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Harald Schmidt: „Ich bekenne mich jetzt zur Rolle des alten weißen Manns“

  • Corona, Wahlkampf, Kanzlerwechsel: Der Sommer ist so aufregend wie aufgeregt – die Zeiten rufen nach satirischer Einordnung.
  • Harald Schmidt hat keine tägliche TV-Show mehr, aber noch immer seinen scharfen Blick auf die aktuelle Lage.
  • Im RND-Interview spricht er über die neuen Grenzen der Satire, den Wahlkampf und warum er seinem Impftermin nicht nachrennt.
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Berlin. Harald Schmidt ist bestens gelaunt, als er bei strahlendem Sommerwetter im Haus der Bundespressekonferenz ankommt. Diesen Satz schlägt der Entertainer später selbst als Einstieg für diesen kleinen Vorspann zum Interview vor, aber er stimmt trotzdem. Geimpft ist der frühere Fernsehsuperstar noch nicht, und obwohl Corona seine verschiedenen künstlerischen Verpflichtungen für mehr als ein Jahr auf Eis legte, hat er es damit nicht eilig. Restaurantbesuche und Händeschütteln habe er eh nie sonderlich gemocht, erklärt Schmidt. Auf Letzteres will er wohl auch künftig verzichten. Viel zu tun hat Harald Schmidt jedenfalls auch ohne Impftermine.

Herr Schmidt, während der Pandemie ist Ihr Soloprogramm im Schauspiel Stuttgart ausgefallen, Sie haben keine neuen „Traumschiff“-Folgen gedreht, die Restaurants hatten zu. Wie stark fiebern Sie, dass Corona nun wirklich vorbei ist?

Ach, in Restaurants bin ich nie oft gegangen, ich lese sowieso gern und höre sehr viel Radio. Das habe ich ausgebaut und bin wunderbar mit der Situation zurechtgekommen. Zugegeben: Ich hatte vorher schon runtergefahren. Aber dass die Drehs zum „Traumschiff“ nicht im normalen Umfang stattfanden, war wirklich schade. Als die nach Emden oder Bremerhaven verlegt wurden, hab ich gesagt: Ruft an, wenn wir wieder nach Neuseeland fahren. Nichts gegen diese beiden wunderbaren Städte. Nur ist es halt kühl da oben im Januar.

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Haben Sie Ihre Liveauftritte unter Corona-Regeln absolviert?

Nein, als es zwischenzeitlich hieß, man kann spielen, aber vor höchstens 100 Leuten und mit Test und Maske, war ich erleichtert, dass sich das Theater dagegen entschieden hat. Ich kenne es zwar von früher, auch mal vor fast leeren Sälen zu spielen. Aber dann sagt man den Leuten, „Kommt mal alle nach vorn und setzt euch zusammen“ – und das ging ja nicht. Ich freue mich, wenn es im Normalbetrieb ohne Wenn und Aber wieder losgeht.

Haben Sie in der Pandemie etwas Neues über die Deutschen gelernt?

Nun: Ich schaue auf die Zahlen. In der jüngsten Impfstatistik liegt Deutschland unter den ersten Fünf – mit kleinen Ländern wie Norwegen und Finnland. England war zuerst schneller, aber: 120.000 Tote. Dagegen haben wir das doch gut in den Griff gekriegt. Auch wenn mir hierzulande manche Aufregung zu viel ist – gerade die ums Impfen. Ich bin absolut kein Impfgegner! Ich bin nur keiner, der morgens schon vor der Tür liegt, wenn der Arzt um 8 Uhr öffnet, damit er um 5 vor 8 geimpft werden kann. Wer es dringend braucht, für den lasse ich gern den Altruisten raushängen: „Nimm doch meine Dosis!“

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Sie haben noch keinen Termin?

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Nein, ich weigere mich, irgendwo anzurufen. Allein wenn ich den Begriff „Impfangebot“ höre, schiebe ich es schon mal eine Woche raus. Ich habe dieses Jahr ja auch ohne den traditionellen großen Schnupfen überstanden: durch Abstand und Maske. Denn ich hab sehr früh ein Interview mit einer Schweizer Virologin gesehen, die sagte: Abstand halten! Händeschütteln, das macht sie schon seit 25 Jahren nicht mehr! Da ist schon viel gewonnen. Daran habe ich mich gehalten, und das behalte ich auch bei. Wenn ich überlege, was wir früher über die Asiaten mit ihren Masken gelacht haben! Da muss ich nun sagen: wieder was gelernt.

Und wann kriegen Sie dann Ihre Corona-Impfung?

Ich warte ab, bis das alles völlig entspannt geht, sozusagen auf Zuruf. Keine Ahnung, wann das sein wird, da höre ich ja täglich andere Zahlen. Oder vielmehr höre gar nicht mehr hin, muss ich sagen. Wenn es heißt, „das Robert Koch-Institut meldet“, hole ich ’nen Kaffee.

Harald Schmidt im Interview mit den RND-Hauptstadtkorrespondenten Steven Geyer (links) und Andreas Niesmann. © Quelle: Janine Schmitz/photothek.de

Und wo sind Sie ohne Auftritte all die Gags losgeworden, die Ihnen beim Radiohören eingefallen sind? Haben Sie mit dem Gedanken gespielt, doch noch mit dem Twittern anzufangen?

Nee, nee, nee. Ich bin ja in keinem sozialen Netzwerk und bleibe auch dabei. Die Ideen verbrate ich lieber in Interviews wie diesem oder in meinen Halbjahresrückblicken, die ich mit Gregor Gysi für N-TV mache, und so weiter. Twitter ist zu aufgeregt für mich, und ich habe auch keinerlei Interesse daran, was irgendjemand anders auf Twitter veröffentlicht.

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Für die N-TV-Halbjahresrückblicke setzen Sie sich zweimal im Jahr ausgerechnet mit dem Linken-Politiker Gregor Gysi zusammen. Wieso harmonisieren Sie so mit ihm?

Wir sind beide flexibel in der in der Weltsicht. Er ist sehr, sehr, sehr, sehr kommunikativ und hat eine irrsinnig interessante Biografie: Sein Vater war Gesandter der DDR im Vatikan, die Mutter ist, glaube ich, in Sankt Petersburg geboren, dazu seine Rolle in der Wende! Er kommt auch sehr gut an bei den Leuten. Da sag ich ihm gern fünfmal am Abend: „Gregor, über dich höre ich das Gleiche wie über Helmut Schmidt: Super Mann, leider in der falschen Partei.“

Für den Wahlkampf hat ihn die Linke extra von der Hinterbank geholt und noch mal zum außenpolitischen Sprecher gemacht. Kann Gysi nun sogar Außenminister werden, wenn es zu Rot-Rot-Grün kommt?

Naja, es ist halt schade, dass seine Partei so gar kein Interesse an der Macht hat. Wenn ich mir die Spitzenkandidaten im Wahlkampf angucke, muss ich sagen: Kinners, warum wollt ihr nicht mal ganz nach vorne? Aber Gysi könnte ich mir als Außenminister hervorragend vorstellen. Allein diese diplomatische Geschmeidigkeit, die er seit der DDR hat. Die drängendere Frage ist allerdings: Was wird aus unserem aktuellen Außenminister?

Er ist ja sehr aktiv auf Instagram, da könnte er auf jeden Fall weitermachen.

Ja, aber das Interesse daran lässt natürlich nach einem Amtsverlust schlagartig nach.

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Er hat eine berühmte Frau.

Gut, aber wir alle wissen, wie das mit der Macht so ist. Das Leben hat viele Überraschungen parat.

Aber wie wir bei Bettina und Christian Wulff sehen ja in beide Richtungen.

Das hat mich wahnsinnig gefreut, dass die Wulffs – so nennt man sie ja, wie in so einer TV-Serie – wieder zusammen sind. Das ist auch einfach ein fantastischer Satz: „Die Wulffs sind wieder zusammen.“ Oder? Das geht in die Richtung „Ich heirate eine Familie.“ Ich warte direkt auf eine Verfilmung, so gut hat mir das gefallen! Leider war es eine sehr kleine Meldung und wurde getoppt durch „Das Baby ist da“ von Harry und Meghan.

Sie sagen, die Aufregung, die Twitter & Co. generieren, lässt Sie kalt, weil Sie einfach nicht daran teilnehmen. Würde denn eine Sendung wie die „Harald Schmidt Show“, die in den 90ern gerade durch den gezielten Tabubruch ein Riesenerfolg war, heutzutage noch möglich sein?

Nicht in der Form von damals. Weil wir einfach gefeuert haben – mal gucken, was passiert. Wir haben uns nur gefragt: Ist das schon justiziabel? Das war immer die Grenze.

… die Sie knapp überschreiten wollten?

Nein! Ich bin ja Profi. Ich hab doch keinen Bock auf Ärger. So war immer ganz klar, wie weit man gehen kann, und das hat super funktioniert. Heute ist die Grenze nicht mehr, ob etwas rechtlich zulässig ist – sondern das Gefühl: „Ich fühle mich verletzt.“ Ja? Ich fühle mich auch verletzt, wenn ich 60-jährige Männer in weißen Stan-Smiths-Schuhen sehe. Das beleidigt mein Gefühl. Oder wenn ich beim Einchecken am Flughafen Mütter sehe, die einen Delfin am Knöchel tätowiert haben, fühle ich mich in meinen Gefühlen verletzt. Interessiert aber niemanden.

Aber was heißt das fürs Witzemachen?

Diese neue Rücksicht auf verletzte Gefühle macht es vor allem langweilig. Denn selbstverständlich spricht in meiner Show ein Chinese klischeehaftes Kauderwelsch ohne „R“-Laute. Da muss ich aber heutzutage mit einer Beschwerdewelle wegen Beleidigung unserer asiatischen Freunde rechnen. Die selbst regen sich nicht auf, aber der deutsche Freundeskreis. Darauf habe ich keine Lust.

Wie gehen Sie mit diesem Zeitgeist um?

Da gilt das alte Prinzip, das bei den Amis heißt „Kill your enemy with a smile“: Zerstörung durch Zustimmung.

Das müssen Sie erklären.

Meine neueste Strategie, die mir wie eine Erleuchtung zugeflogen ist: Ich bekenne mich offensiv zum alten weißen Mann. Was du nicht kaschieren kannst, musst du ausstellen. Der Begriff ist eine klare Diskriminierung, aber das ist uninteressant. Ich sehe es als Kunstfigur. Wie in der Literatur „das süße Mädel“ bei Arthur Schnitzler oder so. Das heißt, wenn es einen mustergültigen alten weißen Mann gibt, bin ich das jetzt. Ich versuche, in dieser Rolle aufzugehen.

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Die Grünen sind laut Forsa-Umfrage für das RTL/ntv-Trendbarometer zum ersten Mal seit Anfang März wieder unter die 20-Prozent-Marke gefallen.  © dpa

Und wie läuft es?

Es macht echt Spaß. Denn man muss dann ja seiner Rolle gerecht werden. Ich möchte deshalb alle verunsicherten Männer Mitte 30 ermuntern: Nehmt euch die Bärte ab, zieht die Pudelmütze ab, gebt das Kind ganztags in die Kita und geht hinaus und werdet frei.

Und dann? Frauen hinterherpfeifen und so was?

Nee, nee, das geht natürlich nicht. Aber als Schauspieler bin ich es ja gewohnt, Texte zu lernen. Mir macht es Spaß, weil ich den Text jetzt radikal ändern muss. Das ist, als hätten Sie gerade Kleist gelernt – und jetzt kommt Heiner Müller oder Elfriede Jelinek. Da lernt man eben einen neuen Text. Die Literatur der Gegenseite ist ja offen zugänglich, also schafft man sich drauf, was vom alten weißen Mann so erwartet wird.

Wer ist die Gegenseite?

Jeder, der sich in Kolumnen und Kommentaren darüber ereifert, was angeblich bei uns im Zusammenleben der Geschlechter schiefläuft. Und es läuft ja wirklich viel schief. Aber solange zwei Menschen sich ein Bad teilen, wird das auch immer so sein. Und selbst wenn sie zwei Bäder haben, ist es nicht einfach.

Und Ihr Trick ist: Als alter weißer Prototyp darf man einfach weiter alles dazu sagen, was man will?

Du darfst alles sagen. Du musst dir nur überlegen, wie du es formulierst. Und du musst auch bereit sein, die Konsequenzen zu tragen. Und es gibt Standards: Um zum Beispiel zu beweisen, wie sehr man Feminist ist, darf man niemals ins Feld führen, dass man Vater von Töchtern ist. Das mindert es ab. Das war ein Fehler, den Friedrich Merz vor einem Jahr noch gemacht hat. Und ich wundere mich auch sehr, wie viele Journalisten Annalena Baerbock fragen, wie sie das als Kanzlerin mit den zwei Kindern schaffen will. Denen würde ich sofort den Presseausweis entziehen! Denn erstens weiß man, dass das aus feministischer Sicht nicht geht. Und zweitens weiß man, dass die Frage sich für Frau Baerbock gar nicht stellt, weil Armin Laschet die Wahl gewinnen wird.

Spricht da schon der alte weiße Mann?

Nein, nein, ich habe nur wirklich gelitten, wenn ich irgendwelche Politlaien hören musste, die sich so lange nicht festlegen wollten. Wir werden ganz klar Schwarz-Grün bekommen. Und dann werden die Grünen Schwierigkeiten haben, die mindestens drei Topministerien, die ihnen zustehen, zu besetzen.

Aber es gibt doch viele Spitzen-Grüne, schon wegen der Doppelspitzen.

Ja, aber die Grünen kommen ja eher von der Emotion her. Wer soll da grüner Finanz- oder Innenminister werden? Wir brauchen die Grünen für Folklore, klar. Wenn es heißt, das Frühstücksfernsehen braucht jemanden, der auf einer griechischen Insel ein bisschen weint: Göring-Eckardt soll mal runterfliegen! Das haben die drauf. Oder Hofreiter, der einfach glaubhaft ist aufgrund seines Looks im Bereich Kühe, Stall, Artenschutz.

Und Annalena Baerbock?

Ja, die kommt doch mehr so, zumindest partiell, vom Völkerrecht her. Ich weiß das, weil ich für sie ... Ich sollte da eigentlich nicht drüber reden – aber ich entwerfe für sie Lebensläufe. Das mache ich aber pro bono. Jedenfalls könnte ich sie mir gut als Außenministerin vorstellen. Das ist ja ein Job, in den kann jeder innerhalb einer halben Stunde einsteigen. Da muss man sich nur mal den Heiko angucken. Man braucht einen Pulli, eine Weste, und die eigentliche Arbeit machen die Profis aus dem Auswärtigen Amt. Man selbst fliegt wohin und sagt „Ich protestiere“, „Ich bin erschüttert“ oder „Meine Gedanken sind bei meiner Familie“. Der Rest wird von den Berufsdiplomaten abgewickelt.

Dann wird das mit den Kindern für Frau Baerbock tatsächlich kein Problem. Schon Sigmar Gabriel hat ja als Vizekanzler jeden Mittwoch früher Schluss gemacht, um seine Tochter persönlich aus der Kita abzuholen.

Moment! Ich hab ein Foto gesehen, wie er auf dem Spielplatz neben der Tochter in die Hocke geht. Da sehe ich als Profi: Oft hat er das noch nicht gemacht. Das sehen Sie ja als Vater, ob einer das drauf hat. Schon weil Sie als Vater, der sich wirklich um die Kinder kümmert, auf dem Spielplatz sagen: „Geht weg und lasst mich in Frieden, ich will jetzt Zeitung lesen.“ Väter müssen ja nur im Sand mitbuddeln, wenn sie diese Besuchs-Daddys sind.

NEUES VON HARALD SCHMIDT

Im Podcast „Geyer & Niesmann“ sprechen die RND-Hauptstadtkorrespondenten ausführlich mit Harald Schmidt über Angela Merkels Abschied und wie sie bei ihren Begegnungen auf ihn wirkte; wie sich Laschet gegen Söder, AKK und Merz durchsetzen konnte und welche Themen die Deutschen im Wahlkampf wirklich interessieren. Überall, wo es Podcasts gibt.

Den neuen Podcast „Raus aus der Depression“ des Norddeutschen Rundfunks moderiert Schmidt als langjähriger Schirmherr der Deutschen Depressionshilfe. Er bespricht mit Betroffenen, wie sie lernten, mit der Krankheit zu leben, und mit dem Frankfurter Psychiatrie-Professor Ulrich Hegerl über Ursachen, Auslöser und Behandlungen.

Der Halbjahresrückblick „Gysi & Schmidt“, durch den Schmidt gemeinsam mit Linken-Politiker Gregor Gysi für den Nachrichtenkanal N-TV führt, ist in der TV-Now-Mediathek abrufbar.

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