Haben wir eine Chance gegen das Böse, Ken Follett?

  • Er ist einer der erfolgreichsten Autoren der Welt, viele seiner Thriller wurden verfilmt.
  • Nun legt Ken Follet mit „Never – Die letzte Entscheidung“ einen neuen Roman vor.
  • Im Interview spricht er über politischen Wandel, persönliche Veränderung und einen versehentlich ausgelösten Weltkrieg.
Thomas Pfundtner
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Mr. Follett, erst vor gut einem Jahr erschien „Kingsbridge – der Morgen einer neuen Zeit“, jetzt liegt bereits ein neuer Roman von Ihnen im Buchhandel: „Never – Die letzte Entscheidung“. Das ist bei Ihnen doch eigentlich unüblich.

(lacht) Ich habe die Corona-Pandemie genutzt und mehr geschrieben als sonst. Besonders bei der Überarbeitung des Manuskripts habe ich mir sehr viel mehr Zeit genommen und alles noch gründlicher überprüft als unter normalen Bedingungen. Ich glaube, das merkt der Leser dem Buch auch an. Ich habe tatsächlich das Gefühl, dass es am Ende ein besseres Buch geworden ist.

Erzählen Sie uns, wie Ihr Arbeitstag aussieht.

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Gern. Ich sitze jeden Morgen pünktlich um 6 Uhr an meinem Schreibtisch, den ich mir vor 21 Jahren habe anfertigen lassen, und beginne zu schreiben. Um 9 Uhr mache ich eine ausgedehnte Frühstückspause und um 13 Uhr ist Lunchtime. Spätestens um 16 Uhr mache ich Feierabend und kümmere mich um andere Dinge wie das Bearbeiten von Fanpost und andere Büroarbeiten.

Schreiben in Jeans und Pulli

Für viele Deutsche sind Sie der Inbegriff des britischen Gentlemans. Sitzen Sie im Anzug am Schreibtisch?

Oh nein. Jetzt gerade trage ich zwei ältere Pullis übereinander, weil es bei uns so kalt ist. Dazu Jeans und braune Stiefel. Völlig normal also.

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Wann haben Sie mit „Never“ begonnen?

Geschrieben habe ich das Buch in 18 Monaten. Aber das Thema treibt mich schon sehr viel länger um – seit meinen Recherchen für „Sturz der Titanen“ (Teil eins der Jahrhundertsaga-Trilogie, Anm. d. R.). Also länger als zehn Jahre.

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Das erklären Sie bitte.

Also, ich habe damals festgestellt, dass tatsächlich niemand den Ersten Weltkrieg gewollt hat. Keine Seite, kein politischer Herrscher wollte eigentlich einen derartigen Konflikt.

Wer zum Beispiel?

Der österreichische Kaiser. Er wollte nur die Auseinandersetzung mit Serbien. Auch der deutsche Kaiser dachte nie an einen Weltkrieg. England, Frankreich oder Russland ebenso wenig. Entsprechend trafen die Monarchen und Staatschefs ihre Entscheidungen. Auf ihr Land und ihre Ansichten bezogen, waren das sogar nachvollziehbare Entscheidungen.

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Aber …?

… das Problem war, dass jede dieser Entscheidungen die Menschen näher an eine der schrecklichsten Katastrophen brachte, die die Welt je erlebt hatte: den Ersten Weltkrieg mit mehr als 17 Millionen Toten. Ich glaube fest daran, dass der Erste Weltkrieg tatsächlich ein Unfall war. Und ich habe mich seitdem immer wieder gefragt, ob so etwas wieder passieren könnte.

Das also ist die Grundidee für Ihren neuen Roman?

So kann man es sagen.

„Wir wissen nicht, wie China in den kommenden Jahren handeln wird“

Müssen wir uns damit abfinden, dass Kriege mittlerweile Alltag sind?

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Auf gar keinen Fall. Ja, es gibt Kriege, die herbeigeführt wurden. Napoleon Bonaparte wollte Krieg. Er konnte ja nichts anderes. Also legte er es auf kriegerische Auseinandersetzungen an. Auch Adolf Hitler war ein wahnsinniger Kriegstreiber. Aber ich bin davon überzeugt, dass die meisten Staatsoberhäupter verantwortungsvoll entscheiden und alles dafür tun werden, dass es nicht zum Krieg kommt.

Die Welt verändert sich mit rasanter Geschwindigkeit. Geopolitisch kommt es zu Verschiebungen, die Bewährtes infrage stellen …

… das ist grundsätzlich sicherlich richtig. Aber vergessen wir bitte nicht, dass es geopolitische Verschiebungen seit Beginn der Zivilisation gibt. Längst verfallene Reiche haben einst die Welt beherrscht. Andere sind hoch aufgestiegen und dann tief gefallen. Es war immer der Anspruch des Menschen, Länder zu erobern oder den Machtbereich auszuweiten. Insofern sind geopolitische Machtansprüche absolut nichts Neues für uns. Zumal diese Veränderungen im Grunde genommen wichtige Bestandteile oder Merkmale der Geschichte sind. Dennoch halte ich das, was derzeit passiert, nicht für gut. Wir wissen nicht, wie China in den kommenden Jahren handeln wird. Was passiert in Russland? Wie geht es mit Amerika weiter? Unbeantwortete Fragen, die nicht unbedingt positiv stimmen.

Dazu kommt: Rechte Staatenführer dringen auf politischen Wandel.

Ja, das ist alles richtig. Und es sind tatsächlich keine guten Veränderungen. Allein der neue Nationalismus ist brandgefährlich und lockt die Menschen auf eine falsche Fährte. Es wird schon kritisch, wenn es heißt, mein Land ist besser als alle anderen. Kein Land ist besser als ein anderes. Auch nicht Amerika oder China. Ich hätte mir diesen neuen Nationalismus nie vorstellen können, auch bei uns in Großbritannien nicht. Aber er ist vorhanden und manifestiert sich in meiner Heimat durch den Brexit.

Ken Follett lehnt den Brexit ab

Den Sie als Kosmopolit ablehnen?

Ja, total. Ich habe damals dagegen gestimmt und wünschte mir, wir wären nicht aus der EU ausgetreten. Der Brexit bedeutet bis heute einen großen Rückschritt für unser Land. Die Konsequenzen sind noch lange nicht alle absehbar.

Haben wir unsere bisherigen moralischen Werte vergessen?

Nein, das will ich nicht glauben. Die Welt ist im Wandel. Das ist unbestritten. Aber ich bin davon überzeugt, dass der Großteil der Menschen – und auch die meisten Politiker – an moralischen Werten und Maßstäben, so wie wir sie bisher kennen, nach wie vor festhalten. Aber sicherlich gibt es auch andere, die wie unser Premierminister Boris Johnson ständig das Blaue vom Himmel lügen, ohne dass es ihrer Karriere schadet.

Auch in „Never“ gibt es viele Personen, die den Leser an das Gute im Menschen zweifeln lassen.

Oh, ist das so? In meinem neuen Roman tauchen doch sehr viele positive Charaktere auf: die Amerikanerin Tamara, der Franzose Tab, der Chinese Chang Kai. Nicht zu vergessen Abdul aus Beirut und Kiah aus dem Tschad. Sie alle wollen etwas verändern, haben Ziele und kämpfen für ihre gute Sache. Insofern glaube ich nach wie vor an das Gute im Menschen. Damit nicht genug, ich bin mir sicher, dass nach wie vor viele Menschen aufstehen und für das Gute kämpfen.

Aber die Frage bleibt doch, ob sie auch eine Chance gegen das Böse oder Übermächtige haben?

Es wäre doch schlimm, wenn ich glauben würde, die Guten hätten keine Chance. Ich kann nicht sagen, ob der Erfolg garantiert ist. Aber eine Chance, ja, die haben sie!

Beziehen Sie das auch auf den sogenannten kleinen Mann, den Unbekannten von der Straße?

Für ihn ist es sicherlich nicht immer ganz einfach. Aber die Geschichte beweist immer wieder, was alles möglich ist. Die friedliche Revolution in der ehemaligen DDR ist dafür doch das beste Beispiel.

Apropos Mauerfall. Glauben Sie, dass durch ihn viele radikale Veränderungen in der Welt und den Gesellschaften beschleunigt wurden?

Ja und nein. Alle dachten 1989, als die Steine bröckelten, die Welt würde sich nun radikal ändern. Das ist sicherlich auch passiert. Zum Beispiel bei Ihnen in Deutschland. Aber betrachten wir doch die damalige UdSSR. Ihr Zerfall wurde auch durch den Mauerfall eingeläutet. Wie wir heute sehen, hat sich die Situation in der Sowjetunion trotzdem nicht verändert. Nichts ist anders als vor dem Mauerfall: Die Menschen werden nach wie von einem mächtigen Geheimdienst und einer brutalen Polizei kontrolliert. Die Russen sind teilweise ärmer als vor 1989, während die herrschende Klasse und ihre Schergen reicher und mächtiger sind als jemals zuvor. Auch gibt es keine freie Meinungsäußerung in Russland. Das Land wird immer noch diktatorisch regiert. Der Mauerfall hat die Russen nicht weitergebracht.

Die Welt glaubte nach dem Mauerfall an eine lange Zeit des Friedens ohne Kriege. Das Gegenteil ist eingetreten. Es gab noch nie so viele regionale und internationale Konflikte …

… das ist erschreckend, aber leider wahr. Darüber müssen wir nachdenken und nach Lösungen suchen.

„Oft mutig zu sagen: Ich schicke mein Land nicht in einen Krieg“

Was können wir denn überhaupt unternehmen, damit es nie wieder Krieg gibt?

Das ist eine Frage, die ich nicht beantworten kann – die meiner Meinung nach sogar niemand beantworten kann. Ja, auch ich teile den Wunsch nach Frieden und den guten Absichten, die von so vielen Organisationen ausgehen. Aber es spielen zu viele Komponenten eine Rolle, als dass es die eine Antwort geben könnte. Was ich aber weiß: Kriege zu verhindern setzt in der Politik Ruhe und Bedachtsamkeit voraus. Es bedarf oft viel Mut zu sagen: Ich schicke mein Land nicht in einen Krieg.

Deutschland, England und Europa spielen im Buch keine Rolle. Sind sie die Verlierer der globalen Änderungen?

Nein, ich glaube grundsätzlich, gerade Europa ist wichtig für die politische Welt. Besonders unter wirtschaftlichen Aspekten. Europa könnte in der ökonomischen Welt eine viel größere Rolle spielen. Auch wenn es im Moment vielleicht nicht so aussieht, gerade Europa ist im Kampf gegen eine Übermacht Chinas am besten aufgestellt, um Kon­tra zu geben.

1989 wechselten Sie Ihr Image und schrieben seitdem historische Romane anstatt Thriller. Ihr Roman „Die Säulen der Erde“, die Geschichte über den Bau einer Kathedrale in England, hat sich bis heute weltweit fast 30 Millionen Mal verkauft. Tatsächlich hatten Ihre Fans und die Verleger wieder mit einem Historienepos gerechnet und erhielten nun ein weltumspannendes, actiongeladenes Drama, das in der Gegenwart spielt.

Das ist richtig. Ich habe „Never“ aus zwei Gründen geschrieben. Zum einen bin ich davon überzeugt, dass meine Grundidee eine sehr gute Geschichte für einen Roman ist. Zum anderen wollte ich eine persönliche Veränderung, sagen wir ruhig: Ich wollte mich ein wenig neu erfinden, so wie es andere Künstler auch immer wieder machen. Also habe ich mich von einem historischen Roman verabschiedet und mich mit der Gegenwart beschäftigt. Dieses Buch war für mich inhaltlich tatsächlich etwas völlig Neues, auch mit seinem Ende. Jetzt kann ich nur noch hoffen, dass meine Leserinnen und Leser spüren, wie wichtig mir der Wandel war. Ich bin wahnsinnig auf die Reaktionen gespannt.

Was ist einfacher – für einen historischen Roman zu recherchieren oder für ein Buch, das in unserer Zeit spielt?

Natürlich ist ein aktuelles Thema leichter zu recherchieren als ein historisches. Wenn ich über das 16. Jahrhundert schreibe, muss ich eigentlich alles über den Alltag recherchieren. Ich kann nicht einfach behaupten, dass ein Mann gegrillte Würstchen liebt, wenn ich noch nicht einmal weiß, ob es damals schon Grillwürstchen gab. Solche Kleinigkeiten muss ich für ein aktuelles Thema nicht recherchieren, das weiß jeder. Dennoch bleibt viel Arbeit. So mussten auch für „Never“ viele Fragen beantwortet und entsprechend recherchiert werden. Zum Beispiel, über wie viele Waffen jedes Land verfügt und welche es besitzt.

Ohne den Plot Ihres Buchs zu verraten. Was glauben Sie: Ist das Ende reine Fiktion oder denkbar?

Möglich ist tatsächlich alles.

Schreiben Sie bereits wieder am nächsten Roman?

Tatsächlich habe ich mit den Vorbereitungen begonnen und erste Entwürfe zu Papier gebracht.

Wird es dann wieder ein historischer Roman?

Lassen Sie sich überraschen. In spätestens drei Jahren – wenn alles gut geht – können Sie das Buch lesen.

Durchbruch mit dem Agententhriller „Die Nadel“

Ken Follett wurde am 5. Juni 1949 als Kenneth Martin Follett in Cardiff geboren. Als er zehn Jahre alt war, zog seine Familie nach London.

Seine streng religiösen Eltern erlaubten dem Jungen weder Radio noch Fernsehen. Er lernte früh lesen und schreiben, nach der Schule studierte Follett Philosophie in London. Während des Studiums heiratete er seine Freundin Mary, die 1968 Sohn Emanuele zur Welt brachte. Tochter Marie-Claire wurde 1973 geboren, als Follett Reporter beim „South World Echo“ in Cardiff war. Kurz darauf verlegte er sich auf das Romanschreiben. Den Durchbruch schaffte er 1978 mit dem Agententhriller „Die Nadel“. Bis heute hat Follett gut 175 Millionen Exemplare seiner 36 Bücher verkauft.

Der neue actiongeladene Roman von Bestsellerautor Ken Follett über die Verstrickungen der globalisierten Welt und die Frage „Was wäre, wenn ...?“. Das ungekürzte Hörbuch, gesprochen von Tessa Mittelstaedt, gibt es ab sofort nur bei Audible. © Quelle: Audible GmbH/Johannes Wiebel/obs

Mit seinem jüngsten Roman legt er ein Actiondrama vor. Unaufhaltsam spitzt sich eine Krise zu, die die Welt in den Abgrund schleudern könnte.

Ken Follett: „Never – Die letzte Entscheidung“. Lübbe. 880 Seiten, 32 Euro

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