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Helena Zengel: Das habe ich Tom Hanks auf Deutsch beigebracht

  • Eines ist klar: Hinterher wird noch Mathe gepaukt, aber erst redet Helena Zengel beim Interviewtermin in Berlin vom Kinodrama „Systemsprenger“.
  • Dann erzählt die Elfjährige, wie sie ihrem Filmpartner Tom Hanks Deutsch beigebracht hat – und vom Autogrammegeben.
  • Mama Anne sitzt neben ihrer elfjährigen Tochter, muss aber gar nicht wirklich helfen.
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Helena Zengel ist ein Schauspielprofi – und das mit nur elf Jahren. Schon als Fünfjährige spielte sie in einem Musikvideo der Berliner Band Abby mit. Ihre erste Hauptrolle übernahm sie als Achtjährige im Kindodrama „Die Tochter“. Seit vorigem Februar ist sie mit Nora Fingscheidts Drama „Systemsprenger“ in aller Munde, was ein erstes internationales Angebot nach sich zog. So wird im Januar 2021 die ganze Welt Helena kennenlernen, denn sie spielt in Paul Greengrass' Western „News of the World“ an der Seite von Tom Hanks ein von Indianern entführtes Mädchen. RND-Redakteur Stefan Stosch traf Helena in Berlin.

Hallo Helena, kommst du gerade aus der Schule?

Nee, ich war kurz zu Hause. Nachher muss ich aber noch für eine Mathearbeit lernen. Wir machen gerade Brüche, und ich will mir ein paar Arbeitsblätter anschauen.

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Dann lass uns gleich loslegen. Jeder kennt dich als das Mädchen Benni aus „Systemsprenger“, dem sensationellen Kinoerfolg von Regisseurin Nora Fingscheidt: Hättest du gedacht, dass der Film dein Leben so sehr verändern würde?

Eigentlich nicht. Als ich den Kinofilm „Die Tochter“ gedreht habe, war ich acht, und da war die Schauspielerei noch ein Hobby, ein Spaß. Na, Spaß macht das vor der Kamera immer noch. Aber jetzt ist es viel wichtiger geworden.

Wusstest du anfangs überhaupt, was ein Systemsprenger ist?

Vor dem Film nicht. Soweit ich das verstanden habe, ist ein Systemsprenger ein Kind, das Hilfe braucht und sehr schnell ausrastet und sich nicht so gut anpassen kann. So ein Kind kommt dann in Heime und ist ein Ausnahmefall.

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„Systemsprenger“ hat bei der Berlinale einen Silbernen Bären gewonnen, war für den Europäischen Filmpreis nominiert und für Deutschland im Oscarrennen: Welcher Erfolg ist für dich der wichtigste?

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Ich finde toll, dass der Film so oft ausgezeichnet wird – nicht wegen der Preise selbst, sondern weil wir alle so viel Kraft und Mühe reingesteckt haben. Es ist schön zu sehen, dass die Zuschauer dieses schwierige Thema so doll mögen. Jetzt haben wir schon mehr als eine halbe Million.

Wie oft hast du den Film gesehen?

Oh Gott! Vielleicht zehn- oder 15-mal. Ich war bei vielen Filmfesten. Da habe ich den Film aber manchmal nur von Mitte bis Ende gesehen.

„Systemsprenger“ ist gerade auch beim Filmfestival in Havanna gelaufen. Da warst du aber nicht, oder?

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Da wäre ich vielleicht schon ganz gern hingeflogen. Aber ich muss ja auch zur Schule. Es ist aber toll, dass der Film weltweit zu sehen ist.

Beim Europäischen Filmpreis warst du als Elfjährige nominiert – zusammen mit so berühmten Schauspielerinnen wie Oscarpreisträgerin Olivia Colman. War das nicht verrückt?

Schon die Nominierung war ein Gewinn. Dass ich in so einer Konkurrenz ausgewählt wurde! Das hätte ich nie gedacht.

Warst du enttäuscht, dass Frau Colman gewonnen hat und nicht du?

Ein bisschen. Aber ich habe erwartet, dass sie gewinnt, und ich fand sie in dem Film „The Favourite“ auch sehr gut. Und zweitens muss man auch verlieren können. Ich habe ja schon ein paar Preise.

Welche?

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Zusammen mit Nora den Creative Energy Award beim Filmfest Emden. Dann war da noch ein Extrapreis in Chile und irgendwo noch ein anderer.

Gibst du jetzt auch Autogramme?

Ja, schon, vor allem bei Filmfestivals. Auch auf der Straße sprechen mich manchmal Leute an.

Magst du das?

Ein bisschen komisch ist es, wenn sie wissen wollen, ob ich die Benni bin. Aber schön ist es auch, weil die Leute sich dann freuen.

Inzwischen hast du schon den nächsten Film gedreht – und was für einen: Wie bist du von „Systemsprenger“ in den Hollywoodfilm „News of the World“ mit Tom Hanks geraten?

Nach der tollen Berlinale kamen gar nicht so viele Rollenangebote. Aber dann kam doch der Anruf von Regisseur Paul Greengrass.

Und dann?

Er hatte „Systemsprenger“ bei der Berlinale gesehen und uns nach London zum Casting eingeladen. Ich spiele in dem Western ein deutsches Mädchen, das bei dem Indianerstamm der Kiowa aufgewachsen ist und dann zurück zu den Weißen gebracht wird. Mehr darf ich aber nicht sagen. Ist noch geheim.

Der Regisseur hat viele Kinder gecastet: Warum hat er dich genommen?

Paul hat gesagt, dass ich so authentisch wirke. Er fand auch meine blauen Augen und die Gefühle, die ich mit puren Blicken ausdrücken kann, toll. Die waren wichtig, weil ich in der Rolle wenig rede und ganz viel Emotionen über Blicke ausdrücke.

Die englische Sprache war kein Problem für dich?

Ich konnte ein bisschen Englisch, und die ersten Tage hat mir meine Mama geholfen. Dann wurde mein Englisch immer besser. Tom hat mir auch viele Begriffe erklärt.

Kann Tom Hanks Deutsch?

Er kann ein paar Wörter und auch einen Satz. Den habe ich ihm beigebracht: „Wo finde ich etwas zu essen?“ Er isst aber gar nicht übernormal viel. Tom sagt auch sehr gern „Milchkaffee“ oder „Pflaumenkompott“.

Hast du jetzt auch seine Handynummer?

Ich habe gerade kein Handy.

Wieso nicht?

Habe ich verloren in unserer eigenen Wohnung. Wir sind noch am Suchen, hoffentlich finde ich es bald wieder. Aber ja, Toms Nummer habe ich. Aber meistens schreiben wir über E-Mail. Whatsapp hat er nicht.

Wusstest du schon vor dem Filmdreh in New Mexico, wie berühmt Tom Hanks ist?

Ich hatte von ihm gehört. Bloß sind seine Filme von den Themen her nicht so für Kinder. „Captain Phillips“ und „Forrest Gump“ habe ich mir angeschaut. Demnächst will ich auch „Big“ sehen.

Wie verlief eure erste Begegnung?

Die war sehr spontan. Ich hatte ein paar Tage vor dem Beginn der Dreharbeiten eine Make-up-Probe, und er kam einfach rein in den Trailer. Er war vom ersten Moment an ganz normal und so wie du und ich. Da musste ich gar nicht eingeschüchtert sein. Trotzdem war es komisch bei den ersten Szenen, weil ich ihn beißen musste.

Wieso das denn?

Wir haben in der Reihenfolge gedreht, wie die Handlung ist. Und wir müssen uns in dem Film ja erst kennenlernen.

Was hast du alles über Indianer gelernt?

Erst mal habe ich ein bisschen die Kiowa-Sprache gelernt. Mein Name im Film ist Cicada. Am Set waren etwa 30 Indianer vom Kiowa-Stamm, die hatten ganz lange Haare und haben erzählt, wie sie früher als Kinder in Zelten gelebt und nur Kiowa gesprochen haben.

Lernt man viel beim Filmemachen?

Ja. Ich schreibe zum Beispiel ganz gern Fantasiegeschichten mit Pferden, und man kann von den Profis was übers Schreiben lernen.

Konntest du schon vorher reiten?

In Berlin habe ich seit drei Jahren eine Isländerstute. Vor der Kamera bin ich aber nicht Galopp geritten, ohne Kamera aber schon. Mein Filmpferd am Set hieß Wimpy, ein Quarter Horse, das früher ein Rodeopferd war. Wimpy ist ein bisschen faul, aber wenn man ihn einmal gekriegt hat, läuft er gut. Er kann echt viel.

Kann Tom Hanks reiten?

Er kam ganz gut klar mit den Pferden. Dafür, dass er ein bisschen älter ist und alles ganz schnell lernen musste, war er wirklich gut.

Was war der größte Unterschied zum Dreh von „Systemsprenger“?

In Amerika gab es für alles Leute, für die Getränke und fürs Essen, für die Haare und dann noch mal jemanden nur fürs Haareflechten – ich musste ja jeden Morgen in die Maske, wo mir die Haare auch dreckig gemacht wurden. Das ist jetzt glücklicherweise vorbei. Am Set hatte ich auch einen ziemlich großen Trailer, mit Couch und Toilette.

Bist du mit dem Filmteam gut zurechtgekommen?

Ja. Die Amerikaner sind immer positiv. Alles ist „awesome“ und „amazing“. Dadurch bringen die sich in gute Stimmung und machen sich das Leben auch leichter. Auch wenn ich morgens müde zum Set kam, wurde ich gelobt. Also von dieser Einstellung habe ich schon was mit nach Deutschland genommen.

Drei Monate bist du nicht in die Schule gegangen: Hast du viel verpasst?

Ich war vom Unterricht befreit – aber ich hatte ja Carolyn vom Studio Universal als Lehrerin. Es war bloß nicht immer leicht, jeden Tag Zeit für den Unterricht zu finden, weil die Dreharbeiten so lange dauerten. In Mathe haben wir alles gut geschafft, auch in Deutsch, nur die Experimente in Naturwissenschaft konnten wir natürlich nicht machen. Englisch kann ich ja jetzt sowieso ziemlich gut.

Hattest du auch mal Heimweh?

Zwischendurch schon, vor allem nach meiner Stute Hekla. Ich wäre auch gern mal zu Hause gewesen, um was zu kochen. Obwohl ich selbst jetzt gar nicht so die Köchin bin. Insgesamt aber war die Zeit toll – und in Los Angeles haben wir Nora besucht, die dort jetzt nach „Systemsprenger“ einen Film mit Sandra Bullock dreht. Jetzt bin ich aber auch froh, wieder in meiner Klasse zu sitzen.

Sind deine Mitschüler neidisch?

Überhaupt nicht! Die haben viele Fragen. Die freuen sich, dass ich wieder da bin.

Auf welche Schule wechselst du im Sommer nach der sechsten Klasse?

Entweder aufs Gymnasium oder auf eine ISS (Integrierte Sekundarschule, d. Red.), wo man auch Abitur machen kann. Erst mal habe ich keinen Film geplant, ich muss höchstens im nächsten Winter zu Screenings in die USA.

Hast du beim Drehen in den USA mitbekommen, was in der Welt passiert, zum Beispiel die Proteste für Fridays for Future?

Also die Rede von Greta Thunberg habe ich gehört, aber protestiert auf der Straße habe ich nicht. Mit meinen Freunden sammele ich Spenden für den Umweltschutz.

Was magst du besonders an der Schauspielerei?

Dass man seine Gefühle rauslassen kann. Man darf auch mal schreien, keiner nimmt dir das übel. Du kannst nichts falsch machen wie zum Beispiel in Mathe, wo 1 + 1 = 2 sind. Obwohl ich auch das ein bisschen anders sehe. Beim Schauspielern kann man es auf jeden Fall so oder auch ganz anders machen. Man kann auch in Rollen schlüpfen und versteht dabei, wie Menschen sind.

Wie schwer war es, die Wut zu spielen, die in dem Mädchen Benni in „Systemsprenger“ steckt?

In solchen Szenen musste ich mir etwas vorstellen, was ich hasse oder ekelig finde. Da gibt es aber gar nicht so viele Dinge. Ich habe mir dann überlegt, dass ich ärgerlich bin, weil ich nur eine Vier in der Schule habe. Aber wenn ich erst mal in der Rolle drin bin, dann kommt das aus mir raus. Ich kann das dann einfach.

Bist du inzwischen ein Schauspielprofi?

Auf so eine Art schon. Soweit ich weiß, hat mit Tom Hanks noch nie jemand gespielt, der so jung ist wie ich. Aber ich will schon noch ein Kind sein und normal bleiben. Ich denke nicht so oft darüber nach, was ich alles gemacht habe. Ich bin einfach Helena.

Hast du bestimmte Schauspieler als Vorbild?

Na, Tom finde ich toll. Aber auch Lady Gaga im Musical „A Star Is Born“. Katrin Sass spielt auch sehr gut und authentisch. Es gibt ein paar, von denen ich mir etwas abgucke. Aber ich habe keine Poster im Zimmer.

Kannst du dir überhaupt noch einen anderen Beruf als Schauspielerin vorstellen?

Ja, zum Beispiel Tierärztin. Oder ich habe eine Ranch und gebe Reitunterricht. Pianistin geht auch, ich spiele Klavier – habe da nur gerade keine Zeit für. Eigentlich will ich aber in die Kunst: Regisseurin, Buchautorin oder Schauspielerin. Erst mal mache ich Abitur und will studieren.