Herbstgedichte: passende Zeilen für die goldene Jahreszeit

  • Nicht nur klimatisch hält der Herbst Einzug – auch in der Gemütslage der Menschen macht er sich bemerkbar.
  • Auch wenn die Übergangsjahreszeit nicht durch große Feste oder Ferien bestimmt wird, so hat sie dennoch ihre schönen Seiten.
  • Diese Gedichte stimmen darauf ein.
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Herbstzeit heißt Abschied nehmen. Die Tage werden kürzer, Bäume verlieren ihre Blätter. Die Sonne, höchstens noch ein blass schimmernder Lichtblick am wolkenverhangenen Himmel. Und spätestens wenn auch das letzte Maracujaeis verspeist ist, setzt bei den Menschen der vielbesagte Herbstblues ein.

Kein Wunder, dass so manche und mancher in eine leicht melancholische Stimmung verfällt. Eine Stimmung, die von den folgenden Gedichten bestens aufgefangen wird. So sagen Sie dem Sommer Lebewohl.

„Der scheidende Sommer“ von Heinrich Heine

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Das gelbe Laub erzittert,

Es fallen die Blätter herab;

Ach, alles was hold und lieblich,

Verwelkt und sinkt ins Grab.

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Die Gipfel des Waldes umflimmert

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Ein schmerzlicher Sonnenschein;

Das mögen die letzten Küsse

Des scheidenden Sommers sein.

Mir ist, als müsst ich weinen

Aus tiefstem Herzensgrund;

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Dies Bild erinnert mich wieder

An unsere Abschiedsstund‘.

Ich musste von dir scheiden,

Und wusste, du stürbest bald;

Ich war der scheidende Sommer,

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Du warst der sterbende Wald.

„Herbst“ von Else Lasker-Schüler

Ich pflücke mir am Weg das letzte Tausendschön …

Es kam ein Engel mir mein Totenkleid zu nähen –

Denn ich muss andere Welten weiter tragen.

Das ewige Leben dem, der viel von Liebe weiß zu sagen.

Ein Mensch der Liebe kann nur auferstehen!

Hass schachtelt ein! wie hoch die Fackel auch mag schlagen.

Ich will dir viel viel Liebe sagen –

Wenn auch schon kühle Winde wehen,

In Wirbeln sich um Bäume drehen,

Um Herzen, die in ihren Wiegen lagen.

Mir ist auf Erden weh geschehen …

Der Mond gibt Antwort dir auf deine Fragen.

Er sah verhängt mich auch an Tagen,

Die zaghaft ich beging auf Zehen.

„Es ist nun der Herbst gekommen“ von Joseph von Eichendorff

Es ist nun der Herbst gekommen,

Hat das schöne Sommerkleid

Von den Feldern weggenommen

Und die Blätter ausgestreut,

Vor dem bösen Winterwinde

Deckt er warm und sachte zu

Mit dem bunten Laub die Gründe,

Die schon müde gehn zur Ruh.

Durch die Felder sieht man fahren

Eine wunderschöne Frau,

Und von ihren langen Haaren

Goldne Fäden auf der Au

Spinnet sie und singt im Gehen:

Eia, meine Blümelein,

Nicht nach andern immer sehen,

Eia, schlafet, schlafet ein.

Und die Vöglein hoch in Lüften

Über blaue Berg und Seen

Ziehn zur Ferne nach den Klüften,

Wo die hohen Zedern stehn,

Wo mit ihren goldnen Schwingen

Auf des Benedeiten Gruft

Engel Hosianna singen

Nächtens durch die stille Luft.

„Herbst“ von Ricarda Huch

September sitzt auf einer hohlen Weide,

Spritzt Seifenblasen in die laue Luft;

Die Sonne sinkt; aus brauner Heide

Steigt Ambraduft.

Als triebe Wind sie, ziehn die leichten Bälle

Im goldnen Schaum wie Segel von Opal,

Darüber schwebt in seidener Helle

Der Himmelssaal.

Auf fernen Tennen stampft der Erntereigen,

Im Takt der Drescher schwingt der starre Saum.

Handörgelein und Bass und Geigen

Summt süß im Raum.

„Herbsttag“ von Rainer Marika Rilke

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.

Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,

Und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;

Gib ihnen noch zwei südlichere Tage,

Dränge sie zur Vollendung hin und jage

Die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,

Wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben

Und wird in den Alleen hin und her

Unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

„Herbst“ von Theodor Fontane

O du wunderschöner Herbst,

Wie du die Blätter golden färbst,

Deiner reinen Luft so klar und still,

Noch einmal ich mich freuen will.

Ich geh den Wald, den Weiher entlang;

Es schweigt das Leben, es schweigt Gesang,

Ich hemme den Schritt, ich hemme den Lauf

Erinnerungen ziehen herauf.

Erinnerungen sehen mich an,

Haben es wohl auch sonst getan.

Nur eins hält nicht mehr damit Schritt.

Lachende Zukunft geht nicht mehr mit.

Vergangenheit hält mich in ihrem Bann,

Vergangenheit hat mir’s angetan;

Den Blick in den Herbst, den hab ich frei,

Den Blick in den Herbst. Aber der Mai?

„Der Herbst“ von Friedrich Hölderlin

Das Glänzen der Natur ist höheres Erscheinen,

Wo sich der Tag mit vielen Freuden endet,

Es ist das Jahr, das sich mit Pracht vollendet,

Wo Früchte sich mit frohem Glanz vereinen.

Das Erdenrund ist so geschmückt, und selten lärmet

Der Schall durchs offne Feld, die Sonne wärmet

Den Tag des Herbstes mild, die Felder stehen

Als eine Aussicht weit, die Lüfte wehen.

Die Zweig’ und Äste durch mit frohem Rauschen,

Wenn schon mit Leere sich die Felder dann vertauschen,

Der ganze Sinn des hellen Bildes lebet

Als wie ein Bild, das goldne Pracht umschwebet.

„In trauter Verborgenheit“ von Wilhelm Busch

Ade, ihr Sommertage,

Wie seid ihr so schnell enteilt,

Gar mancherlei Lust und Plage

Habt ihr uns zugeteilt.

Wohl war es ein Entzücken,

Zu wandeln im Sonnenschein

Nur die verflixten Mücken

Mischten sich immer darein.

Und wenn wir auf Waldeswegen

Dem Sange der Vögel gelauscht,

Dann kam natürlich ein Regen

Auf uns hernieder gerauscht.

Die lustigen Sänger haben

Nach Süden sich aufgemacht,

Bei Tage krächzen die Raben,

Die Käuze schreien bei Nacht.

Was ist das für ein Gesause!

Es stürmt bereits und schneit.

Da bleiben wir zwei zu Hause

In trauter Verborgenheit.

Kein Wetter kann uns verdrießen.

Mein Liebchen, ich und du,

Wir halten uns warm und schließen

Hübsch feste die Türen zu.

„Herbst“ von Annette von Droste-Hülshoff

Wenn ich an einem schönen Tag

Der Mittagsstunde habe acht,

Und lehne unter meinem Baum

So mitten in der Trauben Pracht.

Wenn die Zeitlose übers Tal

Den amethistnen Teppich webt,

Auf dem der letzte Schmetterling

So schillernd wie der frühste bebt.

Dann denk‘ ich wenig drüber nach,

Wie‘s nun verkümmert Tag für Tag,

Und kann mit halbverschlossnem Blick

Vom Lenze träumen und von Glück.

Du mit dem frischgefallnen Schnee,

Du tust mir in den Augen weh!

Willst uns den Winter schon bereiten:

Von Schlucht zu Schlucht sieht man ihn gleiten,

Und bald, bald wälzt er sich herab

Von dir, o Säntis! ödes Grab!

„Oktoberlied“ von Theodor Storm

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;

Schenk ein den Wein, den holden!

Wir wollen uns den grauen Tag

Vergolden, ja vergolden!

Und geht es draußen noch so toll,

Unchristlich oder christlich,

Ist doch die Welt, die schöne Welt,

So gänzlich unverwüstlich!

Und wimmert auch einmal das Herz –

Stoß an und lass es klingen!

Wir wissen’s doch, ein rechtes Herz

Ist gar nicht umzubringen.

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;

Schenk ein den Wein, den holden!

Wir wollen uns den grauen Tag

Vergolden, ja vergolden!

Wohl ist es Herbst; doch warte nur,

Doch warte nur ein Weilchen!

Der Frühling kommt, der Himmel lacht,

Es steht die Welt in Veilchen.

Die blauen Tage brechen an,

Und ehe sie verfließen,

Wir wollen sie, mein wackrer Freund,

Genießen, ja genießen!

RND/pf

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