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Jan Delay: „Die Klimakrise macht mir Angst“

  • Mit seinem neuen Album „Earth, Wind & Feiern“ will Jan Delay Zuversicht verbreiten.
  • Wie macht er das in dieser Zeit?
  • Im Interview spricht er über die Kraft guter Reime – und darüber, warum lebensfrohe Lieder manchmal mehr bewegen als jeder Protestsong.
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Jan Delay, Sie hatten die Veröffentlichung Ihres neuen Albums verschoben, in der Hoffnung, dass die Pandemie jetzt vorbei ist. Ist sie leider nicht. Ihre Lieder könnten nun zum Soundtrack für den Übergang ins maskenfreie Leben werden. Das wär’s, oder?

Unbedingt. So eine Art Transformationssoundtrack. Ich möchte, dass die Platte in den Clubs läuft, wenn sie wieder aufmachen – auch wenn das erst in drei Jahren ist. (lacht) Nee. Quatsch.

Werden die Menschen dann anders tanzen als vorher?

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Meinen Sie, mit Abstand?

Ja, vielleicht.

In den urbanen Clubs, wo Hip-Hop, Reggae und R ‚n‘ B läuft, tanzen die Menschen zusammen, zu zweit, zu dritt. Ob sie nach Corona dort wie auf einem Rave in einem Warehouse tanzen, eine achtstündige Dance-Performance abziehen, jeder für sich, allein in seinem Extasy-Flash? Das glaube ich nicht.

„Ein Jonny steckt in jedem von uns“

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Und selbst? Heute schon getanzt?

Nee. Heute noch nicht. Nur gedanklich. Das ist ja das Wichtigste.

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Bedeutet Tanzen für Sie Befreiung in einer Welt voller Jonnys?

Zu den Jonnys zähle ich mich ja selber. Ich nehme mich da nicht aus. Ein Jonny steckt in jedem von uns.

Auf der neuen Platte singen Sie: „Ja, wenn all die Spacken schlafen, kann man tun und lassen, was man will.“

Bei den Spacken, die schlafen, darf man sich eigentlich auch nicht rausnehmen. Denn für andere Leute ist man genauso ein Spacken. Ich glaube, vielen Leuten fällt es leichter zu tanzen, wenn sie sich komplett unbeobachtet fühlen, allein zu Hause oder nachts, und nicht nachmittags um vier an der Kreuzung Eberswalder Straße. Obwohl das eigentlich sehr schön wäre.

Als Musiker können Sie problemlos nachts tanzen, weil Sie nicht morgens um sieben ins Büro müssen.

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Ich glaube, dass sich die Menschen den Beruf suchen, der zu ihnen und ihrem Rhythmus passt. Ich glaube nicht, dass ein kreativer Nachttyp Finanzbeamter wird.

Hm ... ich war mal Finanzbeamter, fühlte mich dort aber falsch.

So ging es mir, als ich drei Tage Volkswirtschaftslehre studierte. Ich bin dort angekommen und wusste nach einer Stunde: Nee. Ich habe es mir zwei weitere Tage angeschaut, am dritten Tag bin ich aufgestanden und gegangen.

Weil Sie eine Alternative hatten – die Musik?

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Ich wechselte zunächst das Studienfach, machte sogar zwei Scheine in Musikwissenschaften. Währenddessen nahmen wir „Bambule“ (zweites Album der Absoluten Beginner, Anm. d. Red.) auf. Es war ein natürlicher, fließender Übergang.

Würden Sie heute, nach der Chaosvervielfachung im vorigen Jahr, ein anderes Album aufnehmen? Würde es anders klingen?

Ich will immer ein positives Album machen. Mit guten Vibes. Auch wenn es um Themen geht, die mir Angst einflößen, wie der unfassbare Rechtsruck und die krasse Klimakrise, müssen es Songs sein, die die Leute nicht noch mehr runterziehen, sondern sie motivieren und euphorisieren, ihnen Mut machen und ein bisschen Kraft geben, damit umzugehen. Tanzend eben. Die Zeile „Ja, es sind finstere Zeiten, aber das muss gar nicht sein“ ist zwar vor der Covid-19-Pandemie entstanden, sie wirkt aber, als hätte ich sie jetzt geschrieben.

Wenn Sie im Titelsong „Earth, Wind und Feiern, und alles wird gut“ singen, dann klingt das ziemlich einfach und schlagersüß, gerade wenn man an Rassismus oder die Klimaveränderung denkt. Müsste es nicht heißen: „Und alles wird gut, wenn jeder Einzelne bereit ist, sich zu ändern“?

Ja, aber das willst du doch nicht hören. (lacht) Na klar, man kann über jede Zeile streiten.

Ich will nicht streiten.

Nee, nee, nee. Ich finde ja gut, wenn Sie das sagen, aber ich mache am Ende des Tages noch immer Popmusik, die Zeile „Alles wird gut“ ist viel aussagekräftiger als die Zeile „Alles wird gut, wenn ihr euch jetzt alle daran haltet, was ich eben gesagt habe, und wir das gemeinsam umsetzen“. Wissen Sie, was ich meine?

Ja.

Auch wenn die Formulierung vielleicht ein bisschen platt wirkt, viele Leute wissen, was ich mir dabei gedacht habe. Du musst auch Plattitüden haben, auch einsilbige Reime, du kannst nicht die ganze Zeit verklausuliert versuchen, alles richtig zu machen. Dann macht es keinen Spaß.

Im Song „Alexa“ fordern Sie Alexa und ihre Schwestern auf, die Welt zu retten.

Ja. Auch wieder: positive Vibes.

Besitzen Sie so ein Gerät?

Nein.

Ist „Alexa“ ein Protestsong, den Sie an Menschen richten, die es sich bequem machen?

Wenn Sie so wollen, prangere ich mit diesem Lied an, dass Menschen mit diesem Ding ihre Seele und ihren Lebensraum allen Konzernen dieser Welt öffnen, sie zu sich einladen, und zwar in die erste Reihe, dorthin, wo sie fernsehen oder sich mit ihrer Familie unterhalten. „Alexa“ ist zwar ein Protestsong. Viel wichtiger ist mir aber, dass „Alexa“ zuallererst ein schönes Lied ist. Um Dinge anzuprangern, müsste ich eigentlich Bücher schreiben.

Wie meinen Sie das?

Ich bin in erster Linie Entertainer. Darum geht es mir: gut zu entertainen. Wenn ich einen Song mache über ein Thema, das mir sehr wichtig ist, wenn ich ein Anliegen habe, dann will ich das entertainend machen. Mit guten Reimen, mit guten Geschichten. Damit man dazu tanzen kann. Wenn dir zu dem schlimmsten Thema keine guten Reime einfallen, dann lässt du es lieber bleiben. Manchmal reicht schon eine einzige, kleine Zeile. Damit erreichst du mehr Menschen als mit einem Song oder gar mit einem ganzen Album, das alle Missstände stumpf aufzählt. Du willst keine Abhandlung über Rassismus hören. Dazu kannst du nicht tanzen. Da hört keiner hin; höchstens die Leute, die das alles schon wissen.

„Udo Lindenberg ist mein musikalischer Papa“

„Ist schon alles ziemlich trist, wenn man besorgter Bürger ist“, heißt es in Ihrem Lied „Spaß“. Und der schönste Reim: „Vom internationalen Flair eher so wie DDR“. Klingt sehr nach Udo Lindenberg, und zwar nach seinem Song „Sie brauchen keinen Führer“.

Das kann sehr gut sein. So etwas passiert dann unterbewusst. Das war damals jedenfalls eines meiner Lieblingslieder von Udo. Ich kenne es auswendig ... natürlich.

Sie und Lindenberg verbinden die Liebe zum Hut, die Wut auf Rassisten und die Farbe Ihrer Stimmen. Welche Rolle spielt er in Ihrem Leben?

Torch (von Advanced Chemistry, Anm. d. Red.) hat mich inspiriert, auf Deutsch zu rappen. Doch Udo ist noch viel mehr. Er ist mein musikalischer Papa. Ich liebte die Plattenkiste meiner Eltern. Dort war nur coole, tanzbare Musik drin, alles mit schwarzem Background. Entweder gab es keine Texte, oder ich verstand sie nicht. Dann entdeckte ich Udo für mich, und zwar über seine Texte. Es war das erste Mal, dass jemand zu mir sprach. Mich packten sowohl seine Reime als auch der Flow seiner Wörter. Man hört, dass er Drummer ist. Ich habe das aufgesogen. Wenn ich singe, ist Udo immer mit dabei.

Wenn man so eine unverwechselbare und unüberhörbare Stimme hat wie Sie, spürt man dann eine gewisse Verpflichtung, sie zu nutzen, um sich für gewisse Dinge einzusetzen?

Ohne Künstler wie Public Enemy, die Beastie Boys, Bob Marley und Udo wäre ich nicht der geworden, der ich bin. Deswegen ist es mein Anliegen, meine Stimme zu nutzen – so wie meine Heroes. Das hat aber nichts damit zu tun, dass sie anders klingt, sondern einfach damit, dass ich ein Publikum habe, das mir zuhört. Ich will daraus aber kein Gesetz machen. Kunst muss immer Anarchie sein. Jeder soll tun und lassen, was er will. Ich möchte selbst das Recht haben, eine Platte nur über Golf GTIs zu machen.

Als Sprecher verleihen Sie heute sogar dem kleinen Raben Socke Ihre Stimme. Man erkennt Sie sofort. Wie war das als Kind? Wurden Sie gehänselt?

Nee. Damals unterschied sich meine Stimme noch nicht so sehr von den Stimmen der anderen Kinder.

Ich dachte, Sie hätten vielleicht deshalb dieses Selbstbewusstsein entwickelt. Weil Sie sich wehren mussten.

Nee, das war eher dieser Kontrast in der Schule, im Gegensatz zu den anderen Kindern keine Kohle zu haben, nur gebrauchte Klamotten und gebrauchtes Spielzeug. Dort habe ich dieses Selbstbewusstsein aufgebaut.

Sie durften keine Capri-Sonne trinken wie die anderen Kinder, sondern mussten Vollkornbrot essen, wie Sie im Song „Saxophon“ erzählen. Hadern Sie mit Ihrer Kindheit?

Null. Es war toll. Ich wuchs in Eppendorf auf, einem der reicheren Stadtteile Hamburgs, stamme aber aus einem mittellosen Künstlerhaushalt. Wir lebten in einem ehemals besetzten Haus. Erst als ich in die Schule kam, in die Prinzenschule, habe ich mitbekommen, wie es bei den anderen Kindern zugeht. Meine Mutter hatte Kunst studiert. Sie hatte zwar angefangen, als Kunstlehrerin zu arbeiten, nach einem halben Jahr aber wieder aufgehört. Sie sagte: „Ich kann das nicht. Ich will lieber meine Kunst machen, auch wenn ich damit kein Geld verdiene.“ Und dann hat sie das durchgezogen. Sie bekam Stipendien. Später, als ich schon älter war, nahm sie einen Dozentenjob in Braunschweig an.

Und Ihr Vater?

Er ist Filmemacher.

Er hatte dieses Saxofon, das Sie jetzt besingen.

Das hat er immer noch. Er spielte in diversen Bands, unter anderem bei Tuten und Blasen, und trat auf Demos und linken Veranstaltungen auf.

Hat Ihr Vater mal auf einem Ihrer Songs gespielt?

Ja, lustigerweise auf der allerersten Maxi der Absoluten Beginner. Das Lied heißt „Freiheit befreien“. Einer der peinlichsten Texte, die ich je geschrieben habe. Das ist Gemeinschaftskunde, neunte Klasse. Wir waren damals 16. Am Ende spielt mein Vater ein sehr schönes Solo.

„Viel schlimmer war, dass ich die Ritterburg von Playmobil nicht hatte“

Auf „Saxophon“ spielt er nicht?

Nee. Das hatten wir erst überlegt. Dann dachte ich aber, das ist ein Zahn zu viel, das verschandelt das schönste Gebiss. Das ist mir zu amimäßig. Zu kitschig. Ich hole ihn vielleicht mal live dazu.

Wann haben Sie Ihre erste Capri-Sonne probiert?

Damals noch. Ich fand die aber gar nicht so geil. Viel schlimmer war, dass ich die Ritterburg von Playmobil nicht hatte – und das Piratenschiff.

Sind die Künstlereltern stolz auf den Künstlersohn?

Meine Mutter sagte mir mal, sie bewundere, wie professionell ich als Künstler sei, so strebermäßig, und dass sie das nicht gekonnt hätte.

Sie rappten ja schon auf „Bambule“, Sie wollten „die Ärsche der Nation bewegen“. Das sind sehr viele. Sie sind offenbar sehr ehrgeizig.

Ja.

Seit sieben Jahren sind Sie selbst Vater. „Zurück“ widmen Sie Ihrer Tochter. Hört man alle Ihre Alben in Reihe, dann fällt auf, dass Sie inzwischen tatsächlich wie ein besorgter Vater klingen.

Das habe ich noch nie gehört, aber jetzt, da Sie es sagen. Das kann gut sein. Als wir 2016 das Beginner-Album gemacht haben, war ich schon Vater. Mein Manager meinte damals: „Hier ist kein einziges Schimpfwort drauf. Es ist FSK 0“. Ja, klar habe ich jetzt mehr Zukunftsängste, gerade die Klimakrise macht mir viel mehr Angst, weil ich an meine Tochter denke, die vielleicht auch mal Kinder haben will.

Erziehen Sie Ihre Tochter anders?

Nee. Ich finde, meine Eltern haben das voll gut gemacht.

Was genau?

Zur Selbstständigkeit erziehen. Das ist das Wichtigste. Weil sich dadurch das Selbstbewusstsein entwickelt. Mut machen. Zeigen, dass anders zu sein immer was Gutes ist – und nichts Schlechtes. Anders zu sein ist geil.

In der Disko No. 1

Jan Philipp Eißfeldt, Bühnenname Jan Delay, wuchs in Hamburg-Eppendorf in einem künstlerischen Elternhaus auf. Seine Mutter ist die Fotokünstlerin und Professorin Dörte Eißfeldt, sein Vater der Filmemacher Theo Janßen. Mit seiner Band Absolute Beginner (später Beginner) belebte Delay in den Neunzigerjahren den deutschsprachigen Hip-Hop. Auf „Bambule“, dem zweiten Album, formulierte er schon 1998 seinen Anspruch: „Wir leben und rocken, und niemand kann uns stoppen, wir werden alle Popper foppen und die Charts toppen.“ Das sollte ihm tatsächlich schon bald gelingen – sowohl als Beginner, als auch als Solokünstler.

Der 45-jährige Lindenberg-Kumpel ist ein Stilsurfer. Auf seinen nunmehr fünf Soloalben unternimmt er einen wilden Törn auf dem Ozean schwarzer Musik. Nur seinen Seitensprung zum Rock verübelten ihm manche Fans und Kritiker. Seine Songtexte sind gewieft, oft hintergründig und humorvoll. Allein die Titel seiner Soloalben zeigen, dass „Jan Soul Rebel“ ein beinahe manisches Faible für Wortspiele hat. Auf „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ von 2009 befindet sich sein wohl bekanntester Song „Oh Jonny“. Darin warnt er vor einem oberflächlichen, gedankenlosen Dasein: „Leb dein Leben wie eine Party. Geh nicht wählen, trag Ed Hardy.“ Trotz aller Sorgen: In der Disko No. 1, wie seine Begleitband heißt, wird durchgetanzt. Das gilt auch für sein aktuelles Album „Earth, Wind & Feiern“.

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