Igor Levit: „Die Härte nimmt ohne Zweifel zu“

  • 2020 war das Jahr des Pianisten Igor Levit: Seine Aufnahme der Beethoven-Klaviersonaten wurde das erfolgreichste Klassikalbum des Jahres.
  • Mit seinen Hauskonzerten auf Twitter erreichte er auch Menschen, die zuvor nie Zugang zur Klassik hatten.
  • Zugleich war es das Jahr, in dem Kritiker ihn attackierten wie nie zuvor.
Jutta Rinas
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Herr Levit, Anfang Dezember haben Sie im Dannenröder Forst ein Konzert für die Menschen gegeben, die gegen den Bau der A49 kämpfen. Es war ein sehr ungewöhnlicher Ort für einen Weltklassepianisten, kalt, laut, die Räumungsarbeiten der Polizei liefen während des Konzerts weiter. Warum haben Sie dennoch gespielt?

Da gibt es viele Antworten. Ich fokussiere mich mal auf eine. An diesem Ort wurde – davon bin ich fest überzeugt – das Gespräch darüber, was Klimaschutz bedeutet, verändert. So leicht wird es nie wieder sein, Natur zu zerstören. Als Fridays for Future und Greenpeace mich für dieses Konzert angefragt haben, wollte ich einfach dort sein. Und spielen – auch zum Dank. Ich denke, das Ende von „Danni“ wird auch der Beginn von etwas Neuem sein.

Warum?

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Seit 2018 hat sich durch Fridays und andere Bewegungen die Sprache des politischen Aktivismus verändert. Im „Danni“ haben junge Frauen und Männer mehr als ein Jahr für den Erhalt des Waldes gekämpft. Das hat etwas verändert. Die demokratische, zivilgesellschaftliche Vehemenz wird künftig von Beginn an eine viel größere sein, wenn es darum geht, Natur zu zerstören.

Nur wenige Tage später haben Sie zur Nobelpreis­verleihung im Konzerthuset Stockholm mit dem Royal Stockholm Philharmonic Orchestra gespielt – ein extremer Kontrast. Was war für Sie der größte Unterschied zwischen Waldkonzert und Konzertsaal?

Wenn man sich das Orchester wegdenkt, waren im Wald mehr Menschen. Der Konzertsaal war leer. Es gab kein Publikum. Diese Stille nach dem Konzertende war unglaublich beklemmend.

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Igor Levit beim Konzert mit dem Royal Stockholm Philharmonic Orchestra im Stockholmer Konzerthuset. © Quelle: imago images/TT

Andere Unterschiede machen Sie nicht? Große Pianisten der alten Schule wie Maurizio Pollini oder Krystian Zimerman reisen mit eigenem Konzertflügel auf der Suche nach dem perfekten Klang. Im Wald würden sie vermutlich um ihre Hände und ihren Anschlag fürchten.

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Das interessiert mich alles nicht. Ich tue Dinge, wenn sie mir wichtig sind. Es machte einfach Sinn, in diesem Wald mit Luisa (Luisa Neubauer, Klimaschutzaktivistin – Anm. d. Red.) zu sein. Als ich mich auf diesem armen Klavier aufwärmte – und ja, mit jeder Aufwärmminute wurde es kälter –, ist das ganze Jahr an mir vorbeigeflogen. Es war ein tolles, aber, sorry, auch ein beschissenes Jahr. Es war sehr schwer für mich und viele andere. Und es wird auch noch lange schwer bleiben.

Sie haben 2020 Hunderttausende für die Klassik begeistert, viele, die zuvor keinen Zugang zu dieser Musik hatten. Ihre Einspielung der 32 Beethoven-Klaviersonaten ist das erfolgreichste Klassikalbum des Jahres – noch vor dem chinesischen Pianisten Lang Lang. Was bedeutet Ihnen das?

Sehr viel. Aber bitte: Ich habe vielen Menschen etwas gegeben, aber sie haben mir auch etwas gegeben. Ich bin kein Samariterverein. Ich mache das auch für mich. Dass mir im ersten Lockdown so viele Menschen zugehört haben, hat auch mich mental gehalten.

Was war der Grund, am 12. März 2020 das erste Livekonzert in den sozialen Medien zu streamen? Am Tag zuvor bezeichnete die WHO Covid-19 erstmals als Pandemie. War es das?

Nein. Ich hatte zwei Tage zuvor mein letztes Konzert gegeben, an meinem Geburtstag in der Elbphilharmonie. Am 11. März kamen die ersten Absagen, erst mal nur für die nächsten drei Wochen, aber ich vermutete schon, das wird viel länger. Am 12. März, vormittags im Supermarkt, dachte ich plötzlich: Ich kann keine Musik machen ohne das Wissen, dass da Menschen zuhören. Ich habe mich, ganz intuitiv, gefragt: Wie kann ich eine der ältesten Konzertformen, das Hauskonzert, ins Jahr 2020 bringen?

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Igor Levit: Sein Jahr 2020
0:35 min
Ein Jahr der Extreme für den Pianisten Igor Levit. Seine Hauskonzerte auf Twitter fanden viel Beachtung, zugleich gehen ihn Kritiker härter an, als je zuvor.  © Sony Music

Und?

Ich habe meine Sachen zu Hause abgestellt und mich mittags mit einem Freund im Café getroffen. Ihm habe ich erzählt: Ich glaube, ich streame mal von zu Hause ein Konzert auf Twitter. Anschließend habe ich das rausgetwittert, einfach so. Dann wurde es in den sozialen Medien immer größer. Ich bekam einen Panikanfall.

Warum?

Ich hatte noch nie etwas live ge­streamt. Ich musste zweimal zu Saturn fahren, bis ich alle nötigen Utensilien beisammenhatte. Jener Freund musste abends während der ganzen „Waldsteinsonate“ unerkannt hinter dem Handy sitzen und kontrollieren, ob der Stream nicht abbricht.

Können Twitter-Konzerte echte Konzerte ersetzen? Kluge Menschen sehen sie als etwas Neues, als Beispiel dafür, dass die digitale Öffentlichkeit echte Empathie vermitteln kann.

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Nein, können sie nicht. Ob das neu ist, weiß ich nicht. Aber mir hat sich die Empathie extrem vermittelt. Ich habe mich in dieser Zeit als Pianist und als Mensch freigespielt wie nie zuvor. Ich gehöre ja zu denen, die nach dem ersten Lockdown arbeiten durften. Ich habe mich nie so unmittelbar, so frei auf der normalen Bühne gefühlt wie in meinen Konzerten in der zweiten Jahreshälfte.

Sie haben 52 Hauskonzerte gespielt. Am Schluss die „Vexations“ von Erik Satie, ein Werk mit 840 Wiederholungen. Woher haben Sie die Energie für diesen Kraftakt genommen?

Ich entspanne beim Arbeiten. Im Ernst. Das ist meine Insel der Erholung. Ich war in den zweieinhalb Frühlings­monaten, in denen ich die Hauskonzerte gespielt habe, nicht ansatzweise so müde wie jetzt.

Ich darf aus einem Interview während des ersten Lockdowns zitieren: „Ich fühle mich arbeitslos, ziellos, richtungslos, körperlos, klebrig, alt, fett und langsam“, haben Sie damals gesagt. Das klingt etwas anders.

Das war an diesem Tag sicher so. Es gab solche Tage. Aber es gab kein grundsätzliches Gefühl der Müdigkeit wie jetzt. Körperlich, energietechnisch, hat sich mir nie die Frage gestellt, ob ich diese Konzerte nicht spielen könnte.

Sind Sie jemand, der es braucht, Grenzen zu überschreiten?

Ja, absolut. Jeden Tag aufs Neue. Heute denke ich mir, okay, ich habe den Mount Everest bestiegen. Morgen denke ich: Jetzt besteige ich ihn auf allen vieren. Danach will ich ihn auf allen vieren besteigen und dabei die Luft anhalten. Das ist Teil meines Naturells, total.

2020 war ein Erfolgsjahr für Sie. Aber zugleich haben Kritiker Sie heftiger attackiert als je zuvor. Wie gehen Sie damit um?

Ich versuche, das zu verstehen. Aber es ist richtig: 2020 musste ich lernen, dass es einen Unterschied zwischen mir als öffentlicher Person und als Projektionsfläche gibt. Wenn es sinnvoll erscheint, wehre ich mich. Oder ich lasse die Kritik an mir abtropfen, dafür bezahle ich dann emotional einen hohen Preis. Es ist leichter, sich zu wehren. Aber die Härte hat ohne Zweifel zugenommen.

Die Attacken gipfelten in einer verschwurbelten, antisemitisch gefärbten Kritik Ihres Spiels in der „Süddeutschen Zeitung“. Die „SZ“ hat sich nach heftiger Kritik entschuldigt. Ist die Sache damit für Sie erledigt?

Der Text ist erledigt. Der liegt seit mehreren Wochen im Altpapier und wurde schon abgeholt. Aber das Thema bleibt. Es hat viel verändert, in meinem Verhältnis zwischen mir und meinem Land.

Inwiefern?

Es ist legitim, meine Arbeit zu kritisieren. Jemand kann schreiben, ich bin ein schlechter Pianist, meinetwegen auch ein richtig, richtig schlechter Pianist. Dann soll er sagen, warum. Dann ist alles okay. Aber zu behaupten, ich sei ein Fake, ich täte bei allem, was ich tue, immer nur so, als ob – das ist nicht nur richtig heftig, das ist genau die Kritik, die Richard Wagner in seinem Aufsatz „Das Judenthum in der Musik“ über jüdische Komponistinnen und Komponisten formuliert: Nämlich, dass sie nur nachahmen und nicht selbst Kultur schaffen können. Wenn ein bekannter und renommierter Musikkritiker diese Topoi wiederholt, macht er es entweder mutwillig oder weil es ihn schlichtweg als privilegierten weißen Mann nicht interessiert, wie antisemitisch Richard Wagner war.

Was macht das mit Ihnen?

Das spricht mir das Menschsein ab. Und das sehe ich auch daran, dass ich schon jetzt manchmal nur als Jude Igor Levit angekündigt werde. Nach 25 Jahren in diesem Land. Ich habe immer noch einen Job, ich bin Pianist. Wenn man mich ganz auf mein Judesein reduziert, dann ist das für mich begriffstechnisch der Versuch, mich zum Juden zu machen und als Pianisten auszulöschen. Und das geschieht ja nicht nur mit mir.

Mit wem noch?

Mit Kolleginnen und Kollegen von mir, mit Journalistinnen und Journalisten, die ich kenne, die umziehen müssen, weil sie bedroht werden von Rechten, mit Autoren und Autorinnen, die beleidigende Leserbriefe erhalten, von Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen und antisemitisch angegangen werden. Was ich am allerschlimmsten finde: Ein Mensch erlebt Ausgrenzung, und es wird zum Problem des Opfers gemacht. Wir werden das nicht auslöschen, aber wir müssen unseren Umgang damit klarstellen. Aber das ist nicht unser Problem. Es ist euer Problem. Das Problem der Dominanzkultur. Es ist das Problem dieses Landes. Das sage ich nicht nur in Bezug auf mich, sondern für unzählige andere. Für mich ist die Sache ganz einfach: Wer andere Menschen zu Menschen zweiter Klasse erklärt, hat mich zum Gegner – auf allen digitalen, analogen, verbalen, demokratisch legitimierten Kanälen. Und deswegen werde ich auch nicht aufhören, aktiv und gleichzeitig Pianist zu sein.

Sie wurden 2020 mehrfach – unter anderem nach der Verleihung des Bundes­verdienst­kreuzes – wegen eines Tweets von 2015 angegriffen. Sie bezeichnen darin einen AfD-Mann als „widerwärtigen Drecksack“ und schreiben, Mitglieder dieser „widerwärtigen Partei“ hätten „ihr Menschsein verwirkt“. Warum haben Sie das damals gesagt?

Ich habe mich nicht auf alle Menschen bezogen, die sich in der AfD engagieren. Das stimmt so nicht. Es gab einen Kontext für diesen Tweet, der mittlerweile völlig ausgeblendet wird. Ein Mann hat damals aus politischem Kalkül vor laufenden Kameras gelogen. Er hat behauptet, ein kleines Mädchen sei von einem afghanischen Geflüchteten vergewaltigt worden. Menschen, die behaupten, ich sei der eigentliche Faschist in dieser Sache, unterschlagen in voller Absicht diesen Kontext.

Der Mann war Uwe Wappler, heute Mitglied des Landesvorstandes der AfD Niedersachsen – und sein Versuch, gegen Migranten zu hetzen, war tatsächlich infam. Dennoch, selbst als entschiedener AfD-Gegner kann man Ihren Tweet überzogen finden. Warum distanzieren Sie sich nicht?

Ich habe das damals sehr drastisch ausgedrückt. Ich hätte besser „Menschlichsein“ geschrieben. Hätte ich damals diese vier Buchstaben – l, i, c, h – dazugeschrieben, würde heute niemand mehr darüber reden. Aber ich habe nicht allen Mitgliedern der AfD das Menschsein abgesprochen. Das wird jetzt bewusst daraus gemacht – und das finde ich einfach schamlos.

Sie mussten 2019 wegen Morddrohungen sogar unter Polizeischutz Konzerte spielen. Kam das auch 2020 vor?

Nein, es gibt immer ein paar schlimme Nachrichten, aber etwas Vergleichbares gab es nicht.

Kommen wir zurück zur Musik. 2020 war Beethoven-Jahr. Beethoven ist der Komponist, der Ihnen am meisten bedeutet. Sie zitieren oft den Satz „Von Herzen – möge es wieder zu Herzen gehen“ aus der „Missa solemnis“. Was drückt er für Sie aus?

Die Musik dieses Mannes ist der Dreh- und Angelpunkt meiner Arbeit. Es ist meine Musik, meine emotionale Sicherheitszone.

Sie waren sehr jung, 13, als Sie die „Missa solemnis“ für sich entdeckten. Was hat Sie so fasziniert?

Zuerst einmal fand ich irre, wie laut diese Musik war, wie wild. Diese Unmittelbarkeit, diese Direktheit, die Präzision – alles miteinander hat mich damals zutiefst bewegt und tut es immer noch. Es gibt kaum einen Tag, an dem Beethovens Musik mich nicht beschäftigt.

Haben Sie Angst, an Corona zu erkranken?

Ich kenne mir sehr nahe Menschen, die seit Wochen ihr Heim nicht verlassen können, Menschen im weiteren Umkreis, die beatmet werden mussten. Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Aber ja, ich will das nicht haben. Das Ziel, unter sicheren Umständen auftreten zu können, ist gerade auch wieder in weite Ferne gerückt. Das ist schwer. Wir alle aber müssen uns zurückhalten und damit unseren Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie leisten.

Sie planen 2021 eine Asientournee. Sie wollen in Salzburg spielen. Wenn wir Ende 2021 wieder hier sitzen würden, in Berlin, im Haus Ihrer Presseagentur, im Maison de France: Wo befänden wir uns politisch, kulturell?

Noch immer in der Pandemie. Ganz anders als jetzt. Natürlich. Aber ich glaube, zu Ende ist es dann noch immer nicht.

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