Kinodrama “Harriet”: Die Heilige von den Plantagen

  • Das Kino rettet eine Mutige vor dem Vergessen: das Drama „Harriet“.
  • Harriet Tubman war Sklavenbefreierin, Bürgerkriegsheldin und Frauenrechtlerin.
  • Der Film ist recht simpel geraten – aber dafür ein kämpferisches Porträt.
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Eigentlich wäre Harriet Tubman seit Beginn dieses Jahres in den USA allgegenwärtig: Die Obama-Regierung hatte 2016 beschlossen, dass das Konterfei der Sklavenbefreierin, Bürgerkriegsheldin und Frauenrechtlerin die 20-Dollar-Note zieren solle. Bislang ist da der US-Präsident, Indianerhasser und Sklavenhalter Andrew Jackson verewigt, der 150 Menschen als sein Eigentum betrachtete, als er 1845 starb.

Aus der Umwidmung des Geldscheins wurde nichts. Die Trump-Regierung legte das Vorhaben erst einmal auf Eis. Sie habe Wichtigeres zu tun, ließ sie verlauten. Der amtierende Präsident lobte 2017 das “große Herz” des siebten US-Präsidenten Jackson, der jeden Tag das Grab seiner Frau besucht habe.

Tubman wäre, man glaubt es kaum, die erste Schwarze gewesen, die es auf eine US-Banknote geschafft hätte – ein trauriges Beispiel für strukturellen Rassismus. Und mehr noch: Auch keine Frau ist auf diese Weise gewürdigt worden.

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So ist es nun am Kino, an eine beinahe Vergessene zu erinnern. Einen besseren Zeitpunkt als jetzt, da die Black-Lives-Matter-Bewegung nach der Tötung des schwarzen George Floyd durch einen weißen Polizisten über die Grenzen der USA hinaus erstarkt ist, hätte sich US-Regisseurin Kasi Lemmons kaum aussuchen können.

Von den Qualen der Sklaven auf den Südstaatenplantagen erzählt Lemmons nur am Rande. Das hier ist nicht “12 Years a Slave” (2014), jenes mit drei Oscars veredelte Kinodrama des Briten Steve McQueen, der den Leidensweg des 1841 in die Sklaverei verschleppten New Yorker Musikers Solomon Northup so brutal-realistisch zeigte, dass man kaum hinschauen mochte. In “Harriet” vernimmt man wunderschöne Gospelgesänge, wenn die Geknechteten auf den Feldern ihren Kummer kundtun.

Auch die irritierende Vielschichtigkeit von McQueens Film erreicht “Harriet” nicht. Bei McQueen gab es einen sanften Plantagenbesitzer, der nie prügelte, sondern die künstlerischen Begabungen seiner Sklaven förderte – man musste sich daran erinnern, dass es keine menschenfreundliche Sklaverei gibt. Hier ist ein schwarzer Reverend die interessanteste Nebenfigur: Nach außen predigt der Mann Gehorsam, um dann umso unauffälliger als Menschenretter agieren zu können.

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Der Schlachtruf lautet “Freiheit oder Tod”

Der Fokus von Lemmons liegt woanders: “Freiheit oder Tod” – mit diesem Schlachtruf stiehlt sich die Sklavin Minty (Cynthia Erivo) 1849 von der Brodess-Plantage in Maryland davon. Sie sollte verkauft und von ihrer Familie getrennt werden. Von nun an wird sie Widerstand leisten. Nie wieder will sie Opfer sein. Mit Glück schlägt sich Minty bis zur Anti-Slavery Society nach Pennsylvania durch, wo sie von William Still (Leslie Odom junior) in ihr neues Leben eingeführt wird. Fortan nennt sie sich Harriet Tubman.

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Doch kann sich Harriet ihrer Freiheit nicht erfreuen, solange andere geknechtet werden. Immer wieder kehrt sie in den Süden zurück und führt als Mitglied der “Underground Railroad”-Organisation mehr als 70 Leidensgenossen in die Freiheit. Glaubwürdig stattet Sängerin und Schauspielerin Cynthia Erivo ihre Figur mit einem unbändigen Stolz aus. Vor nichts und niemandem schreckt ihre Harriet zurück. Für diese Leistung gab es für Erivo eine Oscarnominierung – die einzige Schwarze im gesamten Schauspielerfeld.

Deckname “Moses”

Wie unwahrscheinlich diese Harriet Tubman war, zeigte sich auch an der Reaktion der Zeitgenossen: Die Sklavenhalter vermuteten hinter der Fluchthelferin mit dem Decknamen “Moses” zunächst einen weißen Sklavereigegner, der mit schwarz gefärbtem Gesicht ans Werk gehen würde. Beinahe so, wie der Prophet das Volk der Israeliten aus der ägyptischen Gefangenschaft führte, lotst die 1,50 Meter kleine Harriet ihre Schicksalsgenossen in den Norden.

Die biblischen Bezüge haben durchaus ihre Berechtigung: Die Heldin wird von göttlichen Eingebungen ereilt, die ihr den Weg aus mancher Verfolgerfalle weisen. Regisseurin Lemmons gibt diese in Traumsequenzen etwas naiv wieder. Assoziationen an Jeanne d’Arc liegen nahe. Hier haben wir es gewissermaßen mit der heiligen Harriet von den Plantagen zu tun.

Weiblicher Spartakus

Ebenso lässt sich die Kino-Harriet als ein weiblicher Spartakus verstehen. Ja, in den schwächsten Momenten des actionlastigen Films erinnert sie an Robin Hood, wenn sie unter den Augen ihrer Häscher ans Werk geht. Ein bisschen mehr Gebrochenheit hätte die Glaubwürdigkeit der Figur erhöht.

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Von Harriet Tubmans Leistungen als Spionin und Befehlshaberin im Dienste der Nordstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg erfahren wir wenig. Ihr späteres Engagement für Frauenrechte wird lediglich in wenigen dürren Zeilen im Nachspann nachgereicht. Regisseurin Kasi Lemmons hat ihrer Heldin ein recht simples Denkmal errichtet – aber immerhin ein kämpferisches.

Harriet Tubman starb 1913 im gesegneten Alter von etwa 93 Jahren im Bundesstaat New York. Irgendwann wird ihr Gesicht eine US-Banknote zieren.

“Harriet – Der Weg in die Freiheit”, Regie: Kasi Lemmons, mit Cynthia ­Erivo, Leslie Odom junior, 126 Minuten, FSK 12


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