinung: “Er war der Einzigartige, der Prägende unter den deutschen Filmregisseuren und Autoren”, sagt auch Roehler.

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In “Enfant Terrible” liefert Roehler eine mit dem Wissen des Nachgeborenen gespickte Erinnerung an Deutschlands international wohl noch immer bekanntesten Regisseur. Das hier ist keine Entwicklungsgeschichte. Der Protagonist hat keine Chance, irgendwo in seinem Leben abzubiegen.

Roehler hat von Anfang an den kompletten Fassbinder im Kopf – und er inszeniert ihn in einer theaterhaft anmutenden Studiowelt, wie sie Fassbinder selbst geschätzt hat. Das Enfant terrible irrt in mancher Szene im Leopardenanzug aus seinem Film “Kamikaze 1989” durchs eigene Leben, und der verkleidete Tod mit Sense darf in ein paar halluzinatorischen Momenten auch mitspielen.

Er sei ein gescheiterter “Niemand”, sagt hier jemand über den jungen Rainer, der in Lederjacke im Münchener Antitheater herumlungert. Aber dieser Niemand wirft sich sogleich mit unvergleichlicher Arroganz ins Geschehen und übernimmt im Wortsinn die Regie, als wisse er schon jetzt von seinem künftigen Ruhm und seinem gar nicht mehr fernen Verglühen im Alter von 37 Jahren.

Fassbinder lebt seinen eigenen Film

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Theater will Rainer machen, aber vor allem Filme über Deutschland. “Die Stoffe liegen auf der Straße”, sagt er. Von kaputtgegangenen Träumen will er erzählen. In Minutenfolge spuckt dieser Rainer Sätze aus wie “Das ganze Leben ist ein Risiko” oder “Ich gehöre niemandem” oder “Ich bin die intensivste Beziehung, die du je haben wirst”. Zwischen Leben und Kino zerfließen die Grenzen. Fassbinder lebt in seinem eigenen Film.

Bald ist er von Anhängern umgeben, die Mühe haben, sich diesem Besitzergreifenden zu entziehen. Kurt Raab (Hary Prinz), Ulli Lommel (Lucas Gregorowicz), Peter Berling (Antoine Monot Jr.), Brigitte Mira (Eva Mattes), Hanna Schygulla (Frida-Lovisa Hamann): Sie alle geraten in den Bann des Regisseurs.

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Am besten gelingt es einem Kameramann namens Mike – dem bürgerlich-eleganten Michael Ballhaus –, sich Fassbinder auf Distanz und auch vom Leib zu halten. Fassbinder braucht die Jünger um sich herum, aber er hasst sie gleichzeitig, wenn sie sich ihm ohne Widerstand ergeben.

Ganz oben auf der #MeToo-Liste

Würde Fassbinder heute noch leben, er stünde vermutlich ganz oben auf der Liste der #MeToo-Angeklagten. “Ich müsste mal deinen Körper sehen”, sagt er dem jungen, knackigen Schauspieleraspiranten. Und schon stehen die beiden in schrecklich-hässlich-bunten Unterhosen da, nach denen die Requisite mit Gespür für Zeitkolorit im Fundus getaucht sein muss. Rollen gibt es bei Fassbinder nicht zuletzt gegen Gegenleistungen – und Liebesentzug bedeutet zugleich auch Rollenentzug.

Drogen sind von Anfang an dabei, kaum eine Szene ohne glimmende Zigarette. Fassbinder schlürft Tag und Nacht Whiskey, kokst und schwitzt, und bald deliriert er auch. Seine Auf­putsch­ta­blet­ten verteidigt er wie ein Tiger, Blut tropft ihm aus der Nase, weißes Puder hängt im Bart.

Der Regisseur Roehler spart nichts davon aus, was Fassbinder zum Ekelpaket gemacht hat – und hat doch im tiefsten Kern eine Hommage gedreht. Er schafft es, seinen Protagonisten als Berserker zu zeichnen und das Publikum zugleich dazu zu bringen, mit diesem zu leiden.

Zu verdanken ist das zuerst Hauptdarsteller Oliver Masucci, der in der Kinosatire “Er ist wieder da” auch schon Adolf Hitler verkörpert hat. Masucci darf sich nach dieser Tour de Force für die kommende Preissaison als Dauerkandidat anmelden. Und sollte eine Extrawürdigung für den schönsten angefressenen Schmerbauch vergeben werden, herumgetragen vorzugsweise unter offener Lederjacke oder offenem Hemd – diese Auszeichnung hätte Masucci auf jeden Fall sicher.

“Fassbinder blieb es erspart, als Veteran vor sich hin zu dümpeln, sich nur noch zu wiederholen und langweiliges Zeug zu machen. Er starb auf dem Höhepunkt seines schöpferischen Ruhms”, so Oskar Roehler. Man könnte aber auch sagen: Wir werden in seinem Film Zeuge einer angekündigten Selbstzerstörung.

“Enfant Terrible”, Regie: Oskar Roehler, mit Oliver Masucci, Hary Prinz, Katja Riemann, 134 Minuten, FSK 16

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