James Blunt: „Der Kopf ist der einsamste Ort der Welt“

  • James Blunt bringt 2019 nicht einfach ein weiteres neues Album mit beliebigen neuen Songs heraus.
  • „Once upon a Mind“ beschäftigt sich mit dem Spannungsfeld eines Popstarlebens zwischen Beruf und Familie.
  • Und der Sänger, so sagt er im Interview, nimmt in einigen Liedern Abschied von seinem todkranken Vater.
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Die Tür der Hotelsuite im achten Stock des Berliner Waldorf Astoria geht auf, ein strahlender James Blunt (45) steht zum ersten Interview des Tages bereit. Begrüßung mit Handschlag, ob das Aufnahmegerät heute in Ordnung ist, will er wissen (bei einem Interview einige Jahre zuvor hatte es die Aufnahme verweigert). Das sechste Album des 45-Jährigen steht bevor, es trägt den märchenhaften Titel „Once upon A Mind“ und ist persönlicher geraten als seine Vorgänger.

James Blunt im Interview:

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Herr Blunt, Ihr neues Album „Once Upon A Mind“ wird als Ihr „ehrlichstes“ beworben. Das war vor sechs Jahren auch das Attribut zu „Moon Landing“. Ist die neue Platte also noch ehrlicher?

Ja, sogar sehr. Ich weiß gar nicht, ob „ehrlich“ das Wort ist, das wir damals verwendet hatten. „Moon Landing“ war für mich ein Rückblick auf alles Bisherige. Aber in Sachen Offenheit und Ehrlichkeit ist es dennoch nicht vergleichbar mit „Once upon a Mind“. Ich hatte die Dinge noch nicht erfahren, die ich in den vergangenen drei Jahren erfahren hatte. Alle bisherigen Alben waren inhaltlich auf mich selbst bezogen, dieses ist es nicht. „Once upon a Mind“ handelt von sehr wichtigen Personen in meinem Leben. Indem Dinge beschrieben werden, die mir über diese Menschen im Kopf herumgehen, knüpft es in seiner Offenheit wohl am deutlichsten an mein Debütalbum „Back to Bedlam“ an.

Damals schrieben Sie Ihre Lieder freier als heute?

Ja. Danach geschah ja auch erst alles – das Leben nahm Fahrt auf, der Erfolg stellte sich ein, auch die Verwirrung über den Erfolg, die Bekanntheit. Studioaufenthalte, Tourneen, Presse – und all das immer wieder. Und du beginnst dich irgendwann im Songwriting tatsächlich am Publikum zu orientieren: Du schreibst Songs für die Fans, benutzt Worte, die sie hören wollen. Dann wurde mein Vater krank. Mein Held wurde krank, der sein ganzes Leben gesund gewesen war. Und zur selben Zeit gründete ich meine eigene Familie, wurde Vater. So erlebte ich, wie sich der Kreis des Lebens in vollem Umfang vor mir drehte (lacht leise).

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In einem Beruf, der nicht allzu familienfreundlich ist.

Natürlich. Ich bin oft auf Tour, weg von Zuhause, lasse meine Frau und meine Kinder zurück. Das macht einiges kompliziert, bringt Trennungsschmerz auf beiden Seiten. Und so war das Publikum diesmal nicht imaginär mit mir im Zimmer, als ich diese Lieder schrieb. Meine Frau war mit mir im Zimmer, meine Kinder, mein Vater, meine Familie. Für sie ist dieses Album.

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Die Fans werden diese Familienliebe aber durchaus zu schätzen wissen.

Ich hoffe das. Schreibst du direkt für dein Publikum, ist das harte Arbeit. Sie könnten sonst ja merken, dass du Worte benutzt, die sie hören wollen (lacht). Wenn du dir dagegen einfach Dinge von der Seele schreibst, spricht das viele direkt an, da gibt es diese Skepsis nicht. Das ist die Ironie am Musikmachen.

Worauf spielt der Albumtitel mit seinem Märchenbezug an?

Dass ich schwere Gedanken mit mir herumtrage. Dass der Kopf der einsamste Ort auf der Welt ist.

Lieder wie „Truth“ oder „Champions“ klingen wie Entschuldigungen fürs Wegsein, sie sind voller Ängste. Ist das der Albtraum eines Troubadours, er könnte heimkommen und alles Glück verloren haben?

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Absolut. Ganz genau. Die Angst vor den Konsequenzen ist da. Und mein Job hat natürlich Konsequenzen: Schließlich stellst du dein Leben in Songs aus. Du stehst auf einer Bühne und singst öffentlich über sehr persönliche Erfahrungen, Beziehungen. Da sind wirkliche Menschen in deinen Liedern. Oder manchmal sind sie gerade nicht darin (lacht). Und für diese Menschen hat das Folgen. Ich muss aber trotzdem Lieder schreiben, auf Tour gehen und sie vortragen. Ich gebe sogar Interviews darüber. Und das ist natürlich nicht immer dienlich. Es ist schön, Ihnen von meiner Arbeit zu erzählen, von meinen Liedern, aber das hat zu Hause Konsequenzen.

Deshalb gibt man vorsichtig die Essenz preis, hält die Details aber zurück.

Genau. Aber das ist schwierig, die Fragen werden bohrend: Erzähl mir mehr, erzähl mir mehr, mehr, mehr!

Das ist unser Job, der auch nicht immer einfach ist. Fühlen Sie sich schuldig, wenn Sie weg sind, reuevoll, wenn Sie nach Hause kommen?

So ist es. Deswegen bleibe ich heute Nacht auch nicht in Berlin. Ich muss heim. Es zieht mich richtig nach Hause.

Auch zum Windeln wechseln, Söhnchen füttern?

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Ich bin da schon ziemlich dabei. Denn ich bin ja oft weg, und wenn du dich dann auch noch rausziehst, wenn du zu Hause bist, dann verpasst du wirklich Momente. Und die lohnen sich alle, sogar (lacht) die vollgeschissenen.

Es sind einige Lieder für Ihren kranken Vater auf dem Album. Was fehlt ihm?

Es sind die Nieren. Er braucht eine und hat jetzt gerade mit der Dialyse angefangen. Seine Nieren funktionieren nur noch zu 11 Prozent. Und jeden Monat wird es ein Prozent weniger. Man kann also feststellen, wie viel Zeit ihm noch bleibt. Die Warteliste ist lang. Und natürlich ist es so, dass jüngere Patienten, die eine Niere brauchen, bevorzugt werden, was ja auch nachvollziehbar ist. So ist das Leben.

Könnten Sie ihm nicht eine Niere spenden?

Leider nein. Er ist 0 positiv, ich bin A positiv. Dasselbe gilt für meine Schwestern. Wir haben schon Witze darüber gemacht, ob wir vielleicht alle adoptiert wurden (lacht, hat dabei aber Tränen in den Augen).

Die Endlichkeit der liebsten Menschen akzeptieren zu müssen ist eine unerträgliche Sache.

Ja, Sterblichkeit ist schon eine besondere Erkenntnis (seufzt). Bist du jung, platzt du vor Leben und schreibst deine Lieder über das aufregende Leben und deinen Platz darin. Dieses Album handelt von dem Verständnis, dass das wahre aufregende Leben mit den Leuten zu tun hat, die dir am nächsten stehen. Der Song „Monsters“ ist tieftraurig, aber er sagt auch, dass während einer gehen muss, andere ankommen. Ich für mich habe jedenfalls begriffen, dass jeder Moment, den ich mit meinen liebsten Menschen verbringen kann, wichtiger ist als alles, worüber ich je geschrieben habe. Der Song „1973“ von meinem zweiten Album, einer meiner größten Hits, erzählt allen Ernstes von einem Nachtclub – und das bedeutet gar nichts. Die neuen Songs sind nicht für eine Plattenfirma oder eine Chartplatzierung gedacht. Sie legen meine Hand in die Hand der Menschen, die ich liebe. Deswegen mussten sie auch perfekt sein.

Kennt Ihr Vater die Lieder über ihn?

Ich habe sie ihm am Montag, also vor vier Tagen, vorgespielt. Er wusste bis dahin nicht, dass es sie gab. Und das war schon sehr bewegend. Musik gibt mir die Möglichkeit, Dinge zu sagen, die ich ohne sie nie aussprechen würde. Und in „Monsters“ sagte ich meinem Vater: Wir sind jetzt nicht Vater und Sohn, sondern zwei erwachsene Männer, ich sehe dich als Gleichen, als Freund. Ich verabschiede mich von dir. Kein Grund, irgendetwas vergeben oder vergessen zu müssen.

Ein bewegender Abschied.

Ja, denn er kennt meine Fehler, ich seine. Als ich jung war, war er mein Held, wie man Väter eben zu Idolen macht. Später ziehst du gleichauf, erkennst du, dass die Eltern nicht perfekt sind, dass sie im Wollen, das Beste zu tun, auch Fehler machen. Und dann werden sie älter, schwächer, und schließlich bist du es, der sie zu Bett bringt und zudeckt, und du versuchst, ihre Monster zu verscheuchen.

Haben diese Songs Ihrem Vater geholfen, über seine Krankheit zu reden? Waren sie eine Art Schlüssel für ihn?

Der Song sagte alles, wir brauchten es nicht zu diskutieren. Er sagte nur: „So wahr“. Und dann haben wir weitergemacht. Diskutieren hätte es nicht wahrer gemacht. Ich bin ein Mann. Wenn wir beide, Sie und ich, in einen Pub gehen würden, dann würde ich anders als in diesem Interview über dieses Album, auch nicht über meine Gefühle reden.

Was sagt Ihre Frau Sofia dazu, wenn Ihr Mann in seinen Liedern über seine Liebe, aber auch über seine Sorgen und Ängste singt?

(lange Pause) Ich glaube, es wäre einfacher, wenn diese Lieder uneingeschränkt fröhlich wären. Natürlich bin ich glücklich, aber die Wirklichkeit ist komplizierter. Wenn ich singe „Ohne dich friere ich“, ist das ein wunderbares Kompliment, wenn ich im selben Lied „Es ist ein Meer zwischen uns“ singe, kann das als furchtbar empfunden werden. Aber Beziehungen bestehen eben aus Nähe und Distanz, sie haben Nuancen.

An einer Stelle heißt es, Sie seien sich „klar über den Weg, den sie gehen müssen“. Erzählen Sie etwas über diesen Weg.

Ich war ein ungebundener Mann unterwegs auf der Tourstraße, bis ich 40 Jahre alt war. Und die anderen Songs auf den anderen Alben erzählen davon, dass ich dabei eine erstaunliche, fantastische Zeit hatte. All das hat mich an den Punkt gebracht, an dem ich heute bin und an dem ich nicht glücklicher sein könnte. Im Auge manches Betrachters ist es wohl ein chaotischer, arg gewundener Weg gewesen. Aber der Song sagt meiner Familie vor allem, dass sie der Ort ist, der für mich vorgesehen war.

Ihr bester Freund Ed Sheeran überlegt derzeit, eine künstlerische Pause einzulegen. Käme das für Sie auch infrage? Ein paar Jahre privatisieren? Oder ganz aufzuhören, nur noch in Familie machen?

Die Botschaft ist angekommen (lacht). Wir Musiker sagen ja oft am Ende einer Tour, wir nehmen uns jetzt mal eine Auszeit von den Liveshows und dem Musikmachen. In Wahrheit heißt das: Ich gehe in Kürze wieder ins Studio und in zwei Jahren gibt es ein neues Album von mir, dann wirst du auf meiner Website Liveshows angekündigt finden. Bei mir dauert es jedenfalls meist zwei Jahre. Könnte ich eine längere Zeitspanne darauf verwenden? Ich fürchte, die Antwort lautet: Nein. Denn das ist das Problem: Ich bin begeistert von dem, was ich tue. Was würde ich stattdessen tun? Ich wäre zu Hause, wie es sein sollte. Und sehr unruhig. Ich würde es vermissen.

Einer der schönsten Songs auf dem neuen Album ist „The Greatest“ für Ihre Kinder. Darin schreiben Sie, Sie seien „frustriert über die Welt, in die Sie sie gebracht haben“.

Die Menschen sind selbstsüchtig, gierig, die Zivilisation steht auf der Kante, ist so nah dran wie nie, zusammenzubrechen. Und gleichzeitig haben wir eine Wirtschaft, die uns sagt, wir müssen wachsen. Konsumieren, konsumieren! Das macht keinen Sinn. Denn es ist es so offensichtlich: Wie können wir immer mehr konsumieren auf diesem ausgebeuteten Planeten? Wir können nicht sämtliche Ressourcen abbauen und für uns aufbrauchen. Deutschland ist sich der ökologischen Havarie vollauf bewusst, ihr Leute seid uns Briten um Jahrzehnte voraus, was die Erkenntnisse über die Schäden betrifft, die wir der Erde und damit uns selbst zufügen. Für mich sind wir Menschen nicht annähernd so intelligent wie wir glauben. Und die Politik …

… denkt zuvörderst in wirtschaftlichen Kategorien.

Und sie ist dabei so polarisiert. Es herrscht die Vorstellung, dass du entweder links oder rechts stehen musst. Und dass du keinen Respekt für Ideen beider Seiten zeigen kannst. Das ist so schlimm wie in einem Kriegsgebiet: „Du bist aus diesem Land, ich aus einem anderen, deshalb werden wir uns jetzt mal umbringen.“ Das ist dieselbe Denke, das sind dieselben Kämpfe, man will die anderen nicht verstehen. Ich selbst bin weder links noch rechts und ich schätze, die meisten normalen Leute sind auch irgendwo in der Mitte.

Außer man sieht das Internet als Spiegel der Gesellschaft.

Dort findet man tatsächlich fast nur Menschen mit Meinungsextremen vor – die größte Erfindung der letzten Jahrzehnte (lacht). Schaue ich auf mein Leben, meine Erfahrungen als Musiker, dann war das alles schon fast krankhaft positiv. Ich habe nur gute Leute getroffen – Fremde, die mich drückten, sich bei mir bedankten. Fremde auf der Straße wollen wissen, wie es mir geht. Und überhaupt: Leute stehen in Schlangen vor den Hallen, zahlen ihr gutes Geld, stehen Schulter an Schulter und erfreuen sich an meinen Songs über meine kleinen, irrelevanten Erfahrungen. Und in der großen Erfindung Internet finde ich dann nur geballte Negativität. Ermöglichst du Kommentare auf deiner Website, sind voraussichtlich 90 Prozent negativ, zum Teil so gemein, dass du dich fragst, warum du überhaupt Kommentare zulässt. Instagram gaukelt Leuten vor, das Leben anderer sei perfekt, sodass sie sich minderwertig fühlen. Twitter macht Leute zutiefst angriffslustig gegenüber Fremden. Die Menschen heute kommen dort ziemlich egoistisch, grausam und dumm rüber. Und all das beunruhigt mich, wenn ich an meine Kinder denke. Mit diesem Lied „The Greatest“ will ich meine Kinder lehren, freundlich zu sein, Mitgefühl mit anderen zu haben und zu verstehen, dass das, was jemand anderes sagt, nur seine Meinung ist – und keine unverrückbare Tatsache.

Vielleicht werden viele Kinder im Westen der Zukunft nicht mehr in so freien Demokratien aufwachsen wie wir sie kennen. Nationalismus greift um sich, fest geglaubte Gefüge driften auseinander, und Großbritannien steht der Brexit bevor.

Für mich ist es zunächst mal eine positive Sache, wenn du stolz auf dein Land bist. Ich liebe Deutschland, ich habe hier zwei Jahre gelebt, bin in einer super Umgebung aufgewachsen, habe Deutsch gelernt – „nur ein bisschen“ (auf deutsch) – und liebe deutsches Essen und die deutsche Kultur. Und ich bin der Ansicht, die Deutschen könnten ruhig ein wenig ihre Flagge schwenken und sagen: „Wir sind deutsch!“ Und das kann ich als Brite auch. Solange ich die anderen Länder wertschätze und respektiere. Man muss die andere Seite sehen und den Unterschied lieben. Und der Brexit? Das ist eine politische Farce, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Wenn er denn passiert, ändert das nichts am Miteinander der Menschen in den Ländern, das viel stärker ist. Ich würde weiterhin durch Europa touren, nur müsste mein Tourmanager halt ein paar Papiere mehr ausfüllen und wäre davon angepisst. Und du kommst weiterhin nach England, und wenn ich dich treffe, schüttle ich dir wie zuvor die Hand und sage: „Schön, dich zu sehen.“

James Blunt: Das sind die Tour-Daten für 2020

Das neue Album von James Blunt heißt "Once upon a Mind" (Warner) und ist am 25. Oktober erschienen. Im kommenden Jahr steht seine große Album-Tour an. Das sind die Termine für die „Once upon a Mind-Tour“ 2020:

  • 9. März – Berlin, Mercedes-Benz-Arena
  • 10. März – Leipzig, Arena
  • 12. März – Hannover, TUI-Arena
  • 13. März – Lingen, Emsland-Arena
  • 14. März – Hamburg, Barclaycard-Arena
  • 16 März – Mannheim, SAP-Arna
  • 17. März – Köln, Lanxess-Arna
  • 18. März Oberhausen – König-Pilsener-Arena
  • 19. März – Frankfurt – Festhalle
  • 21. März – München, Olympiahalle
  • 3. April – Stuttgart, Schleyerhalle
  • 4. April – Nürnberg, Arena

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