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„Joker“: Wir haben ihn zum wahnwitzig tanzenden Mörder gemacht

  • Beim Filmfestival in Venedig gewann Todd Phillips’ „Joker“ den Goldenen Löwen.
  • Joaquim Phoenix liefert als mörderischer Clown eine grandiose Leistung ab.
  • Der Film ist umstritten – dürfte aber auch jenen gefallen, die Comicfilme nicht mögen.
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Ein Clown will lustig sein – und ist der traurigste Tropf der Welt. Vor dem Spiegel zieht er die Mundwinkel hoch, er zeigt seine Zähne, er übt sich im Lachen. Aber ach, dieses Lachen, das wir noch oft und in den unpassendsten Momenten hören werden – es geht ansatzlos in ein Schluchzen über, ein Röcheln, ein Wimmern. Zwanghafte Anfälle sind dies, ein psychischer Defekt aus der Kindheit. Sie lassen den Clown immer wieder zum Angefeindeten werden. Niemand erträgt es auf Dauer, verlacht zu werden.

Wie soll aus dieser gar nicht komischen Witzfigur ein Superschurke werden? Wie soll aus dem Mietclown Arthur Fleck der „Joker“ werden? Arthur ist einer, den die Gesellschaft ausgespuckt hat. Nicht einmal seine Mutter findet ihn amüsant.

Robert de Niro als Zyniker

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Arthur will Zuschauern als Stand-up-Comedian Vergnügen bringen. Als er es endlich ins Fernsehen schafft, missbraucht ihn Talkshow-Zyniker Murray Franklin (Robert de Niro mal wieder in einer starken Rolle) als Lachnummer. Joaquin Phoenix wird zum Killer mit der Clownsmaske – ein grandioser Auftritt, der dem Film den Goldenen Löwen in Venedig bescherte, Phoenix aber nicht den Darstellerpreis. Aber da gibt es ja noch den Oscar 2020.

Hollywood gibt jeder Comicfigur eine Chance, groß rauszukommen, solange sie sich an der Kinokasse ausquetschen lässt. Aber dass der Joker echtes Potenzial hat, wussten bereits andere. Schon Jack Nicholson trieb ihn in Tim Burtons „Batman“ (1989) in den Wahnsinn. Jared Leto hielt es in „Suicide Squad“ (2016) als irre Punkversion nicht so viel anders.

Vor allem war da Heath Ledger in Christopher Nolans „Dark Knight“ (2008). Ledger spielte den Clown als Anarchisten, der die Kapitalisten in der Finanzkrise mit Spaß in den Untergang treibt. Nun hat es der Joker zur Titelfigur gebracht. Sein üblicher Gegenspieler Batman taucht gar nicht auf. Das heißt, doch: als kleiner Junge.

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Es war kein Chemikalienbad

Todd Phillips erzählt quasi die Vorgeschichte. Zur Erinnerung: Phillips ist jener Regisseur, der in den „Hangover“-Junggesellen-Komödien derben Humor aufgefahren hat. Nun ist ihm ein Film gelungen, der die Unruhe in einem wachsen lässt. Martin Scorseses Werke „Taxi Driver“ (1976) und „The King of Comedy“ (1983) klingen hier nach.

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Es war eben kein Chemikalienbad, das des Jokers Gesicht verunstaltete. Wie aus diesem traurigen Typen ein Superschurke wird? Wir haben ihn dazu gemacht. Wir, das sind die mitleidlosen Bürger von Gotham City, einer Stadt, die im Müll ertrinkt – und die nicht zufällig an den Moloch New York erinnert, in dem der 1970 geborene Regisseur Todd Phillips aufgewachsen ist.

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Ein Ausgestoßener und Abgehängter

Die Ursachen für Arthurs Wahnsinn lassen sich benennen: Im zusammengesparten Gesundheitsbudget ist kein Geld für seine Psychopillen übrig. Seine Sozialfürsorgerin schickt ihn weg. Und die Erniedrigungen da draußen in der aquariumgrünlichen Stadt nehmen kein Ende. Er ist ein Ausgestoßener, ein Abgehängter, ein Fußabtreter. In Arthur Fleck wächst die Wut. Er zwingt uns eine neue Perspektive auf: Wir fühlen mit ihm. Wir sehen die Qual in seinen Augen. Diese Gesellschaft ist längst verroht, bevor der Joker wurde, was er ist.

Ironischerweise bläst ausgerechnet der Vater von Bruce Wayne, dem späteren Batman, zur Hatz auf den Joker. Als dieser erstmals um sich schießt und drei Wall-Street-Angeber in der U-Bahn tötet, tituliert der Milliardär Thomas Wayne alle Armen in Gotham City als Clowns. Die Bemerkung hätte er sich besser verkniffen. Plötzlich tragen die Menschen auf den Straßen Clownsmasken. Chaos macht sich breit, Aufläufe bilden sich, Plünderer ziehen los.

Dieser Film ist eminent politisch, auch wenn sein Regisseur das nicht gern hört. Erstklassige Unterhaltung ist „Joker“ aber auch. Manche meinen sogar: zu gute Unterhaltung. In den USA befürchten Angehörige von Opfern, dass dieser Joker wie ein gefährlicher Trigger wirken könnte. 2012 hatte ein Student in Colorado sich die Haare gefärbt und „The Joker“ genannt. In der Kinovorstellung eines „Batman“-Films („The Dark Knight Rises“) tötete er zwölf Menschen.

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Filme machen keine Mörder

Der Student James Holmes litt an psychischen Störungen. Es war nicht der Film, der ihn zum Mörder machte. „Menschen finden Auslöser in Liedtexten, oder sie missdeuten Passagen aus Büchern. Die Wahrheit ist, wir wissen nicht, was andere zu ihren Taten treibt“, hat Joaquin Phoenix gesagt. Das klingt hilflos, aber falsch ist es nicht.

Was Phoenix’ Joker letztlich zum wahnwitzig tanzenden Mörder macht, ist, dass seine Gewalttaten bejubelt werden. Der Nobody Arthur Fleck hat das Gefühl, dass er existiert. Und er hat etwas gelernt: „Ihr entscheidet, was gut und was böse ist, so wie ihr auch darüber entscheidet, was lustig ist“, sagt er. Bei diesen Worten überfällt ihn mal kein Lachkrampf.

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Regisseur Phillips ist etwas Erstaunliches gelungen: Er hat eine Comicfigur auch für jene Zuschauer interessant gemacht, die keine Comicverfilmungen mögen.

„Joker“, Regie: Todd Phillips, mit Joaquin Phoenix, Robert de Niro, Zazie Beetz, 121 Minuten, FSK 16