Was stört Sie am Internet, Helge Schneider?

  • Er gehört nicht zu den Komikern, die meinen, in jeder Lage witzig sein zu müssen.
  • Helge Schneider spricht im Interview ernst, klug und reflektiert.
  • Er erzählt, was er mit seiner Kunst erreichen will, was er sich von Konzerten nach Corona erhofft – und wofür er den Duden kritisiert.
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Herr Schneider, hören Sie eigentlich oft die Frage, ob ein Komiker auch ein ernster Mensch sein kann?

Oft nicht, aber regelmäßig.

Gehört das für Sie zu den schlimmsten Klischees über Ihre Zunft?

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Nein, eigentlich nicht. Die meisten Zuschauer und Fans wissen durch die immense Flut an Comedians und Lustig-sein-Sendungen im Fernsehen mittlerweile schon, dass wir auch ganz normale Menschen sind.

Gehört denn der Ernst für Sie zur Komik dazu oder gibt es den ernsten Helge und den witzigen Helge?

Nein, nein. Ich finde, der Ernst gehört dazu, denn dadurch entsteht ja oft Komik. Oder durch die Absurdität einer Situation. Es gibt viele verschiedene Arten, warum man komisch ist, und viele verschiedene Gründe, warum Menschen lachen.

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“Meine Komik entsteht in mir selbst”

Wie ist es bei Ihnen?

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Ich glaube, ich habe einen großen Horizont. Ich finde nichts langweiliger als Humor, der sich immer nur auf ein Thema beschränkt. Und sich auf Kosten anderer Menschen zu amüsieren ist für mich auch kein Humor. Meine Komik entsteht in mir selbst, und wenn, mache ich mich über mich selbst lustig. Oder ich stelle mich als komische Person dar. Ich improvisiere ja, ich spiegele den Alltag als komische Situation wider. Das ist eine Kunst, die man nicht auf dem Schreibtisch entwerfen kann, sondern die das Leben selbst entwirft. Man muss dann natürlich auch ein Typ sein, der aufmerksam zusieht, zuhört und paradoxe Situationen sofort erfasst und dann auch verarbeiten kann.

Also achten Sie auf das Absurde im Leben?

Ja, das ist aber bei mir kein bewusstes Draufachten, sondern ich bin so. Ich war auch schon als Kind so. Vielleicht liegt es an mir selbst, an meiner Situation als Kind. Denn als rothaariger, dünner, kleiner Junge mit dem komischen Namen Helge bist du sowieso Außenseiter. Und dann muss man irgendwas daraus machen, und ich glaube, ich habe das Beste daraus gemacht.

Der Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge hat Sie im vergangenen Jahr zu einem Gespräch eingeladen, das hieß: “Komik, eine Zweigstelle der Philosophie”. Wie philosophisch ist denn Komik?

Beides hat viel miteinander gemein. Aber die Komik hält das Denken und das Spekulieren immer am Boden und bringt Philosophie auch den Menschen näher, die sich sonst vielleicht gar nicht für Philosophie interessieren. Sie ist aber auch eine Philosophie.

“Meine Aufgabe ist auch, die Leute zum Nachdenken zu bringen”

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Weil die Komik auf ihre Art die richtigen Fragen stellen kann?

Zum Beispiel. Aber auch, indem sie mit Absicht falsche Antworten gibt auf Situationen, auf das Leben. Dann kommt man ja auch ins Nachdenken. Es ist nicht so, dass man sich bei Komik einfach nur auf die Schenkel haut und lacht. Meine Aufgabe ist auch, die Leute zum Nachdenken zu bringen. Aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit mir. Ich stelle mich selbst zur Verfügung, ich bin der Motor in dem Getriebe, der dafür sorgt, dass man über meine Kunst nachdenken kann.

Sie arbeiten oft mit Alexander Kluge zusammen. Was schätzen Sie an ihm?

Ich schätze an ihm die bedingungslose Freundschaft, das offene Auge, das offene Ohr, das offene Herz. Wir sind ja ungefähr 25 Jahre auseinander. Er ist eine ganz andere Generation. Von ihm kann ich lernen, etwas zu sehen, was ich bislang nicht kannte. Und er bei mir auch. Meine Jugend ist anders verlaufen als seine. Wir sind Freunde, weil wir beide noch Jungs geblieben sind, die experimentieren wollen, und wegen der Fantastereien. Unser eigentliches Alter ist so neun bis zehn Jahre.

Ein schönes Alter. Da darf man noch viele Flausen im Kopf haben. Oder wie man früher sagte: Grillen. Haben Sie gelesen, dass das schöne alte Wort für Wunderlichsein, “Grillenhaftigkeit”, jetzt aus dem Duden gestrichen wurde?

Warum das denn?

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Der Duden nimmt mit jeder Auflage neue Wörter auf – wie jetzt etwa Influencer und Flugscham – und schmeißt dafür veraltete Begriffe raus.

Also: Grillen im Kopf ist weg?

Auf jeden Fall die Grillenhaftigkeit.

Die Grille ist ja das Synonym für das spielende Tier. Ich finde: Das gehört sich nicht, solch ein Wort aus dem Duden zu nehmen.

Weil es so ein schöner alter Begriff ist?

Das lasse ich jetzt einfach so stehen: Das gehört sich nicht.

Ein Song Ihres neuen Albums “Mama” heißt “Ich setz mein Herz bei Ebay rein”. Wie ist denn Ihr Verhältnis zum Internet?

Das ist gespalten. Auf der einen Seite konnte ich mir bei Youtube Sachen anschauen, die ich sonst nicht hätte sehen können, weil sie der Öffentlichkeit vorher nicht zugänglich waren. Alte Aufnahmen von Louis Armstrong, Thelonious Monk oder Bill Haley und Fats Domino zum Beispiel – alles Musiker, die ich gern mal live gesehen hätte. Das ist die gute Seite.

Und die schlechte?

Mir geht schon etwas auf den Wecker, wenn Leute E-Mails schreiben und denken, man würde sich sofort danach richten. Bei mir geht da ziemlich viel schief. Ich schaue da nicht ständig rein, ich habe auch noch andere Dinge zu tun. Dann muss ich die Leute doch immer wieder auffordern, mich anzurufen und mit mir persönlich zu sprechen. Das Gleiche gilt auch für Whatsapp und so.

Aber die Kommunikation geht dann doch schön schnell.

Ich finde, das ist oft kontraproduktiv. Die Leute denken, ich schreibe schnell mal was und der andere liest das dann sofort und schreibt schnell zurück – und dann wird immer wieder hin- und hergeschrieben. Im Grunde ist es eine Mehrarbeit. Wenn wir beide das, was wir jetzt hier am Telefon besprechen, schreiben würden, würden wir doch viel länger brauchen, und es wäre auch überhaupt nicht dynamisch.

Ist das das Einzige, was Sie stört?

Noch schlimmer ist, dass die Kinder und Jugendlichen mittlerweile von der Idee des Mobilfunks dermaßen besessen sind, dass sie überhaupt nicht mehr telefonieren und nur noch chatten. Und auf Facebook und Instagram posen sie und lassen sich abbilden. Die Kinder und Jugendlichen bauen dadurch Druck auf und spüren auch Druck, bestimmte Aussehensvarianten immer wieder zu generieren. Letztlich sind viele junge Menschen heute vollkommen abhängig von einem solchen Gerät. Ich spreche aus Erfahrung, ich habe eine zwölfjährige Tochter. Es ist sehr, sehr schwer, mit dem Thema umzugehen.

“Das Internet ist gut und böse”

Warum?

Wenn du sagst, sie bekommt gar kein Handy, ist sie die Einzige auf dem Gymnasium ohne Mobiltelefon. Das geht auch nicht. Man muss den Kindern schon die Möglichkeit geben, einen vernünftigen Umgang mit dem Gerät zu lernen. Man kann das Handy nicht verbieten. Doch ich halte das alles für eine verheerende Entwicklung, denn daraus resultiert ein verändertes Verhalten der gesamten Bevölkerung. Alle werden permanent mit Nachrichten zugeschüttet, die zum Teil noch nicht mal stimmen. Jeder kann irgendetwas posten. Und was ich besonders schlimm finde, sind Shitstorms, die immer dann entstehen, wenn einer eine Meinung hat. Das ist eine weltweite Entwicklung, die nicht gut ist. Andererseits wüssten wir, wenn wir kein Handy hätten, ja gar nicht so genau, was momentan beispielsweise in Hongkong los ist. Das alles zeigt, das Internet ist gut und böse.

Sie singen auf Ihrem neuen Album auch von der Liebe im Sechsachteltakt. Unterscheidet die sich von der Liebe im Dreivierteltakt?

Auf jeden Fall. Liebe im Dreivierteltakt, das ist Walzer. Da denke ich an wallende Gewänder und an Sissi. Liebe im Sechsachteltakt hingegen ist mehr so Soul.

Tiefer gehend?

Mehr sexy.

Sie haben auf dem ersten Höhepunkt der Corona-Krise ein Video gepostet, auf dem Sie sagten, Sie werden nicht vor Zuschauern spielen, wenn diese mit Sicherheitsabstand sitzen müssen, und schon gar nicht vor Autos. Jetzt geben Sie aber wieder Konzerte. Woher kommt dieser Sinneswandel?

Ich habe gar keinen Sinneswandel vollzogen, denn im Autokino vor Autos trete ich auch weiterhin nicht auf. Ich wollte damals, als ich das Video aufgenommen habe, darauf hinweisen, dass es nicht gut ist, vor Autos aufzutreten. Für die Künstler nicht und für die Leute auch nicht. Und ich hatte nicht die Sicherheitsabstände gemeint, sondern habe gesagt: Wenn alle Masken tragen müssen, ist so ein Konzert blödsinnig, weil ich die Leute nicht sehen kann. Deswegen kann ich mir für mich auch nicht ein ge­streamtes Konzert vorstellen, denn ich brauche mein Publikum.

Sie haben die ersten Konzerte schon gespielt. Wie lief das denn ab?

Wir waren in unterschiedlichen Städten, die dann alle auch unterschiedliche Konzepte hatten. In der einen Stadt standen vier Stühle nebeneinander, in der anderen Stadt zwei. Und in der dritten standen zwei Stühle, daneben vier Meter Platz und dahinter auch – also ganz extrem. Aber für meine Kunst war das eine gute Geschichte. Denn ein Publikum, das eine Eigendynamik entwickelt wie bei einem Rockkonzert im Stadion, ist nichts für mich. Dann kann ich nicht mehr mit denen kommunizieren.

Das heißt, Sie wünschen sich auch in Zukunft wieder kleinere Konzerte?

Ich hatte mich sowieso schon nach Situationen zurückgesehnt, die ich am Anfang meiner Karriere erlebt habe, als ich viel weniger Publikum hatte als heute. Da waren die Sachen, die ich machen konnte, wesentlich abgefahrener. Weil ich viel mehr Platz hatte für mich.

“Ich habe ja etwas zu sagen”

Hat sich das Publikum nach der Corona-Zeit im Vergleich zu vor der Krise verändert?

Jetzt ist es so: Die Leute sitzen da und sind zwar viel weniger als sonst, aber sie sind sehr aufmerksam und freuen sich. Und ich freue mich auch. Ich könnte mir vorstellen, dass das so auch weitergeht. Ich verdiene dadurch natürlich wesentlich weniger. Aber das stört mich nicht. Ich habe ja etwas zu sagen, und da muss man jeden Winkel ausnutzen. Und das ist jetzt der Winkel, der momentan mir und dem Publikum gegeben ist. Und mehr wird auch weiterhin nicht gehen. Wer weiß, wie es im Winter wird.

Was machen Sie denn dann?

Ich habe mir schon überlegt, ob ich mir einen Anhänger an einen Lkw hänge, worauf ich eine Bühne habe. Dann trage ich unter dem Anzug einen Pullover und trete einfach in der Kälte auf. Das wäre wahrscheinlich die nächste Alternative.

Open Air im Winter?

Ich mache das.

Sie spielen unter anderem im September in der Waldbühne. Ist das ein besonderer Ort für Sie?

5000 Leute sind für mein Konzert zugelassen. Normalerweise passen da 22.000 Zuschauer rein. Es ist dann also etwas spärlich besetzt, und die Leute sitzen teilweise sehr weit weg. Aber auch das reizt mich, da freue ich mich sehr drauf. Das Wichtigste ist – und das habe ich in all den Jahren gelernt –, dass ich das mache, was ich immer gemacht habe, und nicht denke, weil das Konzert groß ist, muss ich jetzt auch etwas Großes veranstalten. Das ist Quatsch. Es gibt nichts Großes oder Kleines, es gibt nur meine Arbeit. Ich werde mich genauso geben wie zu der Zeit, als ich vor fünf Leuten aufgetreten bin.

Hat sich seit damals gar nichts geändert?

Eigentlich nicht. Es hat sich nur einiges durch Routine abgeschliffen. Meine Konzerte waren in den vergangenen Jahren immer ausverkauft, und die Erwartungshaltung der Leute war dann auch ein bisschen ein Selbstläufer. Für Van Halen ist es natürlich gut, wenn die Leute beim Konzert grölen. Aber bei mir nicht, ich mag das überhaupt nicht, wenn meine Zuschauer so laut sind.

Gibt es unter den lebenden Musikern wen, mit dem Sie gern einmal zusammen singen oder musizieren würden?

Das muss ich kurz überlegen ... Tony Bennett. Der lebt noch, der ist jetzt 94 Jahre alt. Das wäre was. Ich statt Lady Gaga. Ich glaube, ich ruf den mal an.

Ein neues Album vom Meister des Unsinns

Anfang der Neunzigerjahre tauchte plötzlich ein musizierender Komiker auf, wie man bislang noch keinen gesehen hatte. Helge Schneider eroberte die Herzen zumindest der humorbegeisterten Deutschen mit Songs wie “Katze­klo” und “Es gibt Reis, Baby”. Was viele anfangs übersahen, war, was für ein grandioser Musiker der 1955 in Mülheim an der Ruhr geborene Schneider ist, der schon seit Ende der Siebzigerjahre die Musik zu seinem Beruf gemacht hatte.

Es folgten Kinofilme wie “Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem”, Kriminalromane, Theaterstücke und viele weitere Alben. Am Freitag erscheint Schneiders neues Album “Mama” mit potenziellen Hits wie “Ich setz mein Herz bei Ebay rein” und “Forever at Home”, mit dem er bei Stefan Raabs “Free Eurovision Contest” auftrat.

Für immer zu Hause hält es den Meister des Unsinns – den er nicht mit Nonsens verwechselt sehen möchte – dann aber doch nicht. Er tritt schon wieder auf. Zu sehen ist der 64-Jährige unter anderem am 6. September in der Berliner Waldbühne, am 9. September in Hamburg, am 10. September in Dresden und am 25. und 26. September in München.



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