• Startseite
  • Kultur
  • Jugendphänomen “E-Boys”: Das sind die Stars, die Ihre Kinder gerade feiern

Jugendphänomen “E-Boys”: Das sind die Stars, die Ihre Kinder gerade feiern

  • Emos und Hippies waren gestern: Auf der Plattform Tiktok macht sich eine neue Jugendsubkultur breit.
  • Die E-Boys tragen viele Ketten und ziemlich viel Haar – sind ansonsten aber recht oberflächlich.
  • Der Versuch einer Analyse.
|
Anzeige
Anzeige

Hannover. Es gibt ein neues Jugendphänomen: die E-Boys. Dieser Satz hinterlässt bei Ihnen viele Fragezeichen? Kein Problem, Sie sind nicht ungebildet – Sie sind wahrscheinlich nur älter als 20.

Die Jugendsubkultur schwappt seit dem Sommer aus den USA nach Deutschland – und sie existiert vor allem im Netz, genauer gesagt: bei Tiktok. Das ist ein soziales Netzwerk für kurze Videos, das praktisch ausschließlich von Teenagern genutzt wird.

Ganze Subkulturen entstehen auf Tiktok

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Bei Tiktok herrscht das gleiche Phänomen wie seinerzeit beim Messenger Snapchat: Erwachsene halten sich schon deshalb davon fern, weil sie die Plattform überhaupt nicht verstehen. Tiktok allerdings setzt noch einen drauf: Denn hier verstehen Erwachsene nicht einmal den Inhalt.

Die Gags und Sketche auf der Kurzvideo-Plattform beinhalten zum Teil unzählige Referenzen, die sich auf Memes, Netzphänomene oder andere Tiktok-Videos beziehen. Man muss also schon sehr tief in der Materie drin sein, um zu verstehen, was Teenager an diesen Videos eigentlich unterhaltsam finden.

Und es gibt noch einen weiteren Unterschied zu altbekannten sozialen Netzwerken: Bei Tiktok gibt es nicht nur einzelne Hypes, die viral gehen. Teilweise imitieren und reproduzieren Nutzer hier ganze Lifestyles voneinander. Und so entstanden auch, Sie erahnen es bereits: die E-Boys.

Anzeige

Wuschelhaar, und davon sehr viel

Will man verstehen, wer diese E-Boys sind und was sie ausmacht, hilft traditionell ein Blick ins „Urban Dictionary“, ein Netzwörterbuch, das so ziemlich über jeden popkulturellen Hype Bescheid weiß. Ein Nutzer beschreibt die E-Boys dort als „Jungs mit schwarz lackierten Fingernägeln, die skaten, schwarze Klamotten und Ketten tragen“. Ketten, Ketten, Ketten – ganz wichtig! Meistens hätten sie zudem Beanies auf dem Kopf, auch seien gestreifte Longsleeves oder karierte Sweatshirts Bestandteil ihres Styles.

Anzeige

Ganz wichtig auch: Haare, und davon möglichst viele. Meistens hängen sie im Gesicht herum und sind perfekt frisiert – aber unbedingt so, dass es wie Zufall aussieht. Wie gerade aus dem Bett gefallen.

Welche Musik hören die E-Boys? Hauptsache, „irgendwas, wovon du noch nie gehört hast aka Lil Peep“, heißt es weiter beim „Urban Dictionary“. Es gebe auch deutliche Referenzen zur Emo- oder Gothic-Szene der 2000er-Jahre – allerdings sei der E-Boy deutlich mainstreamiger und Mädchen fänden ihn nett. Alles in allem sei der E-Boy der Gothic-Kult des Jahres 2019. Mit dem Unterschied, dass er ausschließlich im Internet existiere.

Andere Erklärungen im Netz beschreiben den E-Boy deutlich plakativer: Einige halten den Schauspieler Timothée Chalamet für den perfekten E-Boy – zumindest, was seinen Style angeht.

Andere beschreiben den E-Boy als eine männliche Version von Billie Eilish oder Lana Del Rey. Beide werden aufgrund ihres Kleidungsstils häufig als E-Girls bezeichnet.

Es geht nicht nur um den Kleidungsstil

Anzeige

Doch es wäre zu kurz gegriffen, den E-Boy nur auf seinen Kleidungsstil zu reduzieren. Wir müssen deutlich tiefer in seiner Lebenswirklichkeit graben. Also besuchen wir ihn doch mal zu Hause: bei Tiktok.

Als einer der bekanntesten E-Boys gilt der 18-jährige Anthony Reeves, der auf der Plattform unter dem Namen „luvanthony“ aktiv ist. Sein Content: Videos, in denen er gerade aufwacht, auf Bergen steht, im Auto oder auf dem Balkon sitzt, Hip-Hop-Musik hört und dabei ganz besonders süß guckt. Nein, das ist nicht übertrieben: „luvanthony“ erreicht teilweise vier Millionen Aufrufe mit Videos, auf denen er nichts weiter tut außer süß zu gucken.

Ein „Talent“, das nahezu alle E-Boys perfektioniert haben – und das wahrscheinlich nicht ganz ohne Hintergedanken. Laut „Urban Dictionary“ trügt der softe Schein der E-Boys. All das sei nur eine Masche, um an Nacktfotos der eigenen Anhängerinnen zu kommen.

„E-Boys sind Aliens“

Eine weitere Besonderheit: die Dance-Moves. Wobei allein schon das Wort viel zu viel verspricht. E-Boys wie Anthony machen das, wofür Neunzigerjahrekinder noch die „Mini Playback Show“ hatten: Sie lassen Musik laufen und tun so, als würden sie dazu singen. Und: Sie absolvieren dabei eine Art… Gruß? Man kann gar nicht exakt beschreiben, was das genau sein soll – aber es sieht so aus:

Anzeige

E-Boys fassen sich an den Kopf und verdrehen dabei die Augen bis zum Anschlag. Der kanadische Youtuber Kurtis Conner hat in mehreren Videos versucht, den E-Boy-Hype zu analysieren, und zeigt sich fassungslos: „Was ist das? Was macht ihr da?“, fragt Conner angesichts des merkwürdigen Rituals – und hat nur eine Antwort dafür: „Ich glaube E-Boys sind Aliens. Und das ist die Art und Weise, wie sie miteinander kommunizieren.“

Auf ganzer Linie oberflächlich

Fassen wir zusammen: Die neue Jugendsubkultur hinterlässt vor allem eines, nämlich Fragezeichen. Aber hat sie denn wenigstens so etwas wie eine Haltung? Irgendeine tiefere Bestimmung? Mitnichten, denn der E-Boy scheint auf ganzer Linie oberflächlich. Es geht ihm vor allem ums Aussehen, um coole Klamotten, um perfekte Haare.

In vielen Fällen sind die E-Boys gegenüber anderen Jugendkulturen einen massiven Schritt zurück. Auf Tiktok tanzen 14-jährige Jungs zu den frauenverachtendsten Rap-Texten der Welt – und ihre vor allem weiblichen Fans können sich vor Begeisterung kaum halten.

Einige bekannte Aushängeschilder der E-Boys verbreiten zudem fragwürdige Inhalte. Der Tiktoker „kyleruwu“ beispielsweise zog einen Shitstorm auf sich, nachdem er in Livestreams Abtreibungen mit Mord verglich und sich abfällig über homosexuelle und transsexuelle Menschen äußerte. Geschadet hat ihm das nicht: Seine Videos werden noch immer gefeiert – sie erreichen auf Tiktok Zehntausende Aufrufe.

Was also bleibt von den E-Boys? Am Ende des Tages wahrscheinlich nicht viel mehr als von den Emos, den Ravern und den Hippies. Irgendwann werden sie sowieso verschwinden.