Herbstzeitklänge: Diese Songs sind ideal zum Einmuckeln

  • Herbst ist die schönste Zeit für traurige Songs.
  • Hier kommt eine Oktober-Playlist quer durch den Garten der Musikstile – von Reggae bis Bluegrass, von Hip-Hop bis Folkpop.
  • Und die Erkenntnis: Dunkle Songs zaubern oft genug helle Stimmungen.
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Die vom „Rolling Stone“ wiederholt als „beste Band der Welt“ titulierten Wilco bitten in „Love Is Everywhere“ zum Walzer. In den Dreivierteltakt wirbelt Nels Clines Gitarre hinein und die wunderbar müde, weidwunde, raue und immer irgendwie einlullende Stimme von Songwriter Jeff Tweedy singt davon, dass die Traurigkeit nach ihm verlangt, malt mit Worten eine Herbst-Winter-Stimmung, in der die Abendsonne nach dem See greift, der in ihren Flammen gefroren ist. Aber dann im Refrain ist die Liebe überall, und der Refrain ist fest in unserem Kopf und man beginnt, sich zu wiegen. Ein schöner Song aus einem traumhaft schönen Comeback-Album. „Love Is Everywhere“ aus dem Album „Ode to Joy“ von Wilco (erscheint am 4. Oktober).

Der Wald in den Zeilen des Songs „Ohne dich“ steht so schwarz und leer und kalt, die Tasten des Klaviers scheinen durch eine dünne Eisschicht schlagen zu müssen und Sänger Campino malt in Spätherbstfarben eine Liebesendzeit. Fast wirkt die Stille der Natur, das Schweigen der Vögel wie eine Gedichtvertonung aus der Romantik. Streicher und Balalaika begleiten die Toten Hosen in die tote Zweisamkeit. „Ohne dich kann ich nicht sein / mit dir bin ich auch allein.“ Kennt die Zeilen wer? Die Toten Hosen covern Rammstein. Und das funktioniert! „Ohne dich“ aus dem Livealbum „Alles ohne Strom“ von den Toten Hosen (erscheint am 25. Oktober).

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Der Planet hat auch seinen Herbst erreicht, so will es scheinen. Aber längst nicht jeder teilt diese Einsicht und lässt sich von der Planetenschutzaktivistin Nummer eins, Greta Thunberg, in die Pflicht nehmen. All den unbelehrbaren Plastikfans und Gletscherschmelze-Ignoranten singen die Londoner Folkrocker The Rails einen musikalischen Vorschlag, der im Sound an die späten akustischen Zeiten der großen Popaktivisten Chumbawamba erinnert und der der schwärzeste Song unserer kleinen Oktober-Playlist ist. Kami Thompson, Tochter der Musiklegenden Richard und Linda Thompson, und James Walbourne, ihr Ehemann und zuvor Gitarrist bei den Pogues und den Pretenders, singen „Save the Planet …“, und die Melodie ist so süß wie Zucker auf Nutella-Brot. Dann vervollständigen sie den Kehrvers mit dem galligen „kill yourself“. Knallt rein! „Save the Planet von The Rails aus dem Album „Cancel the Sun“ (bereits erschienen).

Nachts werden alle Gedanken schwer, erst recht, wenn die Tage kürzer und grauer werden. Trost hat Bruce Springsteen für uns parat. „Ich weiß, dass hier in der Dunkelheit / der nächste Tag weit weg erscheinen kann“, singt der wissende Boss zu einer Pianomelodie, die später von der Band und Streichern umflort wird und die in die Seele zieht wie Salbe. Alle Geister und Kobolde will er vertreiben. „I’ll Stand by You“ heißt das Versprechen Springsteens. Er bleibt, „bis wieder Licht ist“. Wie schön. Am besten gleich hinterherschieben: sein ähnlich tröstliches „If I Should Fall Behind“. „I’ll Stand by You“ von Bruce Springsteen aus dem Soundtrack-Album „Blinded by the Light“ (bereits erschienen).

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Auch Hip-Hopper und Elektropopper igeln sich mit Hoodie, Turnhose und dicken Socken ein, wenn die dunklen Tage heranrollen. Jedenfalls sieht Jen Bender von den Berlinern Großstadtgeflüster im Video zu „Meine Couch“ ziemlich schmuddelgemütlich gewandet aus. Sie rapsingt eine Liebeserklärung an den gepolsterten Rückzugsort vom hässlichen Draußen (und erinnert dabei stimmlich an Judith Holofernes von Wir sind Helden): „Ich liebe meine Couch, weil ich weiß, sie liebt mich auch.“ Tun wir ja alle. Fürs Sofa braucht man keine Menschenseele – nur ein paar Slices Pizza, was zu trinken und vielleicht einen Spliff. Wenn man „happy mit seinem Happa“ ist und die Fernbedienung erreichbar, können vor der Tür Tornados tanzen. Von Großstadtgeflüster ist auch „Skalitzer Straße“ sehr herbstlich, aber die Zeile „Ich bin zwar tot, aber ich hatte Vorfahrt“ ist dann doch nur was für spezielle Tage wie Allerseelen und Totensonntag. „Meine Couch“ aus dem Album „Trips & Ticks“ (bereits erschienen).

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Das „Baby“ will Schmuck, und der Mann mit dem Cowboyhut hat nicht die nötigen Dollars, aber genug Liebesblindheit, um alles zu riskieren. So wagt er ein Glücksspiel in einem verräucherten Hinterzimmer, wo die Trickser sitzen und nur darauf warten, ihn abzuziehen. Und das ist seit je der böse Stoff, aus dem die besten Countrysongs sind. The Dead South aus Kanada, eine der mitreißendsten Livekapellen überhaupt, mischen mit Akustikgitarren, Cello und dem heimeligen Gesang von Nate Hilts eine klassische Tragödie namens „Diamond Ring“ an. Die ist zunächst recht flott, Bluegrass eben, trägt aber dennoch die Anzeichen des schlimmen Endes schon im ersten Klimpern des Banjos. „Diamond Ring“ von The Dead South aus dem Album „Sugar & Joy“ (erscheint am 11. Oktober).

Die Liebe ist ein langsamer Reggae, der Herbst ist eine Zeit, in der man nicht aus Beziehungen zu springen wagt, weil eben niemand im Winter allein sein will. Seeed machen in „Lass sie geh’n“ mit einem schleppenden Offbeat, in den man sich prima reinhängen kann, dennoch Mut zum Sprung. Und bieten zudem eine Schulter für all die, die ehrlich zu sich selbst und ihrem/ihrer einst Liebsten sind. „Du bist gut im Beleidigen / sie kann gut mit Sachen schmeißen, die dir heilig sind“ heißt es in dem Song über ein Paar, über dessen Zusammenbleiben sich schon das ganze Viertel wundert. Und dann wird das Versprechen gegeben: „Dann, wenn der Staub sich legt, scheint die Welt wieder hell und groß.“ Das Albumcover zeigt zehn Böller an einer brennenden Lunte, auf dem Album „Bam Bam“ sind sogar elf Böller drauf. Starke Rückmeldung der Berliner nach dem Tod von Sänger Demba Nabé. „Lass sie geh’n“ von Seeed aus dem Album „Bam Bam“ (erscheint am 4. Oktober).

Den Kampf gegen ihre inneren Dämonen hat Lisa Simone längst gewonnen. In dem dunklen, trägen Fingerschnippsoul von „Right Now“, der ihr drittes Album „In Need of Love“ eröffnet, singt die 56-jährige Tochter der Jazzlegende Nina Simone Soul über die Ketten ihrer Kindheit. Eine Melancholie, aus der sich ein kraftvoller Gospel schält: „Kein Platz für Schlimmes – nicht hier“, singt Simone und dann setzen die Bläser ein und fegen die Einsamkeit weg. „Right Now“ aus dem Album „In Need of Love“ von Lisa Simone (erscheint am 18. Oktober).

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