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Kinodrama „Bernadette“ – Cate Blanchett ist ruhelos in Seattle

  • Cate Blanchett spielt eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs.
  • In Richard Linklaters Kinodrama „Bernadette“ (Kinostart am 21. November) ist die Australierin eine liebende Ehefrau und Mutter und zugleich eine Sozialphobikerin ersten Ranges.
  • Natürlich gilt es auch in diesem Drama, ein Trauma zu ergründen.
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Der Himmel über Seattle ist immer dicht bewölkt, aber ohne ihre Sonnenbrille geht Bernadette (Cate Blanchett) nie aus dem Haus. Die dunklen Gläser sind ihre Rüstung, mit der sie sich vor den Zudringlichkeiten des Alltags schützt. Bernadette liebt ihre Familie, ihren Mann Elgin (Billy Crudup), ihre 15-jährige Tochter Bee (Emma Nelson) und auch den Hund Ice Cream.

Aber darüber hinaus sind ihr die Mitmenschen ein Graus. Small Talk stellt für die Mittvierzigerin eine unzumutbare Belastung dar. Bernadette ist eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, die sich am Abgrund gut eingerichtet hat. In dem alten Haus tropft es von der Decke, und zwischen den Fußbodendielen bahnen sich die Ableger der Brombeerhecke ihren Weg. Aber die Chaosvilla befindet sich in perfektem Einklang mit ihrem desolaten Selbst. Für lästige Dinge wie Einkaufen hat Bernadette eine virtuelle Assistentin, deren IP-Adresse irgendwo in Indien ist. Unentwegt diktiert sie komplizierte Bestellungen ins Smartphone. Ehemann Elgin ist ein IT-Guru im Hause Microsoft und sorgt für einen verlässlichen Kontostand.

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Mit ihrer Tochter bildet Bernadette eine verschworene Gemeinschaft

Aber auch wenn die Widrigkeiten des Alltags Bernadette oft überfordern, ist sie eine liebe- und verantwortungsvolle Mutter. Mit ihrer Tochter bildet sie eine verschworene Gemeinschaft, und es ist immer Bee, die ihre Mutter gegen die Anfeindungen der Mitmenschen verteidigt. Die Situation eskaliert, als der Vater eine Psychologin mit nach Hause bringt, die seiner Frau eine Therapie nahelegen soll. In Panik steigt Bernadette aus dem Badezimmerfenster und verschwindet. Bee macht sich auf die Suche und stößt dabei auf eine Vergangenheit, von der sie nichts ahnte.

Vor der Geburt des Kindes war Bernadette nämlich eine gefeierte Stararchitektin, die ihre Häuser bis ins kleinste kreative Detail ausgestaltete. Ein traumatisches Ereignis warf sie aus der Bahn, wonach sie sich ins Mutterdasein zurückzog.

Der mosaikartige Roman wird geradlinig verfilmt

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„Menschen wie du müssen etwas erschaffen, sonst werden sie eine Bedrohung für die Gesellschaft“, bringt ein alter Freund (Laurence Fishburne) ihren Zustand auf den Punkt. Mit „Bernadette“ bringt Regisseur Richard Linklater („Before Sunrise“) Maria Semples modernen Briefroman „Wo steckst du, Bernadette?“ auf die Leinwand. Die mosaikartige Erzählstruktur der Vorlage wird hier in eher konventionellere Bahnen gelenkt und die Persönlichkeit der exzentrischen Protagonistin Stück für Stück freigelegt.

Cate Blanchett wirft sich mit Verve in diese Rolle. In dieser Bernadette scheinen sich viele ihrer früheren Leinwandcharaktere zu bündeln. Sie zeichnet eine kraftvolle Frauenfigur, deren Persönlichkeit sich vor der Kamera immer wieder aufzulösen scheint. Ihre Bernadette ist ein Genie, das im Zustand kreativer Unterforderung vom eigenen Dasein überfordert ist. Lange bevor die Erklärungen des Plots einsetzen, hat Blanchett die widerstrebenden Sehnsüchte ihrer Figur zu einem schillernden Porträt ausgebaut.

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„Bernadette“, Regie: Richard Linklater, mit Cate Blanchett, Emma Nelson, 109 Minuten, FSK 6

Martin Schwickert/RND