„Es gibt kein Zurück mehr. Niemals.“

Der iranische Oscarkandidat Ali Abbasi: „Plötzlich galt die Ermordung von Frauen als Heldentat“

Ein Regisseur nutzt die Aufmerksamkeit für seinen Film: Ali Abbasi (Mitte) bei der London-Premiere seines Films „Holy Spider“ im Oktober.

Ein Regisseur nutzt die Aufmerksamkeit für seinen Film: Ali Abbasi (Mitte) bei der London-Premiere seines Films „Holy Spider“ im Oktober.

Bekannt wurde Ali Abbasi mit dem international gefeierten Film „Border“ (2018). Wann je zuvor hatte man schon mal eine Trollfrau beim schwedischen Zoll gesehen? Mit dieser eigenwilligen Mischung aus Horrorfilm, Psychothriller und Liebesgeschichte ging der gebürtige Iraner für Schweden ins Oscarrennen. Nun ist er mit „Holy Spider“ (deutscher Kinostart: 12. Januar) über den Fall eines iranischen Prostituiertenmörders für Dänemark nominiert. Geboren wurde Abbasi in Teheran, wo er auch an der Polytechnischen Universität studierte. 2002 ging er nach Europa und studierte an der Nationalen Filmschule in Dänemark Regie. „Holy Spider“ drehte er in Jordanien, nachdem er im Iran keine Genehmigung bekommen hatte.

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Herr Abbasi, ist Ihr Film „Holy Spider“ über den tatsächlichen Fall eines iranischen Frauenmörders aktueller, als Sie es sich je gewünscht hätten?

Relevant war der Film schon bei der Premiere im Mai 2022 beim Festival in Cannes: Ein paar Wochen lang standen wir unter heftigem Beschuss durch die iranische Regierung. Nun wird in Zusammenhang mit den Protesten der iranischen Frauen über „Holy Spider“ gesprochen. Dieser Preis für die Aufmerksamkeit ist hoch. Dabei verstehe ich mich gar nicht als ein politischer Filmemacher. Deshalb bin ich auch nicht glücklich darüber, dass dieser Film als einer über die Situation der Frauen im Iran angesehen wird, denn das ist er nicht – auch wenn Frauenfeindlichkeit eine Rolle darin spielt.

Wie hat die iranische Regierung nach der Cannes-Vorführung reagiert?

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Sie hatte wohl nicht viele Informationen über den Film, aber sie befürchtete das Schlimmste. Man hat uns bedroht. Besonders unsere Hauptdarstellerin Sahra Amir Ebrahimi, die vor ihrer Flucht aus dem Iran 2006 dort sehr bekannt war. Sie bekam jeden Tag Morddrohungen in den sozialen Medien. Der Parlamentspräsident, der Kulturminister und andere standen Schlange, um uns zu sagen, wie böse unser Film ist. Sogar einige Schauspieler, die beim Casting mitgewirkt haben, darunter echte Stars des iranischen Kinos, haben uns attackiert. Ich wurde beinahe paranoid, weil ich mich fragte: Warum ist dieser Film so wichtig?

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Zur Zeit der Premiere hatte niemand eine Ahnung, welche Protestwelle im Iran anlaufen würde: Hätten Sie jemals mit einem von Frauen angeführten Aufstand gerechnet?

Ganz und gar nicht. Aber ich denke, das liegt in der Natur von revolutionären Bewegungen. Weder die Demonstrantinnen und Demonstranten noch das Regime ahnten, was sich entwickeln würde. Und daran hat sich nichts geändert, weil alle in Echtzeit dabei sind. Ich denke, dass es zwei starke Kräfte gibt, die in der iranischen Gesellschaft gegeneinander arbeiten.

Welche sind das?

Da ist eine riesige junge Bevölkerung, die immer besser ausgebildet ist. Der kulturelle Wandel und der technologische Fortschritt verändern ihre Welt. Sogar meine Verwandten in Dörfern haben Instagram. Als ich zuletzt 2020 im Iran war, konnte ich mit einer Kreditkarte Wassermelonen am Straßenrand kaufen. Das können Sie nicht einmal in Berlin. Auf der anderen Seite aber ist da diese extreme Frauenfeindlichkeit. Im Iran werden religiöse Minderheiten und Aktivistinnen und Aktivisten unterdrückt, das lässt sich aus Sicht des Regimes sogar nachvollziehen. Aber warum Frauen? Ich hatte das Gefühl, dass sich ein großer Konflikt aufbaut. Aber hätte ich mir träumen lassen, dass all das jetzt passiert? Nein.

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Gerieten Menschen in Gefahr, die mit Ihrem Film zu tun haben?

Einige bekamen Besuche von den Sicherheitskräften, auch mein Assistent. Wir haben in Jordanien gedreht. Unser Hauptdarsteller Mehdi Bajestani konnte nicht mehr zurück in den Iran und ging nach Europa. Der Film hat viele Menschen eine Menge gekostet. Die Sicherheitskräfte haben auch versucht, mich dazu zu bringen, ihnen den Film zu zeigen. Sie haben mir Nachrichten geschickt wie: Lass uns in der Türkei treffen. Und ich sagte: Nein, anderen Leuten, die ihr in die Türkei eingeladen habt, ist es nicht so gut ergangen.

In den Jahren 2000 und 2001 hat der Spinnenmörder 16 Prostituierte mit deren eigenen Halstüchern stranguliert. Sie studierten damals noch im Iran und gingen wenig später nach Europa: Was hat Sie an dieser Geschichte so sehr fasziniert, dass Sie 20 Jahre später einen Film darüber gedreht haben?

Der Prostituiertenmörder war damals keine große Nachricht – und das sagt schon viel über den Iran. Damals diskutierte das Establishment viel über den sogenannten Reformpräsidenten Mohammad Khatami. Der Spinnenmörder wurde in den Nachrichten erst richtig bekannt, als er schon zehn Frauen umgebracht hatte. Dabei waren viele Details in dem Fall ungewöhnlich, die wir im Film auch aufgreifen. Der Mörder rief damals wirklich einen Journalisten an, um sicherzustellen, dass die Leichen der Frauen gefunden wurden. Und er hatte in der Öffentlichkeit schon Unterstützung, bevor er im Gefängnis war.

Wer unterstützte die Morde?

Einige Leute sagten: Okay, die Regierung hätte etwas gegen diese Prostituierten unternehmen müssen. Aber da sie nichts tut, tut eben jemand anders etwas. So wurde diese Geschichte immer größer. Es ging nicht mehr nur um eine geistig gestörte und sexuell pervertierte Person, sondern auch um ein bestimmtes gesellschaftliches Umfeld. Plötzlich war es nicht nur in Ordnung, Frauen zu töten, sondern die Ermordung von Frauen galt sogar als Heldentat. Ich muss aber hinzufügen, dass nur eine Minderheit mit ihm übereinstimmte, allerdings eine beträchtliche. Ich würde sagen, vielleicht 20 Prozent.

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Wie genau halten Sie sich in Ihrem Film an die Fakten?

Mein Film gibt nicht vor, die Wahrheit über irgendetwas zu erzählen. Der Film ist von diesem Fall nur inspiriert.

Der Mörder namens Saeed Hanaei, ein Familienvater, Bauunternehmer und Kriegsveteran, wollte die Stadt „reinigen“, wie er sich ausdrückte. Was hat er damit gemeint?

Um das zu verstehen, muss man wissen, was für eine Stadt Mashhad ist – so etwas wie die religiöse Hauptstadt oder der heiligste Ort im Iran für schiitische Muslime mit einem der größten Moscheenkomplexe der Welt. Dort befindet sich der heilige Schrein des achten schiitischen Imams Reza. Der Spinnenmörder war wohl der Ansicht, dass es Prostitution in den Straßen der heiligen Stadt Mashhad nicht geben darf. Für ihn war das wohl so etwas wie ein religiöser Akt.

Darf es nach offizieller Lesart Prostitution in der iranischen Gesellschaft geben?

Jedenfalls gibt es sie. Ich bin noch in keiner iranischen Stadt gewesen, in der ich keine Prostitution auf der Straße gesehen habe. Gleichzeitig verfolgt der schiitische Islam ein Konzept, das als Ehe auf Zeit bezeichnet wird. Da geht es vor allem um Frauen, die geschieden sind oder aus anderen Gründen Schwierigkeiten haben, einen Ehemann zu finden. Sie können sich melden und werden in religiösen Ämtern mit Männern zusammengebracht. So eine Ehe dauert nur ein paar Stunden oder auch einige Tage. Es gibt Regeln dafür. Die Sunniten bezeichnen das als schiitische Prostitution, was ich ihnen nicht verübeln kann. Es handelt sich dabei um ein legales moralisches Schlupfloch – und verweist auf das Geheimnis des Überlebens dieses Regimes. Es ist extrem pragmatisch. Letztlich glauben die Mächtigen nur an eines: den Erhalt ihrer Macht.

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Hätten Sie Ihren Film lieber im Iran gedreht?

Ich habe etwa anderthalb Jahre meiner Zeit verschwendet, das zu versuchen. Vielleicht war ich naiv. Ich war bei meinen Gesprächen mit den Zensoren extrem ehrlich. Vielleicht war das genau das Problem. Ich bin also dahin und habe gesagt, ich habe diese und jene Geldgeber, und das hier ist das Drehbuch. Ich war bereit dazu, Kompromisse einzugehen – vielleicht zum ersten und hoffentlich zum letzten Mal in meinem Leben. Im Rückblick würde ich sagen: Es gibt in dieser Mördergeschichte etwas, das die DNA der Islamischen Republik bloßlegt.

Und das wäre?

Das iranische Regime bezieht ein Vergnügen aus der Unterdrückung von Menschen. Darin liegt gewissermaßen ein psychoanalytischer Antrieb unter der Oberfläche. Es gab sogar Zeiten, in denen Gefängniswärter ermutigt wurden, politische Gefangene zu vergewaltigen. So wollten sie a) den Widerstand der Häftlinge brechen und b) gab es diese Vorstellung, dass ein Muslim am Tag des Jüngsten Gerichts eine geringere Strafe bekommen würde. Glaubt wirklich jemand daran? Diese Geschichte dient nur als Vorwand, um das zu tun, worauf man Lust hat.

Würden Sie sagen, dass die iranische Gesellschaft den Spinnenmörder erschaffen hat?

Ja und nein. Man kann über jede Person sagen, sie sei ein Produkt der Gesellschaft. Aber es ist nicht so, dass jeder, der in den Krieg zieht und religiös ist, als Mörder zurückkehrt. Es gab vonseiten des Regimes aber eine gewisse Akzeptanz. Gewalt wurde akzeptiert, wenn es den Machthabern diente.

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In Ihrem Film glaubt der Spinnenmörder, dass er das Gericht trotz des Todesurteils gegen ihn durch einen Hinterausgang verlassen darf. Ist es gewiss, dass er hingerichtet wurde?

Tja, anfangs wollten wir eine True-Crime-Geschichte drehen, die Geschichte von Saeed Hanaei. Aber bald schien mir viel spannender, was um ihn herum geschah. Zudem war es wirklich schwierig, über diesen Typen zu recherchieren. Wir hatten keinen Zugang zu den Akten. Es war sogar gefährlich, uns für diesen heiklen Fall zu interessieren.

Wie sind Sie mit diesen Schwierigkeiten umgegangen?

Irgendwann habe ich mir gedacht: Lass uns all diese Zweifel zu unserem Vorteil nutzen. Sie passen zu einem Noir-Film. Aber auch wenn ich glaube, dass es damals Leute im Establishment gab, die nichts dagegen gehabt hätten, dass er frei herumläuft, war die Zeit von Saeed Hanaei doch vorbei. Die Sache war zu groß geworden. Er war ein Auslaufmodell.

Ist es eine Revolution, was da gerade auf den Straßen im Iran passiert?

Es ist eine Revolution. Das lässt sich schon am Umfang der Proteste ablesen. Sie finden überall statt – in den Küstengebieten, in Teheran, in den Provinzen, in den Fabriken, in den Schulen, in den Universitäten. Alle Gesellschaftsschichten und alle Altersstufen nehmen teil. Es geht auch nicht um bestimmte Forderungen so wie früher. Niemand fordert billigere Benzinpreise oder will, dass Wählerstimmen fair ausgezählt werden, so wie es 2009 die Grüne Bewegung verlangte. Die Menschen sind an einem Punkt angelangt, an dem sie einen Regimewechsel wollen. Und da wird es kompliziert, denn natürlich gibt es immer noch 10 oder 20 Prozent Unterstützung in der Bevölkerung. Ich weiß nicht, wohin das alles führen wird, aber ich weiß, dass dies größer, weitreichender und radikaler ist als alles, was seit der Islamischen Revolution 1979 im Iran passiert ist.

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Das Regime hat damit begonnen, Menschen hinzurichten. Was bedeutet das?

Das ist der Punkt, an dem die inneren Angelegenheiten eines Landes auch für die internationale Gemeinschaft Bedeutung erlangen. Der Iran geht jeden etwas an. Die Menschen im Iran sind so verzweifelt wie nie zuvor, und es hat auch noch nie diese Art von öffentlichen Hinrichtungen gegeben, mit denen die Machthaber strategisch vorgehen. Sie stecken in einem Dilemma. Wenn sie die Zügel lockern, werden sie als schwach angesehen. Üben sie weiter Druck aus, werden die Leute weiter protestieren. Das Regime hat keinen Plan. Es unternimmt verzweifelte Versuche, die Sache zu stoppen. Und an diesem Punkt wird es wirklich gefährlich.

Wird sich die Gesellschaft und die Rolle der Frauen darin verändern?

Sie hat sich bereits verändert. Früher fühlte sich eine Frau allein, wenn sie in einen Bus stieg und sich fragte: Warum hasse nur ich das Kopftuch? Für alle anderen scheint es doch in Ordnung zu sein. Aber jetzt wissen sie, dass viele ein Problem damit haben. Sie wissen, dass die meisten anderen Frauen den Hidschab für falsch halten. Sie müssen keine Angst mehr haben, allein dazustehen. Das ändert die Gleichung grundlegend. Es gibt kein Zurück mehr. Niemals.

Ist die internationale Solidarität mit der Protestbewegung ausreichend?

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Nein, absolut nicht. Lassen Sie es mich so sagen: Ich finde es toll, dass die Ukraine so viel Aufmerksamkeit bekommt. Sie verdient diese Aufmerksamkeit. Ich halte das, was Russland tut, für grotesk dumm. Aber ich bin auch erstaunt, dass nur wenige Menschen auf das schauen, was im Iran passiert. Ich weiß, wir sprechen im Fall der Ukraine über einen Krieg. Aber auch das, was im Iran passiert, ist von großer Tragweite. Es ist an der Zeit, endlich praktische Lösungen im Umgang mit der iranischen Regierung zu finden: Wie lassen sich zum Beispiel iranische Botschafter ausweisen? Wie lässt sich das Vermögen iranischer Regierungsmitglieder einfrieren? Zu sagen, dass man niemanden aufhängen sollte, hält das Regime offensichtlich nicht davon ab, Menschen aufzuhängen.

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