Hannah Arendt: Warum ist sie heute so beliebt?

  • Kaum eine Denkerin ist heute so präsent und so aktuell wie Hannah Arendt.
  • Und das 45 Jahre nach ihrem Tod. Woran liegt das?
  • Eine Ausstellung in Berlin widmet sich jetzt der großen Philosophin, von der wir immer noch lernen können.
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Man könnte meinen, Hannah Arendt sei Vergangenheit. Sie hatte bei Heidegger studiert, promoviert bei Karl Jaspers, sie war befreundet mit Walter Benjamin und Hans Jonas. Alles große Namen, deren Zeit aber – zumindest außerhalb der akademischen Welt – vorbei ist. Wie ihr Lebensstil: Wer Fotos und Filmaufnahmen betrachtet, zumeist in Schwarz-Weiß, sieht Hannah Arendt immer mit Zigarette. So etwas gibt es nicht mehr, Menschen, die in der Öffentlichkeit denken, sprechen und dabei rauchen. Viele sprechen nur noch. Tempi passati.

Aber Hannah Arendt ist alles andere als Vergangenheit. Sie ist präsent wie kaum ein anderer Intellektueller des 20. Jahrhunderts, egal welchen Geschlechts. Das Interview, das der Journalist Günter Gaus 1964 mit ihr geführt hat, zählt bei Youtube knapp 850.000 Aufrufe. Mehr als eine Dreiviertelmillion Aufrufe bei einem fast 60 Jahre alten Schwarz-Weiß-Fernsehgespräch zwischen einem qualmenden Fragesteller und einer quarzenden Denkerin, die sich über politische Philosophie, den Eichmann-Prozess und über Wahrheit austauschen! Was ist da los?

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Ab Montag widmet sich eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum (DHM) in Berlin der 1906 in Linden bei Hannover geborenen Arendt. Die Schau sollte Ende März eröffnet werden, das Coronavirus hat eine Verschiebung notwendig gemacht. Persönliche Gegenstände wie ein Zigarettenetui, eine Aktentasche, ihr Studentenausweis und viele Fotos werden zu sehen sein. Im Zentrum steht aber die Art, wie sie sich mit dem 20. Jahrhundert auseinandergesetzt hat, stehen Meinungen, Urteile, Kon­troversen. Die Ausstellung sei keine biografische, betont DHM-Präsident Prof. Raphael Gross: “In ihr geht es darum, Kristallisationspunkte der Geschichte des 20. Jahrhunderts auf neue Weise darzustellen. Im Zentrum stehen dabei Antisemitismus, Kolonialismus, Rassismus, Nationalsozialismus und Stalinismus.”

Leben und Werk sind bei Hannah Arendt unzertrennbar

Ergänzend ist ein hervorragender Katalog mit Aufsätzen renommierter Arendt-Forscher erschienen, der nicht nur für Experten eine Bereicherung darstellt, sondern auch Laien einen guten Einstieg in Leben und Werk dieses ungewöhnlichen Geistes bietet.

“Leben und Werk”, dieses Begriffspaar klingt in Texten über Schriftsteller, Philosophen, Historiker immer leicht abgedroschen. Doch bei Hannah Arendt sind Leben und Werk unzertrennlich, sie korrespondieren miteinander. Die Trennung von Autor und Werk ist bei Hannah Arendt illusorisch. Aber gerade das macht ihr Schreiben so faszinierend. Hinter den Worten steht ein Gesicht, hinter ihrem Schreiben eine Haltung, die Kraft aus dem Erlebten gewinnt. Das Resultat ist, dass man sich als Leser direkt angesprochen fühlt.

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Schon mit 14 weiß Arendt: Sie will Philosophie studieren

Mit 14 Jahren steht für die junge Hannah fest: Sie will Philosophie studieren. Im fernen Marburg lehrt Mitte der Zwanzigerjahre der Shootingstar der deutschen Philosophie, ein Intellektueller, der alle Denkgebäude einreißen will: Martin Heidegger. Arendt geht zu ihm, der Professor beginnt mit seiner Studentin eine Affäre.

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Es ist die philosophische Liebesgeschichte des 20. Jahrhunderts, denn sie spiegelt den Irrsinn dieses “Zeitalters der Extreme” wider. Auf der einen Seite die junge Jüdin Hannah Arendt, auf der anderen Seite Heidegger, der sich genauso wie einige von Arendts Kommilitonen den Nazis andienen wird. Und doch lieben die beiden einander, Hannah Arendt wird Heidegger nach dem Krieg wiedersehen, nicht ohne seinen Irrweg nach 1933 immer wieder deutlich zu kritisieren.

Arendt muss zunächst aus Deutschland fliehen, 1941 auch aus Frankreich. Beides gelingt ihr nur knapp. Sie schafft es in die USA und baut sich dort eine neue Existenz in einer fremden Sprache auf. Aus dieser Lebenserfahrung, aus der Erfahrung von Terrorherrschaft, Unfreiheit und Flucht, aus der Erfahrung der Ankunft in einer fremden Welt sowie der Erkenntnis, wie schnell sich intelligente Menschen, ja Freunde einem menschenfeindlichen System zu- und von ihr abwenden konnten, entsteht ein Werk voller kluger Aufsätze, Reden, Vorlesungen und vor allem Bücher. All ihre Erfahrungen haben Arendts Denken geprägt. “Ich glaube nicht, dass es irgendeinen Denkvorgang gibt, der ohne persönliche Erfahrung möglich ist”, sagt Arendt in dem Gespräch mit Günter Gaus.

Hannah Arendt denkt als eine der ersten Nationalsozialismus und Stalinismus zusammen

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Aus diesem persönlichen Zugriff entsteht ihr Buch “Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft” (1951, deutsch: 1955). Sie hat darin schon früh Nationalsozialismus und Stalinismus als totalitäre Systeme zusammen gedacht. Wenn wir heute von Totalitarismus sprechen, haben wir das auch Hannah Arendt zu verdanken.

Weil sie fliehen musste, schrieb sie den immer noch aktuellen Aufsatz “Wir Flüchtlinge”. Ihre Erfahrungen als Jüdin waren Grundlage für ihre Studie “Rahel Varnhagen”. Und sie ließ es sich nicht nehmen, nach Jerusalem zu fliegen, um 1961 für den “New Yorker” über den Eichmann-Prozess zu berichten.

Ein Protokoll der Vernehmung von Adolf Eichmann durch die israelische Polizei ist in der Ausstellung “Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert” im Deutschen Historischen Museum zu sehen. © Quelle: Wolfgang Kumm/dpa

Das daraus entstandene, 1963 in Deutschland unter dem Titel “Eichmann in Jerusalem” erschienene Buch ist wohl ihr berühmtestes. Sie prägte darin die These von der “Banalität des Bösen”. Kritiker warfen ihr vor, dass sie nicht das Grausame, sondern das Banale der Nationalsozialisten hervorhob. Dabei hatte sie ganz anderes als Verharmlosung im Sinn: Sie entlarvte die Nazis als Menschen, nicht als Unmenschen. Und das Menschsein birgt die Gefahr der Wiederholung in sich. Zudem lässt es sich hinter unmenschlichen Ungeheuern gut verstecken, doch das wollte Arendt den Deutschen der Nachkriegszeit nicht zugestehen. Sie waren mitverantwortlich – mindestens mitverantwortlich.

Wir können von ihr lernen, “ohne Geländer” zu denken

In Hannah Arendts gesamtem Werk und in ihrem Leben als Intellektuelle wird eines deutlich: Sie hatte keine Angst zu urteilen. Klar, eigensinnig, mutig. Selbst wenn ihr wie beim Eichmann-Buch der Wind der Kritik um die Ohren pfiff.

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Wir können Arendts Schriften und Denken nicht eins zu eins in unsere moderne Welt übertragen. Wir werden ihr auch nicht in allem zustimmen – sie lag in ihren Ansichten auch öfter mal daneben. Aber wir können von ihr lernen, “ohne Geländer” zu denken, wie sie es selbst beschrieb.

Und wir können über ihr Politikverständnis nachdenken: Arendt begriff Politik als Zusammenkunft von zwei oder mehr Menschen, die im Gespräch ihr Handeln aufeinander abstimmen und dadurch etwas errichten und erreichen. “Politik heißt für Arendt, aus dem geschützten Bereich des Privaten herauszutreten, auf andere Menschen zuzugehen und mit ihnen zu vereinbaren, unter welche Gesetze man sich stellen will”, schreibt Marcus Llanque im Katalog. Die anderen Menschen, das sind “nicht die vielen derselben Geisteshaltung, sondern gerade die, welche mit ihrer Andersartigkeit die Vielfalt der Menschen ausmachen. Urteilskraft besteht auch nicht in der Festigkeit eines Urteils, das schon gefällt ist, bevor man sich mit anderen Menschen berät, sondern in der Fähigkeit, mit anderen zu tragfähigen Schlüssen zu kommen, die geeignet sind, gemeinsames Handeln zu begründen.”

Diese Art zu denken zeigt: Hannah Arendt bleibt Gegenwart.

Ausstellung unter strengen Hygieneregeln

Die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin ist vom 11. Mai bis zum 18. Oktober zu sehen. Das Tragen einer Mund-Nasen-Maske ist Pflicht. Weitere Infos zu Hygieneregeln sind auf dhm.de zu finden. Der Katalog zur Ausstellung “Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert” ist bei Piper erschienen (288 Seiten, 22 Euro).

Die Ausstellung “Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert” im Deutschen Historischen Museum darf nur mit Schutzmaske besucht werden. © Quelle: Wolfgang Kumm/dpa

Eine sehr kluge und unterhaltsame Graphic Novel hat Ken Krimstein geschrieben. Sie heißt “Die drei Leben der Hannah Arendt” und ist bei DTV erschienen (244 Seiten, 16,90 Euro).

Die besondere Art Hannah Arendts, politisch zu denken, ergründet Maike Weißpflug in “Hannah Arendt. Die Kunst, politisch zu denken” (Matthes & Seitz, 320 Seiten, 25 Euro).

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