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In den Hosen der Beatles – neues Album von Campino und Co.

  • Die Toten Hosen feiern den Sound, mit dem Liverpool in den frühen Sechzigerjahren die Rock-’n’-Roll-Hauptstadt wurde.
  • Auf „Learning English Lesson 3: Mersey Beat“ (erscheint am 13. November) spielen sie sogar eine Lennon-McCartney-Ballade.
  • So poppig waren die Hosen nie, zugleich sind sie explosiv wie lange nicht mehr.
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Gewaltiges Schlusscrescendo zu Beginn des Albums, ein Räuspern von Sänger Campino noch, dann stürzt er sich mittenrein in den ersten Song: „For Goodness Sake! I Got the Hippy Hippy Shake!“ Um Himmels willen! Campino hat das „Hüftschwingen!“. Ist man davon befallen, kann man nicht anders, als die Hüften rechts rauszudrücken, dann wieder links – und wieder von vorn. Die Betonung der Hüfte galt seit Elvis Presleys „hipquake“ von 1955 als Vorbeben des Abendlanduntergangs in Tanzbewegungen.

Das Tempo, in dem das vollbracht werden soll, ist – die Musik gibt’s vor – rasant. Die Swinging Blue Jeans hatten mit dem „Hippy Hippy Shake“ 1963 eine Nummer fünf in England, die Version war noch in den Siebzigerjahren ein effektiver Partykracher. Und jetzt holen ihn ausgerechnet die Toten Hosen aus der Versenkung und hauen ihn richtig ruppig aus den Boxen. Wilde Sache, prima Pogonummer. Passt!

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Die Hosen und England – es gibt durchaus Verbindungen

Die Toten Hosen und der Merseybeat. Das war jetzt nicht unbedingt zu erwarten gewesen. Ihre „Learning English: Lesson 3“ widmen sie indirekt der rauen, schönen, verliebenswerten englischen Hafenstadt Liverpool, deren Hafen etwas Weltweites, Newyorkiges hat, und in der die Musen bis heute besonders Popmusik-affin sind. Verbindungen zur Insel gibt es: Campino liebt den FC Liverpool fast über alles, wovon er ausgiebig in seinem derzeitigen Nummer-eins-Bestseller „Hope Street“ erzählt, er ist Sohn einer englischen Mutter, ist Passbrite, hat seine musikalischen Roots im britischen Punk der Siebzigerjahre. Außerdem beschließen die Hosen ihre Konzerte gemeinhin mit „You’ll Never Walk Alone“, der Rodgers/Hammerstein-Musicalnummer, die die Stadionhymne der Liddypudlians ist, seit die Merseyband Gerry & The Pacemakers damit 1963 einen Hit hatte.

Und so führen die Düsseldorfer nach ihren beiden Punk-Lessons nun eine Musikstunde (in Wahrheit nur 35 Minuten) lang den Sound vor, der den Ende der Fünfzigerjahre verschnuckelten Rock ’n’ Roll wieder wild und rau machte und bald auch Einflüsse des frühen Soul einpflegte. Ab 1958 eroberte der Merseybeat die Liverpooler Clubs, ab 1960 die Reeperbahn, ab 1962 die britischen, ab 1963 die europäischen Charts und ab 1964 die ganze Welt. Rock ’n’ Roll 2.0. Punk war dann 1976 der bislang letzte echte Neustart.

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Das neue Album ist auch Hommage an den Ur-Rock-’n’-Roll

Freilich ist das neue Hosen-Album zugleich eine Hommage an den Ur-Rock-’n’-Roll. Viele der Hits, fast alles aus dem Liverepertoire der Liverpool-Invasion, kamen aus dem (schwarzen) US-Pop. Die Searchers holten sich „Da Doo Ron Ron“ von dem Frauentrio Crystals, Cilla Black ihr „Anyone Who Had a Heart“ von Dionne Warwick, Remo 4 das Instrumental „Peter Gunn“ von Duane Eddy respektive Henry Mancini. Und Brian Poole & the Tremeloes (die allerdings aus Essex waren!) und die Hollies (Manchester) übernahmen das hier von den Hosen interpretierte „Do You Love Me“ von dem US-Quartett The Contours. Nahezu unbekannt ist die Version der Liverpooler Faron’s Flamingos.

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Nicht mal der „Hippy Hippy Shake“ war ein Original. Ein 17-jähriger Amerikaner spanisch-indianischer Herkunft namens Chan Romero hatte damit 1959 eine Nummer drei in Australien gelandet, ist aber längst aus den Fußnoten der Popgeschichte gefallen. Coverversionen sind freilich keine Mersey-spezifische Erscheinung, „Shake, Rattle & Roll“, bei dem die Toten Hosen schier aus der Vinylrille bersten, stammte im Original auch nicht von Bill Haley, sondern von der schwarzen Blueslegende Big Joe Turner.

Was am Ende vom Merseysound übrig blieb, waren die Beatles und ihr Talent, eigene Songs zu schreiben und sich vom Merseybeat zu befreien. Und so liefern die Lehrer vom Rhein denn auch ein Lennon-McCartney-Original: „Bad to Me“ – das die Beatles damals allerdings an Billy J. Kramer & die Dakotas verschenkten. Dann covern sie auch noch das schunkelige „Needles & Pins“ der Searchers. Mehr Pop war nie bei den Hosen, und bei „Sorrow“ von den Merseys, 1966 quasi das allerletzte Plätschern der Merseybeat-Welle, setzen sie sogar Bläser neben Gitarren. Kommt dann auch noch „Sweets for My Sweet“? Nein, die Hosen wissen, wo Schluss ist.

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Im Schatten von Campinos Buch ist für diese Liebeserklärung in 15 Songs (limitiert: 7500 Vinyl-Exemplare, 20.000 CDs) bislang überraschend wenig getan worden. Keine Interviews, nur zwei Schwarz-Weiß-Videos bei Youtube, in denen die Beat-Hosen in Sixties-Manier beateln (keine Pilzkopffrisuren). Dabei ist ihnen der Spaß in jedem Moment anzumerken. Wäre schön, wenn sich „Sherry Cake“, „Walking the Dog“, „Shake, Rattle & Roll“ oder das herrlich hingerotzte „Slow Down“ von Larry Williams auch bei den Post-Corona-Konzerten der Hosen fänden. Denn – for Goodness sake – so explosiv wie bei diesen Songs waren die Toten Hosen lange nicht mehr.

Die Toten Hosen: „Learning English: Lesson 3 – Mersey Beat!“ (JKP/Warner) (erscheint am 13. November)

Campino „Hope Street – Wie ich einmal englischer Meister wurde“, Piper, 368 Seiten, 22 Euro (bereits erschienen)

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