• Startseite
  • Kultur
  • Jüdische Geschichte und Antisemitismus in Deutschland: Juden in Liebe, Juden in Angst

Juden in Liebe, Juden in Angst

  • Der Schriftsteller Rafael Seligmann will die deutsch-jüdische Geschichte nicht nur sachlich, nicht nur historisch beschreiben.
  • Er will die Gefühle dahinter freilegen – ein noch weitgehend unerschlossenes Terrain.
  • Der 73-Jährige spricht im RND-Interview über das Leben seiner Eltern, den Antisemitismus in Deutschland – und warum er von der „deutsch-jüdischen Wiedergeburt“ träumt.
Daniel Alexander Schacht
|
Anzeige
Anzeige

Rafael Seligmann, Sie haben für Ihr neues Buch „Hanna und Ludwig“ ein halbes Jahr in Israel recherchiert. Was stand dabei im Zentrum?

Ich wollte Spuren meiner Familie ergründen, in und um Tel Aviv und Haifa. Bei Haifa hatte ich 1957 meinen Onkel, meine Tante und meine Großmutter zum letzten Mal vor dem Einschiffen nach Deutschland besucht. In meine Großmutter war ich damals ganz verliebt, weil sie mich Zehnjährigen wie einen Erwachsenen behandelt hat, einfach für voll nahm.

Wie fühlt man sich so als Grenzgänger zwischen Dokumentation und Fiktion?

Anzeige

Ganz wunderbar. Wir Schriftsteller haben ein Privileg: Wir sind in unserem Schaffensradius souverän. Ich kann bestimmen, was mir wichtig ist. Das ist ein Gefühl, das manche als göttlich beschreiben. Ich bin gläubig, kein Gott, aber die Fähigkeit, zu schaffen und zu erschaffen, lasse ich mir nicht nehmen. Ich konnte Dokumente meines Vaters nutzen, Aufzeichnungen vor allem über seine Kindheits- und Jugendzeit. Aber Dokumente hin oder her – mich hat immer interessiert: Wie fühlt sich ein Mensch in der Liebe, in der Angst, in der Krankheit? Man hat mir vorgeschlagen, ein dokumentarisches Sachbuch aus diesen Aufzeichnungen zu schreiben. Aber über die Gefühle, die mit dieser individuellen Ereignisgeschichte einhergehen, gibt es keine Dokumente. Auf die Frage, was meine Eltern emotional erlebt haben, fand sich da keine Antwort. Dieses zwiespältige Lebensgefühl zwischen Deutschtum und Judentum sinnlich werden zu lassen: Das war für mich die entscheidende Aufgabe.

Teil eins der Familientrilogie: Lauf, Ludwig, lauf! © Quelle: Langenmüller

Die Gefühlsgeschichte des jüdisch-deutschen Verhältnisses ist ja noch ziemlich unerschlossen.

Genau. Da gibt es fast nichts. Dabei ist es die schriftstellerische Aufgabe par excellence, dieses emotionale Erleben zu schildern. Warum gab es vor mir praktisch keine jüdisch-deutsche Gegenwartsliteratur? Weil sich alle davor gedrückt haben, auch die Davongekommenen, dieses Verhältnis zu schildern, die Ängste, diese demütigende Furcht, auch Rachegelüste, weil das zu bedrückend war, weil man das gemieden, abgekapselt, verdrängt hat – und so mental gleichsam auf der Flucht geblieben ist. Bis in die Gegenwart kommen jüdische Deutsche nur in der Leerformel vom sogenannten jüdischen Mitbürger vor. Diese Floskel wollte ich aufbrechen. Hier mit der Schilderung, wie sich ein schwäbisch-bayerischer Landjude fühlt, der alles verloren hat, sein Haus, sein Geschäft, seine Sprache und Kultur, und der in Palästina, in einer für ihn völlig fremden Welt, zurechtkommen muss.

Anzeige

Hat es Sie auch zu schildern gereizt, dass dieser Ludwig Seligmann, dass Ihr Vater aus der süddeutschen Provinz stammte, kein galizischer Schtetl-Jude, kein Großstädter oder Intellektueller war, sondern erfolgreicher Kaufmann und begeisterter Fußballspieler – quer zu vielen Klischees?

Ja, denn damit ist er ja, was damals die meisten Deutschen und eben auch die allermeisten Juden waren: Einwohner der deutschen Provinz.

Anzeige

„Wir alle leben von der Zuversicht“

Ihr neues Buch ist auch ein Stück Literatur über die Liebe zur Literatur. Mehrfach kommt darin Heinrich Heine vor. Ganz bewegt sind Hannah und Ludwig darüber, dass der Dichter schon den Klang der deutschen Sprache empfindet, „als ob das Herz recht angenehm verblute“, wie Heine im „Wintermärchen“ schreibt. Kann die Liebe zum Deutschtum fürs Judentum eine blutige Angelegenheit werden?

Ich würd’s eine Nummer tiefer hängen. Verbluten, das sagt und fühlt auch ein Verliebter. Tatsächlich ist die Verbindung von Judentum und Deutschtum zwar widerspruchsvoll, aber zugleich unauflöslich stark. Jiddisch, die Sprache der europäischen Juden, ist zu 85 Prozent Deutsch. Vieles in der deutschen Sprache kommt wiederum aus dem Jiddischen oder Hebräischen – auch das Wichtigste, der Glaube: Jesus war bekanntlich Jude, selbst ein Judenhasser wie Joseph Goebbels trug einen jüdischen Vornamen. Israels einstiger Premier Ariel Scharon wurde geboren als Ariel Scheinermann, darin steckt „Schöner Mann“, also ein sprechender deutscher Name. Und in welcher Sprache hat Theodor Herzl eigentlich den „Judenstaat“ geschrieben? Deutsch!

Aber Deutscher und Jude zu sein, das ist immer noch keine Selbstverständlichkeit. Sie haben einmal gesagt, der „Traum von der deutsch-jüdischen Wiedergeburt“ sei Ihre „Lebensmelodie“, Ihr Lebensthema. Das schlägt sich auch in Ihrem neuen Buch nieder, obwohl das in Palästina und Israel spielt.

Klar, Hannah und Ludwig leben dort unter Jeckes, also anderen aus Deutschland geflohenen Juden – und pflegen trotz der Verfolgungserfahrung weiter ihre jüdisch-deutsche Kultur.

Sie waren Sachbuchautor, bevor Sie Romancier wurden, waren stets auf beiden Feldern unterwegs, nicht zuletzt auch durch die von Ihnen herausgegebene englischsprachige Zeitung „Jewish Voice from Germany“. Darin zeigen Sie ein Deutschland, in dem man als Jude gut leben kann, also zumindest Ansätze dieser „Wiedergeburt“. Sind Sie weiterhin zuversichtlich?

Anzeige

Es gibt gefährliche neue Trends, es sprießen Populismus und Nationalismus, es wachsen Rassismus und Antisemitismus. All das ist bedenklich, da ist nichts zu verharmlosen, doch zuversichtlich bin ich trotzdem. Streng genommen kann ich gar nicht anders. Denn wir brauchen die Zuversicht, weil man ohne sie nicht leben kann. Wir alle – auch die, die nicht Opfer solcher Trends sind – leben von der Zuversicht. Mein Hund lebt fröhlich in den Tag hinein, wir Menschen sind uns stets unserer Sterblichkeit bewusst. Wir wissen ums eigene Ende – und brauchen gerade deshalb die Zuversicht.

„Man saß zu Hause, las Heine oder Tucholsky“

Schlägt sich in diesen Trends auch ein rückwärtsgewandtes, riskantes Ringen um Identität und Heimat nieder? Steckt dahinter eine Sehnsucht nach heiler Welt trotz realer Entfremdung und gebrochener Identitäten, die ja ein Merkmal der Moderne sind? Sie haben in Ihrem Buch „Hitler. Die Deutschen und ihr Führer“ die lange Treue zu Hitler aus einer „Angst vor der Moderne“ erklärt.

Genau. Hitler war der einzige große Diktator, der gewählt wurde, weil er diese Sehnsüchte nach einer heilen Welt zu bedienen wusste, nach einer vermeintlich guten alten Zeit, die in Wahrheit nie existiert hat. Dieses Unbehagen an der Moderne gibt es bis heute. Die Gegenwart hält viele Risiken bereit, von der großen Politik bis zur Bedienung eines kleinen Smartphones – da nimmt mancher gern Zuflucht bei vermeintlich festen Orientierungslinien.

Bei illusionären Sehnsüchten?

Vielleicht nicht nur illusionär. Ich habe Dörfer, Kleinstädte erlebt, da wurde ein Heimatgefühl gepflegt und eine Vertrautheit, die durchaus etwas Angenehmes hatten. Man sehnt sich nach Überschaubarkeit, nach einer harmonisch gefügten Welt. Das ist eine Sehnsucht, die ich durchaus teile. Und das, obwohl ich weiß, dass es diese heile Welt tatsächlich nie gab.

Anzeige
Teil zwei der Familientrilogie: „Hannah und Ludwig“ © Quelle: Langen Müller

Sucht sich das Unbehagen darüber seine Anlässe in aktuellen Ereignissen?

Natürlich. Im Flüchtlingsstrom, in der Krise Europas, jetzt in der Pandemie und immer wieder in der Lage in Nahost, wo man dann glasklar zu wissen glaubt, wer die Bösen sind – und zwar, interessanterweise, der eine, die eine, der andere, die andere Seite. So führt die Angst vor der Moderne letztlich zu Extremismen, obwohl sich dadurch der technische Fortschritt nicht ausbremsen lässt.

Unbehagen, Unbehaustheit, das ist ja auch das Lebensgefühl von Hannah und Ludwig, die vielleicht auch durch den gebannten Blick auf das Geschehen in Europa, durch die stete Sorge um die dort vermissten und am Ende ermordeten Verwandten zwischen Hoffen und Bangen schwanken und in Israel nicht dauerhaft erfolgreich sind?

Dennoch hatten sie es, psychologisch gesehen, anfangs leicht. Sie mussten nicht an ihrer dortigen Existenz zweifeln, denn ihre Flucht aus Deutschland war alternativlos. Man saß zu Hause, las Heine oder Tucholsky, sprach auf der Straße nicht so laut deutsch. Aber alle waren sich einig, dass dies die richtige Entscheidung war, alle Männer kämpften im Krieg 1948 um die Existenz des Staates Israel. Als jedoch ein Leben in Deutschland in den Fünfzigerjahren wieder zur Alternative wurde, fiel der Blick auf die Vorzüge in der alten Heimat: Da kann man wieder deutsch sprechen, da gelten deutsche Normen, da werden Regeln beachtet. Vor allem Sprache und Kultur waren wichtig. Nach einem Bonmot aus dieser Zeit lautet die Antwort auf die Frage, wie lange ein deutscher Jude Hebräisch lernt: bis er die „Jerusalem Post“ auf Englisch lesen kann.

Ohne Hoffnung können wir nicht leben

Dabei war die Rückkehr keine bruchlose Entscheidung, vor allem nicht für Ihre Mutter.

Sicherlich nicht, denn nur meinem Vater war es gelungen, seine ganze Familie zur Flucht nach Palästina zu überreden, und er hatte auch die Erfahrung, dass ihm dabei deutsche Freunde geholfen haben. Dagegen ist die Familie meiner Mutter in den Nazilagern ermordet worden. Mein Vater aber wusste: In Deutschland wird man mich wieder brauchen, da kann ich arbeiten, da kenne ich die Sprache, da werde ich geachtet. Da ist sie wieder, die Zuversicht, mit der auch er allen Widrigkeiten getrotzt hat. Diese trotzige Zuversicht zu zeigen, die das jüdisch-deutsche Miteinander prägt und trägt, von der es letztlich lebt, das ist meine schriftstellerische Aufgabe.

Sie arbeiten schon am dritten Teil Ihrer Familiengeschichte – aber gibt es den nicht schon in Gestalt Ihrer Autobiografie, die 2010 unter dem schönen Titel „Deutschland wird dir gefallen“ erschienen ist?

Das ist ein Sachbuch, zum Abschluss meiner Romantrilogie soll wiederum meine Familie im Zentrum stehen, und ich will damit weiter die Gefühle meiner Mitmenschen erforschen, erspüren und dem Leser ans Herz legen – wie das eben nur der Romancier kann.

Als Souverän seiner Romanfiguren?

Genau. Aber mit realen Menschen im Hintergrund. Menschen, die ein klares Lebensziel hatten, nämlich zu überleben – trotz der auch nach 1945 weiter grassierenden Vorurteile gegenüber Juden und anderen.

Da wird es also auch um die Gefühlsgeschichte in Nachkriegsdeutschland gehen?

Und das durchaus über die jüdischen Überlebenden hinaus. Denn das Ziel, das uns am Leben erhält, teilen alle Menschen, das ist existenziell – es gehört deshalb nicht nur in jedes Leben, sondern auch in fast jedes Buch: Hoffnung ist von zentraler Bedeutung. Nehmen Sie Hymnen wie die britische „Hope and Glory“ oder die Hatikva, die israelische Nationalhymne, die ja auch das Wort „Hoffnung“ im Titel trägt. Ohne Hoffnung können wir nicht leben.

Rafael Seligmann ist als Kind von Flüchtlingen aus Nazideutschland 1947 in Tel Aviv zur Welt und als Zehnjähriger nach Deutschland gekommen. Seine Doktorarbeit hat der Politikwissenschaftler über den Sechstagekrieg von 1967 geschrieben. Seit den Achtzigerjahren ist er außer als Sachbuchautor auch immer wieder als Belletrist hervorgetreten.

Mit seinen teilweise satirischen und stets gegenwartskritischen Romanen ist er der erste Schriftsteller jüdisch-deutscher Gegenwartsliteratur nach 1945. Von 2012 bis 2019 hat Seligmann die englischsprachige, international verbreitete „Jewish Voice from Germany“ herausgegeben. Für „Hannah und Ludwig. Heimatlos in Tel Aviv“ (Verlag Langen Müller, 410 Seiten, 24 Euro), nach „Lauf, Ludwig, lauf. Eine Jugend zwischen Fußball und Synagoge“ (Verlag Langen Müller, 320 Seiten, 24 Euro), der zweite Teil seiner Familiengeschichte, hat er ausführlich in Israel recherchiert. Die Romane sind auch als Hörbücher erschienen.

An „Hannah, Ludwig und Rafi. Zurück in Deutschland“, dem Abschluss seiner Trilogie, arbeitet Seligmann, der in Berlin lebt, bereits.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen