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  • Halloween: Warum Horrorfilme und Gruselpartys für Millionen so reizvoll sind

Mehr als die Lust am Grusel: Warum Halloween boomt

  • Halloween naht. Das Kunstblut fließt in Strömen, das Abgründige hat Konjunktur. Was macht Horrorfilme und Gruselpartys für Millionen so reizvoll?
  • Es ist nicht nur die kommerzialisierte Freude am Spiel mit den eigenen Abgründen.
  • Angstlust trainiert auch den inneren Panikmuskel. Menschen brauchen Monster.
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Es ist dunkel im Krankenhaus, die Patienten schlafen. Die Nachtschwester Amy ist fast allein, nur ein Wachmann sucht noch seine Sachen zusammen, da hört sie aus einem Zimmer ein Geräusch. Ruhig öffnet sie die Tür, wirft einen Blick hinein, schließt sie wieder und öffnet sie erneut, um das Licht zu löschen. Es herrscht Stille. Keine Filmmusik ist zu hören, nur das Klappen der Türen und die Schritte der Schwester. Die Frau wendet sich um – da ertönt blitzartig ein kreischender Sound. Aus dem Nichts erscheint eine weiße Figur mit einer stählernen Waffe. Wer sich in diesem Moment nicht zu Tode erschreckt, ist tot.

Die Szene aus William Peter Blattys Kinofilm „Der Exorzist III“ von 1990 gilt als einer der gruseligsten Stressmomente der Filmgeschichte. Blatty wiegt das Publikum minutenlang mit sanften Bildern in falscher Sicherheit – und schlägt dann gnadenlos zu. „Jump Scare“ heißen derlei fiese Schockerszenen, es sind quasi kinematografische Schachtelteufel.

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Das Spiel mit dem Schrecken hat Konjunktur

Nicht nur im Horrorfilm: Das Spiel mit dem (Er-)Schrecken hat Konjunktur. Halloween naht. Die Spaßindustrie hat aus der kollektiven Lust am Grusel ein Milliardengeschäft gemacht. Teufelsmasken, Skelette, Kunstblut und fluoreszierende Dracula-Gebisse, so weit das Auge reicht. Seinen Ursprung hat das skurrile Höllenspektakel, das viele deutsche Grundschüler bereits für ein christliches Fest halten, vor mehr als 2000 Jahren, als keltische Druiden im heidnischen Irland jeweils an dem Tag, der nach heutigem Kalender dem 31. Oktober entspräche, große Feuer entzündeten. Sie wollten damit jene bösen Geister vertreiben, die alten Überlieferungen zufolge in dieser Nacht auswählten, wer im Folgejahr sterben würde. Mit aus Rüben geschnitzten Geisterlaternen wanderten die Menschen von Haus zu Haus. Papst Gregor IV. versuchte dann im Jahr 837, das heidnische Treiben zu beenden, und legte den Totengedenktag der römisch-katholischen Kirche (bis dahin der 13. Mai) kurzerhand auf den 31. Oktober. Als „Allerheiligen“ (englisch: „All Hallows Evening“, später zu „Halloween“ verballhornt) sollte dieser Tag künftig dem würdigen Totengedenken dienen.

Die Freude am Grusel: Halloween-Kürbisse leuchten in einem Garten in Brandenburg. © Quelle: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dp

Doch die Freude am Grusel ließ sich nicht zivilisieren. Irische Auswanderer in den USA erzählten ab Mitte des 19. Jahrhunderts am 31. Oktober die Legende vom trunksüchtigen Taugenichts Jack O‘Lantern, der zwischen Himmel und Hölle wandert – mit einer hohlen Rübe als Laterne. In den USA nahm man lieber pralle Kürbisse. Aus der Legende von Jack O‘Lantern wurden Horrorgeschichten; aus den wandernden Iren wurden die Kinder, die von Haus zu Haus ziehen, um („Trick or Treat“) Süßigkeiten zu erbetteln. So verselbstständigte sich Halloween zu der exzessiven US-Variante, die wir heute kennen und die 150 Jahre später wieder nach Europa zurückkehrte.

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Halloween ist ein höchst profitabler „Konsumanlass“

Und das ist kein Zufall. Sondern ein Beschluss. 1991 war ein gutes Jahr für die internationale Waffenindustrie, aber ein schlechtes Jahr für die deutsche Faschingsbranche. Am Golf war Krieg, der Kölner Karneval fiel aus, und der Spaßindustrie gingen 75 Prozent ihres üblichen Jahresumsatzes durch die Lappen. Das durfte nicht noch einmal passieren. Es war Zeit für einen neuen, krisenunabhängigen „Konsumanlass“. Die Fachgruppe Karneval im Deutschen Verband der Spielwarenindustrie, eine Interessengemeinschaft von eigentlich konkurrierenden Unternehmen, traf sich noch im selben Jahr zum Kriegsrat. Und beschloss: Wir holen Halloween nach Deutschland.

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30 Jahre später ist der Plan vollzogen. Halloween ist ein höchst profitabler „Konsumanlass“, ein perfekt vermarktbares Fest für Schaufensterdekorateure und Streamingdienste – und ein Paradebeispiel für eine globalisierte Massenkultur, die Gedenktage internationalisiert und ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt. Halloween, Valentinstag, Thanksgiving: Die Amerikanisierung des hiesigen Gedenkwesens schreitet munter voran, während eigene Feiertage wie Pfingsten bedeutungslos werden oder – wie der Buß- und Bettag – ganz aus dem Feiertagskalender verschwinden.

Es gibt kaum eine stärkere natürliche Droge als Erleichterung

Doch es geht um mehr als einen zweiten Fasching im Herbst. Das Lied vom Tod hat deshalb so viele Fans, weil es in sicherem Ambiente an tiefe Ängste und Gefühle rührt. Gerade Pubertierende sehen sich gespiegelt in bluttriefenden Vampiren, brutalen Zombies und zähnefletschenden Werwölfen, deren Körper sich – wie ihre eigenen – ständig verwandeln. Der Untotenboom kennt kein Ende.

Das Geschäft mit der Angstlust: Horrorclownmasken hängen in einem Geschäft in St. Louis im US-Bundesstaat Missouri. © Quelle: imago images/UPI Photo

Woher kommt die Freude an der Furcht? Im Spiel mit dem Horror greift ein uralter Mechanismus der Psyche: die Angstlust. Auf der Suche nach Nervenkitzel reizen wir – wie auf einer Achterbahnfahrt oder bei einem Bungeesprung – mit voller Absicht unser Angstzentrum im Stammhirn, die Amygdala. In gefährlichen Situationen, ob virtuell erzeugt oder echt, schütten die Nebennieren Adrenalin aus. Die Hirnregion Hypothalamus wechselt in den Alarmmodus. Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt, das Gehirn wägt blitzschnell ab zwischen Flucht und Kampf. Die Gewissheit darüber, dass die Gefahr vorüber ist, erzeugt dann ein Hochgefühl. Dopamin und Endorphin werden freigesetzt und lösen Glücksgefühle aus. Party im Schädel! Dieser körpereigene Aufputschmix aus Stress- und Beruhigungshormonen wirkt wie ein Rausch. Es gibt kaum eine stärkere natürliche Droge als Erleichterung.

Halloween ist Angstmacher und Angstlöser in einem

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Halloween ist die Kommerzvariante dieses Mechanismus – Angstmacher und Angstlöser in einem. Lustvolles Gruseln trainiert den Panikmuskel. So übt die menschliche Seele spielerisch den Umgang mit Schrecken, Tod und Bedrohung. Der Zuschauer taucht, wie der zehnjährige als Horrorwesen verkleidete Halloweenfan, wenigstens mal den großen Zeh in den schwarzen Ozean seiner unerklärlichen Abgründe und Triebe.

Schon der antike Dramatiker Aristoteles beschrieb die Katharsis, jene entkrampfende Läuterung also, die dazu führt, dass Menschen positiv gestimmt und emotional erfrischt aus dem künstlichen Drama einer Theateraufführung (oder einer Geisterbahn) auftauchen. Es ist das virtuelle Glücksgefühl, überlebt zu haben. Oder besser noch: am Leben zu sein. „Wir Menschen haben Monster erfunden, um uns in dieser bisweilen fremden, bedrohlichen Welt unserer selbst zu versichern“, schreibt der Wissenschaftsjournalist Gubert Filser („Menschen brauchen Monster“). „Wir brauchen sie, um unseren Ängsten eine Gestalt zu geben.“

„Wir brauchen Monster, um unseren Ängsten eine Gestalt zu geben“

Angst ist zudem ein starker sozialer Kitt. Kollektive Furcht schafft Gemeinschaft. Es ist die Kerndisziplin der Deutschen. In keinem Land sind Krimis so populär. Der Krimi ist nicht nur Gesellschaftsspiel, kollektiver Nervenkitzel und Sittenspiegel der Nation, sondern auch emotionale Selbstgeißel. Das macht seine kathartische Wirkung aus. Dahinter steht die Sehnsucht nach Unschuld und Reinheit – und nach Sinn auch im Bösen. Der „Tatort“ dient quasi als emotionales Aufräumkommando nach dem realen Grusel der „Tagesschau“ – als psychologische Rückversicherung, dass am Ende alles gut wird. Vorn die Leiche, hinten der Mörder, gute Nacht. Selbstfindung mit dem Serienmörder. Dieses spezifische Erregungsbedürfnis in Extremsituationen mit Reißleine existiert freilich nur in saturierten, stabilen Gesellschaften. In Ländern voll realem Grusel guckt man keine Krimis. Und feiert auch nicht Halloween.

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Vorn die Leiche, hinten der Mörder, gute Nacht: Auch der ARD-„Tatort“ – hier mit Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler), Benno (Matthias Lier) und Kollegin Anais (Florence Kasumba) in der NDR-Folge „Krieg im Kopf“ – hat eine kathartische Wirkung. © Quelle: NDR/Marion von der Mehden

Was die Bilder angeht, hat der mediale Mainstream dabei eine ästhetische Radikalisierung erlebt. Ästhetisierte Gewalt dient in der Popkultur inzwischen als narratives Instrument wie Sex. „In den Siebzigerjahren galt ‚Schweinchen Dick‘ noch als Krawallfilm“, sagt Medienforscher Jo Groebel. „In Zeiten massiver Konkurrenz durch frei verfügbares Material im Netz verändern sich eben die Referenzpunkte dessen, was akzeptabel ist.“ Der US-Evolutionspsychologe Steven Pinker vertritt gar die These, dass Angst und Schrecken im vergleichsweise gewaltlosen Gegenwartsalltag virtuell zelebriert würden, damit – wie der österreichische Krimiautor Wolf Haas der „Zeit“ sagte – „uns Zivildienstleistenden nicht fad im Schädel wird“.

Das schlimmste Monster sehen wir im Spiegel

Es ist also die Angst vor den eigenen Abgründen, die Gruselfantasien so reizvoll macht. Denn das schlimmste Monster, sagt der US-Horroreffektspezialist Greg Nicotero in Jörg Buttgereits Dokumentarfilm „Monsterland“, ist gar kein künstliches Hollywoodmonster, keine fiese Mörderpuppe mit bluttriefenden Augen. „Das schlimmste Monster? Das sieht man, wenn man in den Spiegel schaut.“

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