Guy Stern: Diesseits des Schwarzen Lochs

  • Guy Stern ist Hildesheimer Jude, US-amerikanischer Patriot und einer der letzten Ritchie Boys.
  • Das Leben hat den heute 99-Jährigen genötigt, mutig zu werden.
  • Und gütig.
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Eines Tages, 1937 oder 1938, jedenfalls während seines ersten Highschool-Jahres in St. Louis, nahm ihn sein Politiklehrer beiseite und redete ihm freundlich ins Gewissen: „Ich freue mich, wenn du über meine Scherzversuche lächelst“, sagte der Lehrer, den alle Doc Bender nannten. „Aber nimm dir ruhig die Freiheit, laut herauszulachen wie alle anderen in der Klasse.“

Guy Stern war knapp 16 Jahre alt und hatte das Lachen schon lange verlernt.

Ein paar Jahre zuvor, noch in Hildesheim, hatte sein Vater ihm und seinem jüngeren Bruder aufgegeben: „Ihr müsst wie unsichtbare Tinte sein. Ihr werdet, wenn die Tinte in besseren Zeiten wieder sichtbar wird, Spuren eurer Existenz hinterlassen, aber bis dahin …“ Die Warnung des Vaters hat sich dem Jungen tief ins Wesen eingeschrieben. Nicht auffallen. Nicht laut lachen.

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Guy Stern als er selbst – im „Ritchie Boys“-Film von 2004. © Quelle: imago images/Mary Evans

Jetzt war er in den USA, er war in Sicherheit, in Freiheit, aber so schnell konnte er seinen Schutzpanzer nicht sprengen. Nicht ohne Menschen wie Doc Bender, die dem jungen deutschen Juden halfen, sich dem Leben wieder zu öffnen. „Ich weiß nicht, wie ich so viel guten Willen verdient habe“, sagt Stern, „aber er ist mir immer wieder zugekommen.“

Guy Stern, geboren vor 99 Jahren, am 14. Januar 1922, in Hildesheim, ist ein beeindruckender Mann, der gern lacht und die Gabe besitzt, sich an der Güte seiner Mitmenschen zu erwärmen. „Soweit es möglich war, habe ich böswillige oder einfältige Menschen gemieden“, sagt er, „und habe mich an die gehalten, die guten Willens sind.“

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Er hätte auch ein anderer werden können. Er hätte Grund, die Deutschen zu hassen, die ihn als Jungen ins Exil zwangen und seine Familie ermordeten. Aber er hasst die Deutschen nicht. „Eine Einstellung ‚Ich hasse die Deutschen’ ist eine unmögliche Einstellung“, sagt er. Unmöglich für ihn.

Schon 2004 ist der heldenhafte Einsatz der „Ritchie Boys“ von Christian Bauer filmisch dokumentiert worden. © Quelle: Wayne State University Press
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Stern hat gerade seine Autobiografie veröffentlicht – „früher bin ich nicht dazu gekommen“ – und hat sie „Invisible Ink“, unsichtbare Tinte, betitelt. Sie erzählt von einem mutigen, genau genommen sogar heldenhaften Leben. Stern hat sich dieses Leben nicht ausgesucht. Er kam als Jude in Deutschland zur Welt und entging dem Holocaust. Also nahm er sich vor, „mein Leben so zu gestalten, dass ich … vielleicht ist das zu viel gesagt … dass ich’s verdient habe, davonzukommen.“

Mit 20 Jahren war Stern bereit zu kämpfen. „Ich wollte mein Land, mit dem mich immer noch eine Art Zugehörigkeitsgefühl verband, von einer Bande befreien“, sagt er. „Mein Land“ war Deutschland, „die Bande“ waren die Nationalsozialisten. Stern meldete sich beim Nachrichtendienst der Navy, aber man wies ihn ab, weil er kein gebürtiger US-Amerikaner war.

Nächtelang durchgearbeitet

Ein Jahr später, nachdem ihn die Armee zum Kriegsdienst eingezogen und zum „fast tauglichen Soldaten“ gemacht hatte, wurde er ins Trainingslager Camp Ritchie geschickt. So kam er doch noch zum Nachrichtendienst, statt bei der Navy nun eben bei der Army. Hier war er am richtigen Ort. „Wir waren mit Haut und Haaren dabei“, sagt er über sich und die anderen Rekruten in Camp Ritchie. „Wir haben nächtelang durchgearbeitet, aus eigenem Antrieb. Dazu hätte uns kein Vorgesetzter zwingen können. Wir hatten eine Einstellung wie Missionare.“ Stern verließ das Camp als ausgebildeter Kriegsgefangenenbefrager. Er wartete darauf, an die Front geschickt zu werden.

Am 9. Juni 1944, drei Tage nach dem D-Day, landete der junge Mann in der Normandie. Am Strand lagen die Leichen toter Kameraden und toter Deutscher, und Stern, dem im zivilen Leben schon schlecht wird, wenn er nur Blut sieht, blieb ruhig. Er hatte eine Aufgabe. Ein Ritchie-Boy-Kollege, Kurt Jasen, rief ihm von irgendwoher zu: „Get the hell over here, Stern! We’ve got too many fucking prisoners.“ „Komm sofort hierher, wir haben zu viele verdammte Gefangene.“ Stern kam rüber und machte sich an die Arbeit: Er verhörte deutsche Soldaten, um so viel wie möglich über den Zustand und die Pläne der Wehrmacht herauszufinden. Er hatte nun Menschen in der Hand, vor denen er sieben Jahre zuvor geflohen war.

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Ein Gefühl der Macht über diese Deutschen habe er nicht empfunden, sagt Stern. Genugtuung allerdings schon. Es sei ein gutes Gefühl gewesen zu denken: „Mein Junge, jetzt musst du mal parieren.“ Und viele parierten.

Manchmal packte Stern das schlechte Gewissen

Wenn die Verhöre gut liefen, gaben die Gefangenen Informationen preis, die sie nicht preisgeben mussten. Für ganz Verstockte hatten sich Stern und sein Freund und Kollege Fred Howard den „Kommissar Krukow“ ausgedacht – einen russischen Verbindungsoffizier, der scharf darauf war, Kriegsgefangene nach Russland zu überführen. Stern selbst spielte die Rolle des Kommissars und legte sich dafür einen schnarrenden russischen Akzent zu. Wenn man ihn darum bittet, gibt er noch mal den Krukow: „Warum du sagen das? Die lügen hier!“ Im Wissen um die unsäglichen Verbrechen der Wehrmacht in Russland, für die sie Rache fürchteten, zogen es die Soldaten vor zu plaudern. Nur so, glaubten sie, würden sie in amerikanischer Gefangenschaft bleiben und ihr Leben retten.

Manchmal packte Stern das schlechte Gewissen, ob er mit der haltlosen Drohung einer Auslieferung an Russland den Vernommenen nicht ein Trauma fürs Leben verpasste. „Sergeant Stern, haben Sie noch nicht die erste Lektion der Kriegsführung gelernt?“, begegnete ein erfahrener Lieutenant seinen Zweifeln. „Krieg ist die Hölle.“

Stern hatte das Glück, dass der Krieg nicht für ihn selbst zur Hölle wurde. Seine Dog Tag – die „Hundemarke“ aus Blech, die jedem US-Soldaten zur Erkennung im Fall von Verwundung oder Tod um den Hals hängt – wies ihn mit einem kleinen eingestanzten H für „Hebrew“ als Juden aus. Die Ausrottung des jüdischen Volkes, die Tötung jedes einzelnen Juden, war bis zum letzten Tag Hauptziel des Nazi-Regimes. Doch Stern blieb es erspart, in deutsche Hände zu fallen. Zwei Ritchie Boys deutsch-jüdischer Herkunft, Kurt Jacobs und Murray Zappler, die während der Ardennenschlacht im Dezember 1944 in deutsche Gefangenschaft gerieten, ließ der befehlshabende Hauptmann Curt Bruns aus Juist auf der Stelle erschießen; Bruns wurde deshalb am 14. Juni 1945 in Denstorf bei Braunschweig als erster deutscher Kriegsverbrecher hingerichtet. Andererseits mussten sich die deutschstämmigen Ritchie Boys vor Kameraden aus anderen Einheiten in Acht nehmen. Einmal half Stern bei der Befreiung eines unglücklichen Kollegen, den US-Soldaten eingesperrt hatten, weil sie ihn wegen seines deutschen Akzents für einen Spion in amerikanischer Uniform hielten.

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Aber Stern wusste immer, auf welcher Seite er stand. Er war im Frühjahr 1943, kurz vor seiner Entsendung nach Camp Ritchie, US-Bürger geworden. „Mein neuer Status half mir, meine Identität als amerikanischer Soldat zu finden”, schreibt er in seiner Autobiografie. „Mir kam es so vor, als ob meine perfekt sitzende Uniform auch meine innere Haltung widerspiegelte. Meine deutsche Staatsbürgerschaft schien eine Sache der Vergangenheit zu sein; sie war mir schließlich schon weggenommen worden, als ich noch in meinem Heimatland lebte.“

Für die USA empfand er tiefe Dankbarkeit: „Ich wurde ein amerikanischer Patriot, ich hoffe, im besten und höchst positiven Sinne des Wortes.“ Auch seinen deutschen Vornamen, Günther, legte er ab. Eine Freundin in St. Louis hatte ihn unaussprechlich gefunden und Günther lieber Guy genannt. Dies war der Name, der schließlich auch in seinen US-Papieren stehen sollte.

Als US-Soldat und mit neuem Vornamen kehrte Stern, nachdem der Krieg gewonnen war, nach Hildesheim zurück, in seine Heimatstadt, aus der er acht Jahre zuvor, noch als halbes Kind, vertrieben worden war. Hier erhielt er Gewissheit, dass man seine Eltern und seine beiden jüngeren Geschwister ermordet hatte. Hier traf er auf einer Party eine Bekannte, deren Bruder ihn und seinen jüngeren Bruder Werner im Schwimmbad schikaniert hatte. Er verließ die Party, und er verließ Hildesheim, „entschlossen, dass dies mein letzter Besuch in Hildesheim gewesen sein sollte“, erzählt er. 15 Jahre später kehrte er zurück, und dann noch einmal, und wieder und wieder. 2012 erhielt er die Hildesheimer Ehrenbürgerwürde. Stern erwies Hildesheim die Ehre, die Würdigung anzunehmen.

Der Holocaust-Überlebende Guy Stern spricht 2019 als Gast im niedersächsischen Landtag zu den Abgeordneten über Zwangsarbeit und Entrechtung. © Quelle: picture alliance/dpa

Das Ende der Welt

Er hatte in der Stadt eine schöne Kindheit als ältester Sohn liebender Eltern verbracht, aber kurz nach seinem elften Geburtstag, am 30. Januar 1933, kam Hitler an die Macht. Es war „das Ende der Welt, in der wir gelebt hatten“, schreibt Stern.

Wie in einem bösen Märchen wurden aus freundlichen Nachbarn und alten Freunden Nazis, fast von einem Tag auf den anderen. Am 31. Januar beobachtete die verängstigte Familie einen Fackelzug, der zur Feier der Machtübernahme an ihrem Haus vorbeizog; unter den Teilnehmern sah der Junge Günther auch Klassenkameraden. Einer nach dem anderen sollte ihm in den folgenden Monaten und Jahren den Rücken kehren. Als Jude gehörte er nicht mehr dazu. Auch der Sportverein schloss ihn aus. Die Deutschen verloren ihre Menschlichkeit, wie ausgeknipst.

Guy Stern aber erinnert sich an den einen, der zu ihm hielt, er hieß Gerhard Ebeling, war der Sohn eines Zollbeamten und grüßte ihn weiterhin. Und die 30 anderen in der Klasse? Stern vermutet, sie fürchteten sich vor Repressalien. „Kann man das nachempfinden? Ich glaube, ja.“ Er will nichts entschuldigen, aber: „Wir werden ja selbst nicht auf die Probe gestellt.“

Im November 1937, noch 15 Jahre alt, stand Stern an Bord eines deutschen Hapag-Lloyd-Schiffes, das ihn nach New York bringen würde, als Abgesandten seiner Familie, die er nachholen sollte. Stern war eines der „tausend Kinder“, die eine Gruppe jüdischer Frauen in den USA aus den Fängen der Nazis befreien wollte. Das German Jewish Children’s Aid Project rettete schließlich 1400 jüdische Kinder und Jugendliche. Bis ins hohe Alter wusste Stern nichts davon. Er dachte, dass er Glück gehabt hätte.

Das hatte er wirklich, aber es gab Leute, die seinem Glück nachgeholfen hatten und dafür niemals um Anerkennung baten.

Stern zog zu einem Onkel, einem Bruder seiner Mutter, nach St. Louis. Er kam in die Highschool, traf Doc Bender und andere Menschen guten Willens und wurde zum selbstbewussten, wenn auch zurückhaltenden jungen Mann. Von seinen Eltern und seinen beiden jüngeren Geschwistern bekam er weiter Post. Aber er konnte die Familie nicht retten. Ein wohlhabender Zufallsbekannter bot sich an, für die Sterns zu bürgen. Der Anwalt, den das Jewish Committee den jüdischen Flüchtlingen für solche Fälle zur Seite stellte, hielt den Bürgen für untragbar: Er hatte sein Vermögen als Glücksspieler gemacht. Es kam nie wieder eine Gelegenheit, Vater, Mutter, Bruder und Schwester dem Holocaust zu entreißen.

Ihr letztes Lebenszeichen schickten sie aus dem Warschauer Getto. Dann kam nichts mehr. Der Vater Julius Stern, die Mutter Hedwig Stern, geborene Silberberg, die Kinder Werner und Eleonore wurden irgendwo im besetzten Polen, wohin die Deutschen große Teile ihrer Vernichtungsindustrie ausgelagert hatten, ermordet.

Verdrängen, um zu leben

Der Mord an seinen geliebten Eltern und den jüngeren Geschwistern ist das Schwarze Loch im Universum des Guy Stern. Er nähert sich diesem Ort nur mit großer Vorsicht. Er habe nie einen Psychologen oder Psychiater gebraucht, sagt Stern, aber einer – ein Kollege an der Universität von Cincinnati – habe ihm doch einmal gesagt: Er erkenne bei ihm einen typischen Verdrängungsmechanismus. Stern hörte sich das an und sagte zu sich selbst: „Wenn dir das hilft, wenn du so deinen Weg gehen kannst, indem du nicht allzu oft darauf eingehst …“ So hat er mit seiner Geschichte leben können. Und sogar zurück nach Hildesheim gefunden.

Wahrscheinlich ist das Sterns größte Heldentat, jenseits seiner Ritchie-Boy-Abenteuer: dass er seinen Frieden mit Deutschland geschlossen hat. Er machte in den USA Karriere als Professor für deutsche Literatur. 1960 ging er für einen Sommerkurs als Gastdozent an die Universität Freiburg im Breisgau. Es begann ein „langwieriger Prozess des Brückenbaus“, sagt Stern. „Ich hatte gewisse Vorbehalte und wollte sorgfältig warten und schauen.“ Doch dann „strömten mir die Studenten in Deutschland entgegen. Manche meiner Vorlesungen waren voller, als ich es bewältigen konnte. Aber das war mein Weg.“

Drei von 11.600: Guy Stern (von links), Walter Sears und Fred Howard im Dokumentarfilm „Ritchie Boys“. © Quelle: imago images/Mary Evans

Von den ersten Erfahrungen ermutigt, wagte er es auch, mit Frau und Kind im VW-Käfer einen ersten Ausflug nach Hildesheim zu unternehmen. Er besuchte die Ebelings, die Eltern seines Schulkameraden, für einen Kaffee und den Austausch wehmütiger Erinnerungen. „Einerseits war es schön, gute Leute wiederzusehen“, sagt Stern. „Andererseits war es schmerzhaft, weil es mich so sehr an meine Verluste erinnerte.“ Später erfuhr er von weiteren guten Leuten in Hildesheim: der Familie Palandt, die Sterns jüngeren Bruder Werner in ihrer Gärtnerei anstellte und ihm Essen für die Eltern und die Schwester mitgab. „Die Leute konnten dafür genauso ins Konzentrationslager wandern wie wir – und sie haben es trotzdem gewagt.“ 1988 ließ Stern für die Palandts als „gerechte Nichtjuden“ in Israel einen Baum pflanzen.

Heute lebt Guy Stern in Detroit, wo er seit 1978 an der Wayne State University lehrt. Den Kontakt nach Deutschland hat er nie mehr abreißen lassen. Nach Freiburg war er Gastprofessor in München, Frankfurt am Main, Leipzig und Potsdam. Exilliteratur und Gotthold Ephraim Lessing sind seine Forschungsschwerpunkte. „Meine Frau nennt mich ein Arbeitstier, und sie meint das nicht lobend“, sagt er. Schließlich drängten ihn Freunde und Kollegen, seine Lebenserinnerungen, für die er niemals Zeit gefunden hatte, aufzuschreiben, „und das war mir Ansporn, die Sache nicht bis zu meinem Tod aufzuschieben“. Seine Frau, die Schriftstellerin Susanna Piontek, übersetzt „Invisible Ink“ gerade ins Deutsche: die Geschichte des jüdischen Jungen, der wieder lachen lernte.

Guy Stern: „Invisible Ink“. Wayne State University Press, Detroit 2020. 238 Seiten, mit 45 Abbildungen.

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