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Erinnerung an Srebrenica: der zu Herzen gehende Kino­film „Quo vadis, Aida?“

  • Jasmila Zbanic erinnert in ihrem Drama „Quo vadis, Aida?“ an das Verbrechen von Srebrenica.
  • Die Regisseurin erzählt aus weiblicher Perspektive – und von überforderten Männern.
  • Die Bilder in diesem Film sind manchmal schwer zu ertragen. Aber sie sind wichtig.
Margret Köhler
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Was im Juli 1995 in Srebrenica geschah, ist bis heute schwer zu begreifen: Mitten in Europa und unter den Augen von UN‑Blau­helmen ermordete eine serbische Soldateska unter Führung von General Ratko Mladic mehr als 8000 männliche Bosniaken im Alter zwischen 13 und 78 Jahren und verscharrte sie in Massen­gräbern. Bis heute werden mehr als 1000 Opfer vermisst. Das Massaker gilt als das schwerste Kriegs­verbrechen in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

Jasmila Zbanics in diesem Jahr für den Oscar nominiertes Drama beginnt wenige Tage vor dieser Tragödie. Die Lehrerin Aida arbeitet als Dolmetscherin im UN‑Camp. Als die bosnisch-serbischen Milizen in die Klein­stadt Srebrenica mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung einfallen, suchen Zehntausende im vermeintlich sicheren UN‑Lager Schutz, aber nur ein kleiner Teil wird aufgenommen. Aida muss den Verzweifelten draußen die Nachricht überbringen, die für viele einem Todes­urteil gleich­kommt.

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In all dem Wahnsinn überlegt sie fieberhaft, wie sie ihren Mann und ihre zwei Söhne ins Lager bringen kann. Inspirieren ließ sich die in Sarajewo geborene Regisseurin vom Buch des Übersetzers Hasan Nurhanovic, der die grausamen Ereignisse hautnah erlebte. Mit fiktionalen Figuren gelingt ihr ein starker emotionaler Zugang zu dem Thema.

UN‑Soldaten wagen keinen Widerstand

Die Bilder sind schwer zu ertragen. Da flehen die Wartenden um Hilfe und werden von der niederländischen, schlecht ausgerüsteten UN‑Truppe zurück­gedrängt. Die UN‑Soldaten wagen keinen Widerstand, als die männlichen Flüchtlinge aus dem Lager geholt werden. Der Oberst des niederländischen UN‑Kontingents trinkt hilflos Schnaps mit dem Schlächter, der ihn lächerlich machen will.

An Zynismus kaum zu überbieten ist der Auftritt von Mladic (Boris Isakovic). Er verteilt Bonbons an Kinder, bevor er deren Väter erschießen lässt. Viele Sätze des zu lebens­langer Haft verurteilten Kriegs­verbrechers wurden original­getreu in den Film übernommen.

Mittendrin Aida, die die Verhandlungen übersetzt, die Massen beruhigen soll und versucht, ihre Familie zu retten. Haupt­darstellerin Jasna Duricic ist das blutende Herz dieses aufwühlenden Films, ihr Gesicht eine Gefühls­landschaft, auf dem sich Bangen, Entsetzen und Trauer spiegeln.

Zbanic, die mit ihrem Debüt­film „Esmas Geheimnis – Grbavica“ über systematische Vergewaltigungen im Bosnien-Krieg 2006 den goldenen Berlinale-Bären gewann, erzählt die Geschichte eines Krieges ohne Helden aus weiblicher Perspektive mit Aida als Identifikations­figur zwischen brutalen, überforderten oder hilflosen Männern.

Die Regisseurin verurteilt weder die Niederländer ohne klares Mandat noch die UN. Sie ist aber überzeugt: „Hätte es sich nicht um Muslime, sondern um Katholiken gehandelt, wären die Reaktionen anders ausgefallen.“ Bis heute leugnen Leute wie der Bürgermeister von Srebrenica Gräueltaten und Genozid.

„Quo vadis, Aida?“, Regie: Jasmila Zbanic mit Jasna Duricic, Boris Isakovic, Izudin Bajrovic, 104 Minuten, FSK 12.

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