• Startseite
  • Kultur
  • Keine Zukunft für die Kunst: Afghanische Malerin bangt um ihre Heimat

Keine Zukunft für die Kunst: Afghanische Malerin bangt um ihre Heimat

  • Die afghanische Künstlerin Sara Rahmani trauert um das Land, in dem sie aufgewachsen ist und das von den Taliban erobert wurde.
  • Mit dem RND spricht die 23-Jährige, die seit 2018 in den USA lebt, über die Situation der Menschen und speziell Frauen in ihrer Heimat.
  • Es fällt ihr schwer, auf eine bessere Zukunft zu hoffen – und doch: Vielleicht kann sie ihren Verlobten eines Tages wiedersehen.
|
Anzeige
Anzeige

Wenn Sara Rahmani über ihr Zuhause spricht, dann wird ihr Lächeln breit und offen, sodass man ihre Zähne sieht. Dann fangen ihre Hände wild an zu gestikulieren. Wenn sie davon spricht, wie sie zusammen mit ihren Freundinnen in einem Atelier in Kabul gemalt hat, dann scheint die Freude über die Erinnerung auf ihre gesamte Person überzugreifen.

„Geteilte Freude ist doppelte Freude, geteiltes Leid ist halbes Leid, sagt meine Oma immer“, berichtet die 23-jährige Künstlerin im Videogespräch mit dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). Rahmani ist in Kabul aufgewachsen, zur Schule gegangen, hat dort gemalt und Bauingenieurwesen studiert. Seit 2018 wohnt sie mit ihrer Familie in den USA. Aus der Ferne hat sie in den vergangenen Wochen beobachtet, wie das Land, das sie kannte, kollabierte. Aus der Ferne sorgte sie sich um die, die ihr lieb sind und nicht fliehen konnten, um ihren Verlobten, um ihre Onkel: Sie alle arbeiteten für das US-Militär. Um ihre Freundinnen, die nicht mehr aus dem Haus gehen können.

„Sie müssen sich das vorstellen: Da kommen fremde Menschen, mit einer fremden Kultur und übernehmen von einem Tag auf den anderen ihr Land. Und sie erkennen Ihr Land nicht wieder.“ Nun hätten diese Männer das Sagen. „Mit ihren komischen langen Bärten, mit diesen langen Klamotten. Sie sollen jetzt ein Land führen, haben jahrelang nur in den Bergen gewohnt und wissen gar nichts“, sagt Rahmani voller Abscheu. Die Taliban würden versprechen, dass Frauen arbeiten könnten, doch könne sie ihnen nicht trauen. „Das sind Lügner.“

„Ich wollte immer die beste Seite meines Landes durch meine Kunst zeigen. Aber heute ist uns nichts mehr geblieben. Wir wurden 20 Jahre zurückgeworfen“, schreibt die Künstlerin Sara Rahmani zu ihrem Bild. © Quelle: Sara Rahmani
Anzeige

Kabul ist zum Gefängnis geworden

Da, wo vorher Freude war, hat nun allumfassende Traurigkeit übernommen. Unaufhörlich laufen Tränen über das Gesicht der 23-Jährigen. Und zwar nicht, wenn sie über die Sorgen um ihren Verlobten erzählt, der ein kleines Geschäft in Kabul betreibt. Wenn sie erzählt, dass er zwar Papiere zur Ausreise in die USA hatte, sich dreimal zum Flughafen aufgemacht hat, aber nie durchgekommen ist. Dass er sich jetzt zu Hause verstecke, um der Verfolgung durch die Taliban zu entgehen. Dass er jeden Tag nur noch versuche, von Neuem zu überleben.

Anzeige

Sie weint, wenn sie erzählt, was ihrem Land alles genommen wurde. „Früher waren wir alle frei. Und alle gleich. Männer wie Frauen. Wir haben zusammen studiert. Zusammen gearbeitet. Nun sitzen meine Freundinnen zu Hause. Sie können nicht arbeiten. Sie können nicht raus und wenn, dann nur in voller Verschleierung. Kabul ist ein Gefängnis geworden.“ Der Alltag ist zum Erliegen gekommen. „Die Banken sind geschlossen. Die Menschen können nicht zur Arbeit, haben kein Geld.“ Sie wüssten noch nicht einmal, wo sie gerade das Essen für den nächsten Tag herbekommen sollten. Die Ressourcen würden immer knapper werden.. Das Leid sei überall. Mit ihren Händen versucht Rahmani, die Tränen auf ihren Wangen aufzuhalten. Sie holt Luft.

„Ich kann nicht sagen, dass ich froh bin, dass die Amerikaner 2001 nach Afghanistan kamen“, sagt die junge Künstlerin nach einigem Überlegen. Das US-Militär habe zwar für Sicherheit gesorgt, doch sei es nie wirklich sicher gewesen. „Immer, wenn ich zur Schule oder zur Uni gegangen bin, musste ich damit rechnen, in ein Selbstmord­attentat zu geraten“, erzählt sie mit Nachdruck. „Aber es gab auch Freiheit. Gerade für Frauen. Doch die kam nicht durch die USA, wie es in der Welt oft gesehen wird, die kam von uns.“ Jetzt seien die Amerikaner weg – und alles sei wieder wie vorher.

Künstlerinnen machten sich international einen Namen

Die Kunstszene in Kabul sei vor allem weiblich gewesen. „Bevor ich in die USA gegangen bin, hatten wir noch eine große Ausstellung, bei der sogar der Kulturminister da war“, berichtet sie stolz. Auch finden sich in den Medien Berichte über Künstlerinnen, die sich vor der Macht­übernahme der Taliban international einen Namen gemacht haben. Shamsia Hassani etwa gilt als die erste Street-Art-Künstlerin Kabuls, stellte in Frankreich oder den USA aus und lehrte an der Kabuler Universität. Oder Rada Akbar, die als Fotojournalistin und Künstlerin arbeitet. Sie hat jährlich die opulente Ausstellung „Abar Zanan“, zu Deutsch „Superheldin“, organisiert, die in zarten Installationen Geschichten verschiedener afghanischer Frauen ehrt. Beide konnten vor den Taliban fliehen.

Nachdem Sara Rahmani in die USA emigriert war, weil ihre Familie dorthin gezogen war, hörte sie auf zu malen. Einerseits war sie damit beschäftigt, Geld zu verdienen, was sich schwierig gestaltete, weil ihr Abschluss aus Kabul nicht anerkannt wurde. „Da war so eine Leere in mir“, sagt sie. Ihr fehlte die Gesellschaft der anderen Künstlerinnen.

Anzeige

Seit einigen Monaten malt sie nun wieder. Auch vor ein paar Wochen hat sie zum Pinsel gegriffen. Als Vorlage diente ihr das bekannte Bild eines afghanischen Mädchens des Fotografen Steve McCurry. Sie wollte eigentlich ein schönes, fröhliches Mädchen malen. In den meisten ihrer Bilder sind Frauen in traditioneller afghanischer Kleidung zu sehen.

Hoffnung? Die hat Rahmani kaum

Während die anderen Künstlerinnen und Künstler sich häufig auf die Trostlosigkeit der Gesellschaft konzentrierten, griff Sara Rahmani früher immer zu kräftigen Farben. Die meisten ihrer Bilder zeigen afghanische Frauen in traditionellen Gewändern, reich geschmückt. Doch dann eroberten die Taliban Kabul und sie konnte das Bild nicht mehr so bunt wie angedacht weitermalen.

Die grünen Augen der Frau auf dem Bild strahlen noch – doch dominieren schwarz und weiß das Bild. Sie nimmt darin Berichte aus den Medien auf: von Flugzeugen fallende Menschen, Eltern, die verzweifelt US-Soldaten ihre Babys über den Stachel­draht­zaun reichen. Und doch gibt es einen bunten Streifen, fast eine Art Lichtstrahl. Das Flugzeug verwandelt sich in Teilen in eine Friedenstaube, Frauen tanzen, eine Blume schmückt das Haar des Mädchens.

In ihrem Bild ist Hoffnung deutlich zu erkennen. Und doch scheint Rahmani sich nicht sicher zu sein, wo sie Hoffnung verspürt. Wenn sie von Afghanistan spricht, erzählt sie von dem Schrecken der letzten Wochen, vom aktuellen Kampf ums Überleben der Menschen vor Ort. Die einzige konkrete Hoffnung, die sie benennt, ist, ihren Verlobten wiederzusehen. „Er hat die Papiere. Vielleicht schafft er es, über den Landweg zu fliehen“, sagt sie. Hofft sie. Doch bei der Frage, wie es für ihre Heimat und die Bevölkerung von 35 Millionen Menschen nun weitergeht, bleibt sie kurz stumm. Dann sagt sie: „Die Zukunft ist verschwommen.“

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen