Happy Birthday, Tina Turner – die Superfrau wird 80

  • Tina Turner wurde vom kleinen Mädchen aus Tennessee zum weltweiten Superstar.
  • Nun wird sie 80 Jahre alt.
  • Wir würdigen ihre sensationelle Karriere in acht Kapiteln.
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Sie ist die Personifizierung der Rocklegende: Tina Turner baute sich eine Weltkarriere. Am Dienstag wird die Sängerin 80 Jahre alt - die Würdigung einer sensationellen Karriere in acht Kapiteln.

1. Ein Mädel aus Tennessee: Am Dienstag wird Tina Turner 80 Jahre alt. Das glauben wir nicht, gratulieren aber trotzdem. Geboren wurde Tina 1939 in Tennessee, im zum Herzland des rassistischen, lynchfreudigen Ku-Klux-Klan zählenden Städtchen Nutbush, dessen „City Limits“ sie später als Erwachsene besang. Der spätere Rhythm ‘n‘ Blues hieß in jenen Tagen noch Racemusic – Schwarz und Weiß feierten, tanzten, sangen getrennt. Und das kleine Mädchen, das vor seinem schicksalshaften Zusammentreffen mit dem Musiker Ike Turner in St. Louis noch Anna Mae Bullock hieß, ging erst mal brav in die Flagg-Grove-School und in den Gospelchor von Brownsville. Wo Tina, wie zumindest das Kino-Biopic „What‘s Love Got to Do with It?“ (1993) mit Angela Bassett vor Augen und Ohren führte, mit Inbrunst aus der Reihe sang. In ihrer Autobiografie „I, Tina“ erinnerte sie sich an den „Duft der Geißblattblüten“ und an die „unter der Last ihrer Früchte sich duckenden Pfirsichbäume“, an den Ackergaul, der „auf seinem Rücken fünf kleine, braunhäutige Kinder die Forked Deer Road“ hinuntertrug. Trügerisch idyllisches Haywood County.

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2. Ike, der Entdecker: Ike Turner aus Clarksdale, Mississippi, war Tinas Karrierestarter. Der acht Jahre ältere Bandleader hob sie ins Geschäft, machte Anna Mae 1960 mit Songs wie „It's Gonna Work out Fine“ und „A Fool in Love“ zu Tina, dem singenden Vulkan, und wurde ihr Ehemann. Eifersüchtig war er, gewalttätig, konnte nicht ertragen, dass seine eigene musikalische Kraft am Ende nicht über die Gestade des R ’n’ B hinausreichte. Später gab es von dem Duo noch versoulte Coverversionen von Beatles- und Creedence-Clearwater-Songs – das war‘s. Jedenfalls für Ike. Tinas Stimme dagegen kannte keine Limits, auch wenn erst mal noch eine lange Durststrecke vor ihr liegen sollte.

3. Spät ein Superstar: 1983 steckten Martyn Ware und Glenn Gregory, die damals angesagten Köpfe der britischen Synthpopband Heaven 17, die alte Soulballade „Let‘s Stay Together“ für die damals 43-jährige Tina in einen zeitgemäßen Sound. Noch 25 Jahre später konnten die beiden Briten im Madsack-Interview die Stunde der Aufnahme abrufen. „First take – sie brauchte nur einen Durchlauf“, schwärmte Ware. „Sobald sie zu singen anfing, war‘s klar“, sagte der im Gespräch nicht minder begeisterte Gregory, hob die Stimme und sang in perfekter Turner-Imitation „Let me say that siiiiiince …“. Es war der Comeback-Song Tinas – im Jahr davor noch hatte die Sängerin, die 1976 vor Ike geflohen war, von Sozialhilfe gelebt. Dann ging das los, was man im Showbiz „Märchen“ nennt und was märchenhaft selten vorkommt: A star was reborn – 180 Millionen Platten hat Tina Turner bis heute verkauft.

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4. Erotik pur. Eine Konzerterinnerung: Den Song „Steamy Windows“ gab es zu Beginn des Abends. Darin geht‘s um die Autofenster, hinter denen die Liebe so heiß gemacht wird, dass die Scheiben davon anlaufen. Wenn die damals schon im Popseniorinnenalter befindliche Tina so was sang, klang‘s aber gar nicht wie Geheimes aus Grannys Erinnerungsschatz, sondern wie eine frisch gemachte Rücksitzerfahrung, und zwar eine zum richtig Rotwerden. Mit viel Raubkatze in der Kehle blueste die Sängerin von den libidinösen „systems going overload“. Und dass sie dafür von einem Ausleger in die Höhe gefahren wurde, war irgendwie auch eher eine erotische Erhöhung als die Bestätigung als Rock-‘n‘-Roll-Denkmal. „Wow!“, dachte man, als einem die Brillengläser beschlugen. Aber daran war sexy Tina dann doch nur indirekt schuld. Der eigene Atem war‘s, den man über die Unterlippe steil hochgeblasen hatte. Phew!

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5. Mit (fast) 70 noch Ticketrekorde: 2008 begann die letzte Abschiedstour. Die Tickets für das Eröffnungskonzert in Kansas City am 1. Oktober waren innerhalb von zwei Minuten abgegriffen. Am Ende verkaufte Granny Soul in den USA sogar die meisten Karten des Jahres 2008 und ließ Kollegen wie REM und Janet Jackson weit hinter sich. Zusatztermine für Nordamerika wurden anberaumt. Und wer vorab ein wenig süffisant darüber spekuliert hatte, was 69-jährige Damen wohl noch auf der Bühne zu reißen vermögen, den verblüfften die ersten Augenzeugenberichte. Von wegen Rock ‘n‘ Rollator! In spektakulären Glitzerklamotten, im herzstoppenden Minirock (!), begleitet von einem neunköpfigen Kleinorchester war Tina auch stimmlich ganz die Alte – ob sie nun in feuerrotem Outfit die „Acid Queen“ aus dem „Tommy“-Musical neu krönte, ob sie die Säle mit Phil Spectors Soundwalze „River Deep, Mountain High“ überrollte oder die dramatische Tiefe des ursprünglich flotten Beatles-Songs „Help“ balladesk auslotete.

6. Die Beine enden in Stilettos – bis zuletzt: Da taten 30 Jahre jüngere Beine beim bloßen Hinschauen weh. Im Februar 2009 stand der ewige Fraulichkeitssuperlativ Tina etwas properer als bei ihren vielen zurückliegenden Comebacks auf deutschen Bühnen, und die immer noch sensationellen Beine sausten in Empire-State-Stöckelschuhen wie Nähmaschinennadeln in den Boden. Gut, Marlene Dietrich (die mit den anderen legendären Beinen) hatte noch mit 73 auf der Bühne gestanden. Aber doch eher mit der Bewegungsfreude des Monuments, das sie geworden war. Damals, vor gut zehn Jahren, schien alles möglich. Und auch wenn Tina es dementierte, glaubten wir, wir würden sie ein paar Jahre später, so mit 75 Jahren, wiedersehen. Tina und wir, das war doch ein endloses „Let’s Stay Together“ voller Comebacks. Sie würde uns wieder was vorwirbeln und dabei auch den Marlene-Rekord brechen. Das schien sicher wie das Amen in der Kirche. Passierte dann aber nicht. Am 5. Mai 2009 endete im britischen Sheffield eine beispiellose Karriere.

7. Ruhe, Ruhestand und ein Museum: Sie liebe die Ruhe, sagte Tina 2009 in der ARD bei „Beckmann“. „Ich bin einfach gern zu Hause. Dort kann ich die Musik hören, die mir gefällt, und meinen eigenen Lieblingswein trinken.“ Von Köln, wo sie lange zu Hause war, war sie 1994 mit ihrem 16 Jahre jüngeren Lebenspartner Erwin Bach nach Zürich umgesiedelt. Über Bach, einen Deutschen, sagte sie einmal: „Egal, wo er hingeht, ich werde mit ihm gehen.“ 2013 haben sie dann bei einer buddhistischen Hochzeitszeremonie geheiratet, schon seit 2012 ist das Mädel aus Tennessee eine Eidgenössin. In ihrer zweiten Autobiografie „My Love Story“ erzählte sie im Vorjahr von einem Schlaganfall 2013, einer Darmkrebserkrankung 2016 und einer schweren Nierenerkrankung 2017, die sie nur durch eine Organspende Bachs überlebt habe. 2018 startete das Musical „Tina“ im Londoner Aldwych Theatre, im März 2019 feierte auf der Hamburger Reeperbahn die deutsche Version Premiere – in Tinas Beisein. Zuletzt machte sie Schlagzeilen mit einem Prozess gegen eine Tina-Turner-Tributeshow, bei deren Plakaten Konzertgänger glauben könnten, die echte Tina wirke mit. Das Urteil wird im Januar erwartet. Amerikanerin ist Tina Turner übrigens nicht mehr, aber Amerika erinnert sich auch noch gern an sie. In der alten Flagg Grove School ist inzwischen ein Tina-Turner-Museum eingezogen.

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8. Diese Tina-Songs gehören in jede Playlist: 1. Nutbush City Limits (Tina Turner)*; 2. Proud Mary (John Fogerty)*; 3. A Fool in Love (Ike Turner)*; 4. Let‘s Stay Together (Al Green); 5. Take Me to the River (Al Green); 6. Golden Eye (Bono/The Edge); 7. What‘s Love Got to Do with It (Terry Britten/Graham Lyle); 8. Help! (Lennon/McCartney); 9. Ball of Confusion (Norman Whitfield/Barrett Strong); 10. Legs (ZZ Top); 11. River Deep, Mountain High (Phil Spector, Jeff Barry & Ellie Greenwich)*; 12. Private Dancer (Mark Knopfler); 13. Overnight Sensation (Mark Knopfler); 14. Let‘s Dance – Live (Chris Montez /David Bowie); 15. „Edith and the Kingpin“ (Joni Mitchell). In Klammern sind die Komponisten angegeben; *diese Lieder stammen aus der Zeit, als Tina mit Ike Turner zusammen war.