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  • Ken Loach: "Sorry We Missed You" - ein Beispiel für Solidarität

„Sorry We Missed You“ – An der Seite der Schwachen

  • Solidarität ist möglich: Der Brite Ken Loach ist der Menschenfreund unter den Regisseuren.
  • Und er hört auch im Alter von 83 Jahren nicht auf, Filme gegen Ungerechtigkeit zu drehen.
  • „Sorry We Missed You“ ist das aktuelle Beispiel.
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Ein kleines Grüpplein Journalisten wartete im Mai vor vier Jahren in Cannes auf Ken Loach. Treffpunkt war ein Hotel, selbstverständlich keine überteuerte Nobelherberge mit Strandblick, sondern ein (immer noch überteuertes) Haus in der dritten oder vierten Reihe. So viel Geld spielen die Filme des britischen Regisseurs nicht ein, als dass sich sein Team eine Topadresse beim wohl teuersten Filmfestival der Welt leisten könnte.

Loach kam pünktlich, so wie er immer pünktlich ist, schon aus Respekt vor seinen Mitmenschen – eine Tugend, die die Kinoprominenz nicht unbedingt beherzigt. In der Hand hielt Loach eine Tafel Schokolade. Und nun war er in der Bredouille.

Sein Gerechtigkeitssinn verlangte, die Schokolade zu teilen. Wie aber teilt man eine einzige Tafel mit acht oder neun Leuten? Loach ließ die Schokolade kurzerhand im Kreis herumgehen – und als sie wieder bei ihm ankam, befand sich nur noch ein kümmerliches Stückchen in der Packung. Was der Regisseur mit einem freundlichen Lächeln quittierte. So ist das eben mit gelebter Solidarität.

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Der Film 2016 in Cannes hieß „Ich, Daniel Blake“, und mit ihm sollte der Brite wenige Tage später seine zweite Goldene Palme gewinnen. Die erste hatte ihm zehn Jahre zuvor das Historiendrama „The Wind That Shakes the Barley“ über den irischen Freiheitskampf beschert.

Ken Loach spielt in einer Ausnahmeliga

Mit gleich zwei Palmen ist in Cannes bislang nur rund eine Handvoll Regisseure geehrt worden, etwa der Österreicher Michael Haneke für „Das weiße Band“ (2009) und „Liebe“ (2012). Ken Loach spielt in einer Ausnahmeliga – und das im Alter von mittlerweile 83 Lebensjahren.

Eigentlich sollte der Film über den arbeitslos gewordenen Schreiner Daniel Blake, der am britischen Sozialsystem verzweifelt, Loachs letzter sein. Doch wie immer hatten sein Drehbuchautor Paul Laverty und er sich bei ihren Recherchen sehr genau in der Wirklichkeit umgeschaut. Sie hatten diverse Essenstafeln besucht und sich bald schon über die Klientel gewundert.

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Die Menschen dort waren hilfsbedürftig, aber sie waren nicht unbedingt arbeitslos. Sie hatten Jobs, versuchten sich als Ich-AG oder arbeiteten auf Provision, vielfach über Onlineplattformen – die Vernetzung durchs Internet machte es möglich. Sie alle hatten etwas gemeinsam: Ihr Verdienst reichte nicht fürs Leben. Für Loach war klar: Die sogenannte Gig-Economy – „Gig“ ist ursprünglich ein Begriff für Musiker, die sich von Auftrag zu Auftrag hangeln – ist eine neue Form der Ausbeutung.

Und deshalb haben die beiden nun doch wieder einen Film gedreht. Loach sieht darin eine Verpflichtung: „Wir wissen, wie die Zustände in dieser Gesellschaft sind, aber wir reden wenig darüber. Wir schauen weg. Deshalb ist es wichtig, dass Filmemacher, Schriftsteller, Journalisten hinschauen“, sagt er.

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Wir sehen die Sache aus der Perspektive eines scheinselbstständigen Kurierfahrers

„Sorry We Missed You“ (Kinostart: 30. Januar) heißt der neue Film. Im Deutschen bedeutet das so viel wie: Wir haben Sie leider nicht angetroffen. Paketboten werfen Zettel mit diesem Satz in Briefkästen. Nicht selten ärgern sich Empfänger darüber, weil sie ihrer Ansicht nach zum betreffenden Zeitpunkt doch zu Hause weilten – und folglich der Bote wohl zu faul war, das Paket abzuliefern.

In Loachs Film sehen wir die Sache aus der Perspektive eines scheinselbstständigen Kurierfahrers. Per GPS wird Familienvater Ricky durch die Straßen gescheucht und hat nicht einmal genug Zeit, um unterwegs zu pinkeln. Ricky sitzt sein Auftraggeber im Nacken. Und jeder Kunde kann sich in Echtzeit über den Status seiner Lieferung informieren. Bei Verspätungen – aus welchem Grund auch immer – drohen Ricky Sanktionen. Irgendwann steht der Zusammenhalt der Familie mit den zwei halbwüchsigen Kindern auf dem Spiel.

„Ricky ist ein Sklave der digitalisierten Arbeitswelt“, sagt Loach. Und er fragt: „Wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der Menschen unter so einem enormen Druck und für so wenig Geld arbeiten müssen, nur damit wir es uns noch ein bisschen leichter machen?“ Für Loach, den überzeugten Sozialisten und Anhänger des gerade gescheiterten Labour-Chefs Jeremy Corbyn, ist Ricky typisches Opfer einer Marktwirtschaft, die allein am Profit interessiert ist. „Menschlichkeit und Marktwirtschaft sind nicht kompatibel“, sagt der Brite.

Bedingungslos schlägt er sich auf Rickys Seite – so wie er immer den Underdogs in der Gesellschaft eine Stimme gibt. Keiner liefert so emotional packende Dramen über das Schicksal der sogenannten kleinen Leute ab wie er – abgesehen vielleicht vom belgischen Brüderpaar Jean-Pierre und Luc Dardenne, das ebenfalls zwei Goldene Palmen sein Eigen nennt.

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Beinahe hätte Ken Loach als Anwalt für die Schwachen gestritten: Nach dem Willen seines Vaters hätte er Jurist werden sollen. Aber lieber zog er mit einer Theatertruppe durchs Land, bevor er beim BBC-Fernsehen landete und dort mit radikalen Dokumentarfilmen aneckte. Wenn der am 17. Juni 1936 in Nuneaton in Mittelengland geborene Sohn eines Elektrikers und einer Friseurin für etwas steht, dann ist es sein Kampf für Gerechtigkeit.

Sein BBC-Spielfilmdebüt „Cathy Come Home“ löste 1966 Wirbel in England aus. Die Handlung: Ein junges Paar wird erst arbeits- und dann obdachlos, die Sozialbehörden nehmen ihm das Baby weg. Ein Viertel aller Briten sah das dokumentarisch anmutende Drama. Am Ende musste das britische Parlament das Thema Obdachlosigkeit auf die Tagesordnung setzen.

Wichtig ist dem Regisseur: Die sozial Schwachen müssen zusammenhalten

Noch Jahre später bekam Hauptdarstellerin Carol White auf der Straße von Unbekannten Geldnoten zugesteckt – schließlich sei sie eine Not leidende Mutter.

Ob finanziell abgebrannte Familienväter, die einen Schafbock stehlen („Raining Stones“, 1993), oder Bahnarbeiter, die Opfer der Privatisierung werden („Navigators“, 2001): Loach klagt gesellschaftliche Missstände an, die der Normalzustand sind. Der eigentliche Gegner für ihn ist das System, das die Reichen belohnt und die Armen bestraft.

Wichtig ist dem Regisseur eines: Die sozial Schwachen müssen zusammenhalten. Was nicht heißt, dass er Widersprüche im Leben seiner Helden ausblendet. Seine Filme sind oft mit grimmigem Humor angereichert, siehe „Riff-Raff“ (1991), seine wohl schärfste Attacke auf die Thatcher-Regierung. In „Looking for Eric“ (2009) kommt einem deprimierten Postboten der französische Fußballstar Éric Cantona zu Hilfe. Cantona spielte sich selbst.

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Filmszene aus "Riff Raff" (1991), Ken Loachs wahrscheinlich schärfste Attacke auf die Thatcher-Regierung - mit Emer McCourt und Robert Carlyle.

Nicht nur in England und nicht nur in der Gegenwart findet Loach seine Kämpfer. In „Land and Freedom“ (1995) erzählte er vom Spanischen Bürgerkrieg und zeigte dabei auch die innerliche Zerrissenheit der Linken, in „Carla’s Song“ (1996) ergriff er Partei für die Sandinisten in Nicaragua und gegen die Einmischungen der USA.

An den jüngeren Filmen des Menschenfreundes Loach lassen sich allerdings beunruhigende Veränderungen ablesen: Es scheint, als komme ihm sein früher unverwüstlicher Humor abhanden und als wüsste auch er für seine Helden keinen Ausweg mehr.

Ob „Sorry We Missed You“ nun wirklich sein letzter Film ist? Vielleicht ist die Welt einfach zu ungerecht, als dass er sich zur Ruhe setzen kann.

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