Ich hab noch einen Kiffer in Berlin

Berlin sieht sich gern als coole, schrille und wache Stadt. Aber warum macht sie dann oft so müde? In Folge 47 seiner RND-Kolumne erinnert sich Imre Grimm an die beiden schönsten Tage als Tourist in der Hauptstadt. Dazwischen liegen 30 Jahre.

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Ich war jetzt mal wieder in Berlin. Das ist die Stadt, die mit Geld, das sie nicht hat, Dinge baut, die sie nicht braucht, für Touristen, die sie nicht mag (hier bitte einen total lustigen Flughafenwitz einfügen). In Berlin passt nichts zusammen. Die halbe Stadt sieht aus, wie aus Duplosteinen und altem Käsekuchen zusammengesetzt. Die Hipster in Berlin finden das gut, aber die sehen ja selbst aus wie aus altem Käsekuchen zusammengesetzt, nur mit Bart und Mütze. Ich gehe da ganz konform mit Kraftklub: „Doch auch wenn andere Städte scheiße sind, / ich will nicht nach Berlin! / Und ich damit komplett alleine bin, / ich will nicht nach Berlin!“

Ich bin trotzdem manchmal in Berlin. Der Grund ist: Ich hab’ noch einen Kiffer in Berlin. Den besuche ich. Berlin boome, heißt es allenthalben. Das bedeutet übersetzt: Die Mieten steigen, die Zahl von lederfarbenen Latte-macchiato-Läden mit buntem Gestühl und Hipsterlimo im Kühlschrank steigt auch, jeder dritte ist ein Fashionblogger, und wenn man abends nicht auf der Liste steht, ist man raus. Aber das Seltsamste an Berlin ist: Ein Individualist sieht aus wie der andere. Kennste einen, kennste alle.

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Die halbe City besteht aus Start-up-Firmen, die cooles Zeug mit künstlicher Intelligenz und Blockchain entwickeln, von dem die andere Hälfte nichts versteht. Außerdem wird weiterhin gebaut, dass die Wände wackeln. Allerdings nicht genug: Berlin wächst jedes Jahr um etwa 40.000 Einwohner. Die wollen alle eine Wohnung. Und immer mehr Senioren ziehen an den Stadtrand, weil ihre Rente nicht für eine Wohnung in zentraler Lage reicht. Im Bezirk Mitte sind nur 13 Prozent der Bewohner älter als 65 Jahre, schreibt die „Morgenpost“. In Friedrichshain-Kreuzberg sogar nur 10 Prozent. So steht es in den aktuellen Zahlen des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg. Am Stadtrand in Marzahn-Hellersdorf (19 Prozent), Spandau (22 Prozent), Treptow-Köpenick (23 Prozent), Reinickendorf (24 Prozent) und Steglitz-Zehlendorf (25 Prozent) leben dagegen gut doppelt so viele Senioren.

Die Stadt altert rapide. Und was passiert, wenn Hipster altern, zeigt sich gerade sehr schön am Beispiel des Neuverlegerehepaars Silke und Holger Friedrich. Die wollen dann zwar im Prinzip immer noch „was mit Medien“ machen, aber auf voll hohem Niveau, mit „gesellschaftlicher Verantwortung“ und so. Das ist so ähnlich wie in den Neunzigern im Westen, als die ganzen erfolglosen Freizeitrevolutionäre sich die Eigentumswohnungen, die sie 15 Jahre früher noch besetzt hatten, einfach kauften.

Berlin ist genervt wie eine unterzuckerte Primaballerina

Wenn man aus Hannover (vulgo: Provinz) nach Berlin reist, wirkt die Stadt längst nicht so wach und rege, wie sie gern wirken würde, sondern auch nicht viel frischer, hipper und jünger als Paderborn, Würzburg oder Braunschweig, nur größer. Und jedes Bürogebäude, das Harald Juhnke nicht mehr erlebt hat, verfügt über Schießscharten. Wirklich jedes. Die ganze Stadt fragt kalt lächelnd: „Darf ich Ihnen das ‚Tschüss’ anbieten?“ Sie will uns nicht haben. Berlin ist genervt von seinen Touristen wie eine unterzuckerte Primaballerina von den Avancen ihrer Umschwärmer.

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Joah, geht so, ne? Werbung für Wohnungen in Berlin-Mitte. © Quelle: picture alliance / Bildagentur-o

Vom ganzen Bauen, Feiern, Programmieren und Quatschen sind sie offenbar müde in Berlin. Im Kulturkaufhaus Dussmann an der Friedrichstraße jedenfalls stand ein junger, dünner Verkäufer an der Kasse, und als ich mein Buch mit dem Titel „Das Ende der Männer“ bezahlt hatte, guckte er mich etwas verwirrt durch seine Nerdbrille an und fragte dann: „Benötigen Sie eine Pause – äh … ich meine: eine Tüte?“

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Das gefiel mir gut. Ich stellte mir einen Buchladen vor, in dem man zu dem Buch, das man kauft, auch die Pause kaufen kann, um es zu lesen. Drei Stunden Pause ohne Chefs, Kind, Termine und Bauchweh: 1,20 Euro. Gleichzeitig im Bett mit Keksen: 1,80 Euro.

Der Mantel der „Gechichte“

Ich war aber auch nicht ganz sicher, was dieser spezielle Verkäufer mit „Tüte” meinte, und verneinte höflich. „Eine Pause?“, fragte ich – „nein danke, aber Sie vielleicht?“ Das verwirrte ihn noch mehr. Ich überließ den Mann seiner Verwirrung. Im Geiste stellte ich mir vor, wie das Ende der Männer Wirklichkeit würde, und sah dabei Andreas Scheuer mit einer leeren Schampusflasche und Lametta im Haar auf dem Bürgersteig sitzen und die vorbeieilenden Start-up-Chefinnen um Geld anbetteln.

Das war mein zweitschönster Tag in Berlin. Der schönste liegt 30 Jahre und ein paar Tage zurück. Damals war Berlin hellwach. Am 12. November 1989 stand ich in Berlin vor dem Brandenburger Tor (West) und sang mit glockenheller Stimme „Egon, mach die Mauer auf!“ – zur Melodie des Fußballheulers „Oh, mir tun die Augen weh!“. Das war natürlich Quatsch, denn Egon Krenz saß wahrscheinlich in einem holzvertäfelten Kabinett und wartete auf Befehle aus Moskau. Möglicherweise hat ihm auch einfach nicht gefallen, was er hörte. Aber dann öffnete sich kurz vor Weihnachten tatsächlich der Grenzübergang Brandenburger Tor. Und ich war kurz davor, David Hasselhoff anzurufen, damit wir uns gegenseitig zur politischen Durchschlagskraft unserer Sangeskunst gratulieren konnten.

„Egon, mach die Mauer auf!“ Nicht nur David Hasselhoff hat 1989 am Brandenburger Tor gesungen. © Quelle: DB/dpa

Was David Hasselhof und ich gemeinsam haben

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Ich möchte nicht behaupten, das der Titel „Egon, mach die Mauer auf!“ das Ende des Kalten Krieges begünstigt hat. Aber immerhin: Ich habe vor der Berliner Mauer gesungen und einem Grenzsoldaten durch ein Loch eine Kassette von Pink Floyd geschenkt. Ich habe mein Scherflein beigetragen, wenn auch nicht unter Lebensgefahr. David Hasselhoff ist dann später durch die Talkshows getingelt, um davon zu stammeln und zu dithyrambisieren, wie ihn damals der Mantel der Geschichte streifte (oder wie Helmut Kohl gesagt hätte: „der Mantel der Gechichte“).

Mich hat noch niemand befragt. Möglicherweise, weil außer mir noch ungefähr 6000 andere Menschen mitsangen. Und weil ich keine Glühbirnenlederjacke trug. Wäre überhaupt schön gewesen, wenn wir alle 6000 eine Glühbirnenlederjacke getragen hätten. Damals waren Glühbirnen noch legal, was dem Weltfrieden nicht geschadet hat. Es lag Liebe genug in der Luft, sie alle zum Glühen zu bringen. Nebenan brannte ein Feuer, daneben stand ein alter Opel, aus dessen offenem Kofferraum „The Wall“ von Pink Floyd erklang. Es sage bloß niemand, die Wende sei nicht auch ein kleines bisschen kitschig gewesen. Ich weiß noch, wie wir an einer Tankstelle standen und heulten, weil da ein Trabi stand. Die Familie im Trabi heulte auch. Heute sind die alle viel zu cool zum Heulen in Berlin. Alles, was da noch heult, ist ein Wolf namens Kapitalismus.

David Hasselhoff und ich haben übrigens noch mehr gemeinsam. Zum Beispiel sind wir beide nie Mahatma Gandhi begegnet. Wir haben auch nie den Friedensnobelpreis bekommen und wir haben beide immer gern „Baywatch“ gesehen, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven.

Berlin, das „große Krähwinkel“

Berlin, dieses „große Krähwinkel“ (Heinrich Heine), altert rapide. „Berlin ist gar keine Stadt“, hat Heine einst gescholten, „sondern Berlin gibt bloß den Ort dazu her, wo sich eine Menge Menschen versammeln, denen der Ort ganz gleichgültig ist.“ Und wer wäre ich, Heinrich Heine zu widersprechen? Und jetzt: Ohrwurm für alle in drei, zwo, eins … „I’VE BEEN LOOKING FOR FREEEEEEEDOM …“ Gern geschehen.