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Nobelpreis für Peter Handke: „Eine verstörende Entscheidung“

  • Am Dienstag bekommt der österreichische Schriftsteller Peter Handke den Literaturnobelpreis verliehen.
  • Die deutsch-kroatische Schriftstellerin Jagoda Marinić kritisiert die Entscheidung der Nobelpreisjury.
  • Im Interview nennt sie ihre Gründe.
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Frau Marinić, am Dienstag wird Peter Handke den Nobelpreis bekommen. Begleitet wird die Entscheidung seit Wochen von Protesten und einer verbissen geführten Debatte. Wie stehen Sie zu der Entscheidung für Peter Handke?

Ich halte es nach wie vor für eine sehr verstörende Entscheidung, dass Peter Handke mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wird. Und ich finde, es ist für die Literatur keine erbauliche Situation, dass dieser Preis unter Protest von Menschen verliehen werden wird, die aus guten Gründen nicht mit dieser Wahl einverstanden sind.

Macht der Literaturnobelpreis noch Sinn?

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Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek hat gesagt, mit der Entscheidung für Handke hat sich der Nobelpreis selbst abgeschafft. Ich würde nicht so weit gehen, denn dass sich so viele Menschen über die Entscheidung aufregen, zeigt ja auch, wie viel Wertschätzung dem Preis noch entgegengebracht wird. Die Verleihung des Nobelpreises ist eines der wenigen verbliebenen globalen Ereignisse – was haben wir denn abgesehen von Konsumgesellschaftsevents wie Black Fridays noch an Veranstaltungen, die die Welt vereinen? Die Olympischen Spiele waren es einmal, aber auch da ist das Interesse weniger geworden.

Der Literaturnobelpreis hat also nicht an Stellenwert verloren?

Es ist schon eines der wenigen Ereignisse, denen die Welt Jahr für Jahr entgegenfiebert: Wer bekommt die Nobelpreise? Die vergangenen Wochen haben gezeigt, wie wichtig der Literaturnobelpreis ist und welche Erwartungen die Menschen noch immer an ihn haben – und dass er diesen Erwartungen in seiner momentanen Konstitution nicht entspricht. Es ist eindeutig zu merken, dass viele Leute einen Nobelpreis für jemanden wollen, an dem man sich orientieren kann.

Schwedische Akademie hatte einen #MeToo-Skandal

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Und an Peter Handke kann man sich nicht orientieren?

Der Nobelpreis wird laut Alfred Nobels Testament verliehen an denjenigen, der „das Vorzüglichste in idealistischer Richtung geschaffen hat“. Der Nobelpreis als Ganzes trägt also auch immer die Idee des Dienstes an der Menschheit in sich. Was Handke inklusive seiner Jugoslawien-Texte geliefert hat, ist ganz sicher nicht das Vorzüglichste in idealistischer Richtung. Der Preis hat aber auch vor zwei Jahren nicht den Erwartungen entsprochen, als die Akademie einen #MeToo-Skandal hatte, es aber auch darum ging, ob sauber mit den Kassen umgegangen wurde. Bis heute wissen wir nichts über die Aufarbeitung der Fehler innerhalb der Akademie. Das wird alles durch den Handke-Skandal überdeckt.

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Die beiden Literaturnobelpreisträger Olga Tokarczuk und Peter Handke nach ihren Nobelpreisreden am Sonnabend. Die Preise bekommen sie am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters des Preises, Alfred Nobel. © Quelle: imago images/TT


An welchen Texten machen Sie Ihre Kritik an Handke fest?

Handkes Verteidiger argumentieren ja, dass man literarisches Werk und den Autor mit seinen Ansichten und Äußerungen voneinander trennen muss und der Nobelpreis nur die Literatur Handkes auszeichnet.

Und Sie?

Ich brauche nicht mal die Trennung von Werk und Autor. Ich kann das an den Werken festmachen, die von den Jugoslawien-Kriegen handeln. Etwa an seinem Text „Gerechtigkeit für Serbien“. Der Text wurde auch ins Serbische übersetzt. Da heißt er aber nicht „Gerechtigkeit für Serbien“, sondern „In der Welt der großen Lüge“. Handke hatte also die Wahrheit inne, und die Wahrheit ist in seinen Texten leider immer so, dass die Medienkritik, die er angeblich übt, immer ein Inzweifelziehen der Verbrechen und Gräueltaten sind, die insbesondere an den muslimischen Minderheiten, aber auch an anderen begangen worden sind. Nur nicht an den Aggressoren, die später verurteilt wurden.

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Haben Sie dafür ein Beispiel?

In „Gerechtigkeit für Serbien“ schreibt Handke zum Beispiel: Der Angriff auf Dubrovnik sei so ein Fall gewesen, da hätten die Medien die Kroaten als Opfer quasi inszeniert. Und Handke fragt auch: Sind da je Bomben gefallen auf die Altstadt von Dubrovnik? Gab es da überhaupt Opfer? Fakt ist, dass Dubrovnik gebrannt hat, dass die Altstadt zerstört wurde, dass es über 100 zivile Opfer gab und dass es ein Verstoß gegen die Genfer Konvention war. Das sind die historischen Fakten. Aber Peter Handke schreibt in diesem Text, dass das vielleicht alles so nicht war. Das ist ein Inzweifelziehen von faktischer Realität mit essayistischen Mitteln – es ist ja kein Roman, in dem man mal durchspielt, wie das wäre, wenn es nicht so gewesen wäre.

Was kritisieren Sie noch an diesem Text?

Handke hat alle, die nicht die serbischen Aggressoren waren, und ich sage jetzt bewusst nicht „die Serben“, sondern „die serbischen Aggressoren“, angegriffen. Weil die serbischen Aggressoren für Handke die Wahrheit besaßen. Die grausamste Stelle des Textes ist, als Handke über das Massaker am Markale-Platz von Sarajewo, wo es eindeutig eine Ermordung der muslimischen Bevölkerung gab, schreibt, dass sei vielleicht alles inszeniert. Wenn Suhrkamp heute diese Texte herausgibt, müssten solche Stellen mit einem Kommentar versehen werden. Nach den Gerichtsverhandlungen vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag ist erwiesen, dass die Version, die Handke mit den Mitteln der Literatur faktisch in Zweifel zieht, korrekt ist: Die muslimische Bevölkerung in Sarajewo wurde an diesem Markt Opfer der serbischen Aggressoren. Dass da die muslimische Bevölkerung – hauptsächlich sind es ja Frauen, die ihre Männer und Söhne verloren haben – sagt, sie wolle nicht einem Mann Ehre zuteilwerden lassen, der literarisch nicht nur die Schuldverteilung hinterfragt hat, sondern insbesondere die Opfergeschichten infrage stellt; diese Mütter von Srebrenica, deren Männer und Söhne wirklich zum Opfer gefallen sind, finde ich legitim.

Kann die Debatte, die wir im Moment beobachten, etwas für die Zukunft bringen?

Ich denke, dass die Debatte allein durch die Tatsache, dass sie geführt wird und sie auch vielstimmig ist, etwas Gutes hat. Wenn ich sage, dass es etwas bringt, dann zum einen in Richtung Literaturnobelpreiskomitee: Wenn dies das nach dem Skandal von 2017 rehabilitierte Nobelpreiskomitee sein soll, dann bitte noch mal Neustart. Und dass man in Richtung des Feuilletons fragt, wie sich seiner Meinung nach Kunst zu Realität verhält. Ist das Bild vom Künstler noch zeitgemäß, wenn der sich auf diese Weise weltabgewandt zeigt? Und ist es noch zeitgemäß, wenn der Künstler sagt, es gab keinen Genozid, dass es dann für das Feuilleton auch keinen Genozid gab? In meinen Augen ist das ein Kunstbegriff, der nicht mehr zeitgemäß ist.

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Sie sprachen eben von Vielstimmigkeit. Wie sieht diese Vielstimmigkeit aus?

In den Neunzigerjahren waren nur einige wenige deutsche Berichterstatter vor Ort in den Kriegsgebieten im zerfallenden Jugoslawien. Im angelsächsischen Raum war das anders, aber hierzulande gab es ein Defizit. Gerade Handke hat den Blick auf die Jugoslawien-Kriege in Deutschland geprägt, vor allem im Kulturbetrieb. Und in diesem Kulturbetrieb gab es wenige Stimmen von Menschen, die tatsächlich aus der Region kamen und aus eigener Erfahrung wussten, wovon die Rede war. Das hat sich heute verändert. Die Debatte wird heute auch so heftig geführt, weil das klassische Feuilleton erstmals heftigen Gegenwind bekommt. In der „New York Times“ schreibt heute ein Aleksandar Hemon, der selbst Flüchtling war, in Deutschland bekommt Sasa Stanisic, ebenfalls geflohen, den Deutschen Buchpreis und nutzt seine Rede, um Kritik an der Entscheidung für Handke zu äußern. Und auch ich bin da und schreibe.

Die kroatisch-deutsche Schriftstellerin und Theaterautorin Jagoda Marinić wurde in Waiblingen bei Stuttgart geboren, ihre Eltern stammen aus Dalmatien. Als Kind fuhr sie jedes Jahr dorthin. 2006 erschien ihr Romandebüt „Die Namenlose“. In ihrem jüngsten Buch „Sheroes“ (S. Fischer, 128 Seiten, 12 Euro) widmet sie sich der feministischen Debatte. Peter Handke und Olga Tokarczuk bekommen am Dienstag in Stockholm die Literaturnobelpreise überreicht. Über Handkes pro-serbische Positionen in den Jugoslawien-Kriegen ist nach der Verkündung der Nobelpreise Anfang Oktober eine heftige Debatte entbrannt. Für den heutigen Dienstag sind Proteste gegen Handke etwa von der Organisation Mütter von Srebrenica angekündigt.

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