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„Je suis Karl“: brisantes Kinodrama über den modernen Rechtspopulismus

  • Christian Schwochow zeigt das Gesicht der modernen Rechten in dem prophetischen Drama „Je suis Karl“.
  • Hier grölen keine Glatzköpfe, hier geht von den Rechtsextremisten eine Versuchung aus.
  • Ist der hier ausbrechende rechte Aufstand womöglich wirklich ein prophetischer Ausblick auf die düstere Zukunft Europas?
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Mit Karl würde wohl so mancher ohne Arg einen Kaffee trinken. So aufmunternd lächelt der junge Mann, so verständnisvoll ist er. Und dann sieht er auch noch unverschämt gut aus. Karl ist das, was man einen Charismatiker nennt.

Erst recht aber fühlt sich Maxi (Luna Wedler) zu Karl (Jannis Niewöhner) hingezogen. Sie ist gerade einem Terroranschlag in Berlin entronnen. Ihre Mutter und ihre beiden kleinen Brüder kamen ums Leben. Ihr Vater Alex (Milan Peschel) hatte das Paket mit der Bombe in die eigene Wohnung getragen. Ein Akt der Freundlichkeit: Es sei für die Nachbarin, hatte der falsche Paketbote gesagt. Mit dem schwer Traumatisierten hält es Maxi nicht mehr aus.

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Und dann ist Karl seltsamerweise im genau richtigen Moment aufgetaucht, um sie vor einer aufdringlichen Journalistin zu retten. Karl bietet ihr sogar einen Ausweg aus der Trauer an: Er lädt sie zu einem europäischen Studententreffen nach Prag ein. Die Zukunft des Kontinents soll verhandelt werden.

Maxi findet sich auf einer coolen Party wieder. Es gibt aufpeitschende Hymnen, Alkohol wird gratis ausgeschenkt, und alle posten wie Influencer dauernd Videos von sich selbst. Allerdings: Karls Haltung zur Todesstrafe ist befremdlich, und dass Frauen Geschichten von Vergewaltigungen durch Flüchtlinge erfinden, irritiert sie ebenso.

Brisantes Thema

Maxis Anlehnungsbedürfnis ist jedoch übermächtig. Vor allem aber: Sie will es gar nicht so genau wissen. Dass Karl tief in den Berliner Anschlag verstrickt war, weiß ja nur der Kinozuschauer.

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„Je suis Karl“ ist einer der brisantesten Filme des Jahres: Christian Schwochow hat mit seinem Drehbuchautor Thomas Wendrich schon für die ARD-Trilogie „Mitten in Deutschland“ über den NSU zusammengearbeitet. Er nimmt die Gefahr durch die neue Rechte ernst – und zeigt ihr modernes Gesicht: Hier grölen keine Glatzköpfe, hier geht von den Rechtsextremisten eine Versuchung aus – zumindest für jemanden, der seinen inneren Halt verloren hat.

Der Filmtitel „Je suis Karl“ spielt auf die Solidaritätsbekundung „Je suis Charlie“ an. Mit diesem Ausruf stellten sich Menschen überall in Europa an die Seite des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, dessen Redaktion 2015 Opfer von Islamisten geworden war. Dieser Bezug macht den Film noch ein bisschen unbequemer, als er sowieso schon ist.

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Gewiss, manches kommt reichlich plakativ daher. Und im letzten Drittel wird Karl gar als eine Art Erlöserfigur der rechten Populisten stilisiert. Oder ist der hier ausbrechende rechte Aufstand womöglich wirklich ein prophetischer Ausblick auf die düstere Zukunft Europas?

Die überzeugenden Hauptdarsteller ziehen das Publikum tief ins Geschehen. Luna Wedler macht die Verführbarkeit ihrer Figur spürbar, und Jannis Niewöhner (Titelheld auch der aktuellen „Felix Krull“-Verfilmung) konterkariert als Demagoge gekonnt sein Strahlemannimage. Man könnte Angst vor ihm bekommen.

„Je suis Karl“, Regie: Christian Schwochow, mit Luna Wedler, Jannis Niewöhner, Milan Peschel, 126 Minuten, FSK 12

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