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„Große Freiheit“ – Kinodrama über Homophobie im Nachkriegsdeutschland

  • „Große Freiheit“ (Kinostart am 19. November) erzählt von zwei Männern hinter Gittern.
  • Ein schwuler Häftling und sein „lebenslänglicher“ Zellengenosse werden im Deutschland der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte zur Schicksalsgemeinschaft.
  • Die Ausnahmeschauspieler Franz Rogowski und Georg Friedrich liefern eine grandiose Vorstellung.
Margret Köhler
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„Ich bin schwul.“ Dieser Satz provoziert heute in Zeiten der Ehe für alle glücklicherweise kaum noch. 123 Jahre lang aber kriminalisierte der Paragraf 175 Homosexuelle und brachte sie für ihre Liebe ins Gefängnis.

In Westdeutschland landeten in der Nachkriegszeit 100.000 Männer vor Gericht wegen „widernatürlicher Unzucht“, in bester Tradition des Nazi-Regimes. Strafen bis zu zehn Jahren drohten. Die Gesetze erlaubten es, Briefe abzufangen, Kameras hinter Spiegeln zu installieren, den Rest von Privatheit der Männer zu zerstören und ihre Intimsphäre in die Öffentlichkeit zu zerren. Leben wurden zugrunde gerichtet. Erst 1969 erfolgte die Liberalisierung des §175, und der „Spiegel“ fragte „Das Gesetz fällt – bleibt die Ächtung?“. Abgeschafft wurde der Paragraf endlich 1994.

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Als sich 1945 die Tore der Konzentrationslager öffneten, war die Leidenszeit für einige noch lange nicht vorbei. Homosexuelle kamen nach der Befreiung durch die Alliierten direkt in den Knast, um ihre Reststrafe abzusitzen.

Ein Mann, der Männer liebt, muss dafür hinter Gitter

Dieser Hintergrund ist der Ausgangspunkt für den Österreicher Sebastian Meise, von zwei Männern zu erzählen, die sich immer wieder hinter Gittern begegnen. Hans Hoffmann (Franz Rogowski) ist kein Krimineller, sondern ein Mann, der einfach nur Männer liebt und sich durch kein Gesetz davon abhalten lässt. Es beginnt mit einem Zeitsprung in das Jahr 1968: Hans kriegt wieder mal eine Strafe aufgebrummt – zwei Jahre Zuchthaus, er wurde beim Sex auf einer öffentlichen Toilette mit einem Mann gefilmt.

Über die Jahrzehnte – 1945, 1957, 1968 – hinweg muss er ins Gefängnis und trifft nach jeder Verhaftung auf den „lebenslänglichen“ Österreicher Viktor (Georg Friedrich), ein homophober Typ, der sich erst weigert, mit einem „175er“ die Zelle zu teilen. Und doch ist da etwas, was diese beiden Menschen verbindet, sie sind mehr als nur eine Schicksals­gemeinschaft.

Die große Angst vor der Freiheit draußen

Regisseur Meise erzählt vom Rückzug in die innere Freiheit und von der Angst vor der großen Freiheit draußen. Ihm gelingt es, die Zeitebenen fein miteinander zu verweben. Sichtbar wird ein Mikrokosmos aus Sehnsucht, Aggression und Unterdrückung, ein schmerzender Blick in seelische Abgründe, der die Luft zum Atmen nimmt.

Die Bilder wiederholen sich, wenn Hans wieder mal einfährt. Im offenen Mittelgang, der von einem einzigen Wärter überwacht wird, folgt er mit den Gefängnisutensilien auf dem Arm dem Beamten bis in die ihm zugewiesene Zelle.

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Wenn Hans beim neuerlichen Wiedersehen fragt „Immer noch hier?“ und Viktor kontert „Immer noch pervers?“, ist das ein ironisches Spiel zwischen zwei Männern, eine Winzigkeit Menschlichkeit in einer unmenschlichen Welt. Immer wieder richtet sich die Kamera auf Zellen und Gänge, Speisesaal oder Aufenthaltsraum, die sich kaum verändern. Die Zeit scheint stillzustehen. Kurze Rückblicke in die Vergangenheit beruhen auf privaten Aufzeichnungen oder auf Überwachungskameras – gefilmt in Super-8-Bildern, Beispiele für das voyeuristische Ausspionieren intimer Situationen.

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Momente der Zuneigung hinter kalten Mauern

Hans‘ Geschichte wird anhand der Gefängnisaufenthalte erzählt. Nach dem Krieg entfernen die Häftlinge in der Werkstatt unter den Augen von Nazi-Personal zunächst Hakenkreuze von Uniformen. In späteren Jahren streichen sie Wände. Was in der Zeit dazwischen passiert, davon erfährt man nichts. Hinter den Mauern gibt es trotz allem rare Momente der Zuneigung, wenn Hans seinen Freund aus glücklicheren Tagen wieder trifft, der aber an der harten Wirklichkeit kaputtgeht – oder er sich in einen inhaftierten Musiklehrer verliebt und ihm zur Entlassung verhilft. Hans nutzt die wenigen Lücken im System, auch wenn er dafür länger einsitzen muss oder ins „Loch“ kommt, einem finsteren Raum ohne Fenster, bekleidet nur mit einer Unterhose.

Gedreht wurde in einem echten Gefängnis, wo das Flackern einer Neonröhre oder das harte Licht einer Glühbirne die Trostlosigkeit noch erfahrbarer machen und die Einheitskluft jegliche Individualität erstickt. Die gesellschaftliche Ablehnung von Homosexualität bleibt über die Jahrzehnte bestehen, im Knast gibt es Nichtachtung oder schlimmstenfalls Übergriffe.

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Zwei Ausnahmeschauspieler geben hier alles

In diesem bewegenden Drama liefern zwei Ausnahmeschauspieler eine grandiose Vorstellung. Rogowski, gerade für den Europäischen Filmpreis nominiert, geht es weniger darum, sich ins Zentrum zu stellen, als darum, Teil von etwas zu sein. Friedrich spielt Viktor berserkerhaft und in seiner Seele doch verwundbar. Die beiden hauchen den Figuren Energie und Emotion ein, machen mit ihrer phänomenalen Performance diese knapp zwei Stunden zur kleinen filmischen Sensation. Ein Epos über den unbezwingbaren Willen, sich nicht zerbrechen zu lassen und nach jedem Punch wieder aufzustehen.

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Ganz wichtig: Nicht den herzzerreißenden wortlosen Epilog verpassen!

„Große Freiheit“, Regie: Sebastian Meise, mit Franz Rogowski und Georg Friedrich, 116 Minuten, FSK 16

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