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Im zweiten Lockdown: Was hat Corona mit dem Buchhandel gemacht?

  • Der Buchhandel hat ein hartes Krisenjahr hinter sich.
  • Den zweiten Lockdown überstehen viele Händler nur durch kreative Lösungen.
  • Kunden fragen besonders nach Bilderbüchern und Ratgeberliteratur.
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Leer stehen die Regale nach der Inventur, Kisten mit den Frühjahrsnovitäten warten darauf, eingeräumt zu werden. Während es in der Buchhandlung Isensee in Oldenburg, im Nordwesten Deutschlands, komplett ruhig ist, rauscht draußen entfernt der Lieferverkehr vorbei. So beschreibt Oliver Hopp, Buchhändler, an diesem Dienstagmorgen seine Arbeitsumgebung am Telefon. Die Buchhandlung ist bereit für den Frühlingsverkauf. Doch unklar ist noch, wann die Kunden überhaupt wieder in den Laden kommen können.

Und was wird dann gekauft? Sachbücher über das Coronavirus? Hopp wischt das gleich weg. „Sachbücher über Corona wollen die Leute nicht lesen. Oder noch nicht. Wenn sie den ganzen Tag davon gehört haben, wollen die sich nicht noch abends dazu 200 Seiten durchlesen.“ Vor allem sei der klassische Roman gefragt. Das ist nicht nur in Oldenburg der Fall. Auch bei Thalia, dem Branchenriesen, stehen unterhaltsame Romane hoch im Kurs. „Die Menschen möchten sich mit Geschichten aus der Krise wegträumen“, sagt Claudia Bachhausen-Dewart, Pressesprecherin von Thalia Mayersche.

Kinder- und Jugendliteratur wurde im Krisenjahr 2020 sogar mehr gekauft

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Ebenso wird der Nachwuchs mit Lesestoff versorgt – oder im Homeoffice mit Kinderliteratur beschäftigt. In Oldenburg stehen auch schöne Kinderbücher hoch im Kurs und befinden sich damit im Einklang mit dem bundesweiten Trend. Der Börsenverband des Deutschen Buchhandels konnte 2020 einen deutlichen Zuwachs von 4,7 Prozent bei der Kinder- und Jugendliteratur verzeichnen – trotz all der Verluste, die der Buchhandel im Krisenjahr einstecken musste.

Bei Thalia sind auch Malbücher oder Ratgeber zum Homeschooling Bestseller bei den aktuellen Bestellungen. Ratgeber seien grundsätzlich die Literatur der Krise. „In der Corona-Krise wollen unsere Kundinnen eher Ratgeber lesen als Sachliteratur zu Covid19 selbst. Wie gehe ich mit den Auswirkungen dieser Krise um? Bücher über Achtsamkeit, zum gesünderen oder bewussteren Leben sind stark nachgefragt“, beobachtet Bachhausen-Dewart.

Bis zum zweiten Lockdown konnten die Händler ihre Verluste fast wieder aufholen

Das Jahr 2020 hat den Buchhandel extrem herausgefordert: Laut Bundesverband des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels konnten die Geschäfte und der Onlinehandel ihren Umsatzrückstand über alle Vertriebswege von minus 14,9 Prozent aus dem April fast wieder aufholen. Zumindest bis zum zweiten Lockdown Mitte Dezember – denn während des überlebenswichtigen Weihnachtsgeschäftes mussten die Läden wieder schließen. Auch Thalia kämpft mit den Ladenschließungen bundesweit: „Derzeit können wir die Umsatzeinbrüche beim Buchhandel vor Ort nicht durch den Onlinehandel ausgleichen.“

Und wie sieht es bei den kleinen Läden aus? „In der Buchhandlung haben wir in diesem zweiten Lockdown Umsatzeinbrüche von etwa 60 bis 70 Prozent. Beim Verlag sind es etwa 50 Prozent“, so Florian Isensee, Geschäftsführer der Buchhandlung Isensee in Oldenburg, zu der auch ein Verlag für regionale Themen und eine Druckerei gehört.

Für die Buchhandlung die Altersvorsorge opfern

Wie kann ein inhabergeführter Buchhandel überhaupt so einen finanziellen Druck überleben? Florian Isensee macht sich Hoffnungen, dass sein Geschäft bestehen bleibt. „Ob ein Geschäft überleben kann, ist auch eine Frage, wie viel man selbst hineinstecken möchte. Bei einer 125-jährigen Familientradition liegt die Schmerzgrenze natürlich sehr hoch. Wenn ich meine private Altersvorsorge für das Geschäft opfern muss, dann ist das so. Aufgeben ist für mich keine Option“, sagt Florian Isensee.

In den Geschäften stapeln sich die Bücher? Nur zum Teil. Denn mit Abhol- und Lieferservice sowie Onlinebestellungen wollen Buchhändler den Verlusten entgegensteuern. © Quelle: Frank Rumpenhorst/dpa
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Ein großes Unternehmen wie Thalia kann da auf Kurzarbeit zurückgreifen. Aber auch hier heißt es aus dem Unternehmen: „Endlos lässt sich auch für Thalia so ein Lockdown nicht durchhalten, deswegen plädieren wir dafür, dass die Buchhandlungen ab Mitte Februar wieder öffnen dürfen.“

Kreativität: Ein Weg aus der Krise?

Um die Kunden auch während der Schließungen zu halten, müssen die Händler kreativ werden. Neben einem Bücherlieferservice und einer Abholstation im Laden haben Buchhändler Oliver Hopp in Oldenburg und Florian Isensee zu Beginn der Pandemie einen Literatur-Newsletter gestartet. „Das ist ja das, was uns als Buchhandlung auszeichnet, dass wir den Kunden persönlich gute Bücher empfehlen können.“ Ob sich durch das intensive Marketing, auch bei Instagram, neue Kunden generiert werden, lasse sich laut Isensee noch nicht ablesen. Einen Onlinehandel hat die Buchhandlung nicht. „Aber wir sind auf jeden Fall mit unserer Zielgruppe in Kontakt.“

Leichter hat es da Thalia – das Unternehmen betreibt einen eigenen Onlineshop. „Jeder vierte Käufer ist ein Neukunde bei thalia.de“, so die Sprecherin Bachhausen-Dewart. Doch auch hier setzt das Unternehmen auf neue Konzepte. „Wir haben die Krise genutzt um Innovationen voranzubringen. Beispiele dafür sind die ‚Scan & Go‘-App zum kontaktlosen Bezahlen und unsere 24/7-Abholstationen .“ Außerdem starte derzeit in verschiedenen Städten ein Onlineberatungschat vor Ort.

Wenn die Kunden wieder in die Läden kommen können, hat der Buchhandel die Chance die Verluste wieder einmal aufzuholen. Ob das klappt, wird sich noch zeigen müssen. Die Ware ist in Oldenburg auf jeden Fall schon einmal da – und die Kunden melden sich. Per Telefon, per Mail oder in den sozialen Medien. Und irgendwann auch wieder im Geschäft in der Innenstadt.

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