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Interview mit Willem Dafoe und Abel Ferrara – “Albträume? Das klingt gut”

  • In Abel Ferraras neuem Film “Siberia” ist ein einsamer Mann mit Schlittenhunden in Sibirien unterwegs.
  • Ihre Landschaft für “Siberia” fanden Ferrara und sein Hauptdarsteller Willem Dafoe in Südtirol.
  • Wie immer bei dieser Regisseur-Star-Paarung geht es um einen Mann in der Krise.
Stefan Stosch
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Schon siebenmal stand der US-Schauspieler Willem Dafoe für Regisseur Abel Ferrara vor der Kamera – zum ersten Mal 1998 für “New Rose Hotel”, zuletzt vor zwei Jahren in “Tommaso und der Tanz der Geister”. In Ihrem neuem Film “Siberia” reist ein Mann mit dem Schlitten durch eine klirrende Welt. RND-Filmredakteur Stefan Stosch traf die beiden zum Gespräch.

Mr. Dafoe, Mr. Ferrara, schicken Sie beide einen Kinohelden nach Sibirien?

Ferrara: Ich hatte gerade meinen vorigen Film „Tommaso und der Tanz der Geister“ beendet. Und dann spukten durch meinen Kopf diese Bilder von einem Mann, der wie in einem Jack-London-Abenteuer mit seinen Schlittenhunden in der Wildnis unterwegs ist. Ich dachte auch an Alexander Solschenizyn, der ja nach Sibirien verbannt worden war. Außerdem hat der Titel „Siberia“ einen großen Vorteil: Den Namen versteht man in jeder Sprache.

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Ihr Sibirien haben Sie allerdings in Südtirol gefunden, Ihrem Hauptdrehort. Wieso diese erstaunliche geografische Verlegung?

Dafoe: Wir haben nach wunderschönen Bergen gesucht. Und da “Siberia” zum Teil eine italienische Produktion ist, gab es finanzielle Unterstützung, in Südtirol zu drehen. Wir kannten diese Gegend nicht gut. Aber wir brauchten Schnee und Gipfel. Für mich fühlte es sich wie eine Expedition an. Mit Hunden kannte ich mich schon durch einen früheren Film aus – und jetzt mag ich Huskys noch mehr als zuvor.

Ferrara: Südtirol ist ein ganz besonderer Ort. Man spricht italienisch und deutsch. Aber diese Ecke ist nichts von beidem und auch nicht Österreich. Wir fanden einen abgeschiedenen Ort, an dem sich im Winter außer uns kaum jemand aufhielt. Und es war richtig schön kalt, so wie wir es wollten. Glücklicherweise fanden wir auch einen Einheimischen mit Huskys.

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Der Film erzählt mehr einen Bewusstseinsstrom als eine klare Handlung. Wie sah das Drehbuch aus?

Ferrara: Ein paar Ideen hatte ich schon zu Papier gebracht. Das war ja auch logistisch nicht ganz einfach: Wir hatten vier Sprachen am Set – Englisch, Italienisch, Deutsch und die Wüstenszenen haben wir in Mexiko gedreht, also wurde auch noch Spanisch gesprochen. Prinzipiell aber war das wie bei einem Bauplan für ein Haus: Wenn du nicht genau weißt, wie das Haus aussehen soll, hat es keinen Sinn, einen tollen Entwurf aufzumalen. Ich bin aber auch nicht der Typ, der etwas aufschreibt, was dann erst Jahre später Wirklichkeit werden soll. Dann bin ich ja vielleicht schon längst tot.

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Dafoe: Wenn in diesem Fall jemand von Skript sprach, dann könnte man auch zurückfragen: Welches Skript? Ich will jetzt aber nicht unhöflich sein: Es gab schon eine Vorlage. Während des Drehs haben wir dann versucht, zwischen Bildern und Szenen Verbindungen herzustellen.

Woher stammen Ihre Eingebungen: Spielt Autobiografisches eine Rolle so wie bei “Tommaso”?

Dafoe: Ach, wissen Sie, es bringt den Film nicht weiter, nach den Ursprüngen zu suchen. Lassen Sie doch das Geheimnis einfach stehen.

Wieso geht es immer um Männer in der Krise, wenn Sie beide einen Film gemeinsam machen?

Dafoe: Wenn ich als Schauspieler dabei bin, geht es immer um Männer in der Krise. Sogar bei einer albernen Komödie wäre das so. Wir wollen herauskriegen, was wir auf dieser Welt tun.

Also sehen Sie sich als Schauspieler im permanenten Krisenmodus?

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Dafoe: Nein, als Schauspieler fühle ich mich wie im Himmel. Schauspielerische Herausforderungen holen mich aus meiner Komfortzone und bringen mich auch auf Distanz zu mir selbst. Extremes jeder Art mag ich – entweder was die praktische Arbeit beim Dreh betrifft oder weil wir danach suchen, wohin die filmische Reise gehen soll. Deswegen schätze ich die Arbeit mit Abel. Wir vertrauen einander.

Trauen Sie sich manchmal zu sehr? Ist da vielleicht zu viel Routine im Spiel?

Dafoe: Mit Abel ist es immer aufregend. Das Schöne ist, dass ich mich mit ihm zusammen für alles verantwortlich fühle. Das müsste ich ja gar nicht. Er ist der Regisseur, ich bin der Schauspieler, also eine Verlängerung von ihm. Aber ich weiß über alles Bescheid. Das ist schließlich unser siebter gemeinsamer Film. Abel ist bei allen Aspekten dabei, von der Finanzierung bis zum fertigen Film. So etwas hat man heute nur noch selten.

Würden Sie zustimmen, dass Sie beide Filme über Ihre größten Albträume machen?

Ferrara: Das klingt gut. Mir geht es immer darum, mich mit großen Dingen zu beschäftigen. Warum also nicht auch mit unseren größten Albträumen? Von einem bestimmten Punkt an weiß ich bei der Vorbereitung auch, dass Willem mein Darsteller ist – und dann wird der Film zur Gruppenreise.

Dafoe: Das läuft so ab, dass Abel eine Idee hat und fragt, was ich davon halte. Wir spielen dann mit den Ideen, probieren etwas aus. Wir arbeiten immer mit dem, was wir vorfinden. Für mich entsteht der Film beim Drehen.

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Sind Sie Ötzi in Südtirol begegnet?

Dafoe: Sie meinen die Mumie aus dem Eis? Na ja, wir haben immerhin von ihr gehört.

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